Inhaltsverzeichnis:
Einleitung S. 3
1. Person und Wissenschaftler Oliver Volckart 5
2. Wettbewerb und Wettbewerbsbeschränkungen im vormodernen
Deutschland 1000- 1800 6
2.1 Wettbewerb als Schlüsselvariable zur Erklärung institutionellen Wandels 7
2.2 Theoretische Schlüsselkonzepte 9
2.3 Die vormoderne Gesellschaftsordnung 11
2.4 Politischer und ökonomischer Wettbewerb in der hochmittel-
alterlichen Gesellschaft 13
2.5 Politische und ökonomische Wettbewerbsbeschränkungen in Hochmittelalter
und Früher Neuzeit 15
2.5.1 Korporatismus als Etablierung ökonomischer Kartelle 15
2.5.2 Politische Wettbewerbsbeschränkung als Staatsbildung 17
2.6 Systemwettbewerb als Ordnungswandel 19
3. Die Rezension von „Wettbewerb und Wettbewerbsbeschränkungen“ 21
4. Wettbewerb und Wettbewerbsbeschränkungen in der Geschichte 23
Literaturliste S. 29
Internetdokumente S. 30
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EINLEITUNG
Die Frage, weshalb Wirtschaftswachstum- und Entwicklung in Europa begannen, gehört aus mindestens drei Gründen zu einer der spannendsten Fragen der Wirtschaftsgeschichte überhaupt. Zum einen liegt in der Realisierung nachhaltigen Wachstums die zentrale Zäsur der Wirtschaftsgeschichte. Erstmals gelang es langfristig gesehen - zumindest einem Teil der Menschheit - durch anhaltende Wachstumsraten Hunger-und Krisenzyklen zu überwinden und auf demographischen Wandel mit einer flexiblen Angebotsrate an Nahrungsmitteln reagieren zu können. Dies ist umso erstaunlicher, wenn man sich vergegenwärtigt, dass neuere Arbeiten gute Argumente dafür zu Felde führen, dass sich dieses „Wunder Europa“ keineswegs mit einer so großen Zwangsläufigkeit entwickelte, wie von vielen Historikern bislang vermutet. 1 Der Versuch einer Analyse der strukturellen Bedingungen des europäischen Wachstumsprozesses stellt aber mehr als nur eine intellektuelle Herausforderung dar. Nachrichten und Zeitungen erinnern uns immer wieder, nicht zu vergessen, dass es auch heute - über 250 Jahre nach Beginn der westlichen Industrialisierungsprozesse - immer noch nur einem Teil der Menschheit vergönnt ist, unter strukturell- gesicherten ökonomischen Verhältnissen zu leben. 2 Die Wirtschaftsgeschichte sollte sich also auch deshalb auf die Suche nach einer Antwort auf die Frage machen, welches die entscheidenden Variablen waren, die einem Teil der Welt zu Wachstum und Entwicklung verhalfen.
Wie nicht anders zu erwarten, finden sich in der Wirtschaftsgeschichte ganz unterschiedliche Antworten auf die Frage wo die Quelle des europäischen Wachstumsprozesses zu finden ist. 3 Ein relativ junger Interpretations- Ansatz erweist sich dabei als besonders vielversprechend. Seit etwa 20 Jahren ist in der wissenschaftlichen Debatte eine Argumentation zu verfolgen, die eine entscheidende Vorbedingung für den
1 POMMERANZ konnte unlängst zeigen, dass sich das vormoderne Europa, hinsichtlich einer Vielzahl makroökonomischer Indikatoren, keineswegs besonders stark von anderen vormodernen ´ökonomischen Ballungszentren` unterschied. POMMERANZ; Kenneth: Introduction, in: Ders. (Hg.): The Great Divergence. Europe, China, and the making of the modern world economy, Princeton 2000, S. 31ff. DELHAES und FEHL gehen davon aus, dass auch JONES für sein 1981 erschienenes Werk, das die europäische und asiatische Wirtschaftgeschichte miteinander vergleicht, deshalb den Titel „Das Wunder Europa“ wählte, um zu verdeutlichen, dass „Europa nicht der präsumptive Kandidat für einen (…) Durchbruch gewesen sei“. Vgl.: DELHAES, Karl von u. FEHL, Ulrich: Historische Wurzeln der Wettbewerbsordnung in Europa. Eine evolutionsökonomische Betrachtung, in: Helmut LEIPOLD u. a. (Hg.): Ordnungsökonomik als aktuelle Herausforderung, Stuttgart 2005, S. 283- 308, S. 291.
2 Auch in 2005 geht der UN- Human Development Report davon aus, dass noch immer über 20% der Menschheit in extremer Armut leben, dass die Kindersterblichkeit in Subsahara- Afrika bei über 17% liegt, die Lebenserwartung hingegen bei durchschnittlich unter 50 Jahren. Vgl.: UNITED NATIONS DEVELOPMENT PROGRAMME (Hg.): Human Development. International cooperation at a crossroads. Aid, trade and security in an unequal world, Report, New York 2005S. 19f.
3 Einen kurzen Überblick liefert: WISCHERMANN, Clemens: Institutionelle versus Industrielle Revolution, in: Ders. u. a. (Hg.): Die institutionelle Revolution. Eine Einführung in die deutsche Wirtschaftsgeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, Stuttgart 2004, S. 14-29, S.14f.
3
Europäischen Wachstumsprozess in der starken herrschaftlichen Fragmentarisierung des vormodernen Europas ausmacht. 4 So argumentiert beispielsweise Jones, dass gerade die starke Wettbewerbssituation in der verschiedenste europäische Herrscher miteinander um Untertanen, bzw. um mobile Produktionsfaktoren konkurrierten, langfristig dazu geführt habe, die „besten [rechtlichen] Verfahren zu verbreiten“. 5 So interessant dieser Ansatz erscheinen mag, ökonomische Entwicklung als das Produkt eines spezifischen Wettbewerbprozesses zu interpretieren, hat ihn bislang kein Autor ihn systematisch erforscht. 6 Mit Oliver Volckarts Arbeit „Wettbewerb und Wettbewerbsbeschränkung im vormodernen Deutschland 1000-1800“ liegt seit 2002 eine Habilitationsschrift vor, die diesen Anspruch zumindest für das vormoderne Deutschland einzulösen versucht. Vor allem gestützt auf Theorieelemente aus Neuer Institutionenökonomik und Österreichischer Schule der Ökonomik entwirft Volckart in seinem Buch ein Modell, das nicht nur die zwischenstaatliche Ebene des Wettbewerbs untersucht, sondern verschiedene Ebenen des Wettbewerbs und der
Wettbewerbsbeschränkungen miteinander analytisch in Verbindung setzt. Mit seiner Hilfe hofft Volckart „die Faktoren herauszuarbeiten, die den im 11. Jahrhundert einsetzenden Wandel wichtiger Aspekte der mitteleuropäischen Wirtschaftsordnung bestimmen, und die gegen Ende der Vormoderne zur Entstehung marktwirtschaftlicher Institutionen führen“. 7 Ein überaus interessantes und ehrgeiziges Vorhaben also, das in der Fachwelt allerdings auf keine allzu große Zustimmung gestoßen ist. Die vorliegende Arbeit versteht sich als Beitrag zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten modellgeleiteter historischer Analysen und Volckarts Modell im Speziellen. Sie macht es sich zur Aufgabe, die Volckartsche Argumentation und deren theoretische Kernelemente vorzustellen und kritisch zu würdigen. Das erste Kapitel ist dabei zunächst der Person und dem Wissenschaftler Volckart gewidmet. Kapitel zwei untersucht Volckarts Argumentationslinie anhand seiner Habilitationsschrift, sowie einiger jüngerer Veröffentlichungen. In einem dritten Schritt wendet sich die Arbeit der Rezension Volckarts zu, um in einem vierten Schritt eine kritische Auseinandersetzung mit seinem Ansatz zu leisten.
4 Diese Debatte ist eng mit Ansätzen der Neuen Institutionenökonomik (NIÖ) verbunden, vgl. dazu: VOLCKART, Oliver: Politische Zersplitterung und Wirtschaftswachstum im Alten Reich, ca. 1650-1800, in: Vierteljahreszeitschrift für Sozial- und Wirtschaftgeschichte, 1999 (66), S. 1-38, S. 1-12.
5 JONES, Eric, L.: Das Wunder Europa. Umwelt, Wirtschaft und Geopolitik in der Geschichte Europas und Asiens, Tübingen 1991, S. 134. Tatsächlich stützt JONES seine Argumentation im „Wunder Europa“ nicht auf Annahmen der NIÖ.
6 VOLCKART, Oliver: Wettbewerb und Wettbewerbsbeschränkungen im vormodernen Deutschland 1000- 1800, Tübingen 2002, S. 8f, S. 181f.
7 Ebd.: S. VIII.
4
1. Der Wissenschaftler Oliver Volckart
Oliver Volckart (Jahrgang 1964) studierte von 1983- 1990 Geschichtswissenschaften an der FU- Berlin, wo er 1995 zur „Münzpolitik im Ordensland und Herzogtum Preußen von 1370 bis 1550“ zum Dr. phil. promovierte. 8 In intensiveren Kontakt mit den Wirtschaftswissenschaften kam Volckart nach eigenen Angaben erst während seiner Zeit als Forschungsreferent in der Abteilung Institutionenökonomik und Wirtschaftspolitik des Max-Planck- Instituts zur Erforschung von Wirtschaftssystemen in Jena, 1995- 2000. 9 Während seiner Zeit in der Abteilung Institutionenökonomik des Max- Planck- Instituts, die von Manfred E. Streit geleitet wird, setzte sich Volckart eingehend mit der Frage auseinander, wie marktwirtschaftliche Institutionen in Europa und speziell in Deutschland entstanden. Betrachtet man Volckarts Publikationen zwischen 1995 und 2000 auf eine speziellere Schwerpunktsetzung, so lassen sich drei Hauptarbeitsfelder ausmachen: Zum einen setzte er sich in dieser Zeit intensiv mit der Frage nach den europäischen Staatsbildungsprozessen auseinander, zum anderen mit der Frage wie ein historisch- ökonomisches Modell aussehen könnte mit dessen Hilfe sich diese Prozesse analysieren ließen und drittens mit der Frage, welche Rolle der institutionelle Wettbewerb für die europäischen Staatsbildungsprozesse spielte. 10 Als abschließendes, synthetisches Resultat seiner Forschungsarbeit legte Volckart 2000 seine Habilitationsschrift „Wettbewerb und Wettbewerbsbeschränkungen im vormodernen Deutschland 1000 - 1800“ vor, die im selben Jahr von der FU- Berlin angenommen wurde. Zeitgleich dazu publizierte Volckart unter dem Titel „Wettbewerb und Wettbewerbsbeschränkung in Politik und Wirtschaft“ auch einen Aufsatzband, der sich dem Thema ´Entstehung marktwirtschaftlicher Institutionen im vormodernen Deutschland` in leserfreundlicherer Art und Weise nähert.
Seit 2000 lehrt und forscht Volckart an der FU- Berlin, zwischenzeitlich arbeitete er dort sogar als Geschäftsführender Direktor des Instituts für Wirtschaftsgeschichte. Unterbrochen wurde seine Tätigkeit an der FU durch einen einjährigen Aufenthalt an der London School of Economic and Political Science, wo Volckart als Lecturer arbeitete. Bei oberflächlicher Betrachtung jüngerer Publikationen von Volckart wird ersichtlich, dass sich Volckart - neben einigen anderen thematischen Schwerpunkten - weiterhin mit den Themen Wettbewerb, Staatsgründung und Institutionenökonomik intensiv auseinandersetzt.
8 VOLCKART, Oliver: Die Münzpolitik im Ordensland und Herzogtum Preußen von 1370- 1550, Wiesbaden 1997. Ein knapper Lebenslauf findet sich unter: http://www2.wiwi.huberlin.de/institute/wg/volckart/CV_volckart.pdf (14.08.2006) http://www.mohr.de/cgi-bin/search.pl?lang=d&feldval=&vg=w&sid={SID}&range=0&detail=3159 (14.08.2006).
9 VOLCKART: Wettbewerb, S. 7.
10 Eine komplette Liste der Publikationen von Oliver Volckart findet sich unter: http://www2.wiwi.huberlin.de/institute/wg/volckart/publications.html (14.08.2006).
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2. Wettbewerb und Wettbewerbsbeschränkungen im vormodernen
Deutschland 1000- 1800
Aufgabe des 2. Kapitels ist es darzulegen, auf welche Weise Volckart wirtschaftlichen und institutionellen Wandel in Mittelalter und früher Neuzeit und somit letztlich die Bildung marktwirtschaftlicher Institutionen im 18. und 19. Jahrhundert erklärt. Neben Volckarts Habilitationsschrift wurden hierzu noch einige andere aktuelle Arbeiten Volckarts herangezogen. 11 Um die vorliegende Arbeit nicht ausufern zu lassen war es notwendig, sich in der Darstellung auf Volckarts zentrale Argumentationslinie zu beschränken. 12 Diese wird anhand von vier Unterkapiteln wiedergegeben (Kap.2.3- 2.6). Um eine Übersicht über Volckarts Arbeit zu liefern wird zunächst deren Gesamtargumentation übersichtsartig vorgestellt (Kap. 2.1) und in deren theoretische Fundierung eingeführt (Kap.2.2). Erst danach werden die einzelnen Argumente näher betrachtet.
2.1 Wettbewerb als Schlüsselvariable zur Erklärung institutionellen Wandels
Die zentrale Analysekategorie in Volckarts Arbeit stellt der Begriff „Wettbewerb“ dar. Wettbewerb wird von Volckart dabei als ein ´Entdeckungsverfahren zum Auffinden neuer Lösungen` 13 verstanden. In den verschiedenen Formen des Wettbewerbs 14 und in den
11 Zur Darstellung von Volckarts Argumentation wurden neben Volckarts „Wettbewerb und Wettbewerbsbeschränkungen“ folgende Arbeiten verwandt: VOLCKART, Oliver: Moderne
Institutionenökonomik und wirtschaftshistorische Analyse, in: Jürgen NAUTZ u. a. (Hg.): Zwischen Wettbewerb und Protektion. Zur Rolle staatlicher Macht und wettbewerblicher Protektion in Österreich im 20. Jahrhundert, Wien 1998, S. 65- 89. VOLCKART, Oliver: Politische Zersplitterung und Wirtschaftswachstum im Alten Reich, ca. 1650- 1800, in: Vierteljahreszeitschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 1999 (86), S. 1-38. VOLCKART; Oliver: Zur Transformation der mitteleuropäischen Wirtschaftsordnung, 1000- 1800, in: Vierteljahreszeitschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 2001 (88), S. 281-310. VOLCKART, Oliver: Systemwettbewerb als historisches Phänomen: Das Beispiel Deutschlands vom 10. bis 18. Jahrhundert, in: Ders. (Hg.): Wettbewerb und Wettbewerbsbeschränkungen in Politik und Wirtschaft. Deutschland in Mittelalter und Früher Neuzeit, Marburg 2002, S. 228- 271. VOLCKART, Oliver: Institutionenökonomische Erklärung und wirtschaftshistorische Modelle, in: Günther SCHULZ u. a. (Hg.): Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Arbeitsgebiete - Probleme - Perspektiven, München 2005, S. 619-637.
12 Auf die Darstellung historischer Beispiele mit der Volckart seine Argumentation stützt, wird deshalb zugunsten einer intensiveren Einführung in Volckarts Analysemodell weitgehend verzichtet.
13 Wettbewerb wird von Volckart in (in Anlehnung an Hayek) als „Entdeckungsverfahren“ verstanden, mit dessen Hilfe sich bislang „ungenützte Möglichkeiten“ auffinden lassen, die dem findigen Wettbewerber zu Vorteilen gegenüber seinen Konkurrenten verhelfen, vgl. ebd.: S. 2. Diese Definition von Wettbewerb lehnt sich an ein Konzept Schumpeters an, der Wettbewerb als einen dynamisch- evolutorischen Prozess des „Vor- und Nachstoßens“ (also bestehend aus Innovation und Kopie) interpretierte, vgl.: DELHAES u. FEHL: Wettbewerbsordnung, S. 286.
14 Vgl.: VOLCKART: Wettbewerb, S. 2. Volckart unterscheidet in: a) Wettbewerb auf ökonomischen Märkten, b) politischen Wettbewerb (um knappe politische Unterstützung) und c) institutionellen bzw. Systemwettbewerb (Konkurrenz territorialer Einheiten um die Akkumulation mobiler Produktionsfaktoren im eigenen Territorium zu steigern.). Diese drei Formen unterscheiden sich je nach dem Rahmen ihrer Wahlentscheidungen: Im ersten Fall muss innerhalb eines Institutionensystems eine Wahlentscheidung getroffen werden, im zweiten Fall kann auch eine Modifizierung von Institutionen zur Wahl stehen, im dritten Fall ist die Modifizierung von Institutionen das Mittel der Wahl.
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verschiedenen Tendenzen, die diesen in der Vormoderne zu beschränken versuchten, 15 sieht Volckart eine wichtige Vorraussetzung für den hochmittelalterlichen ökonomischen Ordnungswandel, das Entstehen ökonomischer und politischer Monopole, sowie letztlich für das Entstehen marktwirtschaftlicher Funktionselemente ab dem 18. Jahrhundert. 16 Konkret sucht Volckart nach einer Antwort auf die Frage, wie sich politischer und institutioneller Wettbewerb in der hier untersuchten Epoche auf die Wirtschaftsordnung auswirkten und welche Freiräume diese wiederum für den ökonomischen Wettbewerb ließ. 17 Unter Zugrundelegung von Theorieelementen der Neuen Institutionenökonomik und der Österreichischen Schule der Ökonomik verfolgt auch Volckart oberflächlich betrachtet die These, dass ein institutioneller Wettbewerb in der Vormoderne zur Etablierung marktwirtschaftlicher Institutionen geführt habe. Anders als andere Autoren, die sich bislang mit dem ´Systemwettbewerb` beschäftigt haben, sieht Volckart einen politischen Wettbewerb um Produktionsfaktoren und um politische Unterstützung jedoch bereits wesentlich früher einsetzten, nämlich um das Jahr 1000. 18 Als Voraussetzung dieses politischen Wettbewerbs nimmt Volckart unter anderem das Fehlen eines territorialen Monopols für Sicherheit an. Statt der Annahme von Staaten oder staatsähnlichen Gebilden, wie sie noch North seiner wirtschaftshistorischen Analyse des Mittelalters zugrunde gelegt hat, 19 sieht Volckart die Konkurrenz verschiedenster Sicherheitsanbieter in der Vormoderne wirken. Für Volckart stellt sich damit die Frage, weshalb die Etablierung von marktwirtschaftlichen Funktionen in Deutschland nicht wesentlich früher erfolgte, als erst im 17. und 18. Jahrhundert, schließlich könne eine territoriale Zersplitterung hier bereits seit dem Ende des Karolingerreiches im 8. und 9. Jahrhundert ausgemacht werden. 20
Volckarts Argumentationslinie sieht nun folgendermaßen aus: Grundsätzlich sieht er als hinreichende Bedingung für einen institutionellen Wettbewerb das Vorhandensein monopolartiger Anbietern von Institutionen, die dazu in der Lage sind, diese gegebenenfalls auch gegen den Willen der Untertanen durchzusetzen; 21 tatsächlich hätte sich ein institutioneller, bzw. ein Systemwettbewerb im eigentlichen Sinne des Wortes also erst mit
15 Volckart geht wie Eucken davon aus, dass Individuen stets versuchen würden Wettbewerb zu verhindern, um sich somit Monopolrenten zu sicher, vgl.: VOLCKART: Wettbewerb, S. 3; S. 98f.
16 VOLCKART: Wettbewerb, S. 233f. Unter „Marktwirtschaftlichen Funktionselementen“ versteht Volckart insbesondere: Privatautonomie, Selbstkoordination und Wettbewerb, vgl. ebd.: S. 224.
17 Ebd.: S. 6.
18 Vgl.: DELHAES und FEHL: Wettbewerbsordnung, S. 292.
19 Vgl.: VOLCKART: Wettbewerb, S. 53. Vgl. auch: NORTH, Douglass, C.: Theorie des institutionellen Wandels. Eine neue Sicht der Wirtschaftsgeschichte, Tübingen 1988, S. 129-147.
20 VOLCKART: Wettbewerb, S. VIII; VOLCKART: Systemwettbewerb, S. 228f.
21 VOLCKART: Transformation, S. 302
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den Staatsbildungsprozessen (also „frühestens ab dem 17. Jahrhundert“) 22 entwickeln können. Mindestens bis zu diesem Zeitpunkt ließe sich die deutsche Gesellschaftsordnung als Sicherheitsmarkt interpretieren, auf dem keine Gewaltmonopole vorhanden gewesen seien und Sicherheit wettbewerblich bereitgestellt worden sei. Dieser politische Wettbewerb hätte bis zum 14. Jahrhundert einen Wandel der Wirtschaftsordnung ausgelöst und so zur Verbreitung von Produktmärkten und damit zu einem erheblichen Wachstumsschub geführt. 23 Parallel dazu wäre es aber gleichwohl zu Monopolisierungstendenzen gekommen und zwar sowohl auf den Produktmärkten, 24 als auch auf dem Markt für Sicherheit. 25 Diese Monopolisierungstendenzen hätten den Wettbewerb gehemmt, wobei insbesondere die Monopolbildungsprozesse auf politischer Ebene (hier verstanden als Beginn von Staatsbildungsprozessen) dazu geführt hätten, dass der ökonomische Wettbewerb massiv eingeschränkt worden sei. Mit der zunehmenden Realisierung eines territorialen Monopols auf militärischen und rechtlichen Schutz, sowie aufgrund einer sich verändernden Wirtschaftsordnung seien aber die Anreize für die entstehenden Staaten, untereinander um mobile Produktionsfaktoren zu konkurrieren, sowie deren Macht gegenüber ökonomischen Kartellen im 17. und 18. Jahrhundert gewachsen. Das ökonomische Eigeninteresse der entstehenden Staaten sowie deren neu erworbene Fähigkeit zum ausschließlichen Gewalteinsatz und zur ausschließlichen Rechtsetzung hätten nun zur Perforierung ökonomischer Monopole und somit zu einem erneuten Wandel der Wirtschaftsordnung geführt. Mit der staatlich intendierten und unintendierten Erosion politischer Macht der Kartelle konnten letztlich die Fundamente der marktwirtschaftlichen Ordnung entstehen, denn so
„lenkte der institutionelle Wettbewerb des 17. und 18. Jahrhunderts die Entwicklung in Richtung auf die Bildung einer Gesellschaft gleichberechtigter Wirtschaftssubjekte, die die Grundlage für das Funktionieren marktwirtschaftlicher Elemente in der Wirtschaftsordnung der beginnenden Moderne war“. 26
Letztlich sei also der Ursprung marktwirtschaftlicher Institutionen in der Wirtschaftsordnung zu suchen, wie sie sich zum Ende der Vormoderne in Deutschland aufgrund der Eliminierung politischer Verfügungsrechte ökonomischer Monopole etablieren konnte. Staatsbildung und ein staatlicher Wettbewerb um mobile Produktionsfaktoren seien hierfür die Grundvoraussetzung gewesen. 27
22 VOLCKART: Wettbewerb, S. 24.
23 Ebd.: S. 90ff.
24 Ebd.: S. 104ff.
25 Ebd.: S. 146ff.
26 Ebd.: S. 232.
27 Ebd.: S. 233f.
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Arbeit zitieren:
Benedikt Strunz, 2006, Oliver Volckart: Wettbewerb und Wettbewerbsbeschränkungen im vormodernen Deutschland 1000- 1800, München, GRIN Verlag GmbH
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