1 Einleitung
Kann die bloÿe Rezeption von Gewalt, die tagtäglich in der modernen Medienlandschaft präsentiert wird, Einstellungs- und Verhaltensänderungen evozieren? Zumindest scheint dies wohl gesellschaftlicher Konsens zu sein, denn wie sonst könnte wohl erklärt werden, dass die Legislative der BRD sowohl im Strafgesetzbuch (StGB, u.a. 131 und 184) als auch entsprechend dem verfassungsrechtlich vorgesehenen Jugendschutz im Rundfunkstaatsvertrag, Jungendmedienschutzstaatsvertrag und Jugendschutzgesetz Paragraphen verankern lieÿ, die restriktiv auf den Konsum von potentiell gefährlichen Medieninhalten, insbesondere auf den explizit dargestellter Gewalt, wirken sollen, obwohl sich bis zum heutigen Zeitpunkt nur bedingt Aussagen über die negative Wirkung von medial rezipierter Gewalt auf vor allem heranwachsende Individuen treen lassen, die auch empirisch fundiert sind. Um dennoch einigermaÿen objektiv über die Folgen von Gewaltdarstellung in den Medien urteilen zu können, ist es notwendig, sich auf wissenschaftlicher Grundlage mit diesem brisanten und viel diskutierten Thema auseinandersetzen, weshalb in dieser Arbeit zunächst in Abschnitt 2 auf die unterschiedlichen Arten von Gewalt und die theoretischen Wirkungskonzepte eingegangen wird, die das Fundament der medienpsychologischen Empirie bilden. Aufgrund der Komplexität des Themas kann mit Rücksicht auf den Umfang der Arbeit im weiteren Verlauf nur auf ein einziges Erklärungskonzept vertiefend eingegangen werden, welches häug herangezogen wird, um Gewaltrezeption positive Eekte zuzuschreiben: Die Katharsisthese. Hierzu wird zunächst der Fokus in Abschnitt 3 auf die Begrisbildung, den theoretischen Hintergrund und ein modernes psychologisches Derivat der Katharsisthese, die Theorie der kognitiven Unterstützung, gelegt und schlieÿlich wird in Abschnitt 4 anhand der Experimente von Bushman et al. (2001) erörtert, warum es heute als nachgewiesen gilt, dass ein kathartischer Eekt bei der Rezeption von Gewalt in den Medien nicht existiert.
2 Grundlagen zur Mediengewaltwirkung
2.1 Arten der Gewalt
Um sich mit psychologischer Empirie und den auf ihr aufbauenden Theorien zur Erklärung von Erleben und Verhalten auseinandersetzen zu können, ist es zunächst notwendig, den Rahmen des Forschungsgegenstandes klar abzustecken, was zunächst recht simpel klingt, beim relativ unspezischen Terminus Gewalt allerdings zum Problem wird, da es unterschiedlichste Arten von Gewalt gibt, die allesamt nicht dasselbe bezeichnen, denn Gewalt als Folge von Aggression kann sowohl physisch oder verbal ausgeübt werden, individuell oder kollektiv, intentional oder unbeabsichtigt etc. Bedingt durch die Grundlagenforschung, die im Bereich Medienpsychologie seit
2
den 1960er Jahren getätigt wurde, hat sich herauskristallisiert, dass Gewaltdarstellung in den Medien (Merten, 1999, S. 22) als personell, physisch, illegitim, instrumentell, intentional, und manifest zu charakterisieren [ist] und sowohl individuell als auch kollektiv ausgeübt [wird] . Anhand dieser Denition kann der Kontext, in dem Mediengewalt Einstellungen und Verhalten beeinussen könnte, präzisiert werden und ermöglicht somit eine Auseinandersetzung mit spezischen Inhalten und deren Wirkungsdimensionen.
2.2 Theoretische Wirkungskonzepte
Die theoretischen Konzepte, die den Forschungshypothesen zum Nachweis einer Wir-
P + λ Q; λ ∈ R
darstellen, auf welcher ein Punkt P mit λ = 0 existiert, der alle Theorien kennzeichnet, die besagen, dass medial rezipierte Gewalt keine Auswirkung auf die Gewaltbereitschaft von Individuen hat. Der Summe aller Punkte auf dieser Gerade für die gilt λ < 0, lassen sich diejenigen Theorien zuordnen, die von einer Hemmung der Gewaltbereitschaft, und für λ > 0 diejenigen Theorien, die von einer Förderung der Gewaltbereitschaft durch die Rezeption medial präsentierter Gewalt ausgehen (Winterho-Spurk, 2004, S. 130) (vgl. Abb. 1).
Abbildung 1: Wirkungsdimension der Mediengewalt (aus Gleich, 2004, S. 598)
Die bekanntesten und einussreichsten dieser Theorien sind wohl die Katharsisthese, deren Grundgedanke auf Aristoteles zurückgeht, die aber dann im 20. Jahrhundert von Sigmund Freud wieder aufgegrien und in seine triebtheoretischen
1 , und die Sozial-Kognitive Lerntheorie nach BanduÜberlegungen integriert wurde
ra, welche man beide gewissermaÿen als Gegenpole betrachten kann, da der Katharsisthese nach die Wahrnehmung von Gewalt das eigene aggressive Verhalten 1 Auf Freuds nach dem ersten Weltkrieg überarbeitete Triebtheorie und seinen Beitrag zur Katharsisthese wird in Abschnitt 3.1.2 noch ausführlicher eingegangen.
3
Tabelle 1: Theoretische Positionen zur Mediengewaltwirkung (Gleich, 2004, S. 600)
durch stellvertretende Triebreduktion vermindert (Gleich, 2004, S. 600), während die Sozial-Kognitive Lerntheorie davon ausgeht, dass aggressives Verhalten erlernt ist, und das gerade in modernen Medienformaten Koiktlösung durch Gewalt erfolgt und häug honoriert wird. Somit werden den Rezipienten Handlungsschemata geliefert, die zwar nur latent vorhanden sind, in bestimmten Situationen allerdings aufs echte Leben projeziert werden können. Welche Erklärungsmodelle die anderen, zwischen diesen beiden Extremen liegenden theoretischen Konzepte liefern, wird in Tabelle 1 kurz angerissen.
Allerdings wird durch diese Vielzahl an theoretischen Konzepten, von denen die meisten empirisch belegt sind, auch deutlich, dass es keine einfache eindimensionale Erklärung für Mediengewaltwirkung geben kann, was u.a. auch durch Ergebnisse einer Studie von Comstock & Scharrer (1999, zit. n. Gleich, 2004, S. 606) gestützt wird, die sich mit dem Zusammenhang zwischen inhaltlicher Gestaltung von gewalttätigen Medienformaten und den Reaktionen von Versuchspersonen auf deren Darbietung beschäftigten (vgl. Tabelle 2) und durch welche deutlich wird, dass verhaltenwirksame Eekte der Gewalt in ihrer Qualität stark an den Kontext gebunden sind, in dem diese präsentiert wird. Vielmehr sind integrative Ansätze, wie bspw. das Modell der Moderiert-Intervenierten und Sozial-Kognitiven gesteuerten Aggression (MISKA) von Kleiter (1997), der Mediengewaltwirkung dierenzierter in Abhängigkeit von Persönlichkeitsvariablen wie Egozentrismus und Frustrationsschwellen, von Steuerungs- und von Umgebungsvariablen wie Millieu und gesellschaftlicher Legitimation von Gewalt aufgeschlüsselt hat, notwendig, um das ganze Spektrum an Möglichkeiten abzudecken, wie medial rezipierte Gewalt bedingt durch interindi-
4
Arbeit zitieren:
Robert Miller, 2006, Gewalt in den Medien: Katharsis, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Robert Miller's Text Gewalt in den Medien: Katharsis ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Robert Miller hat den Text Gewalt in den Medien: Katharsis veröffentlicht
Robert Miller hat einen neuen Text hochgeladen
Werte, Familie, Politik, Gewalt - Was bewegt die Jugend?
Aktuelle Ergebnisse einer Befr...
Dietmar Sturzbecher, Dieter Holtmann
Neue Gewalt oder neue Wahrnehmung? / Nouvelle violence ou nouvelle per...
Kriminologie - Criminologie - ...
Cornelia Bessler, Benjamin Brägger, Volker Dittmann, Daniel Fink, Silvia Steiner, Fabienne Vogler
Nach Krieg, Gewalt und Repression
Vom schwierigen Umgang mit der...
Susanne Buckley-Zistel, Thomas Kater
Ruinen. Reflexionen über Gewalt, Chaos und Vergänglichkeit / Ruins. Re...
Hans Dieter Schaal
Grenzen der Katharsis in den modernen Künsten
Transformationen des aristotel...
Martin Vöhler, Dirck Linck
0 Kommentare