2
Inhaltsverzeichnis
1 Vorbemerkungen 4
1.1 Definitorische Abgrenzung des Begriffs „Verbrauchsgut“ 4
1.2 Bemerkungen zum Begriff „Verbrauchsgüterstruktur“ 4
1.3 Die Verbrauchserhebung und ihre Methoden 5
2 Beiträge zur Verbrauchsgüterstruktur 6
2.1 Vergleich der Verbrauchserhebungen von 1927/28 und 1937 6
2.1.1. Kurze Schilderung der allgemeinen Wirtschaftslage zu beiden Vergleichszeitpunkten
6
2.1.2. Statistische Schwierigkeiten eines Vergleichs 6
2.1.3. Vergleich der Ausgaben für Verbrauchsgüter in v.H. der Gesamtverbrauchsausgaben
8
2.1.4. Vergleich der absoluten Ausgaben pro Haushaltung für die wichtigsten
Verbrauchsgüter und Gegenüberstellung der tatsächlich verbrauchten Mengen an
Nahrungs - und Genussmitteln 12
2.1.5. Zusammenfassung, Ergebnis 15
2.2 Die Entwicklung des privaten Verbrauchs unter dem Einfluss der nationalsozialistischen
Wirtschaftspolitik 17
2.2.1. Konjunkturpolitische Ausgangslage 17
2.2.1.1. Maßnahmen zur Förderung der wirtschaftlichen Aktivitäten 17
2.2.1.2. Die Devisenkrise und ihre Folgen für den privaten Verbrauch 18
2.2.2. Die Entwicklung des Verbrauchs 18
2.2.2.1. Kurze Darstellung der Verbrauchsänderungen 1933 vs. 1932 19
2.2.2.2. Die Entwicklung ab 1933 19
2.2.2.3. Zusammenfassung 22
2.2.3. Die Entwicklung der Verbrauchsgüterproduktion 23
2.2.3.1. Im Ernährungssektor die Fett- und Eiweißfutterlücke 23
2.2.3.2. Im Sektor der industriell erzeugten Verbrauchsgüter 25
2.2.3.3. Das Verhältnis zwischen Verbrauchs- und Produktionsgüterindustrie 28
2.2.3.4. Zusammenfassung 28
2.2.4. Die Rolle der Verbrauchslenkung 29
2.2.4.1. Die Ziele der Verbrauchslenkung 29
2.2.4.2. Die Mittel der Verbrauchslenkung 30
2.2.4.2.1. Direkte Verbrauchslenkung 30
2.2.4.2.2. Indirekte Verbrauchslenkung 31
2.3. Ergebnisse des Vergleichs der Verbrauchserhebungen von 1927/28 und die
Entwicklung des Pro-Kopf-Verbrauchs von 1933 - 1937 33
3 Die Entwicklung der Verbrauchsgüterpreise 1933 -38 34
3.1. Die Entwicklung der Preise für agrarische Nahrungsmittel unter dem Einfluss der
staatlichen Preispolitik 35
3.1.1. Ziele der Preispolitik im Sektor der Landwirtschaft 36
3.1.1.1. Allgemeine Besserung der Lage der Landwirtschaft 36
3.1.1.2. Produktionslenkung 37
3.1.2 Die Mittel 37
3.1.2.1. Aufbau des Reichsnährstandes bzw. der Reichsstellen ihre Befugnisse und
Organe 37
3.1.2.2. Setzung von Festpreisen Beispiele für einige wichtige Gebiete 38
3.1.2.3. Preisentwicklung und -bildung bei importierten Nahrungsmitteln 40
3.1.2.4. Allgemeine Bemerkungen zum Festpreissystem bei landwirtschaftlichen Produkten
42
3.2. Die Entwicklung der Preise für einige wichtige industrielle Fertigwaren 42
3.2.1. Die Periode der Preisüberwachung vom 30 1 33 bis 29 10 36 43
3
3.2.1.1. Einwirkungen auf die gebundenen Preise
3.2.1.2. Einwirkungen auf die freien Preise 3.2.1.3. Preispolitische Einflussnahme bei importabhängigen Waren 3.2.2. Die Periode der Preisbildung vom 29.10.36 bis zum Ende des Untersuchungszeitraums
3.2.2.1. Die Befugnisse des Reichskommissars für Preisbildung 3.2.2.2. Die Preisstopverordnung
3.2.2.2.1. Ausnahmen vom Preisstop; Maßnahmen auf dem Gebiet der Textilwirtschaft …49 3.2.2.2.2. Gründe für Preissteigerungen speziell auf dem Gebiet der Textilwirtschaft …50 3.2.2.2.3. Versuche des Ausgleichs von Preissteigerungen
3.3. Zusammenfassung
4 Ausblick auf die weitere Entwicklung
4.1 Die staatliche Einflussnahme auf den Verbrauch nach 1939 4.2 Die weitere Entwicklung der Verbrauchsgüterpreise und staatliche Maßnahmen auf diesem Gebiet ...53
Quellenverzeichnis …54
4
1. Vorbemerkungen
1.1 Definitorische Abgrenzung des Begriffs „Verbrauchsgut“
Wenn im folgenden einige Beiträge zur Verbrauchsgüterstruktur gemacht werden sollen, so ist zunächst eine Abgrenzung des Begriffs „Verbrauchsgut“ vorzunehmen. Hierzu bieten sich in der Literatur mehrere Möglichkeiten an.
Da ist z.B. die Auffassung Stackelbergs 1 , der zur Gruppe der Verbrauchsgüter die Nahrungs-und Genussmittel, Roh-, Hilfs- und Kraftstoffe, sowie Halbfabrikate rechnet. Er erfasst hierbei also Güter der Produktions- wie der Konsumtionsstufe. Nicht zu den Verbrauchsgütern zählt er dauerhafte Güter, die von den Haushalten nachgefragt werden, wie z.B. Bekleidung, Hausrat u.ä. Sie bilden bei ihm eine eigene Gruppe.
Dieser Auffassung steht die von Hicks 2 gegenüber. Bei ihm fallen unter den Begriff „Verbrauchsgut“ nur solche Güter, die in den Begehrskreis der Haushalte fallen. Dabei unterscheidet er solche, die „bei ihrer Verwendung sofort ganz verbraucht werden (wie z.B. Nahrungsmittel, Brennstoffe, Tabak, Streichhölzer, Schreibpapier)“ und solche, deren Gutseigenschaft mehr oder minder lang bestehen bleibt. Diese Güter bezeichnet er als Gebrauchsgüter (z.B. Möbel, Kleidung, Hausrat, usw.). Oft werden sie auch als langlebige Verbrauchsgüter im Gegensatz zu den kurzlebigen, wie sie oben beschrieben sind bezeichnet.
Hier soll im wesentlichen die Hicks’sche Terminologie zugrunde gelegt werden. Wir beschränken uns also auf solche Güter, die unmittelbar von den Haushalten nachgefragt werde.
Dazu gehören einerseits in der Gruppe der kurzlebigen Verbrausgüter die Nahrungs- und Genussmittel, sowie anderer Güter, die immer wieder im Rahmen der Lebenshaltung gekauft werden müssen, andererseits in der Gruppe der langlebigen Verbrauchsgüter die von den Haushalten nachgefragten industriellen Fertigwaren wie Kleidung, Hausrat, Kleineisenwaren, Fahrräder u.ä., also Güter, die nicht immer wieder gekauft werden müssen, sondern nur, „wenn das Bedürfnis nach ihnen zum ersten Mal auftritt“, oder eine Erstanschaffung vorgenommen wird. 3
Im folgenden beschränken wir uns auf die wichtigsten Verbrauchsgüter wie Nahrungsmittel, Bekleidung und Hausrat. Ausgaben für Miete, Verkehr, Unterhaltung, Bildung, Reinigung u.ä., die ja zum Verbrauch i.e.S. gehören und auch in allen Preisindices für die Lebenshaltung berücksichtigt werden, sollen hier außer acht gelassen werden. Denn hier richtet sich die Nachfrage nicht auf Güter im strengen Sinn. Vielmehr tragen diese Dinge Dienstleistungscharakter; es handelt sich um immaterielle Güter.
1.2 Bemerkungen zum Begriff „Verbrauchsgüterstruktur“
Bei der Frage nach der Verbrauchsgüterstruktur innerhalb eines bestimmten Gebiets und Zeitraums steht im Vordergrund die Frage nach der Aufgliederung einer bestimmten Konsumsumme auf die einzelnen Bedarfsgruppen, also z.B. auf Güter des Existenzbedarfs, gehobenen und Luxusbedarfs, oder auf langlebige und kurzlebige Verbrauchsgüter 4 . Die Unterschiede, die hierbei bei den verschiedenen Bedarfsgruppen auftauchen, versucht man durch Unterschiede in der Haushaltsgröße, in der Haushaltszusammensetzung (Zahl
1 Vgl. Stackelberg, H.v., Grundlagen der Theoretischen Volkswirtschaftslehre, Tübingen - Zürich
1951, 2. Auflage, S. 6
2 Vgl. Hicks, J.,Einführung in die Volkswirtschaftslehre, München 1964, S. 35
3 Vgl. Hicks, a.a.O., S. 37
4 Vgl. Schmucker, H., Die langfristigen Strukturwandlungen des Verbrauchs der privaten Haushalte in
ihrer Interdependenz mit den übrigen Bereichen einer wachsenden Wirtschaft, in: Strukturwandlungen einer wachsenden Wirtschaft, Verhandlungen auf der Tagung des Vereins für Sozialpolitik, Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Luzern 1962, hrsg. Von F. Neumark, Berlin 1964, S. 110
5
der minderjährigen Kinder, u.ä.), in unterschiedlichem Altersaufbau, unterschiedlicher Ernährungsweise u.ä. zu erklären.
Einfluss auf die Verbrauchsstruktur übt weiterhin z.B. die Verteilung der Bevölkerung zwischen Stadt und Land aus 5 .
In der Regel wird der Verbrauch für bestimmte Güter für unterschiedliche Einkommensklassen dargestellt, so dass man sich ein Bild über die relative Wichtigkeit des einzelnen Gutes speziell für die betrachtete Einkommensklasse machen kann. In diesem Zusammenhang stößt man auf die Engel-Schwabschen Gesetze.
1.3 Die Verbrauchserhebung und ihre Methoden
Unter mehreren möglichen Methoden, solche Analysen durchzuführen, bediente man sich bei den hier relevanten Erhebungen der "unmittelbaren Verbrauchserhebung bei größeren Personengruppen nach der Repräsentativmethode" 6 . Dabei verpflichteten sich ausgewählte Haushalte für eine bestimmte Zeit - meist ein Jahr - über ihre Ausgaben und Einnahmen streng Buch zu führen. Da bei solchen Erhebungen mit jahresdurchschnittlichen Zahlen gearbeitet wird, bleiben eventuelle zeitliche Veränderungen unberücksichtigt. 7 Es liegt im Wesen einer derartigen Analyse, dass man infolge des notwendigerweise beschränkten Personenkreises für andere Jahre, in denen keine derartigen Verbrauchserhebungen durchgeführt wurden, keine Vergleichsmöglichkeit besitzt 8 , selbst wenn Zahlenmaterial über den Pro-Kopf-, bzw. den Verbrauch pro "Vollperson" vorliegen 9 .
2 Beiträge zur Verbrauchsgüterstruktur
Für eine Untersuchung der Verbrauchsgüterstruktur für den Zeitraum von 1933 bis 1938 steht nur eine detaillierte Verbrauchserhebung im obigen sinn zur Verfügung. Diese eine Erhebung wurde 1937 im Auftrag der Deutschen Arbeitsfront durchgeführt. Wir können also innerhalb des Betrachtungszeitraums keine Veränderung von Jahr zu Jahr innerhalb bestimmter Einkommensgruppen feststellen.
Um nun wenigstens einige längerfristige Entwicklungstendenzen des privaten Verbrauchs aufzeigen zu können, wollen wir die, der Verbrauchserhebung von 1937 vorausgehende, nämlich die von 1927/28 zum Vergleich heranziehen.
5 Vgl. Schmucker, H., a.a.O., S. 110
6 Vgl. Tornau, U., Verbrauchstatistik und Ernährung, in: Beihefte zur Zeitschrift "Die Ernährung",
Zeitschrift für das gesamte Ernährungswesen in Forschung, Lehre und Praxis, Heft 4, Leipzig 1938, S.
7 Vgl. Gollnick, H., Ausgaben und Verbrauch in Abhängigkeit von Einkommen und Haushaltsstruktur,
in: "Agrarwirtschaftliche Zeitschrift für Betriebswirtschaft und Marktforschung, Sonderheft 6/7, Hannover 1959, S.
8 Vgl. Tornau, U., a.a.o., S. 6
9 Durch die Methode, den Verbrauch je Vollperson auszuweisen, werden Unregelmäßigkeiten
ausgeschaltet, "die die verschiedene Kopfzahl und die unterschiedlichen Alters- und Geschlechtszusammensetzung der Haushaltungen mit sich bringen". Dieses Verfahren nimmt also Rücksicht auf die Bevölkerungszusammensetzung. So kommt z.B. bei der Pro-Kopf-Berechnung des Verbrauchs von Fleisch nicht zum Ausdruck, dass ja Familien mit vielen Kleinkindern weniger Fleisch verbrauchen als Familien, die nur aus Erwachsenen bestehen.
Bei der Umrechnung auf Vollpersonen wird 1927/28 als Einheit der Verbrauch einer erwachsenen männlichen Person gewählt. Kinder in den entsprechenden Alterstufen, sowie Frauen sind gemäß ihrem Anteil am Verbrauch eines erwachsenen Mannes auf Vollpersonen umgerechnet. Wirtschaft und Statistik (im folgenden zitiert als "WiSta"), 9. Jahrgang, 1929, Nr. 20, hrsg. Vom statistischen Reichsamt, S. 818
6
2.1 Vergleich der Verbrauchserhebungen von 1937 und 1927/28
Bei dieser komparativ statischen Betrachtung muß man natürlich die jeweilige gesamtwirtschaftliche Situation in den beiden Berichtsjahren berücksichtigen, weil hierdurch ja auch der Verbrauch der Haushalte maßgeblich beeinflusst wird.
2.1.1 Kurze Schilderung der allgemeinen Wirtschaftslage zu den beiden Vergleichszeitpunkten
Nachdem 1923, nach der Stabilisierung der Mark, der noch bis ca. 1924 anhaltende Schrumpfungsprozeß überwunden war, begann für Deutschland ein ungeahnter
konjunktureller Aufschwung. Im Jahr 1927 war Deutschlands Handel und Industrie lebhafter als zu irgendeiner Zeit vor der Stabilisierung. Die Auswirkungen dieser erhöhten Tätigkeit zeigten sich gleichmäßig in Erzeugung, Beschäftigungsgrad und Verbrauch 10 . So betrug die Zahl der Arbeitslosen, die 1925 noch rund 2 Millionen betragen hatte , 1927 nur noch 1,3 Mio; der Index der industriellen Produktion (1928=100) stieg von 82,9 in 1925 auf 96,3 in 1927 11 . Außerdem erfolgten 1927 die ersten bedeutenden Erhöhungen der Tariflöhne seit Ende 1925 und zwar um 7 - 10%, denen gegen Ende des Jahres erneut Lohnforderungen folgten 12 .
Auch die Preise zeigten seit Anfang 1927 allgemein steigende Tendenz; entsprechend erhöhte sich auch die Indexziffer für die Lebenshaltungskosten, die von 139,8 in 1925 (1913/14 = 100) auf 150,6 im November 1927 anstieg 13 . Insgesamt stellt sich als - im Vergleich zur vorausgegangenen Rezessionszeit - das Jahr 1927 als ein Jahr der Hochkonjunktur dar.
Dagegen zeigt das Jahr 1937 folgendes Bild: Nach Ingangkommen des Aufschwungs 1933 verringerte sich die Zahl der Arbeitslosen sehr schnell und betrug 1937 nur noch 912.000, lag also deutlich unter der Zahl von 1927 14 .
Das Volkseinkommen, das 1933 bei 46,5 Mrd. RM lag, stieg bis 1937 signifikant auf 71 Mrd. RM. Auch das Roheinkommen aus Lohn und Gehalt erreichte 1937 mit 39,53 Mrd. RM gegenüber 1933 einen vorläufigen Höchststand 15 . Berücksichtigt man noch die fast volle Auslastung der Kapazitäten, zeigt das Jahr 1937 das Bild einer, im konjunkturellen Aufschwung begriffenen Wirtschaft 16 .
Allerdings spiegeln diese Zahlen, wie noch zu zeigen sein wird, keinen normalen Konjunkturaufschwung, an dem alle Sektoren der Wirtschaft beteiligt sind, wider. Vielmehr wuchs, besonders nach der Verkündung des Vierjahresplans 1936 die Staatsquote ständig.
2.1.2 Statistische Schwierigkeiten des Vergleichs
Beim Vergleich der Verbrauchserhebungen von 1927/28 und 1937 ergibt sich eine Reihe von Schwierigkeiten, die auf die unterschiedlichen statistische Aufarbeitung und Erfassung zurückzuführen sind. Während sich die Erhebung von 1927/28, die vom März 1927 bis zum
10 Vgl. Deutschland unter dem Dawes-Plan, Die Reparationsleistungen im zweiten Teil des dritten
Planjahres; Der Bericht des Generalagenten vom 10. Dez. 1927 nebst Sonderberichten der Kommissare und Treuhänder, Berlin 1927, S. 153
11 Vgl. Guillebaud, C.W., The Economic Recovery of Germany, From 1933 to the Incorporation of
Austria in March 1938, Londen 1939, S. 14
12 Vgl. . Deutschland unter dem Dawes-Plan, a.a.O., S. 178
13 Vgl. . Deutschland unter dem Dawes-Plan, a.a.O., S. 183
14 Vgl. Statistisches Handbuch für Deutschland, 1928 - 1944, hrsg. V. Länderrat des amerikanischen
Besatzungsgebietes, München 1949, S. 484
15 Vierteljahreshefte zur Wirtschaftsforschung (im folgenden zitiert als "Vjh.z.W.), hrsg.v. E.
Wagemann, 14, Jg., 1939/40, NF, S. 12
16 Nicht ausreichend ausgelastet waren durch den Rückgang der Exporte die Anlagen der
Textilindustrie.
7
Februar 1928 durchgeführt wurde, auf 2036 Arbeiter-, Angestellten- und Beamtenhaushaltungen bezog, wurden bei der Erhebung von 1937 nur 350 typische Arbeiterhaushalte erfasst. Da 1927/28 die verschiedenen Berufsgruppen getrennt ausgewiesen wurden, kann man zum Zweck des Vergleichs den 350 Arbeiterhaushalten von 1937 die 896 von 1927/28 gegenüberstellen. Weitaus schwieriger ist die Wahl von sich entsprechenden Einkommensklassen. Während bei der Erhebung von 1927/28 die Haushaltungen in fünf Einkommensstufen aufgeteilt sind, sind es 1937 nur drei. Die Klassen sind wie folgt abgegrenzt:
Tabelle 1
Darüber hinaus ist auch die unterschiedliche Durchschnittszahl der Haushaltsmitglieder zu beachten. Während sie innerhalb der einzelnen Gruppen ziemliche Abweichungen aufweist, nähern sich die Zahlen für den Gesamtdurchschnitt stark an. 1927/28 betrug die Zahl 4,2, in 1937 4,1. Mit steigendem Einkommen nimmt in beiden Fällen die Familiengröße zu. 1927 setzte sich die "statistische Durchschnittsfamilie" zusammen aus Ehemann, Ehefrau, 1,8 Kinder unter 15 Jahren und 0,4 "sonstige Haushaltsmitglieder" 17 .
Welche Einkommensklassen sollen nun zum Zweck des Vergleichs gewählt werden? Schmucker 18 wählt in einem gleichartigen Vergleich die Einkommensstufen, die der Entwicklung des nominalen Einkommens je Einwohner entsprechen. Dieses Vorgehen wird damit begründet, "dass seit der Jahrhundertwende das (nominale) Einkommen je Erwerbstätigen bei etwa dem 1,8 bis 2 fachen des Einkommens je Einwohner" liegt. Dieses Ergebnis wurde auf Grund einer Untersuchung gewonnen, die diesen Sachverhalt für die Zeit nach der Jahrhundertwende bestätigte. Aus diesem Grund werden für den "Vergleich aus den Jahreserhebungen jeweils solche Haushalte "ausgewählt, "deren Einkommen dem 1,8 bis 2 fachen des Einkommens je Einwohner für das gleiche Jahr entspricht 19 .
Wenn wir uns dieser Vorgehensweise anschließen, kommen wir zu folgenden Einkommensstufen, die gegenübergestellt werden sollen:
Durch die Wahl dieser beiden Einkommensgruppen kann man nun die Werte der beiden Erhebungen vergleichen, ohne die unterschiedliche Kaufkraft zu beiden Zeitpunkten
17 Einzelschriften zur Statistik des Deutschen Reichs, Nr.22, 1932, Die Lebenshaltung von 2000 Arbeiter-, Angestellten- und Beamtenhaushaltungen, Erhebungen von Wirtschaftsrechnungen im Deutschen Reich vom Jahr 1927/28, Teil I, Berlin 1932, bearbeitet vom Statistischen Reichsamt, S. 17
18 Vgl. Schmucker, H., a.a.O., S.113 f
19
8
berücksichtigen zu müssen. (Die Kaufkraft der Reichsmark war 1937 wesentlich höher als 1927/28 20 ).
Die unterschiedliche Anzahl der Familienmitglieder, die - wenn auch nicht wesentliche -Verschiebungen in der Verbrauchstruktur auslösen wir, muß hier in Kauf genommen werden. 21
Schließlich sei noch auf einige Fehlerquellen von Verbrauchserhebungen hingewiesen. Nach Schmucker 22 werden z.B. grundsätzlich die Ausgaben für Genussmittel (Tee, Kaffee, alkoholische Getränke), sowie für Möbel und Hausrat zu niedrig angegeben. Der Grund dafür liegt einmal darin, dass die Ausgaben für Genussmittel, wie auch für fertige Mahlzeiten in Gasthäusern u.ä. der buchhaltenden Hausfrau nicht bekannt sind, weil sie von anderen Familienmitgliedern getätigt werden. Zum anderen werden, da ja nur schon bestehende Haushalte in Verbrauchserhebungen einbezogen werden, typische Ausgaben für einen neu zu gründenden Haushalt gar nicht, oder nicht ausreichend erfasst.
Für den folgenden Vergleich der beiden Verbraucherhebungen haben wir zwei Möglichkeiten: Zum einen kann man die Ausgaben je Arbeiterhaushaltung für bestimmte Güter gegenüberstellen und zwar sowohl in absoluten Beträgen (dann wird das Bild durch eventuell eingetretene Preisveränderungen natürlich verzerrt), als auch in Prozenten der jeweiligen Gesamtausgaben; zum anderen die verbrauchten Mengen in absoluten Zahlen.
2.1.3 Vergleich der Ausgaben für Verbrauchsgüter in Prozenten der Gesamtverbrauchsausgaben
Für den folgenden Vergleich der Ausgaben für bestimmte Güter in Prozenten der Gesamtverbrauchsausgaben bzw. Gesamtausgaben soll eine Einteilung in Güter des dringlichen und des gehobenen Bedarfs gewählt werden. 23 Dabei zählen zu den Ausgaben für den dringlichen oder auch starren Bedarf die Ausgaben für die elementaren Nahrungsmittel, für Wohnung, Heizung und ähnliche Bedarfsgruppen, deren Anschaffung sich bei Eintreten des Bedarfs nicht hinausschieben lässt. Zu den Gütern des gehobenen oder elastischen Bedarfs gehören z.B. alle Einrichtungsgegenstände, Genussmittel, kurz alle Güter, die nicht unmittelbar der Existenzsicherung dienen. Bei einem Vergleich der prozentualen Veränderungen der Ausgaben für diese beiden Bedarfsgruppen kommt - unterstellt man die Gültigkeit des Engelschen Gesetzes 24 - eine Veränderung des Lebensstandards der betrachteten Einkommensgruppen zum Ausdruck. Die Ausgaben für den starren Verbrauch machen dann bei sinkendem Einkommen einen wachsenden (oder zumindest gleichbleibenden) Teil an den Verbrauchsausgaben aus; die des elastischen Verbrauchs werden dagegen bei sinkendem Einkommen anteilmäßig immer mehr zurückgehen. 25
Tabelle 3 zeigt, wie sich die Ausgaben des starren bzw. elastischen Bedarfs anteilmäßig auf die gesamten Verbrauchsausgaben verteilen. Dabei entfallen auf diese beiden Gruppen zusammen im Jahr 1927/28 83,3%, im Jahr 1937 rund 87%. Die restlichen Ausgaben werden für Körper- und Gesundheitspflege, Bildung, Sport, Verkehrsmittel, Reinigung und andere Sektoren des privaten Verbrauchs mit Dienstleistungscharakter, sowie auch Zinsen,
20 Vgl. Kroll, G., Von der Weltwirtschaftskrise zur Staatskonjunktur, Berlin 1958, S. 621
21 Vgl. Mingers, H.., Wandlungen im Verbrauch von Nahrungs- und Genussmitteln in Arbeitnehmerhaushaltungen 1927-1955, in: Statistische Rundschau für das Land NRW, 8. Jg., 1956, Heft 10
22 Vgl. Schmucker, H., a.a.O., S. 114
23 In Anlehung an Schmucker, a.a.O., S. 30
24 Danach nimmt mit steigendem Einkommen die Ausgabe für Nahrungsmittel zwar absolut zu, relativ jedoch ab.
25 Vgl. Vierteljahreshefte zur Konjunkturforschung, hrsg. v. E. Wagemann, (im folgenden zitiert als: Vjh.z.K.), Teil A, Jg. 193536, S. 163
9
Geschenke, Unterstützungsleistungen etc. getätigt. 26 Diese Bereich sollen hier jedoch außer acht gelassen werden.
Tabelle 3
A. Starrer Bedarf Nahrungsmittel insgesamt dar. tierische Nahrungsmittel
dar. pflanzl. Nahrungsmittel
Unterkleidung u. Haushaltswäsche
Schuhe
B. Elastischer Bedarf
Getränke und Tabakwaren Fertige Mahlzeiten Oberkeidung Einrichtungsgegenstände Gardinen, Teppiche, Keller- und Gartengeräte, Fahrrad, Motorrad,PKW
sonst. pers. Bedarf elektrotechn. Geräte Quelle: Einzelschriften zur Statistik des Deutschen Reiches, a.a.O., S. 86 ff; Jahrbuch 1938, a.a.O., S.340 f; Schmucker,H., a.a.O., S. 160 f Die unter A und B aufgeführten Güter sind wiederum in Prozenten ihres Anteils an den Ausgaben für den starren bzw. elastischen Bedarf dargestellt. Dadurch erhält man innerhalb der beiden großen Gruppen ein Bild über die Dringlichkeit des Bedarfs der einzelnen Güter.
Während die Gesamtausgaben für den starren Bedarf von 70,1% im Jahr 1927 auf 72,9% in 1937 anstiegen, erhöhten sich die Ausgaben für den gehobenen Bedarf nur um 0,6%. Hierin kommt die ungünstige Entwicklung des Pro-Kopf-Einkommens zum Ausdruck, das 1937 den Stand von 1927 noch nicht erreicht hatte. 27
Dabei nahmen die Ausgaben für Nahrungsmittel des starren Bedarfs anteilmäßig insgesamt um 0,9% zu; der Anteil an hochwertigen tierischen Nahrungsmitteln nahm um 1,6%, der an pflanzlichen Nahrungsmitteln um 0,6% ab.
Die Abnahme innerhalb der beiden Gruppen verteilen sich allerdings nicht gleichmäßig auf all, zu den jeweiligen Gruppen gehörigen Gütern. Vielmehr fand eine mehr oder minder starke Verschiebung statt. Betrachten wir als Beispiel die Veränderungen innerhalb der Ausgaben für Fleisch und Fleischwaren. Während 1927/28 ihr Anteil an den Gesamtausgaben für Nahrungsmittel 24,9% betrug, ging er bis 1937 auf 24,5% leicht zurück. Dabei zeigten sich in den Ausgaben für die einzelnen Fleischsortenfolgende Veränderungen:
26 Vgl. Schmucker, H., a.a.O., Tabelle 5, S. 160
27 Vgl. Schmucker, H. a.a.O., S. 161
10
Tabelle 4: Anteil der Ausgaben für Fleisch und Fleischwaren an den
Quelle: Einzelschriften zur Statistik des Deutschen Reichs, a.a.O., S. 86 und Jahrbuch 1938, a.a.O., S. 342
Man sieht, dass sich hier eine Verbrauchsverschiebung von den teureren zu den billigeren Waren vollzogen hat. Rind- und Schweinefleisch, also relativ billige Sorten hatten Anstiege zu verzeichnen, während der Ausgabenanteil für Kalbfleisch etwas zurückging.
Innerhalb der Ausgabengruppe für pflanzliche Nahrungsmittel zeigt sich bei Milch und Milcherzeugnissen ein ähnliches Bild. Auf die verschiedenen Milchsorten entfielen in 1927/28 insgesamt 11,5% der Gesamtausgaben für Nahrungsmittel, 1937 betrug dieser Anteil nur noch 9,7%. Der Ausgabenanteil der verschiedenen Milcherzeugnisse zeigt folgende Veränderung:
Tabelle 5: Anteil der Ausgaben für Milch und Milcherzeugnisse an den Gesamtausgaben für Nahrungsmittel (in %)
Quelle: Einzelschriften..., a.a.O., S. 86 und Jahrbuch 1938, a.a.O., S 342
Wie weiter unten noch zu zeigen sein wird, sind die meisten dieser Änderungen von entsprechenden Änderungen in den verbrauchten absoluten Mengen begleitet, sodaß der Ausgabenrückgang z.B. bei der Milch in erster Linie als eine Folge des verringerten Verbrauchs angesehen werden kann.
Ein Grund für den starken Anstieg des Ausgabenanteils für Butter dürfte einmal in der nicht unerheblichen Preisdifferenz im Vergleich zu 1927/28 liegen. Setzt man 1909/10 - 1913/14 = 100, so sank der Preisindex für Butter von 142 in 1927/28 auf 105 in 1937. 28 Eine entsprechende Steigerung konnte man, wie weiter unten noch gezeigt wird , im Verbrauch der absoluten Mengen feststellen.
28 Vgl. Statistisches Handbuch von Deutschland, a.a.O., S 461
11
Tabelle 6: Anteil der Ausgaben für verschiedene Grundnahrungsmittel an den
Gesamtausgaben für Nahrungsmittel (in %)
Quelle: Einzelschriften..., a.a.O., S. 86 und Jahrbuch 1938, a.a.O., S. 340
In dieser Tabelle ist eine ähnliche Erscheinung wie in der für den Ausgabenanteil für Fleisch festzustellen. Während der Ausgabenanteil für niederwertigeres Roggen- und Schwarzbrot leicht ansteigt, sinkt der Anteil für Weißbrot und Weizenkleingebäck. Wie bei Fleisch findet auch hier eine Verschiebung zu billigeren Nahrungsmitteln statt. Der Ausgabenanteil für die übrigen Nahrungsmittel blieb im großen und ganzen gleich oder zeigte nur geringe Abweichungen. Die einzige bedeutende Veränderung trat hier bei Hülsenfrüchten ein, wo sich der Ausgabenanteil von 6,7% in 1927/28 auf nur noch 0,5% in 1937 veränderte. Ob sich dies Verschiebungen auch im tatsächlichen Verbrauch zeigten, kann aus diesen Angaben nicht geschlossen werden.
Betrachten wir nun als letztes innerhalb der Gruppe der Ausgaben des gehobenen Bedarfs den Anteil, den die Genussmittel auf sich vereinigen konnten. Zu den Genussmitteln werden in den Verbrauchserhebungen alkoholische und alkoholfreie Getränken (außer Milch), sowie Tabakwaren gezählt. Der Anteil dieser Güter an den Verbrauchsausgaben für den gehobenen Bedarf ging von 5,6% in 1927/28 auf 5,0% in 1937 zurück. Der Anteil an den Gesamtausgaben ging weniger stark zurück: er verringerte sich lediglich von 4% in 1927/28 auf rd. 3,8% in 1937. 29
Innerhalb der Gruppe zeigten sich wieder auffallende Verschiebungen.
Tabelle 7: Anteil der Ausgaben für Getränke und Tabakwaren an den Gesamtausgaben für Genussmittel (in %)
29 Der Berechnung zugrundegelegt wurden die Angaben bei Schmucker,H., a.a.O., S. 161 über die „Gesamtausgaben in jeweiligen Preisen“.
Arbeit zitieren:
Diplom-Volkswirt Wolfgang Mocikat, 1969, Beiträge zur Veränderung der Verbrauchsgüterstruktur und zur Veränderung der Verbrauchsgüterpreise 1927/28 versus 1933-1938, München, GRIN Verlag GmbH
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