Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
0. Einleitung
1. Die Stellungsnahme Frankreichs der Sprachloyalität gegenüber
1.1. Sprachpurismus in der französischen Geschichte
1.1.1. Der Kampf um eine einheitliche eigene Sprache
1.1.2. Der Kampf um die Sprachreinheit
1.1.3. Die Sprache hauptsächlich politisch betrachtet
1.2. Institutionen für Sprachpflege
1.2.1. Die Académie française
1.2.2. Haut Comité pour la Défense et l’Expansion de la Langue Française
1.2.3. La Société française de Terminologie
1.3. Gesetzliche Verfahren zur Bewahrung der französischen Sprache
1.3.1. Gesetz vom 31. Dezember 1975
1.3.2. Gesetz vom 30. September 1986
1.3.3. Gesetz vom 25 Juni 1992
2. Die Verweigerung, Anglizismen in die französische Sprache
aufzunehmen
2.1. Die Französisierung der Anglizismen
2.1.1. Die Französisierung durch die Schreibung
2.1.2. Die Französisierung durch die Aussprache
2.2. Die Erfindung von Ersatzwörtern
2.2.1. Das Bedürfnis für Neologismen
2.2.2. Die Neologismen und die für sie zuständige Institution
2.2.3. Die Leichtigkeit, mit der diese Ersatzwörter aufgenommen werden
2.3. Strikte Auswahl der anerkannten Anglizismen
2.3.1. Was ist ein anerkannter Anglizismus?
2.3.2. Die besonders verachteten Pseudoanglizismen
2.3.3. Die Verweigerung, „Eintagsfliegen“ anzuerkennen
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3. Grenzen und Gefahren einer solchen Verweigerung
3.1. Mangel an Flexibilität der französischen Sprache: eine Grenze für
Ersatzwörter
3.1.1. Die festen Wurzeln des Französischen im Lateinischen und Griechischen
3.1.2. Zusammengesetzte Wörter
3.2. Die Konnotation der Anglizismen : Eigenschaften, die das Französische nicht
hat
3.2.1. Jugendsprache: Ist man lieber „cool“ oder gelassen?
3.2.2. Fachsprache: zwischen zwei Tendenzen
3.3. Die Toleranz gegenüber neuer Wörtern als Zeichen der Gesundheit einer
Sprache
3.3.1. Die natürliche Entwicklung einer Sprache
3.3.2. Die internationale Ebene - das Bedürfnis nach einer Lingua Franca
3.3.3. Warum es keinen Grund zur Sorge gibt
4. Schlussfolgerung
Bibliographie
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0. Einleitung
Frankreich wird immer als ein Sonderfall innerhalb Europas bezeichnet. Während viele europäische Länder darüber klagen, dass ihre Sprache immer mehr und schneller vom Englischen angesteckt wird, zitiert man Frankreich als ein Modell von Sprachreinheit bzw. von Starrköpfigkeit gegenüber englischen Einflüssen. Das Gesetz vom 30. September 1986 schien viele der Nachbarn Frankreichs zu erstaunen bzw. zu schockieren. Dieses Gesetz, das ermöglichte, ein Minimum von 40% der im Radio gesendeten Lieder auf Französisch zu garantieren, erregte damals ein groβes internationales Aufsehen. Seitdem erbte Frankreich den Ruf vom übertriebenen Sprachnationalismus.
Ganz abgesehen von den so genannten französischen Charakterzügen (Engstirnigkeit und Selbstbewusstsein), die die meisten Deutschen von solchen Maβnahmen abzuleiten scheinen, besteht die Frage, ob dieser Ruf verdient ist: Ist es dem Französischen bisher gelungen, die Welle der Anglizismen effizient zu bekämpfen? Im Vergleich zum Deutschen scheint das Französisch dem viel mehr Achtung zu schenken, so dass so wenige Anglizismen wie möglich in seinem Gebrauch vorkommen. Wenn sich der deutsche Informatiker alltäglich mit Softwares und Downloads beschäftigt, befasst sich der Franzose mit „logiciels“ und „téléchargements“. Wenn die jungen Deutschen oft „Sorry“ antworten oder vom letzten Song sprechen, sagen die Franzosen immer, sie seien „désolés“ und sie beharren auf ihrem „chanson“… Nach einer Untersuchung von Henriette und Gérard Walter anhand der zwei gröβten französischen einsprachigen Wörterbücher (Le Petit Robert und Le Petit Larousse) betrage die Anzahl an Fremdwörtern im Französischen 11%, darunter 3,6% Anglizismen. Mit dieser Anzahl unterscheidet sich Frankreich nicht besonders von ihren europäischen Nachbarn, aber der Kampf gegen Anglizismen scheint in Frankreich andere Formen zu nehmen. Zuerst wird die geschichtliche Stellungsnahme Frankreichs der eigenen Sprache gegenüber erklärt. Dann wird untersucht, wie sich die Verweigerung von Anglizismen in der französischen Sprache offenbart. Schlieβlich werden auch die Grenzen und Gefahren einer solchen Verweigerung analysiert.
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1. Die Stellungsnahme Frankreichs der Sprachloyalität gegenüber
Im Gegensatz zu vielen ihrer europäischen Nachbarn entdeckte Frankreich sehr früh das Nationalgefühl. Der Zusammenhang zwischen Einheit der Sprache und Einheit der Nation kam schon bei der französischen Revolution deutlich zum Ausdruck. Schon früh hatte der Kampf um die Durchsetzung des Französischen angefangen, denn Frankreich war im 17. Jahrhundert das reichste Land Europas und es versuchte, seine Macht mit allen Mitteln weiter durchzusetzen: darunter mit der Sprache.
1.1. Sprachpurismus in der französischen Geschichte
1.1.1. Der Kampf um eine einheitliche eigene Sprache
Dieser Kampf fing mit der Durchsetzung vom Französischen zum Nachteil des Lateinischen an. Unter François I wurde 1539 die Ordonnance von Villers-Cotterêts veröffentlicht, wo die französische Sprache anstatt des Lateinischen in der Verwaltung und in den Gerichtsakten bevorzugt werden musste, denn das Lateinische gab zu sehr Anlass zu Missverständnissen 1 . Unter der Herrschaft von Ludwig XIV nahm die französische Sprache durch die Literatur einen beträchtlichen Aufschwung. Ein Jahr vor seinem Tod wurde das Französische mit dem Vertrag von Radstadt (1714) als diplomatische Sprache eingeführt. Das Lateinische als Amtsprache der Diplomatie wurde beseitigt und das Französische genoss seine erste ausländische Anerkennung. Die französische Sprache verbreitete sich an allen Höfen Europas, besonders beliebt war sie in England, in den Niederländen, in Deutschland, in der Schweiz und in Österreich, sie blieb die exklusive Sprache der Diplomatie bis zum Ersten Weltkrieg 2 .
Während der Aufklärung fand kein besonderer Aufschwung der französischen Sprache statt, denn die finanzielle Lage Frankreichs war damals kritisch (die Wirkung Frankreich im Ausland war geschwächt) und man fand es schändlich, Schüler in französischer Sprache zu unterrichten. Zwischen 1715 und 1789 blieb die Situation des Französischen gegenüber dem Lateinischen unberührt.
Die französische Revolution war das Ereignis, das einen weiteren Schritt für die französische Sprache kennzeichnete, denn man assoziierte zum ersten Mal Sprache und Nation. Für die Einheit der Republik musste auch die Einheit der Sprache entstehen. Bertrand Barère erklärte damals: „Bei
1 TRABANT J. in Akademie Journal, S.10
2 Vgl. http://www.tlfq.ulaval.ca/axl/francophonie/histlngfrn.htm
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einem freien Volk muss die Sprache eine und die selbe für alle sein“. In Juli 1794 verhängte Robespierre eine Verordnung, nach der das Französische als einzige Amtsprache Frankreichs durchgesetzt wurde. Diese Verordnung verschwand mit Robespierre im September desselben Jahres
3
. Dennoch wurden viele Franzosen dadurch mit ihrer offiziellen Sprache vertrauter und es fing damit ein neuer Kampf an. Es ging nun darum, das Französische auβerhalb Frankreichs durchzusetzen, sondern im Inland.
Der Prozess der Harmonisierung begann, den man heute eher als kultureller Genozid betrachtet. Alle Mittel wurden eingesetzt, um die Dialekte (les patois) abzuschaffen. Die Schulpflicht wurde 1881 eingeführt, 1884 wurde die Schule konfessionslos, somit hatte die Kirche keinen Einfluss mehr auf die staatlichen Programme und der Staat nutzte die Schule, um das Französische überall in Frankreich durchzusetzen. Am Anfang des 20. Jahrhunderts, da die Französisierung nicht schnell genug vorankam, wurden die Strafen für die Schüler, die in der Klasse sowie auf dem Schulhof in ihrem Dialekt gesprochen hatten, immer strenger. Man zwang sie, die Sprache ihrer Eltern zu verneinen 4 . Dieser Kampf um die linguistische Harmonisierung Frankreichs kostete viel Kraft und Zeit, denn Georges Pompidou erklärte noch 1972, dass es keinen Platz für die regionalen Sprachen in einem Land gebe, das sich so sehr in Sachen Bildung Europas engagierte 5 . Bis in den 70er Jahre dauerten die Bemühungen, aus Frankreich ein einsprachiges Land zu machen. Das hatte zur Folge, dass die Stellung des Französischen innerhalb Frankreichs allmächtig wurde und dass die Dialekte langsam verschwanden. Die Abrede der Dialekte blieb bis vor einigen Jahrzehnten ein Hauptmerkmal der Politiker. Durch diesen langsamen und mühevollen Zusammenschluss sind Nation und Sprache unteilbar geworden.
1.1.2. Der Kampf um die Sprachreinheit
Natürlich gehörte die Ausschaltung der Dialekten nicht nur zum Rut nach einer einheitlichen Sprache für Frankreich, sondern auch zur Bemühung um die Reinheit der Sprache. Diese Dialekte waren lange mit einer negativen Konnotation versehen. Sie seien die Sprache der Ungebildeten und der Landleute. Man betrachtete es während der französischen Revolution als Verrat gegen die Nation, wenn man weiter den Dialekt benutzte. Aber es schien sich auch um einen Verrat gegen die guten Manieren zu handeln, denn überall hingen Plakate mit der Anschrift „Verboten im Dialekt zu sprechen und auf den Boden zu spucken“. Manche Dialekte wurden als degeneriert bezeichnet und
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mit deren Benutzung ging Frankreich das Risiko ein, dass seine reine Sprache und seine gesamte Nation auch entartet werden. Die Dialekte waren etwas Hybrides, Schmutziges, das jedenfalls keinen Platz neben dem reinen diplomatischen Französisch haben durfte.
Die Lehrmethoden radikalisierten sich und bezogen sich nur auf eine einzige und sehr komplexe Grammatik (Grammaire Française, Noel et Chapsal, 1823). Die Orthographie war damals so kompliziert, dass es nur wenigen Schülern gelang, sie richtig zu lernen 6 . Die Rechtschreibung wurde daher zum Klassensymbol, dem sozial immer mehr Bedeutung beigemessen wurde, denn sie fiel den Kindern aus bürgerlichen Kreisen natürlich leichter. Ganz egal, ob die Grammatik eigentlich nur aus Ausnahmen bestand und dass sie der gesprochenen Sprache nicht entsprach, die Hauptsache war, dass die Sprache rein war und unverändert blieb.
Dazu kam noch diese Angst, dass nicht nur die Sprache durch Lehnwörter und Fremdwörter verarmt wird, sondern dass diese auch den Geist verkümmern lieβen. Diese Angst wurde durch die Theorie der linguistischen Relativität nur noch verstärkt 7 . Wilhelm von Humboldt war der Gründer dieser Theorie, die erklärt, dass zwei Personen aus verschiedenen Nationalitäten durch die innere Sprachform ihrer Sprache auch verschiedene Arten haben, die Welt zu betrachten. In dem Vorwort des in 1835 erschienenen Wörterbuches der Académie Française ist der Gedanke ebenfalls zu finden :
„Une langue, c’est la forme apparente et visible de l’esprit du peuple ; et lorsque trop d’idées étrangères entrent à la fois dans cette forme, elles la brisent et la décomposent ; et à la place d’une physionomie nationale et caractérisée, vous avez quelque chose d’indécis et de cosmopolite » 8 (eine Sprache ist die erkennbare und sichtbare Form des Volksgeistes, und wenn zu viele fremde Ideen gleichzeitig in diese Form eintreten zerbrechen und zerstören sie sie ; und anstatt einer nationalen und eindeutigen Physiognomie erhält man etwas Unbestimmtes und Kosmopolitisches, Übersetzung der Referentin).
Jean Marc Dewaele ist demzufolge der Meinung, dass es sich bei diesem Kampf selten um die bloβe Reinheit der Sprache handelte, sondern dass die Angst sich eher mit der Zerstörung des latenten Systems der französischen Denkweise vermischte. Die Tatsache, dass diese Theorie der Weltanschauung und der linguistischen Relativität sich für eine sehr lange Zeit durchsetzte, ist ein zusätzliches Erklärungselement dafür, dass man sich in der französischen Elite so lange weigerte, Fremdwörter anzunehmen.
7 Vgl. DEWAELE J.-M. in Current Issues in Language and Society, 1999
8 Vgl. BAUM R. 1989
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Magister phil. Marine Espinat, 2006, Anglizismen im Französischen, München, GRIN Verlag GmbH
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