O. Inhaltsangabe (1)
I. Einleitung (2)
II. Hauptteil
II. 1. Konstruktion und Krise moderner Männlichkeit a) Aufklärung - Entstehung einer modernen Ästhetik der Maskulinität (3) b) Moderne - Einbruch des ‚Anderen’ ins ‚Eigene’ (3)
2. Strategien zur Konsolidierung hegemonialer Männlichkeit - die Wiederentdeckung von Männlichkeit produzierenden Ritualen a) Heinrich Schurtz und das ‚Männerhaus’ (5) b) (männliche) Gesellschaft versus (weibliche) Familie (6) c) Initiation zwischen Sexualität und Gewalt (7) d) Krieg als Teil der männerbündischen Welt (8) e) Männerbund als exklusiver Geheimbund (8)
3. Strategien zur Konsolidierung hegemonialer Männlichkeit - Der Männerbund als politisches Konzept der (Anti-) Moderne (9) a) Der Wandervogel - Beispiel eines Jungenbundes (9) b) Hans Blüher - moderner Männerbund und ‚mannmännlicher Eros‘ (12)
4. Der Erste Weltkrieg als “Schock” und “Stahltaufe” - die Rolle des Militärischen und Soldatischen im männerbündischen Weltbild (16) a) Vom Wandern zum Marschieren - Initiation durch den Krieg (16) b) Eros und Krieg (17)
c) ‚Ästhetik des Schreckens’ als männliche Kriegsästhetik (19) d) Entstehung des Staates/ neuen Menschen aus der bündischen Frontgemeinschaft (20) e) Krieg vs. ‚weibliche’ Realität (21)
III. Fazit (22)
IV. Literaturliste (23)
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I. Einleitung
In der ‚Zivilgesellschaft‘ lässt sich seit einiger Zeit, zumindest was Mode und Habitus betrifft, immer mehr ein Verwischen der Geschlechtergrenzen beobachten, während im Kontext von Gewalt und Krieg die Repräsentation im Geschlechterantagonismus verharrt. Gerade die außeralltägliche Welt des Krieges scheint - trotz der empirischen Tatsache weiblicher Soldatinnen - auch heute noch ein nationales Medium repräsentativer Männlichkeit zu sein.
Hierzu passt die mediale Inszenierung der gefangen genommenen US-Soldatin Jessica Lynch als unschuldiges Opfer - die Helden hierbei waren die special forces, die, einem Hollywood-Film gleich, “kriegerische Politik und technologisch aufgerüstete Männlichkeit” 1 verkörpern. Geht es um die Darstellung von Gewalt oder kriegerischer Handlungen, dann ist ‚Weiblichkeit‘ meist das Medium für Leid, Schmerz, passive Opfer usw..
Mit dem Einbruch der Soldatinnen in die männliche Institution Armee werden zwar die Repräsentation von Weiblichkeit widersprüchlicher; dies zeigt z.B. die eher befremdende Inszenierung der Soldatin Lyndie England als sexuell konnotierte Perverse im Folterrausch. Doch auch in diesem Fall fungiert eher als ein, das Positiv der männlichen Kriegssphäre pervertierender Gegenpol. Geschlechter-dichotome Charaktere und Lebenswelten werden bestätigt. Aus diesen wenigen Beispielen ließe sich vermuten, dass für das Militär als letztes Refugium hegemonialer Männlichkeit die Ausgrenzung und Abwertung alles Weiblichen und eine umfassende Dichotomisierung noch immer konstitutiv sind. Es stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Gewalt, Krieg und exklusiver / exklusiv gedachter Männlichkeit und dessen Entstehungsgeschichte.
In dieser Arbeit werde ich versuchen, die Entstehung des politischen Männlichkeitsstereotyps, welches sich speziell im Militär so hartnäckig hält, aufzuzeigen. Jenes Stereotyp ist untrennbar verbunden mit Vorstellungen von männlicher Exklusivität, Heroentum, Staat und Kultur. Als eine Strategie gegen die Verunsicherung (hegemonialer) Männlichkeit in der Moderne eignete man sich tribale Männlichkeitproduzierende Praktiken und Organisationsformen an. Im Zuge der radikalen Nationalisierung und Kriegseuphorie setzte sich eine Militarisierung und Virilisierung hin zu einer die Gesellschaft prägenden und das Militär strukturierenden soldatischen Männerbundmentalität durch. Wie das deutsche Heer seinerzeit als “die letzte Gestalt eines heroischen Männerbundes” 2 glorifiziert wurde, blieb dessen Sphäre, die des Kriegerischen und Gewalttätigen, bis heute verhaftet in ihrem Entstehungszusammenhang männerbündischer Ideologie/ Mentalität. Im folgenden werde ich verschiedene Konstellation von Männlichkeit und Gewalt am Beispiel des Männerbundes über einige geschichtliche Stationen verfolgen, um schlussendlich die Bedeutung des männerbündischen Konzepts zwischen Virilität und Gewalt für heute zu bewerten.
1 Ulrike Brunotte: Eros und Krieg. Männerbund und Ritual in der Moderne, S.8
2 Z.n.: Nicolaus Sombart: Männerbund und Politische Kultur in Deutschland. In: Knoll/ Schoeps (Hrsg.): Typisch deutsch: Die Jugendbewegung. Eine Phänmengeschichte, S.160
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II. Hauptteil
II. 1. Konstruktion und Krise moderner Männlichkeit a) Aufklärung - Entstehung einer modernen Ästhetik der Maskulinität
Im Zuge der Aufklärung entstand ein tragfähiges Modell “hegemonialer Männlichkeit” (Robert W. Connell), welches auf als unveränderlich angenommenen Faktoren beruhte. Die gleichzeitig stattfindende Manifestierung konträrer Körper wurde gerahmt von der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, kaserniertem Militär sowie den Vorstellungen von Staat und Nation. Die Übertragung von und Wechselwirkung zwischen Konzepten politischer 3 und geschlechter-dichotomer menschlicher Körper ist hierbei von entscheidender Bedeutung. Die hegemoniale Männlichkeit manifestiert sich, so Wolfgang Schmale, “im ‚Modus der Evidenz […], was auf eine dichotomisch-geschlechtliche, visuelle und kommunikative Trennung des öffentlichen und privaten Raums hinausläuft” 4 . Nach George Mosse fällt in die gleiche Zeit der geschlechtlichen Dichotomisierung die Entstehung der modernen “Ästhetik der Maskulinität” 5 , welche sowohl Körperideal als auch Abbild moralischer und politischer Tugenden war. In den bürgerlichen Gesellschaften Europas werde von da an “ein durchtrainierter und gleichsam asexueller abstrakter Körper als nationales Symbol inszeniert.” 6 Die Wiederentdeckung des antiken griechischen Körperideals, die Darstellung gesammelter, makellos nackter Jünglingsfiguren durch den Kunsthistoriker Johann Joachim Winkelmann legte hierfür die Grundlage 7 . Jene entsexualisiert gedachte Nacktheit fungierte als Medium für Werte und Tugenden wie Disziplin, Loyalität, Opferbereitschaft. An diesem ästhetischen Modell nationaler Tugenden, die Staat und Nation ausmachen, hatten Frauen keinen Anteil. Meist wirkten sie als Gegenstück zum hegemonialen Konzept, als keusche Repräsentantinnen von Moral und Sittlichkeit.
b) Moderne - Einbruch des ‚Anderen‘ ins ‚Eigene‘
Die Moderne erscheint gleichsam als Einbruch des ‚Anderen’ ins ‚Eigene’ 8 . In der durch ökonomische und soziale Umbrüche porös werdenden bürgerlichen Ordnung tritt immer mehr das Verdrängte in die - meist städtische - Öffentlichkeit; Frauen, Arbeiter und vor allem Arbeiterinnen 9 sind die modernen Konkurrent(innen) des Mannes.
Das einbrechende Andere wird als weiblich imaginiert. Albrecht Koschorke schreibt: “Als Chiffre für Entdifferenzierung ist das ‚Weibliche‘ exakt an den Krisenpunkt der symbolischen Ordnung der
3 “Der Staat wurde genauso als Organismus gedacht wie der menschliche Körper [].” In: Wolfgang Schmale: Geschichte der Männlichkeit in Europa, S.153
4 Wolfgang Schmale: Geschichte der Männlichkeit in Europas, S.154. Neben der Dichotomisierung von letztlich Allem, erfolgt auch die Aufteilung und Neudefinition gesellschaftlicher Räume (z.B. die Erklärung der Nation zum Mann), um das Paradox des Ausschluss der Frauen von den allgemein gültigen Menschenrechten zu kaschieren.
5 George Mosse: Das Bild des Mannes. Zur Konstruktion der modernen Männlichkeit, S.29
6 Brunotte: Eros und Krieg, S.24
7 Vgl. zu Winkelmann Mosse: Das Bild des Mannes, S.37ff
8 Vgl. dazu: Susanne Omran: Frauenbewegung und “Judenfrage”. Diskurse um Rasse und Geschlecht nach 1900, S.97ff
9 vor allem die Arbeiterinnen, die mit mannweibischen Zügen wie auch mit tierischer Sexualität besetzt werden, werden vom Mann als existenzielle Bedrohung empfunden und gelten als Prototyp der städtischen Prostituierten. Vgl. dazu: Klaus Theweleit: Männerphantasien Band 1, S.131f; Sander L. Gilman: Rasse, Sexualität und Seuche. Stereotype aus der Innenwelt der westlichen Kultur, S.155ff
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Moderne gebannt.” 10 . Die tiefgreifenden Veränderungen, wie die Durchsetzung der bürgerlichkapitalistischen Verwertungs- die ebenso eine Ausgrenzungsrationalität ist, der “Fortschritt der barbarischen Beziehungslosigkeit” 11 werden als bedrohlicher Werteverfall und Verwischen der (eigenen) Grenzen wahrgenommen 12 .
In diesem Kontext tritt die politisch inszenierte Hypermaskulinität immer mehr in Kontrast zur empirischen männlichen Sexualität. Die aus diesem Zwiespalt resultierenden Diskussionen um die Feminisierung des Mannes (z.B. männliche Hysterie) und männliche Homosexualität 13 , stellen auch das Konzept der hegemonialen Männlichkeit in Frage, denn das aufklärerische männlich kodierte Subjekt galt als Repräsentant des Allgemeinen und somit, anders als das Weibliche, nicht in den Grenzen der Sexualität gefangen. Die Angst “durchdrungen zu sein vom Geschlecht äußert sich Ende des 19. Jahrhunderts als Phantasma einer Verweiblichung des Mannes” und weiter einer “Feminisierung der Kultur.” 14 , schreibt Hannelore Bublitz.
2. Strategien zur Konsolidierung hegemonialer Männlichkeit - Die Wiederentdeckung von Männlichkeit produzierenden Ritualen
a) Heinrich Schurtz und das ‚Männerhaus’
Mitten im Modernisierungsprozess, der die patriarchale Institution der Ehe ebenso erschütterte wie er den Generationenkonflikt zuspitzte und die paternalistisch-ständischen Strukturen der Arbeit aushöhlte, beginnt die rigorose stammesgesellschaftliche Geschlechtertrennung und das initiatorische Modell reiner Knaben- und Männergemeinschaften an Faszination zu gewinnen. Um 1900 veröffentlichte der Ethnologe und erste ‚Männerbundtheoretiker‘ Heinrich Schurtz seine Arbeiten zu Altersklassen, Männerbünden, Clubs und Geheimgesellschaften in tribalen Gesellschaften 15 . Mit seinem Hauptwerk Altersklassen und Männerbünde wurde er letztlich zum ‚Auslöser’ des “Männerbundsyndrom” (Julius H. Schoeps). Im Zentrum des Intresses der Rezipienten stand die Institution des “Männerhauses” als konstitutiver Einrichtung und politischem Zentrum tribaler Kulturen und die Übergangsriten vom Kind zum Mann. “Sie entdeckt zu haben”, schreibt Nicolaus Sombart, “ist nicht zufällig ein Verdienst der deutschen Völkerkunde […].” 16 Der Übertritt zum ‚Mannsein‘ und damit in das Männerhaus als Ort “einer spezifisch misogynen Männersolidarität” 17 läuft über hochkomplexe und schmerzhafte Initiationsrituale
10 Albrecht Koschorke: Die Männer und die Moderne. ??? S.???
11 Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, S.169
12 Die Strömungen der Lebensreform, Reformpädagogik, Zurück-zur Natur, Jugend- und Völkischen Bewegung teilen alle einen radikalen Antimodernismus, für den Antisemitismus, Misogynie und die Absage an den Fortschrittsgedanken (allerdings grundlegend anders als bei den zeitgleich wirkenden Vertretern der jüdisfhen Moderne und des liberalen Messianismus z.B. Walter Benjamin) integral ist.
13 Vgl. hierzu und im Folgenden: Hannelore Bublitz (Hrsg.): Das Geschlecht der Moderne. Genealogie und Archäologie der Geschlechterdifferenz, S.95ff
14 Ebd., S.39
15 Heinrich Schurtz: Altersklassen und Männerbünde. Eine Darstellung der Grundformen der Gesellschaft. Berlin 1902
16 Knoll/ Schoeps (Hrsg.): Typisch deutsch: Die Jugendbewegung. Beiträge zu einer Phänomengeschichte, S.162
17 Ebd., S.162
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(“Mannbarkeitsriten”). Hierdurch wird der Heranwachsende dem weiblichen Bereich der Frauen und Kinder und damit auch jedwedem weiblichen Einfluss entzogen 18 . Männliche Herrschaft erhält sich hier durch Ausschluss.
“Diese Riten”, konstatiert Sombart folgerichtig, “sind Prozeduren einer symbolischen und effektiven Mann-Werdung, der physiologischen und symbolischen Abgrenzung gegen das Weibliche im männlichen Menschenjungen […].” 19 Wiederum ist die durch einen Gewaltakt vollzogene Trennung der Geschlechter existenziell, die in einer dichotomisierte Gesellschaft eingebettet ist. Sie beruht auf der antagonistischen Konstruktion einer stammestragenden 20 exklusiven und institutionalisierten Männlichkeit, die über Herrschaftswissen verfügt, sowie eine nicht-männliche Sphäre der Familie und Reproduktion. Das Männerhaus als institutionalisierte Männerherrschaft regelt die Über- und Unterordnung der Geschlechter und deren Wertstrukturen.
b) (männliche) Gesellschaft versus (weibliche) Familie
Basis für diese Unterscheidung ist der von Schurtz konstatierte geschlechtergetrennte “Gesellungstrieb”. Diesem zufolge ist der Männerbund als Form der Gemeinschaft von “Gleichgesinnten” “Keimzelle der menschlichen Gesellschaft”, während das “sich selbst genügende” 21 weibliche Prinzip stagniert 22 . Schurtz brach so mit den bis dato vorherrschenden Kulturtheorien, die von Familie und Verwandtschaft ausgingen. Mit diesem grundlegenden Geschlechterantagonismus wird der auf Geschlechtlichkeit reduzierten Frau gleichfalls die Fähigkeit zur schöpferischen Tätigkeit und Taten von gesellschaftlicher (bzw. staatlicher) Relevanz abgesprochen 23 , denn einzig die Bünde junger Männer seien letztlich prädestiniert dafür, “Träger fast aller höheren gesellschaftlichen Entwicklungen” 24 zu sein. Aus dieser von ihm festgestellten grundsätzlichen und folgenreichen Verschiedenheit der Geschlechtscharaktäre heraus postuliert der Ethnologe eine “natürliche geschlechtliche Abneigung” 25 zwischen Mann und Frau.
18 außer der Zeit der Geburt, in der die Frauen meist in streng von der Gesellschaft getrennten Geburtshaus verbringen (da während dieser Zeit die Frauen als noch unreiner und gefährdender wahrgenommen werden), gibt es keinen Raum der Frauen vorbehalten ist, geschweige denn über Weiblichkeit zementierende Rituale verfügt.
19 Ebd., S.162
20 im Folgenden wird sich zeigen, dass ‚stammestragend‘ in den männerbündischen Theorien der modernen Gesellschaften zu ‚staatstragend‘ wird und Männerbund und Staat zu Synonymen werden. Die Frau hat am Staat und seiner Entstehung (aus dem ‚Geist‘ des Männerbundes) keinen Anteil.
21 Heinrich Schurtz: Urgeschichte der Kultur. Leipzig/ Wien 1900, S.98
22 Auch Otto Weininger ließ sich wesentlich von der Schurtzschen Kulturtheorie und seinem Geschlechterantagonismus beeinflussen. Auch nach Weininger ist die Frau “geistlos”, ohne “Genie” und letztendlich “sinnlos” und kann sich, im Gegensatz zu Mann, aus diesem, ihren, Zustand nicht befreien.
23 Sombart weiter: “In Wahrheit ist die Frau immer die Vertreterin des Geschlechtslebens und der auf ihm beruhenden Verbände, während der Mann dem rein geselligen Dasein, das Gleiches mit Gleichem zu erhöhter Kraftentfaltung und gesteigertem Lebensbewußtsein vereinigt, aus seinem innersten Wesen heraus huldigt.” Schurtz: Altersklassen und Männerbünde, S.21
24 Ebd.: S.73
25 Z.n.: Mario Erdheim, Brigitta Hug: Männerbünde aus ethnopsychoanalytischer Sicht. In: Männerbande/ Männerbünde, S.49
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Arbeit zitieren:
Sonja Vogel, 2005, Männlichkeit, Gewalt und Krieg - Zur Rolle des Männerbündischen in der modernen Armee, München, GRIN Verlag GmbH
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