1. Einleitung. 3
2. „displaced persons“ im Nachkriegsdeutschland. 4
2.1 kulturelles Leben in den Lagern 6
2.2 religiöses Leben. 7
2.3 Erziehung in den DP-Lagern 8
3. Überlebende jüdische Kinder 11
3.1 Betrachtung des Textes „Gemeinschaftsleben im frühen Kindesalter“ von
Anna Freud und Sophie Dann 17
4. Bleiben oder Emigrieren. 19
5. Wiederaufbau jüdischer Gemeinden 22
6. Quellenverzeichnis: 24
6.1 Internetquellen 25
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1. Einleitung
Wir haben uns in dem Seminar „Kindheit im deutschen Judentum“ entschlossen, ein Referat mit dem Thema „Jüdische Kindheit in Deutschland nach der Shoah“ zu halten. Wie es jüdischen Kindern, Frauen und Männern zur Zeit des Nationalsozialismus erging, war zentraler Gegenstand des Geschichtsunterrichtes zu Schulzeiten. Auch in den Medien findet man immer wieder Reportagen, die diese Thema zum Inhalt haben. Allerdings wird wenig über die Situation der jüdischen Überlebenden direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges berichtet. So stellte die Beleuchtung dieser speziellen Problematik eine Herausforderung für uns dar und war mit einigem Interesse verbunden.
Um den weitläufigen Bereich unseres Themas ein wenig einzugrenzen und somit im Rahmen eines Seminarreferates zu bleiben, betrachten wir ca. die ersten sechs bis sieben Jahre jüdischen Lebens in Deutschland nach der Befreiung.
Die Zeit des Nationalsozialismus und der Konzentrationslager hatte nur ein sehr kleiner Teil jüdischer Kinder überlebt. So waren unter den Millionen jüdischer Opfer ungefähr 1,5 Millionen verstorbene Kinder zu beklagen. Laut einer Erhebung des Institute of Jewish Affairs waren unter den 25.000 überlebenden Juden in Deutschland und Österreich im Juli 1945 fast 90% zwischen sechzehn und 45 Jahre alt, gerade mal 3,6% waren unter sechzehn Jahre. Die Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten zielte u.a. darauf ab, jüdische Kinder als erstes zu vernichten (vgl. Brenner 1995, S. 35).
Der Versuch, das Referat unter dem Gesichtspunkt Kindheit zu bearbeiten, fiel aufgrund der fehlenden Informationen sehr schwer. So fanden sich in der gesamten Lektüre zum Thema lediglich oberflächliche und allgemeine Auskünfte über jüdische Kindheit in Deutschland nach der Shoah. Diese nutzten wir selbstverständlich, doch es ließ sich nicht vermeiden, dass sich unsere Ausarbeitung vorrangig mit dem allgemeinen jüdischen Leben in Deutschland nach der Shoah beschäftigt.
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2. „displaced persons“ im Nachkriegsdeutschland
Als der Zweite Weltkrieg 1945 offiziell beendet wurde, zählte man im nunmehr besetzten Deutschland ca. acht Millionen „displaced persons“ (kurz DP`s) (vgl. Brenner 1995, S. 19). Unter diesen befand sich nur ein kleiner Teil jüdischer Menschen. Laut der Alliierten waren „displaced persons“ Personen, die als Zwangsarbeiter oder aus rassischen, religiösen oder politischen Gründen ihr Land verlassen mussten und nach Kriegsende in den vier Besatzungszonen festsitzen (vgl. Burgauer 1993, S. 18). Obwohl es im Nachkriegsdeutschland genügend logistische Probleme gab, gelang es den Alliierten bis Mai 1946 ungefähr 88% der DP`s in ihre ehemalige Heimat zu repatriieren. Die übrigen „displaced persons“ galten als nicht repatriierbar (vgl. Brenner 1995, S. 24). Der Großteil der überlebenden Juden hatte keine Heimat mehr, in die sie hätte zurückkehren können. Sie wurden in den Kriegsjahren nicht nur ihrer Familien, sondern auch ihres Besitztums beraubt.
Da sich nicht absehen ließ, wann Juden endlich das ihnen verhasste Deutschland verlassen könnten, um anderenorts ein neues Leben beginnen zu können, kam es einerseits zur Gründung von sogenannten DP- Lagern, in denen jüdische Überlebende bis zum Zeitpunkt der Auswanderung leben wollten. Andererseits beschloss ungefähr ein Drittel ein Leben außerhalb dieser Lager zu beginnen. Dieser Personenkreis bekam von den städtischen Behörden beschlagnahmte Wohnungen überlassen (Gay 2001, S. 76).
Die offizielle Bezeichnung für die DP-Lager war „assembly centers“ (engl. Versammlung, Gesellschaft) (vgl. Gay 2001, S. 75). In den Besatzungszonen Deutschlands einschließlich Westdeutschland gab es insgesamt 184 dieser „assembly centers“. Elf befanden sich in der französischen Zone, 22 in der britischen Zone und 151 in der amerikanischen Zone (vgl. Gay 2001, S. 75). Zwischen den Jahren 1945 und 1950 hielten sich 200.000 jüdische DP`s in Deutschland auf (vgl. Benz 1991, S. 21 ). Allein im Jahr 1946 stieg die Zahl der jüdischen „displaced persons“ in der amerikanischen Zone von ca. 40.000 auf über 145.000 an (vgl. Brenner 1995, S. 26). Der Grund für diesen rasanten Anstieg liegt in der Rückkehr zahlreicher repatriierter Juden aus Osteuropa. Selbst nach Kriegsende waren jüdische Überlebende in Osteuropa, vor allem in Polen, noch immer von traditionellem Antisemitismus bedroht.
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In der Heimat hatte man Angst davor, dass die zurückgekehrten Juden ihr Eigentum zurückverlangen könnten. Die jüdischen Überlebenden stießen nicht nur auf extreme Ablehnung, sondern es kam zwischen 1945 und 1947 zu regelrechten Pogromen, in denen ungefähr 1000 Juden umgebracht wurden. Es war kaum verwunderlich, dass von den ca. 80.000 in Polen lebenden Juden kaum einer verweilen wollte (vgl. Brenner 1995, S. 25). Die Einwanderungswelle 1946 aus Osteuropa nach Deutschland war demzufolge eine logische Konsequenz aus den antisemitischen und feindlichen Übergriffen. So waren von den 200.000 in Deutschland gezählten Juden rund 80% polnischer Herkunft, mit weitem Abstand folgten jüdische Ungarn, Tschechen, Russen und Rumänen (vgl. Brenner 1995, S. 26).
Der Großteil der „assembly centers“ wurde auf ehemaligen Militäranlagen der deutschen Wehrmacht eingerichtet, allerdings wurden genauso Pferdeställe, Klöster, Schulen, Hotels und sogar ganze Dörfer und Kleinstädte für die Lager umfunktioniert (vgl. Gay 2001, S. 75 und Brenner 1995, S. 24).
Ein sehr großes Problem stellte die extreme Überfüllung in den Lagern dar. So lebten z.B. in einer Zwei- Zimmer- Wohnung in einem DP- Lager in Zeilsheim (bei Frankfurt) drei Familien mit insgesamt sieben Personen (vgl. Brenner 1995, S. 22). Bei diesen Verhältnissen ist es logisch, dass auch die Hygiene in den Lagern extrem zu wünschen übrig ließ. Der amerikanische Major Irving Heymont, Leiter des DP- Lagers in Landsberg, berichtete im September 1945: „Das Lager ist unbeschreiblich schmutzig. Gesundheitspflege ist praktisch unbekannt. Es fehlt mir an Worten, wenn ich versuche, über eine passende Beschreibung nachzudenken.“ (zit. n. Brenner 1995, S. 21). Salomon Korn, untergebracht im DP-Lager Zeilsheim und zu dem damaligen Zeitpunkt gerade vier Jahre alt, erinnert sich bei dem Anblick eines in Zeilsheim aufgenommenen Fotos: „[…] Auf meinen Beinen sind Stiche zu erkennen. Sie erinnern mich an unsere tägliche „Morgenzeremonie“: Nach dem Aufstehen stellte meine Mutter einen Eimer mit Wasser neben unsere Betten. Danach pulten wir reihenweise Bettwanzen aus den Ritzen unserer Matratzen. Ohne jeden Ekel packte ich die Krabbeltiere einzeln und warf sie in den bereitstehenden Wassereimer. […]“ (Kugelmann und Loewy 2002, S.68).
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Auch wenn man es sich kaum vorstellen kann, wurden in einigen Lagern jüdische Überlebende anfänglich mit ihren einstigen Verfolgern einquartiert. Genauso kam es vor, dass einstige Nationalsozialisten die Lagerleitung übernommen hatten. Das „assembly center“ in Türkheim mit 450 Bewohnern war tatsächlich mit einem noch funktionierenden elektrischen Draht umzäunt (vgl. Brenner 1995, S. 22). Als der amerikanische Präsident Harry S. Truman von den Nöten in den DP- Lagern erfuhr, verbesserte sich die Situation nachhaltig. Innerhalb kürzester Zeit wurden sowohl in der britischen als auch in der amerikanischen Zone eigene jüdische „assembly centers“ eingerichtet. Die Stacheldrähte um die Lager wurden abgerissen und die tägliche Kalorienzuteilung wurde erhöht (vgl. Brenner 1995, S. 23). Nach kurzem Aufenthalt in den DP- Lagern stellte man fest, dass offizielle Sprecher von Nöten sind. Man begann sich zu organisieren und es entstanden eigene Lagerkomitees, die sich der inneren Ordnung in den „assembly centers“ verpflichtet fühlten und die Interessen der jüdischen Lagerinsassen bei den alliierten Kräften vertraten (vgl. Burgauer 1993, S. 20). Es wurde eine weitgehende Autonomie in den Lagern erreicht. Dies geschah u.a. auch in Form von eigenen jüdischen Gerichten und eigenen Lagerpolizisten (vgl. Brenner 1995, S. 21).
2.1 kulturelles Leben in den Lagern
Innerhalb der „assembly centers“ blühte für einige Jahre erneut eine eigenständige jüdische Kultur auf.
Besonders bedeutsam war die jüdische Presse in den Lagern. In den Jahren 1945 bis 1951 gab es über 100 verschiedene jüdische Zeitungen und Zeitschriften innerhalb und außerhalb der DP- Lager. Der Großteil dieser war in jiddischer Sprache verfasst, allerdings gab es ebenso polnisch-, ungarisch-, deutsch-, rumänisch-, litauisch- und hebräischsprachige jüdische Presseorgane (vgl. Brenner 1995, S. 29-30). Die jüdischen Überlebenden waren nicht nur an den lokalen und regionalen Ereignissen in Deutschland interessiert, sondern auch an den weltpolitischen Veränderungen im Nahen Osten (vgl. Brenner 1995, S. 31). In den Zeitungen erschienen immer wieder Aufrufe und Berichte zur Einwanderung nach Israel. Bereits in der ersten Ausgabe von
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„Unzer Weg“, der jüdischen Lagerzeitung aus München, hieß es: „Unzer Weg stellt sich das Ziel, der Scheerit Haplejta (Rest der Geretteten) ein Wegweiser zu sein für die letzte Station auf dem Weg zu unserem Ziel.“ (vgl. Benz 1991, S. 24). Allerdings war nicht nur der Nachrichtenempfang von großer Bedeutung für die jüdischen Überlebenden, sondern auch die Veröffentlichung des selbst Erlebten in den Kriegsjahren. Die bedeutendeste Sparte in den jüdischen Zeitungen stellte allerdings die Veröffentlichung der Listen überlebender Juden und Suchnachrichten nach Familienangehörigen und Freunden dar (vgl. Brenner 1995, S. 31). In den Lagern gab es auch andere Publikationen. So reichte das Angebot von Monatsillustrierten und Kulturzeitschriften über Gedichtbände und Romane bis hin zu Gebetbüchern. In vielen DP- Lagern kam es zur Gründung von Bibliotheken mit bis zu 4000 Bänden (vgl. Brenner 1995, S. 34).
Als weitere kulturelle Aktivität sind die Gründungen zahlreicher Theater- und Musikgruppen in den „assembly centers“ zu nennen. In der Regel setzten sich die aufgeführten Stücke der Theatergruppen mit den tragischen Geschehnissen der Kriegsjahre auseinander. Dies machten Titel der Aufführungen deutlich, die z.B. „Ich leb`“ oder „Jiskor“ (jüdisches Gebet für die Verstorbenen) lauteten (vgl. Brenner 1995, S. 43-44).
Auch im musikalischen Bereich waren die jüdischen Lagerinsassen sehr aktiv. In den größeren Lagern gründeten die Musiker unter den DP`s eigene Orchester. Es gab um die 60 Laienensembles in den 184 Lagern, die z.T. auch auf Tournee in andere Lager gingen (vgl. Brenner 1995, S. 45 ).
2.2 religiöses Leben
Der Zweite Weltkrieg hatte bei dem Großteil der jüdischen Überlebenden tiefe Spuren hinterlassen und so war nach der Befreiung nur noch eine Minderheit der DP´s religiös (vgl. Brenner 1995, S. 39).
So hieß es in einem Zeitzeugenbericht: „[…] Gläubig waren die Eltern alle nicht. Meine Mutter sagte immer, nach Hitler könne man nicht mehr an Gott glauben. Gäbe es ihn wirklich, so hätte er das nicht zugelassen. […]“ (vgl. Sichrovsky 1985, S. 35).
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Annetta Kessel, Jessica Gerstenberger, 2006, Jüdische Kindheit in Deutschland nach der Shoah, München, GRIN Verlag GmbH
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