Inhaltsverzeichnis:
1.Einleitung 3
2.Theorien abweichenden Verhaltens. 4
2.2. Theorien abweichenden Verhaltens 6
3.Vergleich der Theorien abweichenden Verhaltens. 13
3.1 Erkenntnisabsicht, Erklärungskraft und praktische Umsetzung ätiologischer Theorien. 13
3.2. Erkenntnisabsicht, Erklärungskraft und praktische Umsetzung des Kontrollparadigmas. 15
3.3 Die Theorien in der Einzelbetrachtung 17
4. Fazit: Betrachtung der Theorien in ihrer möglichen Anwendbarkeit 20
Literatur : 26
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1.Einleitung
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit klassischen Theorien abweichenden Verhaltens und versucht diese in der Kriminologie zu verorten. Dabei geht es zuerst darum, ausgewählte Theorien der Delinquenz darzustellen und die wissenschaftstheoretische Entwicklung der Kriminologie im Groben nachzuvollziehen. Der Einfluss bestimmter theoretischer Gebilde sagt gleichzeitig etwas über das vorherrschende Paradigma der Kriminologie in der jeweiligen Epoche aus und verweist damit auf den soziokulturellen Hintergrund der wissenschaftlichen Erforschung von abweichendem Verhalten. Unter 2. werden die wissenschaftshistorischen Richtungen der Kriminologie und die Einflüsse der Nachbardisziplinen, vorwiegend der Soziologie und Psychologie vorgestellt. Anschließend folgt eine Zusammenfassung der zentralen Thesen der klassischen kriminologischen Theorien, nämlich der Anomietheorie, der Subkulturtheorie, der Theorie differentiellen Lernens und des Labeling Approach. Dabei habe ich versucht, die Theoriekonstrukte als logisch aufeinander aufbauende Thesen zu verfassen, um so über die einzelnen Auffassungen und Interpretationen der Realität mehr Klarheit zu erlangen. Die Theorien beziehen schließlich verschiedene Aspekte des abweichenden Verhaltens und seines gesellschaftlichen Verarbeitungsprozesses mit ein; sie richten ihren Fokus in unterschiedlicher Weise auf soziale Tatbestände aus. Dementsprechend versuche ich unter 3. die Theorien miteinander zu vergleichen und zwar unter den Aspekten der Zielintention und methodologischen Konstruktion. Dadurch sollten Reichweite und Menschenbild der Theorien klarer werden, so dass unter 4. eine Diskussion um die jeweilige Theorie in ihrer Anwendbarkeit möglich ist. Um diese Diskussion zu konkretisieren und mit aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen zu verknüpfen, möchte ich am Beispiel der Veröffentlichung der Identität von Sexualstrafftätern bei Behörden und auch in der Öffentlichkeit verschiedene theoretische Aussagen der Theorien der Delinquenz abarbeiten. Das heißt: was konkret kann zu dem im letzten Satz angedeuteten Diskussionsgegenstand von der jeweiligen Theorie ausgesagt werden?
Diese Arbeit beansprucht nicht einen vollständigen und erschöpfenden Überblick über Theorien abweichenden Verhaltens zu geben, sondern einige zentrale Aspekte darzustellen und zu diskutieren.
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2.Theorien abweichenden Verhaltens
2.1. Die wissenschaftstheoretische Entwicklung der Kriminologie seit dem 18. Jahrhundert Obwohl kriminologische Überlegungen weit vor dem 18. Jahrhundert existierten, beginne ich in diesem Überblick über die Entwicklungsrichtungen der Kriminologie mit ihrer neueren Geschichte ab der Mitte des 18. Jahrhunderts. Die theoretische Fundierung der klassischen Kriminologie liegt in der Aufklärung und dem sich darauf beziehenden Menschenbild: ebendieser gilt als frei und rational. Er hat die Möglichkeit seine Entscheidungen frei zu treffen und ist bestrebt, seinen Nutzen durch die Anwendung von Rationalität zu maximieren. Im Anschluss daran gelten die Menschen als gleich und selbstverantwortlich für ihr Handeln. Aufgrund dieser Grundlagen betrachtet die klassische Kriminologie, die vor allem mit dem Namen Beccaria verknüpft ist, Kriminalität als Wechselspiel zwischen Individuum und Gesellschaft. Da alle gleich sind, kann jeder von Delinquenz betroffen sein und wird es auch, wenn die gesellschaftlichen Bedingungen dazu führen. Wenn verschiedene Individuen in gleichen Situationen gleich rational oder irrational handeln, muss der Auslöser dafür bei der sozial determinierten Bedingung gesucht werden, denn der Täter ist theoretisch bei gleicher Reaktion individuell austauschbar. Im Mittelpunkt des klassischen kriminologischen Interesses steht deshalb die Tat und nicht der Täter und daher ist auch Rechtfertigung von Strafe nur insofern möglich, als durch sie größeres Übel verhindert werden soll. Viel wichtiger sind die Prävention und die Beseitigung gesellschaftlicher Bedingungen, die zu delinquentem Verhalten führen. Sanktionen haben im Allgemeinen die Sozialschädlichkeit der Tat zu berücksichtigen und präventiv zu wirken. Ohne hier vorgreifen zu wollen, möchte ich noch erwähnen, dass die klassische Schule mit ihren Aussagen bereits einige Grundthesen des Labeling Approach formuliert. Ähnlichkeiten ergeben sich vor allem in der Ablehnung individueller Ursachenforschung und der Stigmatisierung des Täters. Abweichendes Verhalten ist in der klassischen Kriminologie ähnlich wie beim Labeling Approach eine definitorische Zuschreibung.
Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt sich eine biologische Kriminologie, die sich gegen die Auffassungen der klassischen Kriminologie richtet. Diese Richtung ist mit dem Namen Lambroso („L´uomo delinquente“) verknüpft und untersucht in erster Linie den Täter. Dieser steht mit seiner biologischen und genetischen Konstitution im Mittelpunkt der Forschung. Abweichendes Verhalten entsteht nicht aufgrund gesellschaftlicher Konstitution, sondern durch individuelle Dispositionen des Einzelnen, die an Äußerlichkeiten festzumachen sind. Beispielsweise stehen bestimmte Körpermerkmale wie Nase, Stirn, Hände usw. für charakterliche Eigenschaften und der Delinquente ist so direkt erkennbar. Die Haltbarkeit dieser Vorstellungen kann man erst im Lichte der darwinschen Evolutionstheorie verstehen, deren Einfluss zu diesem Zeitpunkt auf die Wissenschaft im Allgemeinen sehr ausgeprägt war.
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Zu Beginn des 20. Jahrhunderts nahmen vor allem die Psychologie und die neu begründetet Soziologie ihren Einfluss auf die Kriminologie. Nach Durkheim ist Delinquenz aus soziologischer Perspektive vor allem in gesellschaftlichen Bedingungen zu suchen als in individuellen. Kriminalität als sozialer Tatbestand lässt sich nur durch Soziales erklären. Die Psychologie hingegen bildete einen theoretischen Gegenpol und betonte die psychische Verantwortlichkeit für abweichendes Verhalten, vor allem aufgrund der individuellen psychischen Konstitution und der vor allem durch Freud begründeten psychoanalytischen Psychopathologie. Freud interpretiert delinquentes Verhalten als unbewussten Wunsch nach Strafe, der sich aus dem Ödipuskomplex herleitet. Als Legierung verschiedener Perspektiven kann der in dieser Zeit ebenfalls entstandene Mehrfaktorenansatz der Glücks bezeichnet werden. Sie versuchten verschiedene Faktoren zu verbinden und statistisch nachweisbar zu machen. Laut der einschlägigen Literatur blieb dieser Versuch aber ohne größere Bedeutung.
Tannenbaum begründete schließlich Mitte des 20. Jahrhunderts eine neue Theorie an der Schnittstelle von Soziologie und Kriminologie den Labeling Approach, der einen kriminologischen Paradigmenwechsel vorbereitete. In Tannenbaums Interesse lagen vor allem die Instanzen der sozialen Kontrolle als Produzenten delinquenten Verhaltens. Damit wandte sich das Interesse nicht mehr nur der Tat oder dem Täter zu, sondern auch den gesellschaftlichen Institutionen zur Strafverfolgung und zum Straffvollzug. Abweichendes Verhalten ist durch Instanzen im Zentrum gesellschaftlicher Macht per Definition festgelegtes Verhalten.
Auf den Aussagen des Labeling Approach gründete sich ab den 60er Jahren die radikale oder kritische Kriminologie. Diese trachtete nach einer Absetzung von der traditionellen Kriminologie und betrachtet Delinquenz nicht als pathologisches Verhalten, da es auf der Basis sozialer Bedingungen oft eine funktionale Problemlösungsstrategie darstellt. Die traditionelle Kriminologie ist insofern absolutistisch, denn sie ist individuenzentriert und erkennt die Mechanismen sozialer Zuweisung von Kriminalität nicht. Normative Strukturen werden als objektiv interpretiert und nicht mehr hinterfragt, was zu einer hohen gesellschaftlichen Verwertbarkeit der traditionellen Kriminologie führt. Ebenso seien die auf der traditionellen kriminologischen Sichtweise aufgebauten systemkonformen Resozialisationsmaßnahmen schädlich für das Individuum und diese Schädigung werde bewusst ausgeblendet. Die kritische Kriminologie will hingegen die Sicht des Kriminellen einnehmen und auf der Basis des Symbolischen Interaktionismus das Handeln nachvollziehen; kriminelles Handeln konstituiert sich nämlich aus Interaktionen, deren Hintergrund oft verborgene gesellschaftliche Mechanismen sind. Durch eine Analyse der ökonomischen Bedingungen soll gezeigt werden, dass die Kriminalisierung Ausfluss der Klassenstruktur und somit Machterhalt der Besitzenden ist. Im folgenden Teil werden nun zentrale Theorien abweichenden Verhaltens dargestellt. Das Schaubild am Anfang soll eine Übersicht ätiologischer (nach den Ursachen fragender) Theorien geben.
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2.2. Theorien abweichenden Verhaltens
(frei nach Lamnek 1993)
Die Anomietheorie
Der Begriff der Anomie wurde von dem Soziologen Emile Durkheim 1893 eingeführt. Anomie bezeichnet Regel - oder Normlosigkeit im Rahmen sozialer Desintegrationsprozesse im Gefolge gesellschaftlicher Differenzierung. Durkheim beschäftigte sich intensiv mit der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und ihren Auswirkungen. Aufgrund dieser Überlegung gelangte Durkheim zu der Ansicht, dass die sozialen Beziehungen in komplex arbeitsteilig organisierten Gesellschaften zunehmend problematischer und weniger befriedigend sein werden. Dadurch ergibt sich wiederum eine erhöhte Chance auf einen Zustand der Anomie, also einen Zustand der keine gemeinsame Verbindlichkeiten, Erwartungen und Regeln zur Steuerung sozialer Beziehungen beinhaltet. 1897 modifiziert Durkheim seine Theorie im Rahmen der Untersuchungen zum Selbstmord. Er baut seine Theorie auf einem bestimmten Menschenbild auf und bewegt sich von der kollektiven zur individuellen Ebene:
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1. Im Gegensatz zum Tier kennt der Mensch keine Eingrenzung seiner Bedürfnisse und Phantasie.
2. Daher lebt der Mensch in einem permanent unbefriedigten Zustand, in dem die Wünsche die Mittel übersteigen.
3. Zur Dämpfung dieses Zustandes bedarf es einer anerkannten Autorität, die die Wünsche an die realen Möglichkeiten anpasst.
4. Diese Autorität kann laut Durkheim nur von der Gesellschaft ausgehen, denn sie legt klassenschicht- und kulturspezifisch die Regeln und Privilegien der gesellschaftlichen Gruppen fest. 5. Bei richtiger Konfiguration erleben die gesellschaftlichen Gruppen ein Gefühl von Lebensfreude und Einklang, es bedarf aber weiterhin einer Autorität, die aufgrund der natürlichen Ungleichheit der Menschen die weniger Begünstigten ihre Position akzeptieren lässt.
6. Im Fall gesellschaftlicher Schwankungen ist das Gleichgewicht und die Regel- und Verhältnismäßigkeit gestört und es kommt zu einem Zustand der Ungewissheit in dem nicht mehr transparent ist, welche Ansprüche und Hoffnungen gelten oder nicht. Folglich gibt es nichts mehr, dass man nicht erstreben könnte.
Dieses Aussagen schließen mehrere kriminologische Aussagen mit ein. Durkheim betrachtet aufgrund der gesellschaftlichen Produktion von Delinquenz Kriminalität als eine übliche und in allen Gesellschaften existierende Tatsache. „Kranke“ Gesellschaften erkenne man eher an Schwankungen der Häufigkeit von abweichendem Verhalten. Allgemein würde in Notzeiten regelmäßig sehr wenig Delinquenz festgestellt.
Durch seine Anomietheorie leitet Durkheim den Übergang von den individuellen, biologischen und psychologischen, Theorien zu den soziologischen, strukturell-funktionellen, Theorien ein. Und er nimmt wie bereits kurz erwähnt die wesentliche Aussage des Labeling Approach vorweg, indem er die Verantwortlichkeit für die Definition abweichenden Verhalten bei den Instanzen der sozialen Kontrolle festmacht. Außerdem leitet er eine positive Funktion des Verbrechens ab, denn: „Wie oft ist das Verbrechen bloß eine Antizipation der künftigen Moral, der erste Schritt in dem, was sein wird.“ (Lamnek, 1993:113). Das Verbrechen sorgt für das Bewusstwerden der Kollektivgefühle der Gesellschaft, stärkt die Integration im Zuge der Abgrenzung vom Abweichler und hält damit die kollektive Moral liquide. Damit bereitet das Verbrechen die Änderung gesellschaftlicher Moralitäten vor und sorgt für gesellschaftlichen Wandel. Die Strafe sieht Durkheim nicht als Allheilmittel, denn wenn etwas Delinquentes nicht krankhaft ist, kann die Strafe nicht das Allheilmittel sein. Die Anomietheorie erfährt schließlich noch einige Erweiterungen von verschiedensten Theoretikern. Als bedeutend lässt sich dabei der Ansatz von Merton hervorheben. Er führt eine weitere
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Arbeit zitieren:
André Kloska, 2005, Theorien abweichenden Verhaltens, München, GRIN Verlag GmbH
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