1) Einleitung 3
2) Theoretische Abhandlung zum Mobilisierungsprozess 8
2.1) Marginalität 8
2.2) Mobilisierung 12
3) Mobilisierung der Roma in Europas neuen Demokratien 18
3.1) Situation von 1989 18
3.2) Identität 20
3.3) Entwicklung ab 1989 23
3.4) Politische Partizipation der Roma 25
4) Ungarn 31
4.1) Identität und Lebensumstände 31
4.2) Minderheitenpolitik 32
4.3) Mobilisierung der Roma 35
5) Serbien 38
5.2) Minderheitenpolitik 41
5.3) Mobilisierung der Roma 43
6) Fazit 46
7) Literatur 51
Internetquellen 54
2
1) Einleitung
Der seit über 10 Jahren stattfindende Transformationsprozess in den ehemals kommunistischen Staaten Europas hin zu neuen im Gegensatz zu etablierten Demokratien, hat auch das vor Augen geführt, was seit der Teilung Europas in zwei ideologisch konträre Teile zu einer Aufrechterhaltung einer dualen Denkweise beigetragen hat: die bewusste Teilung in Ost- und Westeuropa. Geographisch betrachtet ist diese Arbeit im ehemals osteuropäischen, unter den Umständen der Identitätsveränderungen in den letzten Jahren dagegen im mittel-und südosteuropäischen Bereich anzusiedeln. Wie eng die Identitätsverschiebungen mit den politischen und gesellschaftsstrukturellen Rahmenbedingungen verknüpft sind, lässt sich am Beispiel Sloweniens sehr gut verdeutlichen, das im Laufe der letzten Jahrhunderte verschiedene Etappen durchqueren musste. Während es bis zum Ende des Römischen Reiches zu Mittelmeer-Europa gezählt wurde, durchzog es darauffolgend u.a. die Stadien der Zugehörigkeit zum Fränkischen Reich, Zentral- bzw. Mitteleuropa, Südeuropa, Osteuropa, und befindet sich nunmehr seit der Unabhängigkeit im Jahr 1991 laut Eigendefinition erneut in Mitteleuropa 1 . Die Fremd- und Selbstbestimmung der europäischen Völker endete aber nicht in jedem Fall in der staatlichen Souveränität.
Die unter der kommunistischen Herrschaft von den Eliten in Moskau und den europäischen Verbündeten verfolgte Politik zur marxistisch-leninistischen Lösung der nationalen Frage beinhaltete nach 1945 zunächst eine Tabuisierung des Nationalitätenproblems. Erst mit der einsetzenden Entstalinisierung kam es in einzelnen Staaten zu einer Neuorientierung, weg von der Annahme, die nationale Frage würde sich mit der Etablierung sozialistischer Verhältnisse und dem Aufbau einer Gesellschaft ohne Klassengegensätze von selbst lösen 2 . Die fortan einsetzende Nationalitätenpolitik teilte die gesellschaftlichen Gruppen in unterschiedliche Kategorien und sprach ihnen je nach ihrem Standpunkt in dieser Hierarchie entsprechend unterschiedliche Rechte zu. Die Roma, Europas zahlenmäßig stärkste ethnische Gruppe, fanden sich stets am unteren Ende dieser Hierarchie wieder. In der Logik sozialistischer Nationalitätenpolitik war es ihnen verwehrt, den Rang einer Nationalität einzunehmen. Permanent waren sie der Fremdbestimmung durch die Mehrheitsbevölkerung ausgesetzt.
1 vgl. Ruppert, Karl: Mitteleuropa. Annäherung an einen geographischen Begriff
http://www.geo.uni-augsburg.de/sozgeo/schrift/online/mitteleu.htm, [download 3.1.03]
2 vgl. Mihok: Ethnostratifikation im Sozialismus, S. 75
3
Durch die Umstrukturierung der ehemals kommunistischen Staaten, ist ihnen die Möglichkeit einer legalen Artikulierung ihrer eigenen politischen Interessen entstanden. In diesem Zusammenhang soll in der vorliegenden Arbeit die Mobilisierung der Roma im Zuge des Transformationsprozesses untersucht werden. Neben einem allgemeinen Blick auf die gesamte Region, wird es zu einer Konzentration auf zwei bestimmte Staaten kommen. Dabei handelt es sich um Ungarn und Serbien, die vom prozentualen Anteil der Romabevölkerung, gemessen an der jeweiligen Gesamtbevölkerung, beide etwas oberhalb des europäischen Mittelfeldes liegen. Auch wenn dabei nicht übersehen werden darf, dass der Anteil der Roma in Ungarn in realen Zahlen deutlich höher ist, als in Serbien. Hiergegen lässt sich wiederum argumentieren, dass die Roma besonders in Gebieten mit erhöhter Verfolgungsrate, verstärkt zu einer Verleugnung ihrer Identität neigen, und sich als Angehörige einer weniger risikobehafteten Gruppe darstellen. Dass Serbien zu einer auf die Beschreibung passenden Region zu zählen ist, wird im weiteren Verlauf der Arbeit deutlich werden. Möglich ist auch, dass die lokalen Ausprägungen der Identitäten derart differenziert sind, dass einzelne Gruppen sich nicht als Roma, sondern beispielsweise als Muslime bezeichnen, und damit demographische Datenerhebungen ebenfalls unterschiedliche Ergebnisse aufweisen können. 3 Bei der Betrachtung Serbiens wird es einen besonderen Blick auf das Gebiet des Kosovo geben. Die für eine friedliche Lösung ethnopolitischer Konflikte notwendige Miteinbeziehung der lokalen Minderheiten ist hier in den letzten Jahren auf dramatische Weise besonders deutliche geworden. Tausende Roma Familien wurden nach dem Einzug der KFOR Truppen von Teilen der kosovo-albanischen Bevölkerung vertrieben, die aktuell auf Bundesebene in Deutschland stattfindende Debatte über die Ausweisung der Flüchtlinge, sowie deren Proteste gegen dieses Vorhaben machen die Aktualität dieses Themas deutlich. Dass die Roma keine homogene Gruppe bilden (nicht einmal innerhalb einzelner Staaten 4 ), wirkt sich negativ auf eine gemeinsame Mobilisierung aus. Ihre Identität als Gruppe nimmt starken Einfluss auf den Erfolg ihrer Emanzipation.
3 vgl. Latham: Roma of the former Yugoslavia, S. 211
Mann: Sozialer Wandel bei den Roma in der Slowakei seit 1989, S. 570
Marushiakova: Identity Formation among Minorities in the Balkans, S. 27
4 In Ungarn kann in drei Hauptgruppen unterschieden werden, die sich durch ihre Sprachen (ungarisch, romanes,
rumänisch) unterscheiden. Auch die im Kosovo ansässigen Roma unterscheiden sich deutlich von den dortigen
Ashkali und den Kosovo-Ägyptern. Genauere Ausführungen hierüber finden sich im weiteren Verlauf der
Arbeit. In Deutschland wird hauptsächlich in Sinti und Roma unterschieden, auch wenn sie meist im gleichen
Atemzug genannt werden.
4
Schwache Identitäten neigen zu einer Aufsplitterung in verschiedene Gruppen und verhindern ein gemeinsames Vorgehen und die Artikulierung zentraler Interessen. Auch die äußeren Umstände sind zu berücksichtigen, z.B. durch Betrachtung der Minderheitenpolitik der jeweiligen Staaten.
Seit der Verabschiedung des Vereinigungsgesetzes in Ungarn am 11.1.1989, haben sich dort Roma in einer Vielzahl von Gruppen, Parteien und Organisationen zusammengeschlossen. Ähnliche Entwicklungen lassen sich auch für anderer Staaten in der Region feststellen. Durch die unterschiedlichen nationalen Gesetzgebungen, finden in den verschiedenen Staaten unterschiedliche Mobilisierungsprozess statt, was sich auch auf die zu verbuchenden Erfolge auswirkt. Die Entwicklungsstadien der neuen Demokratien nehmen direkten Einfluss auf die Bemühungen der Roma nach politischer, sozialer und ökonomischer Gleichberechtigung. Die zentrale Frage, der in dieser Arbeit nachgegangen werden soll lautet: Hat die ethnische Mobilisierung der Roma seit 1989 zu einer Verbesserung ihrer politischen und sozioökonomischen Situation in den neuen europäischen Demokratien beigetragen? Welche Veränderungen lassen sich speziell in Serbien und Ungarn feststellen? Die Arbeit soll auf die von Brigitte Mihok erstellte Vergleichende Studie zur Situation der Minderheiten in Ungarn und Rumänien (1989-1996) unter besonderer Berücksichtigung der Roma aufbauen, und die von ihr erstellte Arbeit um den Zeitraum bis 2002 erweitern. Dadurch wird ein aktueller Stand der Wissenschaft angestrebt, der zu einer besseren Bewertung der Situation in Ungarn und Serbien herangezogen werden kann. Die gewonnenen Erkenntnisse können hilfreich sein, die soziale Wirklichkeit der Roma zu verstehen, und dadurch zu einer Verbesserung ihrer Lebensumstände beizutragen. In der Arbeit wird nicht näher auf die Herkunft und Wanderwege der Roma eingegangen. Die Situation vor 1989 findet in einem gesonderten Kapitel Erwähnung, um einen Vergleich mit der aktuellen Situation zu ermöglichen. Ein Vergleich mit der Situation in etablierten Demokratien wird ausgespart. Allein zu untersuchen ist die Situation in den neuen europäischen Demokratien und der schwerpunktmäßigen Entwicklung in Ungarn und Serbien. Miteinbezogen werden hierfür Theorien zur Marginalisierung von Gruppen und der Verbindung von Marginalisierung und Mobilisierungsprozessen.
5
Dabei wird dem ethnischen Mobilisierungsprozess mehr Gewicht zugesprochen als dem
anderer Interessensgruppen. Die Mobilisierung nach ethnischen Kriterien setzt eine starke ethnische Identität der zu untersuchenden Gruppe voraus.
Um ein gemeinsames Verständnis zentraler Begriffe zu ermöglichen, sollen sie im folgenden Abschnitt definiert werden.
Wie weiter unten noch genauer dargestellt werden soll, bilden die Roma eine äußerst heterogene Gruppe. In beinahe jedem Land in dem sie leben, wird ihnen von der Mehrheitsgesellschaft ein anderer Name gegeben. Verfolgt man diese Bezeichnungen zurück, so lässt sich feststellen, dass auch deren Ursprünge unterschiedlicher Art sind. So stammen tsigan, cigan, tsingeri, Zigeuner etc. vom altgriechischen athinganoi (etwa: die Unberührbaren) ab, während gypsy oder gitano vom englischen Egyptian herrühren, einer Annahme folgend, die bezeichneten Person stammten aus Ägypten. Beide Begriffsgruppen werden von den Roma als diskriminierend abgelehnt. Begriffe wie Lovara, Ashkali, Kalderash, etc. bezeichnen Untergruppen, während Roma (Romanes: Menschen) als Oberbezeichnung genutzt wird. In dieser Arbeit werden deshalb ebenfalls die Bezeichnungen Rom (Sing.), Roma (Plur.), Romanes (Sprache), romani (Adj.) angewandt, um die Gesamtheit der zu untersuchenden Gruppe zu erfassen. Sollte der nähere Zusammenhang es erfordern, wird stellenweise zusätzlich auf die erwähnten Unterbezeichnungen zurückgegriffen. Die wissenschaftliche Literatur zu dem gewählten Thema ist zum größten Teil im Englischen verfasst worden. Begriffe wie Ethnopolitics werden deshalb, wie oben bereits geschehen, in sinnvolle deutsche Begriffe umgewandelt werden. Die Arbeit wird in folgende Abschnitte unterteilt.
Um einen Zugang zum theoretischen Gehalt der Problematik zu erlangen, wird zunächst darauf eingegangen, welche Dynamik hinter der Mobilisierung von Gruppen steht und wie diese sich äußert. Dabei wird vor allem Wert auf den ethnischen Mobilisierungsprozess gelegt.
6
Der Mobilisierung von Minderheiten, wie es auch bei den Roma der Fall ist, geht in den meisten Fällen eine Marginalisierung voraus. Welche Verbindung zwischen politischer Marginalisierung und Mobilisierung besteht, soll deshalb untersucht werden. Wenn die theoretischen Grundlagen erfasst sind, soll im folgenden Kapitel herausgefunden werden, in welchem Maße sie auf die Roma in den neuen Demokratien zutreffen. Hier soll ein Bogen von der Theorie zur spezifischen Situation der Roma geschlagen werden. Anschließend werden in einzelnen Kapiteln die beiden Fälle Ungarn und Serbien untersucht. Es wird zu einer genauen Betrachtung ihrer jeweiligen Identität kommen, die für die Effektivität der Mobilisierung eine wichtige Rolle spielt. Weiterhin wird die Minderheitenpolitik der beiden Staaten in Betracht gezogen, da sie einen unmittelbaren Einfluss auf die Möglichkeiten der Roma (und anderer Minderheiten) hat, um anschließend die Mobilisierung der Roma selbst zu untersuchen.
Im abschließenden Fazit wird die Problematik erneut aufgegriffen und zusammengefasst, wie die Mobilisierung erfolgt ist und ob sie zu einer Veränderung der Situation seit 1989 beigetragen hat. Außerdem sollen länderspezifische Erfolge und Tendenzen genannt, bzw. Aussichten für die zukünftige Entwicklung getroffen werden.
7
2) Theoretische Abhandlung zum Mobilisierungsprozess
Um Einfluss auf die sie betreffenden politischen Entscheidungsprozesse zu nehmen, organisieren sich marginalisierte Gruppen in Parteien, Organisationen, Verbänden etc. Die einzelnen Schritte der Mobilisierung und ihre Erfolge hängen von verschiedenen Variablen ab. Eine davon ist die Ausgangssituation, in der sich die betroffene Gruppe befindet, eng verknüpft mit dem Regimetyp, in dem sie lebt. Autoritäre Staaten etwa haben ein anderes Verhältnis zu "ihren" Minderheiten, als liberale Demokratien. "Regimes can be distinguished according to whether or not they recognize national subunits as corporate entities with political right, and whether the political culture is based on negotiated consensus or control." 5 In diesem Kapitel wird zunächst das Konzept der Marginalisierung analysiert, das ebenfalls als Teil der Ausgangssituation zu betrachten ist. Marginalität zeigt sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen, ökonomisch, sozial oder politisch. Meist tritt eine Kombination mehrerer Bereiche auf. Eine Reduzierung oder Beseitigung der Marginalisierung ist auf unterschiedlichen Wegen zu erreichen. Einer der effektivsten Wege, einer politischen Marginalisierung entgegenzutreten, ist die politische Mobilisierung, 6 die nach der Marginalisierung thematisiert wird. Die nach ethnischen Gesichtspunkten ausgerichtete politische Mobilisierung ist besonders für die postkommunistischen Staaten von Belang. Für die Roma in diesen Staaten hat sich dadurch in der letzten Dekade eine neue Dimension eröffnet.
2.1) Marginalität
Dem lateinischen Ursprung folgend (lat. margo: der Rand) ist Marginalisierung die Abgrenzung eines Subjektes im relativen Verhältnis zu einem anderen. Dabei entstehen eine dominante sowie eine periphere Position. Beide Positionen sind durch die Relation ständig miteinander verbunden. Sollte die dominante Position an Stärke verlieren, tritt diese in der Regel zugunsten der Peripherie wieder auf.
Marginalisierung kann auch zwischenstaatlichen Charakter haben. Sie tritt außerdem nicht zwangsläufig zu Ungunsten einer Minderheit auf.
5 Karklins: Ethnopolitics and Transition to Democracy S. 9
6 vgl. Barany: The East European Gypsies S. 49
8
Während die Albaner im Kosovo vor 1999 im Verhältnis zu den Serben der gleiche Region politisch marginalisiert waren, bildeten sie trotzdem die Bevölkerungsmehrheit. Gleichzeitig waren sie in verschiedenen Bereichen den Kosovo-Roma gegenüber in einer dominanten Position.
"Regardless of the specific context, marginality denotes a subordinate or peripheral position that arises out of a conflict between races, ethnic groups, sexes, cultures, religions, lifestyles, social or economic status, and so on." 7 Als Gegenstück zur Marginalität steht die Zentralität der dominanten Gruppe.
Die Dominanz einer Person oder Gruppe ist nicht zwangsläufig kontinuierlich in allen gesellschaftlichen Bereichen präsent. So kann eine ökonomisch dominante Gruppe durchaus politisch oder sozial marginal sein. Dies trifft zum Beispiel auf die Roma Rumäniens zu. Ihre ökonomische Dominanz in bestimmten Handwerksbereichen war ein Grund für ihre Versklavung und damit politische und soziale Marginalisierung im höchsten Grade. 8 Kennzeichen, an denen Marginalisierung festgemacht werden kann sind u.a. Geschlecht, ökonomischer Status, Bildung, Beruf oder "Rasse". 9 Die besondere Kennzeichnung des letztgenannten hat den Hintergrund, dass der Begriff in der englischen Literatur bedenkenlos genutzt wird, während eine Übersetzung ins deutsche problematisch ist. Bezug nehmend auf Robert Miles wird in dieser Arbeit der Standpunkt vertreten, dass es keine wissenschaftlich haltbare Aufteilung von Menschen in "Rassen" gibt: "`Rassen´ sind sozial imaginierte, keine biologischen Realitäten." 10 In Anbetracht der Tatsache, dass Miles zufolge in Europa, Nordamerika und Australasien "Rasse" als Synonym für Hautfarbe genutzt wird 11 , soll dies für die vorliegende Arbeit übernommen werden. Auch wenn "Hautfarbe" ebenfalls kein unproblematischer Begriff ist, so ist er doch weniger vorbelastet als "Rasse". Den Kennzeichen, von denen einige oben aufgeführt sind, fallen kontextbezogen unterschiedliche Gewichtungen zu. Hautfarbe ist in Deutschland ein wichtigeres Kennzeichen für ökonomische Marginalisierung als Religion. Religion nimmt andersherum einen größeren Stellenwert ein, wenn es um die ökonomische oder soziale Marginalisierung im Sudan oder Pakistan geht.
7 Barany: The East European Gypsies S. 52
8 vgl. Crowe: The Gypsies of Eastern Europe S. 63
9 vgl. Barany: The East European Gypsies S. 53
10 Miles: Bedeutungskonstitution und der Begriff des Rassismus S. 19
11 ebd.
9
Barany führt das Beispiel Gender an, um einen der wenigen Fälle zu nennen, der historisch kontinuierlich in der Peripherie zu finden ist: "[...] the status of women has historically been peripheral to that of men [...]" 12 . Innerhalb gesellschaftlicher Schichten trifft diese Aussage Baranys zu. Sie greift allerdings zu kurz, zieht man den ökonomischen Status als Aspekt hinzu. Die Position eines Mannes aus einer hoch gestellten ökonomischen Schicht lässt sich als dominant im Verhältnis zu einer Frau der gleichen Schicht bezeichnen. Der Standpunkt derselben Frau ist jedoch nicht automatisch peripher zu dem eines männlichen Arbeitnehmers einer unteren Einkommensklasse. Hier entscheidet der ökonomische Status-Faktor über Dominanz und Peripherie. Die Dominanz der Frau aufgrund ihrer ökonomischen Position kann sogar zu einer politischen Dominanz führen, in der der männliche Arbeitnehmer die Peripherie einnimmt.
Die Marginalisierung von Gruppen kann sowohl interne als auch externe Hintergründe haben. Sie wird nicht zwangsläufig von außen an die untergeordnete Gruppe herangetragen. Um ihre traditionellen Strukturen und Identitäten aufrechtzuerhalten, können sich ethnische Gruppen dazu entschließen, eine ökonomisch periphere Position einzunehmen, oder sich Modernisierungsprozessen zu entziehen. Diese bewusste Selbst-Marginalisierung tritt auch bei Protest-Gruppen oder Gegenkulturen auf. Ein Bespiel hierfür ist die in England in den 1970er Jahren entstandene Punkbewegung. Durch das Tragen zerrissener Kleidungsstücke fand eine gewollte soziale Abgrenzung von der Mainstreamgesellschaft statt. Marginalisierung ist allerdings kein statischer Zustand und kann sowohl von der dominanten, als auch von der peripheren Gruppe verändert werden. Die Ausgangsbasis der untergeordneten Gruppe bietet jedoch weniger Möglichkeiten für eine Veränderung, die dominante dagegen besitzt mehr Möglichkeiten, den Status quo aufrechtzuerhalten. Die politisch dominante Gruppe einer ethnisch pluralistischen Gesellschaft bestimmt in der Regel auch die soziale und ökonomische Situation der Peripherie. Diese Einflussnahme gelingt zum Beispiel durch den Ausschluss der Untergeordneten aus dem Bildungssystem. Eine größtenteils analphabetisierte ethnische Gruppe ist anfälliger für eine Fremdbestimmung als eine gebildete Gruppe, die durch die schriftliche Wahrung ihrer eigenen Geschichte auch einen Teil ihrer Identität wahren kann.
12 Barany: The East European Gypsies S. 53
10
Sie ist somit nicht abhängig von den sie betreffenden Definitionen, die von außen an sie herangetragen werden und nach den Normen einer anderen Gruppe aufgestellt wurden. Aus dieser Interaktion von sozialen, ökonomischen und politischen Aspekten lässt sich erkennen, dass die Stärkung der politischen Position auch eine Veränderung im ökonomischen und sozialen Bereich ermöglicht.
Barany zufolge gibt es mehrere Möglichkeiten für periphere ethnische Gruppen, einer Marginalisierung entgegenzuwirken. Im folgenden sollen sie kurz dargestellt werden. Assimilierung: Die Assimilierung von Individuen erfordert eine Abgrenzung von der eigenen Gruppe, und eine Ablegung aller Normen, die eine Assoziation mit dieser ermöglichen. Um in der angestrebten Gruppe akzeptiert zu werden, müssen deren Normen dafür aufgenommen werden. Der Erfolg einer Assimilation hängt nicht zuletzt von den Wertvorstellungen ab, die von der angestrebten Gruppe vorgegeben werden. Während Sprache und andere kulturelle Eigenschaften erlernbar sind, kann z.B. Hautfarbe ein Hindernis bei der Assimilierung darstellen, sollte sie von der dominanten Gruppe als Kennzeichen der Zugehörigkeit mit besonderer Relevanz ausgezeichnet sein.
Die Assimilierung eignet sich hauptsächlich für Individuen, da sie eine Absonderung von den sozialen und kulturellen Verhaltensweisen erfordert. Innerhalb einer Gruppe, die eine Assimilierung anstrebt, können diese Verhaltensweisen leichter bestehen bleiben, auch wenn dies von den einzelnen Mitgliedern nicht erwünscht ist. Migration: Im Gegensatz zur Assimilierung bietet die Migration auch Gruppen die Möglichkeit, einer Marginalisierung zu entgehen. Barany nennt folgendes Beispiel: "People who are excluded on the basis of their rural residence far from the educational, economic and social opportunities offered by an urban center may alleviate their marginality by moving to the city." 13 Was hier innerhalb eines Staatsgebietes stattfindet, kann auch über nationale Grenzen hinausgehen.
13 Barany: The East European Gypsies S. 57
11
Arbeit zitieren:
Daniel Oppermann, 2002, Mobilisierung und politische Partizipation der Roma im mittelosteuropäischen Transformationsprozess - Die Beispiele Ungarn und Serbien, München, GRIN Verlag GmbH
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