Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG 3
2 DIE ANFÄNGE DER LEGASTHENIEFORSCHUNG ZU BEGINN DES 20.
JAHRHUNDERTS 5
2.1 Die wissenschaftlichen Vorläufer des Begriffes „Legasthenie“ 5
2.2 Die Einführung des Begriffes „Legasthenie“ durch Paul Ranschburg 7
3 DIE PHASE DER PSYCHOLOGISCHEN FORSCHUNG NACH DEM
ZWEITEN WELTKRIEG 8
3.1 Die Diskrepanztheorie nach Maria Linder 8
4 VERSCHIEDENE ANSÄTZE DER LEGASTHENIEFORSCHUNG IN DEN
70ER JAHREN 10
4.1 Renate Valtins Versuch einer operationalen Definition. 10
4.2 Lotte Schenk-Danzigers ätiologische Sichtweise 13
5 LEGASTHENIEGEGENBEWEGUNGEN 14
5.1 Karl Sirchs Kritik am Legastheniekonzept 14
6 „LEGASTHENIE“ AUS HEUTIGER SICHT 18
6.1 Das LOS als Beispiel einer außerschulischen Fördermaßnahme LRS
betroffener Kinder 19
LITERATURVERZEICHNIS 21
1 Einleitung
Legasthenie oder Lese-Rechtschreibschwäche, Schlagwörter der heutigen Zeit, die immer stärker Einzug in das Schul- und Familienleben von Schulkindern nehmen. Es ist allerdings nicht so, dass dieses Problem erst in den letzten Jahrzehnten in denen es zunehmend an Bedeutung gewonnen hat, entstanden ist, es existiert schon immer. Bedeutende Personen, denen eine Lese-Rechtschreibschwäche nachgesagt wird waren zum Beispiel Duden oder auch Goethe.
Die hier vorliegende Arbeit beschäftigt sich im Wesentlichen mit dem geschichtlichen Verlauf der Legasthenieforschung vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis heute. Sie liefert einen groben Überblick über die bedeutendsten Strömungen und deren Vertreter, aufgrund der Fülle an Literatur und Forschungsmaterial und dem im Vergleich dazu begrenzten Spielraum einer Hausarbeit, muss darauf verwiesen werden, dass diese keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann, sondern die jeweiligen Strömungen nur kurz anreißt. Des Weiteren muss darauf verwiesen werden, dass die jeweiligen Definitionen der Legasthenie stark abhängig sind vom Feld des Verfassers, Medizinern, Psychologen oder Pädagogen, und deshalb sehr stark voneinander abweichen können.
Anfang des neunzehnten Jahrhunderts sind es vor allem Mediziner, die sich mit dem Phänomen beschäftigen, dass Kinder, die sich im geistigen Leistungsbereich auf einem normalen Niveau befinden, nicht in der Lage sind zu lesen oder zu schreiben. Bedeutender Vorreiter ist hier der ungarische Neurologe Karl Ranschburg, der den Begriff „Legasthenie“ nachhaltig prägt. Nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt sich dann vor allem die Psychologie mit der Legasthenie, im Rahmen der psychologischen Erforschung des Lese-vorgangs. Hier ist vor allem Maria Linders Diskrepanzdefinition wegweisend bis in die 70er Jahre.
Die Legasthenieforschung in Deutschland erlebt in diesem Zeitraum einen Boom. Ihr folgen zahlreiche Wissenschaftler, die sich mit dem Phänomen be-
schäftigen, Ursachen und Symptome suchen bzw. Heilungs- oder Behandlungsmethoden erforschen. Dies geschieht bis in die 70er Jahre vor allem durch Reihenuntersuchungen, in denen man versucht durch standardisierte Testverfahren eine operationale Definition für Legasthenie zu finden, um so den betroffenen Personenkreis genau festzulegen (z.B. Valtin). Eine andere Sichtweise übernimmt in dieser Zeit Lotte Schenk-Danziger mit der ätiologischen Sichtweise dieses Problems.
Durch die Fülle an Arbeiten und die daraus resultierende starke Verwirrung hinsichtlich der Ätiologie, Symptomatik, Diagnostik und Förderung erhebt sich in den 70er Jahren eine große Legastheniegegenbewegung mit den bedeutendsten Vertretern Schlee und Sirch. Diese bemängeln vor allem, dass das Kind als Betroffener immer mehr aus dem Blickfeld gerät bzw. die Ursachen allein in ihm gesehen werden, anstatt im schulischen Bereich. Heute hält die Diskussion über Ätiologie, Symptomatik, etc. unvermindert an. Einerseits ist die Lese-Rechtschreibstörung als Krankheit von der WHO anerkannt, auf der anderen Seite wird von Pädagogen verlautet, dass LRS in erster Linie ein pädagogisches Problem darstellt (Naegele & Valtin, 2001). Der Markt zur Behandlung von Lese-Rechtschreibproblemen platzt fast aus allen Nähten und fast jedes Institut bzw. jede Internetseite bietet ein persönliches Konzept mit Ursache, Symptomen und Behandlung an, so dass es vor allem für Betrof- fene schwierig ist, den Überblick zu behalten.
2 Die Anfänge der Legasthenieforschung zu Beginn des 20. Jahrhunderts
2.1 Die wissenschaftlichen Vorläufer des Begriffes „Legasthenie“
Beschäftigt man sich intensiver mit Literatur zur Geschichte der Legasthenie-forschung, so wird deutlich, dass es zunächst ausschließlich Mediziner sind, die sich vor und um 1900 mit dem Phänomen beschäftigen, dass sonst „normale“ Kinder, d. h. Kinder mit durchschnittlicher oder auch überdurchschnittlicher Intelligenz im normalen geistigen Leistungsbereich, nicht in der Lage sind, mehrsilbige Wörter zu lesen oder nach Diktat korrekt zu schreiben (Schenk-Danziger, 1991, S. 19).
In den ersten Vorstellungen über die Leseunfähigkeit sowie auch in den ersten Definitionsversuchen der Legasthenie oder Wortblindheit schlagen sich vor allem die neuesten Untersuchungsergebnisse zur Aphasie und Alexie in dieser Zeit durch (Valtin, 1973, S. 15)
1877 führt der Internist Adolf Kussmaul (1822-1902) in seiner Arbeit „Die Störungen der Sprache“ den Terminus der „Wortblindheit“ für den Verlust der Lesefähigkeit ein. Er bezeichnet hierbei den Zustand, dass ein Patient trotz intakten Sehvermögens, intakter Sprachfähigkeit und normaler Intelligenz unfähig ist, sichtbare bzw. geschriebene Worte zu lesen als (erworbene) Blindheit für Worte (caecitas syllabaris et verbalis).
Diese Bezeichnung wird in den Jahren 1895-1897 von den Ärzten James Hinshelwood, Bradford James Kerr und Pringle Morgan übernommen und popularisiert (Schenk-Danziger, 1975, S. 2 f.)
Im Dezember 1895 veröffentlicht der Glasgower Augenarzt James Hinshelwood (1859-1919) seine Erkenntnisse zur „Wortblindheit“ in der Zeitschrift „Lancet“. Die Ursachen für dieses Phänomen liegen seiner Erkenntnis nach in einer Störung des visuellen Gedächtnisses und in drei verschiedenen Formen vorliegen: Caecitas litteralis (Unfähigkeit einzelne Buchstaben zu erkennen), Caecits syllabaris et verbalis, sed non litteralis (Einzelbuchstaben werden richtig
tig erkannt und benannt, sie können jedoch nicht zu einem Wort zusammengesetzt werden), Caecitas syllabaris et verbalis (Golkenrath, 1984, S. 52). Angeregt durch diese Arbeit veröffentlicht der englische Augenarzt William Pringle Morgan seinen Fall eines vierzehnjährigen Jungen, der trotz normaler Intelligenz und großer Anstrengung nicht lesen lernen kann, ohne dass ein Augenfehler oder eine organische Krankheit vorliegt. Hierbei übernimmt er dann auch Kussmauls Terminus der „Wortblindheit“, den er aber zur Abgrenzung von der ähnlichen, erworbenen Störung zur „kongenitalen (angeborenen) Wortblindheit erweitert. Seiner Meinung nach ist eine mangelhafte Entwicklung des Gyrus angularis, eine kongenitale Reifungsstörung des optischen Wortbildungszentrums der Auslöser dieses Phänomens (ebd., S. 53) 1897 veröffentlicht dann die Zeitschrift „Journal of the Royal Statistic Society“ eine Arbeit des Amtsarztes James Kerr mit dem Titel „school hygiene in its mental, moral and physical aspects“ zum Thema der vielfältigen Faktoren, die die Schulleistung beeinflussen können. Im Zuge dieser Arbeit klassifiziert Kerr die Schülerschaft in drei verschiedene Gruppen:
• Schüler die eine normale Schule besuchen können
• Schüler, die unter bestimmten Bedingungen entwicklungsfähig sind, jedoch keine Regelschule besuchen können
• Schüler mit unterdurchschnittlicher Intelligenz, die aus der Schule ausgeschlossen werden müssen.
Daneben beschreibt er jedoch auch noch so genannte „ungewöhnliche Begabungsfälle mit bizarren Defekten“, die für die Regelschule geeignet sind, jedoch nur, wenn ihr Problem erkannt wird und sie entsprechende Förderung erhalten:
„So kann die Schwere einer Agraphie, wie in einem meiner Fälle, fast hoffnungslos für den Lehrer sein. Es handelt sich um einen Jungen, der im Rechnen ordentliches leistet, so lange arabische Ziffern verwendet werden, jedoch beim Diktat in sauberer Handschrift Unleserliches produziert; dieser Junge mit Wortblindheit, der die einzelnen Buchstaben kennt, ist eine Sorge…“ (zitiert nach Golkenrath, 1984, S. 54)
Arbeit zitieren:
Myriam Ulrich, 2004, Zur Geschichte der Legasthenieforschung, München, GRIN Verlag GmbH
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