Das offizielle Plakat der „Festwoche des sowjetischen Films in Österreich 1946“ 1
1 Abbildung aus dem Archiv der Stadt- und Landesbibliothek Wien.
2
INHALTSVERZEICHNIS
Vorwort 9
Eingereicht von Patrick Breynck:
1. Politischer Hintergrund 12
1.1 Die Übergangsregierung und die Neugründung der österreichischen
Regierung nach dem 2. Weltkrieg in Bezug auf den politischen
Einfluss der Sowjetunion 12
1.2 Gründe für die Ablehnung der sowjetischen Besatzungsmacht
durch die österreichische Bevölkerung 18
2. Sowjetische Propaganda in Österreich 21
2.1 Struktur der sowjetischen Propagandaabteilung in Österreich 21
2.2 Methoden zur Verbesserung des sowjetischen „Image“ 22
2.3 Sowjetische Pressepolitik 27
2.4 Sowjetische Kulturpoltik - „Die Gesellschaft zur Pflege der
kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zur Sowjetunion“ 30
2.5 Sowjetische Filmpolitik 32
2.5.1 Genres des sowjetischen Films und ihre propagandistische
Zielsetzung 36
2.5.1.1 Das historische Helden-Epos 36
2.5.1.2 Das revolutions-historische „Doku Drama“ 36
2.5.1.3 Die musikalische Filmkomödie 38
2.5.1.4 Der Dokumentarfilm 39
3
3. Organisation der Sowjetischen Filmfestwoche 41
3.1 Die Veranstalter der Sowjetischen Filmfestwoche 41
3.1.1 Gesellschaft zur Pflege der kulturellen und wirtschaftlichen
Beziehungen zur Sowjetunion 41
3.1.2 Sovexport 41
3.1.3 Gesellschaft der Filmfreunde Österreichs 42
3.1.3.1. Organisatorischer Aufbau der Gesellschaft der Filmfreunde
Österreich 46
3.2 Ziele der Sowjetischen Filmfestwoche 47
3.3 Ablauf der Sowjetischen Filmfestwoche 50
4. Exkurs: Printmedien des Pressespiegels 54
4.1 Österreichische Zeitung
55
4.2 Österreichische Kino Zeitung
55
4.3 Österreichisches Tagebuch
56
4.4 Paimanns Filmlisten
57
4.5 Wiener Kurier 57
4.6 Weltpresse 59
5. Filme der Sowjetischen Filmfestwoche in Wien 1946 60
5.1 Der Schwur 61
5.2 Sei gegrüßt, Moskau 66
5.3 Peter I. 69
5.4 Das Mädchen ohne Mitgift 71
5.5 Stürmischer Lebensabend 73
5.6 Die Jugend unseres Landes 75
5.7 Der Sohn des Regiments 77
5.8 Die steinerne Blume 80
5.9 Ohne Schuld schuldig 83
5.10 Gorkis Kindheit 84
5.11 Lustige Burschen 86
4
5.12 Iwan der Schreckliche (Teil 1) 87
5.13 Sie trafen sich in Moskau 89
5.14 Lenin im Jahre 1918 90
5.15 Zirkus 92
5.15 Schlussbetrachtung 94
6. Vorträge 96
6.1 Béla Balázs: „Filmprobleme der Gegenwart und
Perspektiven der Zukunft“ 97
6.2 Georg Wilhelm Pabst: „Der Film, das unbekannte Wesen“ 100
6.3 Felix Hurdes: „Über die Festwoche des Sowjetfilms“ 102
6.4 Viktor Matejka: „Was wir von der russischen Filmfestwoche
gelernt haben“ 104
7. Exkurs: Sowjetische Filmfestwoche in Salzburg, Innsbruck und Graz
107
7.1 Salzburg 109
7.2 Innsbruck 111
7.3 Graz 114
8. Schlussbetrachtung: 1. Teil 116
5
Eingereicht von Olaf Hahn:
9. Das Wesen der sowjetischen Propaganda und ihre Methoden. 117
9.1 Einführung in die Methoden der sowjetischen Propaganda 117
9.2 Allgemeine Methoden der Propaganda in der Sowjetunion -
Transmedialit ät der sowjetischen Propaganda 117
9.2.1 Methode der Wiederholung 119
9.2.2 Methode der Emotionalisierung 119
9.2.3 Stereotypenbildung 120
9.2.4 Manipulation der Bilder 120
9.3 Film als Mittel der sowjetischen Propaganda 121
9.3.1 Methoden der Propaganda im sowjetischen Film 121
9.3.1.1 Methode der Wiederholung 121
9.3.1.2 Quantitative Ebene der Wiederholung 121
9.3.1.3 Inhaltliche Ebene der Wiederholung 122
9.3.1.4 Methode der Emotionalisierung 123
9.3.1.5 Methode der Stereotypenbildung 124
9.3.2 Dramaturgische Ebene der Stereotypenbildung 125
9.3.2.1 Inszenierte Stereotypenbildung 126
9.3.2.2 Ikonografie des Arbeiters 126
9.3.2.3 Ikonografie der Frau 127
9.3.2.4 Ikonografie der „Volksfeinde“ 127
9.3.2.5 Manipulation der Bilder 128
9.4 Schlussbetrachtung 129
10. Der sozialistische Realismus. 130
10.1 Einführung 130
10.2 Definition und Ziele des sozialistischen Realismus 132
10.2.1 Entstehung des sozialistischen Realismus 132
10.3 Stile des sozialistischen Realismus 134
10.4 Sozialistischer Realismus im Kino 135
6
10.4.1 Massenkunst der Stalinzeit 136
10.4.2 „Neue Filme der Stalinzeit“ 137
10.4.3 Parallelen des neuen sowjetischen Films zu Hollywood 139
10.4.4 Unterschiede des neuen sowjetischen Films zu Hollywood 141
11. Helden in der Sowjetunion - Mythen und ihre Darstellung im Film. 143
11.1 Einführung 143
11.2 Helden der Sowjetunion - Allgemeine Darstellung 143
11.2.1 Elemente des sowjetischen Heldentums 144
11.3 Darstellung der Helden in den Filmen des sozialistischen Realismus
ab 1934 145
11.3.1 Held der Arbeit 146
11.3.2 Kulturheld 146
11.3.3 Historischer Held 147
11.3.4 Kriegsheld 148
11.4 Geschlechterspezifik der Helden 148
11.4.1 Unreife des Helden 149
11.5 Identifizierung mit dem Helden 150
11.6 Schlussbetrachtung 150
12. Filmanalyse. 151
12.1 Der Schwur 151
12.1.1 Einführung 151
12.1.2 Figur Stalin 156
12.1.2.1 Figur Stalin im narrativern Zusammenhang 156
12.1.2.2 Figur Stalin im audiovisuellen Zusammenhang 157
12.1.2.3 Schwurszene 159
12.1.2.4 Stalins Allwissen und seine Göttlichkeit 163
12.1.3 Figur der Mutter 167
12.1.3.1 Warwara und Stalin - Mutter und Vater des Sowjetvolkes 168
12.1.4 Darstellung der Feinde der Sowjetunion 168
12.1.4.1 Innere Feinde 169
7
12.1.4.2 Äußere Feinde 171
12.1.5 Elemente des sozialistischen Realismus in Film "Der Schwur" 173
12.1.6 Schlussbetrachtung 177
12.2 Zirkus 178
12.2.1 Das Heimatlied 180
12.2.2 Figur Marion Dixon 181
12.2.3 Figur des Feindes - Von Kneischitz 185
12.2.4 Figur Martinov 186
12.2.5 Der Flug ins All - Die Übermacht der UdSSR 188
12.2.6 Die große Familie der Sowjetunion -
Die neue Heimat von Marion Dixon 190
12.2.7 Schlussbetrachtung 193
12.3 Steinerne Blume 195
12.3.1 Historische Kulisse der „Steinernen Blume“ 196
12.3.2 Figur des Meisters Danilo 196
12.3.3 Figur des Gutsherrn 197
12.3.4 Schlussbetrachtung 200
13. Schlussbetrachtung 201
14. Anhang 202
15. Filmographie 215
16. Bibliographie 218
8
Vorwort
Das Ziel der vorliegenden Diplomarbeit ist, die in Wien im Jahre 1946 stattgefundenen Festwoche des sowjetischen Films 2 und die in ihrem Rahmen gezeigten Filme des sozialistischen Realismus, auf ihre propagandistische Zielsetzung hin zu untersuchen.
Es existieren bereits zahlreiche Forschungsbeiträge zur sowjetischen Besatzung und ihrer Kulturpolitik in Österreich, jedoch weisen diese in Bezug auf die Sowjetische Filmfestwoche Mängel auf. Daher versteht sich unsere Arbeit als Beitrag zur Schließung dieser Forschungslücke.
Um unsere Untersuchung durchzuführen erweist es sich als erforderlich erst einmal den historischen Überblick und die politischen Hintergründe in Bezug auf die sowjetische Besatzungsmacht in Österreich 1946 zu liefern. Anhand der Sowjetische Filmfestwoche in Wien und Ihrer Organisation lassen sich zahlreiche Informationen über die Interessen der sowjetischen Besatzungsmacht aufzeigen.
Die Filme und Ihre Auswahl zeigen beispielhaft sowohl die Schwerpunkte der sowjetischen Propaganda, als auch Ihre Methoden.
Die Quellen zu unserem Thema bilden einschlägige Literatur, österreichische Printmedien aus dem Jahre 1946 und die aufgeführten Filme. Die Recherche in den österreichischen Archiven zeigte eine dürftige Datenlage, besonders in Hinblick auf die primären Dokumente, die Sowjetische Filmfestwoche betreffend. Es waren in Österreich nur vereinzelt Informationen über die Filmfestwoche verfügbar.
• So verfügte das Österreichische Filmmuseum 3 und das Film Archiv Austria 4 über keine Informationen die explizit die Sowjetische Filmfestwoche in Wien 1946 betreffen.
• Das Archiv der Kommunistischen Partei Österreich ist in den Besitz der
2 Die „Festwoche des sowjetischen Films“ nennen wir folgend „Sowjetische Filmfestwoche“
3 Österreichisches Film Museum, Augustinerstrasse 1, 1010 Wien, Hompage: www.filmmuseum.at
4 Film Archiv Austria, Obere Augartenstrasse 1, 1020 Wien, Hompage: www.filmarchiv.at
9
Alfred Klahr Gesellschaft 5 übergegangen. Dieses Archiv enthielt jedoch keine Informationen über die Sowjetische Filmfestwoche in Wien. • Das Archiv der sowjetischen Filmverleihfirma Sovexport 6 in Wien wurde aufgelöst. Der größte Teil der Filme und Informationen wurde in die Russische Föderation zurückgeführt und war somit für uns nicht zugänglich. Der andere Teil wurde den Beständen der Wiener Stadt- und
Landesbibliothek 7 hinzugefügt. Diese ist im Besitz der Plakate des Festivals und der Programmhefte einiger der gezeigten Filme und leigen u.a. dieser Diplomarbeit zu Grunde.
• Die Österreichische Mediathek 8 des Technischen Museums in Wien hat in ihrem Bestand eine digitalisierte Kopie des Films Der Schwur in Originalsprache mit deutschen Untertiteln, dieser steht zur Sichtung zur Verfügung. Ein Großteil der Kopien der im Rahmen dieser Arbeit behandelten Filme ist uns von der Videothek des Instituts für Slawistik der Universität Innsbruck 9 zur Verfügung gestellt worden. Die Videothek des Instituts verfügt über einen hervorragenden Bestand von Kopien der sowjetischen Filme in Originalsprache. Der Katalog des Bestandes ist in Buchform erschienen 10 sowie im Internet online abrufbar 11 . • Die verwendeten Informationen der österreichischen Printmedien stammen aus der Zeitungen- und Zeitschriftensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek 12 .
In unserer Arbeit konnten wir auf einschlägige Literatur zu verwandten Forschungsgebieten zurückgreifen. Die wichtigsten Werke stellen wir nun kurz vor. In Hinblick auf den politischen Hintergrund und die sowjetische Propaganda ist als Beispiel das Buch „Die Rote Armee in Österreich. Dokumente“ herausgegeben von Alexander Tschubarjan, hervorzuheben. Dieses umfasst bislang streng
5 Alfred Klahr Gesellschaft, Drechslergasse 42, 1140 Wien, Hompage: www.klahrgesellschaft.at
5 Sovexport, Naaffgasse 41, 1180 Wien
6 Wiener Stadt- und Landesbibliothek (Wienbibliothek), Rathaus, 1082 Wien
7 Österreichische Mediathek, Gumpendorfer Straße 95, 1060 Wien, Homepage: www.mediathek.ac.at
9 Institut für Slawistik, Innrain 52, 6020 Innsbruck, Homepage: www.uibk.ac.at/slawistik
10 Engel, Christine [Hrsg.] : Lichtspiele. Annotiertes Verzeichnis der Sammlung russischer und sowjetischer Filme des Instituts für Slawistik der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck.
11 www.russischerfilm.net
12 Österreichische Nationalbibliothek, Heldenplatz, Mitteltor, 1010 Wien, Homepage: www.onb.ac.at
10
geheim gehaltene sowjetische Dokumente zur Besatzung Österreichs. Zur Organisation der Filmfestwoche ist als Beispiel Gerald Trimmels Veröffentlichung „Die Gesellschaft der Filmfreunde Österreichs“ zu nennen. Die Österreichische Zeitung liefert mit ihren veröffentlichten Artikeln einen Pressespiegel, der zahlreiche Informationen über die Sowjetische Filmfestwoche gibt. Hierbei ist aber besonders zu beachten, dass die Österreichische Zeitung von der sowjetischen Besatzungsmacht herausgegeben wurde und somit kritisch betrachtet werden muss.
Die Zahl der Veröffentlichungen, welche die in Wien 1946 gezeigten Filme thematisieren, erwies sich als gering. Nichts desto trotz sind die Dissertation von Nikolas Hülbusch: „Im Spiegelkabinett eines Diktators“, sowie die Veröffentlichung von Richard Taylor: „Filmpropaganda. Soviet Russian and Nazi Germany.“, als Beispiel, zu erwähnen. Diese geben einen fundierten Einblick in die sowjetischen Filmproduktionen im stalinistischen Regime.
An dieser Stelle gilt unser ganz besonderer Dank Frau Univ. Prof. Dr. Hilde Haider für ihre persönliche und intensive Betreuung. Sie hat sich viel Zeit für uns genommen. Nur durch Ihre Unterstützung konnte die vorliegende Arbeit abgeschlossen werden.
Im Weiteren gilt unser Dank unseren Familien, die uns moralisch und finanziell während unseres Studiums unterstützt haben.
11
1. Politischer Hintergrund
Es ist notwendig erst einen politischen Hintergrund zur Entwicklung der Alliierten Besatzungspolitik zu schildern, um auf dieser Grundlage die Gründe und Ziele der Sowjetischen Filmfestwoche 1946 darzustellen.
1.1 Die Übergangsregierung und die Neugründung der
österreichischen Regierung nach dem 2. Weltkrieg in Bezug auf
den politischen Einfluss der Sowjetunion
Schon vor dem Einmarsch der Roten Armee in Österreich wurde die österreichische Nachkriegsplanung von den alliierten Mächten diskutiert. Das gemeinsame Ziel der österreichischen Nachkriegsplanung war es, Deutschland nach Ende des 2. Weltkrieges zu schwächen. Österreich und Deutschland sollten getrennt werden, um somit einen erneuten Anschluss unmöglich zu machen.
Stalin äußerte bereits am 16. Dezember 1941 beim Besuch des britischen Außenministers Anthony Eden in Moskau genaue Vorstellungen über eine europäische Nachkriegsordnung und stellte damit als erster eine Zerstückelung Deutschlands und eine österreichische Unabhängigkeit zur Diskussion. Militärisch brachte das Jahr 1943 den Umschwung zugunsten der Alliierten. Die großen Erfolge der Roten Armee drängten Washington und London dazu, mit Moskau zur Absprache über die Nachkriegsordnung zu gelangen. 13 Man wollte die Sowjets vertraglich binden und sich einen Rechtsanspruch sichern. 14
Ein wesentlicher Grundstein der österreichischen Nachkriegsplanung wurde am 1. November 1943 auf der Moskauer Außenministerkonferenz gelegt. Die Außenminister Anthony Eden (Großbritannien), Cordell Hull (USA) und Wjatscheslaw M. Molotow (UdSSR) veröffentlichten gemeinsam folgende Erklärung:
13 Aichinger, Wilfried in Pelinka, Anton [Hrsg.]: Österreich und die Sieger. S. 103
14 Steininger, Rolf: Der Staatsvertrag. S. 36
12
„Die Regierungen des Vereinigten Königreichs, der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten von Amerika sind darin einer Meinung, dass Österreich, das erste freie Land, das der typischen Angriffspolitik Hitlers zum Opfer fallen sollte, von deutscher Herrschaft befreit werden sollte. Sie betrachten die Besetzung Österreichs durch Deutschland am 15. (richtig am 13. ) März 1938 als null und nichtig. Sie betrachten sich durch keinerlei Änderungen, die in Österreich seit diesem Zeitpunkt durchgeführt wurden, irgendwie gebunden. Sie erklären, dass sie wünschen, ein freies, unabhängiges Österreich wiederhergestellt zu sehen und dadurch ebenso sehr den Österreichern selbst wie den Nachbarstaaten, die sich ebensolchen Problemen gegenübergestellt sehen werden, die Bahn zu ebnen, auf der sie politische und wirtschaftliche Sicherheit finden können, die die einzige Grundlage für den dauerhaften Frieden ist. Österreich wird aber auch daran erinnert, dass es für die Teilnahme am Krieg an der Seite Hitler Deutschlands eine Verantwortung trägt, der es nicht entrinnen kann, und dass anlässlich der endgültigen Abrechnung Bedachtnahme darauf, wie viel es selbst zu seiner Befreiung beigetragen haben wird, unvermeidlich sein wird.“ 15
Die Verbündeten erkannten mit dieser Deklaration den "Anschluss" von Österreich an Deutschland nicht an und wollten ein freies und unabhängiges Österreich wiederherstellen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass auch Österreich ein Beitrag zur Befreiung in Rechnung gestellt wird: Es hieß jetzt, dass Österreich eine Mitverantwortung am Kriege trage. Somit wurde die Verantwortung von einer moralischen auf eine juristisch-völkerrechtliche Ebene verschoben. Durch diese Basis ließen sich nun materielle Ansprüche durchsetzen. 16
Ebenso wichtig wie die Moskauer Erklärung war ein weiterer Beschluss der Außenministerkonferenz: Es wurde ein Gremium eingerichtet, die „European Advisory Commission“ (EAC; Europäische Beratende Kommission). Die wichtigste Aufgabe dieser Kommission wurde die Ausarbeitung der Regelungen für die Zeit nach dem Sieg über Deutschland. Abkommen über Besatzungszonen und über die Funktionsweise gemeinsamer Verwaltungs- und Kontrollaufgaben wurden
15 Siegel, Heinrich: Österreichs Weg zur Souveränität, Neutralität, Prosperität 1945-1945. S. 7
16 Aichinger, Wilfried in Pelinka, Anton [Hrsg.] : Österreich und die Sieger. S. 102
13
ausgearbeitet. 17 Ab 1944 trat auch Frankreich der Beratungskommission bei. Ende Januar 1945 wurde die endgültige Zoneneinteilung der österreichischen Besatzung festgelegt:
• Französische Zone: Tirol und Vorarlberg.
• Amerikanische Zone: Salzburg und Oberösterreich (bis auf das Mühlviertel).
• Britische Zone: Kärnten und die Steiermark.
• Sowjetische Zone: Niederösterreich, das Burgenland und das Mühlviertel. 19
Ebenso wurde ausgehandelt, dass Wien in vier alliierte Besatzungszonen eingeteilt wird. Lediglich der 1. Bezirk hatte eine Sonderstellung, er wurde zum
17 Stourzh, Gerald: Geschichte des Staatsvertrages 1945-1955. S. 6 18 Abbildung vom "Kulturinformationssystem des Österreichischen Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur" unter:
www.aeiou.at/aeiou.encyclop.data.image.b/b397245b.jpg (Zugriff am 4.03.2006)
19 Stourzh, Gerald: Geschichte des Staatsvertrages 1945-1955. S. 7
14
internationalen Sektor erklärt, dessen Verwaltungsweise jeden Monat in die Hände einer anderen Besatzungsmacht übergehen sollte. Durch die Schaffung dieses internationalen Sektors bekamen die zentralen österreichischen Regierungsstätten auf der einen Seite einen größeren Freiraum gegenüber jeder einzelnen Besatzungsmacht und auf der anderen Seite bedeutete es einen Zusammenhalt der Funktionsfähigkeit der alliierten Besatzungsmächte. Das Auseinanderbrechen Wiens in einen östlichen und einen westlichen Teil (wie in Berlin) bedeutete im Gegensatz zu dieser Lösung eine noch stärkere Trennung der Stadt.
Die restlichen Bezirke wurden wie folgt eingeteilt:
• Französische Zone: Mariahilf (6. Bezirk), Penzing (14. Bezirk), Fünfhaus
20 Abbildung vom "Kulturinformationssystem des Österreichischen Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur" unter:
www.aeiou.at/aeiou.encyclop.data.image.b/b397245b.jpg (Zugriff am 4.03.2006)
15
(15. Bezirk) und Ottakring (16. Bezirk).
• Amerikanische Zone: Neubau (7. Bezirk), Josefstadt (8. Bezirk),
• Britische Zone: Hietzing (13. Bezirk), Meidling (12. Bezirk), Margareten (5. Bezirk), Landstraße (3. Bezirk), Simmering (11. Bezirk).
• Sowjetische Zone: Leopoldstadt (2. Bezirk), Brigittenau (20. Bezirk),
Diese Aufteilung von Österreich in Besatzungszonen wurde von den Alliierten bereits vor dem Einmarsch der ersten sowjetischen Truppen in Österreich festgelegt.
Noch vor der offiziellen Kapitulation überschritten sowjetische Truppen Ende März 1945 die Grenze des heutigen Burgenlandes. Durch den militärischen Erfolg war sichergestellt, dass die Sowjetunion nun die Planung praktisch umsetzen konnte. Eine der wesentlichen Strategien der anfänglichen sowjetischen Besatzungspraxis war die sofortige Einsetzung von Bürgermeistern oder Dorfältesten auf der untersten Ebene der Verwaltung und die Schaffung einer provisorischen Übergangsregierung. Dies zog die gesamte Kontrolle des Verwaltungsapparates in Österreich nach sich, bis zu dem Zeitpunkt der Viermächtebesetzung in Wien. 22 Da 1933 alle Parteien durch die Bildung der "Väterländischen Front" aufgelöst und verboten waren mussten sich die demokratischen Parteien nun erst neu formieren. 23
Für die Zeit der Übergangsregierung setzten die Sowjets den Sozialdemokrat Karl Renner als Regierungschef ein.
Nachdem sich Renner mit der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ), Der Sozialistischen Partei Österreichs (SPÖ) und der Österreichischen Volkspartei
21 Ebenda S. 8
22 Aichinger, Wilfried in Pelinka, Anton [Hrsg.]: Österreich und die Sieger. S. 106
23 Kleindel, Walter: Die Chronik Österreichs. S. 507
16
(ÖVP) geeinigt hatte, trat die provisorische Regierung am 27. April 1945 in Kraft. 24 Die politischen Diskussionen der Alliierten über die Besatzungspolitik waren langwierig, die endgültige Besatzungsplanung wurde am 4. Juli 1945 mit dem Abkommen über die alliierte Kontrolle in Österreich und am 9. Juli 1945 mit dem Abkommen betreffend der Besatzungszonen und der Verwaltung von Wien vereinbart. Das Abkommen über die alliierte Kontrolle in Österreich sah die Errichtung eines alliierten Kontrollsystems vor, das in Österreich bis zur Errichtung einer frei gewählten, von den vier Mächten anerkannten österreichischen Regierung funktionieren sollte. 25 Am 1. September 1945 begann der Abzug des sowjetischen Verwaltungspersonals aus den britischen, amerikanischen und französischen Besatzungszonen. Von nun an verwaltete die jeweilige Besatzungsmacht ihre Zonen selbst. 26
Das Kontrollsystem bestand aus der „Alliierten Kommission für Österreich“. An der Spitze dieser Kommission stand der Alliierte Rat, gebildet aus vier, je von einer Besatzungsmacht ernannten militärischen Hohen Kommissaren. Auf der Seite der österreichischen provisorischen Staatsregierung ist die
Schnelligkeit zu berücksichtigen, in der die geordneten Verhältnisse, und besonders eine geordnete Verwaltung wiederhergestellt waren. Dies ist nur durch die massive Hilfe der russischen Besatzungsmacht möglich gewesen, da sie der provisorischen Staatsregierung Möglichkeiten zur administrativen und legislativen Entfaltung gab. Die provisorische Regierung unter Renner wurde aus den Mitgliedern aller drei Parteien besetzt. Nach den freien Wahlen zum Nationalrat am 25. November 1945 änderte sich das Profil der Regierung. 27 Die Kommunistische Partei Österreichs bekam lediglich 5,4 % der Stimmen. Dies kann als Votum gegen die sowjetische Besatzungsmacht und die österreichischen Kommunisten gedeutet werden. Die daraus resultierende Folge war, dass die Sowjets auf die politische Gesamtentwicklung der Regierung keinen weitreichenden politischen Einfluss mehr ausüben konnten. Die Kommunistische Partei Österreichs bekam lediglich das Ministerium für Energiewirtschaft, worauf
24 Mueller, Wolfgang [Hrsg.]: Sowjetische Politik in Österreich. Dokumente aus russischen Archiven. S. 47
25 Stourzh, Gerald: Geschichte des Staatsvertrages 1945-1955. S. 8
26 Siegel, Heinrich: Österreichs Weg zur Souveränität, Neutralität, Prosperität 1945-1945. S. 12
27 Stourzh, Gerald: Geschichte des Staatsvertrages 1945-1955. S. 9
17
die KPÖ Karl Altmann in die Regierung delegierte. 28
1.2 Gründe für die Ablehnung der sowjetischen
Besatzungsmacht durch die österreichische Bevölkerung
Durch die Festlegung, dass Österreich ein Land war, welches „befreit“ und nicht „besetzt“ wurde, hatten die sowjetischen Oberbefehlshaber den Befehl auszuführen, die österreichische Bevölkerung zu schützen. Dies entsprach bereits nach Einmarsch der sowjetischen Armee in Österreich nicht der Realität. 29
In Wien gab es nach dem Durchzug der sowjetischen Armee und dem regionalen Ende der Kämpfe alle paar Straßen ein sowjetisches Militärkommando. Dieses organisierte das systematische Durchkämmen jedes einzelnen Hauses auf der Suche nach versteckten deutschen Soldaten, Waffen und Sprengstoff. Dabei mussten sich die örtlichen Kommandanten mit den Folgen von Disziplinlosigkeit und Übergriffen sowjetischer Soldaten auseinandersetzen. Die Erleichterung der österreichischen Bevölkerung über das Kriegsende schlug nur zu oft in Entsetzen über das Verhalten der russischen Soldaten und der von ihnen befreiten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter um. 30
Die sowjetischen Soldaten vollzogen oft Akte der Willkür, wozu vor allem Plünderungen von Privatwohnungen, auch in ärmlichen Gebieten, Morde und Vergewaltigungen zählten. 31
Besonders gut aufzeigen lässt sich das Verhalten vieler Soldaten der sowjetischen Armee nach der „Befreiung“ anhand eines Berichtes des sowjetischen „Beraters für Österreich“, E.D. Kiselev. Er gibt in diesem Auskunft über „die politische Stimmung in Wien und in der sowjetischen Besatzungszone“ 32 . Dieser richtete seinen geheimen Bericht am 17. August 1945 an den stellvertretenden Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten der UdSSR, V.G. Dekanozov.
27 Ebenda S. 9-10
29 Tschubarjan, Alexander [Hrsg.]: Die Rote Armee in Österreich. Dokumente. S. 303
30 Rauchensteiner, Manfried: Der Sonderfall. Die Besatzungszeit in Österreich 1945 bis 1955. S. 76
31 Ebenda S. 79
32 Tschubarjan, Alexander [Hrsg.]: Die Rote Armee in Österreich. Dokumente. S. 303
18
Er beschreibt, dass sich nach der Kapitulation, Einheiten der 2. und 3. Ukrainischen Front, sowie militärische Kolonnen, ohne Erlaubnis und ohne Zustimmung des Militärkommandanten in Wien oder in der Umgebung niederließen und nur in Einzelfällen ihre Ankunft in der Stadt mitteilten. Die Kommandanturen waren zu dieser Zeit noch schwach und hatten keine Möglichkeit, ihre Bezirke genau zu kontrollieren.
Alle Einheiten und Unterabteilungen der Roten Armee, die nicht zur Garnision der Stadt zählten und de facto kein Recht besaßen, sich in der Stadt aufzuhalten, versorgten sich mit Lebensmitteln aus den von ihnen beschlagnahmten Lagern, Geschäften oder Bauernhöfen. Außerdem verübten einige dieser von niemandem kontrollierten, keinen Dienst ausübenden und keinem Kommando unterstellten Einheiten Raubüberfälle, wobei sie dies vorzugsweise in anderen Bezirken der Stadt, d.h. nicht in dem Bezirk, in dem sie sich niedergelassen hatten, taten. Dem Befehl des Kommandos der 3. Ukrainischen Front und später der zentralen Gruppe der Streitkräfte über eine Verschonung der Stadt wurde oftmals nicht nachgekommen; auch um die Disziplin in einigen Einheiten war es nicht gut bestellt. Zum Zeitpunkt der Ablösung der Fronten hätten lediglich 152 registrierte Einheiten in der Stadt sein dürfen. Nach Angaben der zentralen Kommandantur war die Zahl der Nichtregistrierten noch wesentlich höher als die der Registrierten, so der Bericht.
Als Folge für die österreichische Bevölkerung, führt der Bericht an, dass die Ordnung in der Stadt erschüttert war. Die Bevölkerung hatte unter häufigen und ungesetzlichen Beschlagnahmungen und unter Raubüberfällen zu leiden. Die Ablösung der Fronten zog sogar einen Anstieg illegaler Taten mit sich. Besonders tragisch schildert der sowjetische Berichterstatter, dass es sich bei den Plünderungen meist um die Arbeiterbezirke handelte, die als Folge der alliierten Bombardements unmittelbar vor der Einnahme der Stadt halb zerstört waren. Dies waren der 2., 10., 20., 21. und der 22. Bezirk der Stadt. Des Weiteren macht Kiselev deutlich, dass es nach Abzug der sowjetischen Truppen zu einer merkbaren Stabilisierung der Lage in Wien gekommen sei. Er beschreibt dies wie folgt:
„In der Mehrzahl der Bezirke (ausgenommen all jene Bezirke, die von uns abzutreten waren) hörte die Bevölkerung damit auf, Vorsichtsmaßnahmen gegen
19
unerwartete Überfälle zu ergreifen. Häuser, die zuvor tagsüber versperrt und von innen her verriegelt waren, werden nun nicht einmal mehr bei Einbruch der Dunkelheit abgesperrt, das Handelsnetz erfährt eine schnelle Ausweitung, und es sind mittlerweile auch früher versteckte und unversehrt gebliebene Konsumgüter aufgetaucht. “ 33
Das negative Verhalten von Teilen der sowjetischen Armee nutzte die Führung von Volkspartei und Sozialistischer Partei um die gesamte Schuld an negativen Ereignissen der Kommunistischen Partei und der sowjetischen Besatzungsmacht zuzuschreiben. Kiselevs Bericht stellt dies folgendermaßen dar:
„Es versteht sich, dass dies nicht öffentlich, sondern geheim und dennoch mit äußerst großer Effizienz geschah. Gleichzeitig mit der Untergrabung des Einflusses der Kommunistischen Partei wurde auch das Ansehen der Roten Armee und der Sowjetunion beschädigt. Jede Kleinigkeit wurde von den feindlichen Elementen aufgebauscht, verallgemeinert und fand Eingang in das Bewusstsein der gesamten Bevölkerung. Leider ist es richtig, dass einzelne dieser Kleinigkeiten durchaus vorkamen. [ ...] Die Bevölkerung begann sich gegenüber allem, was von Russen kam, argwöhnisch zu verhalten.“ 34
Um der im Bericht von Kiselev geschilderten Stimmung in Österreich und der immer stärker werdenden antisowjetischen Haltung der Bevölkerung entgegenzuwirken, wurde die sowjetische Propaganda ausgeweitet.
33 Tschubarjan, Alexander [Hrsg.]: Die Rote Armee in Österreich. Dokumente. S. 303
34 Ebenda S. 304
20
2. Sowjetische Propaganda in Österreich
In diesem Kapitel zeige ich die sowjetische Propagandapolitik in Österreich auf. Ein wesentlicher Schwerpunkt ist der Einsatz des Mediums Film als Propagandamittel.
2.1 Struktur der sowjetischen Propagandaabteilung in Österreich
Am 13. Oktober 1945, drei Monate nach dem von Kiselev vorgelegtem Bericht, beschloss der Rat der Volkskommissare der UdSSR die Bildung einer sowjetischen Propagandaabteilung für den sowjetischen Teil der alliierten Kommission. Der Propagandaabteilung wurden
„[...] die Organisation und Durchführung der Propaganda unter der österreichischen Bevölkerung durch Presse, Radio und andere Mittel mit Hilfe von Österreichern aus den antifaschistischen demokratischen Parteien und Organisationen [...]“ 35
übertragen. Ihre Aufgaben waren die Durchführung von Kontrollen und Zensur der Presse, des Rundfunks und der Verlage in der sowjetischen Besatzungszone. Die Abteilung war dem Militärkommissar des sowjetischen Teils der Alliierten Kommission für Österreich unterstellt. Zum Leiter wurde Oberstleutnant Pasecnik ernannt.
Die Struktur der Propagandaabteilung war wie folgt gegliedert:
• Unterabteilung für Propaganda
• Unterabteilung für Presse und Zensur
• Unterabteilung für die Arbeit unter antifaschistischen demokratischen
35 Die zugrundeliegenden Informationen dieses gesamten Abschnittes habe ich aus dem Beschluss Nr. 2616-710s des Rates der Volkskommissare der UdSSR entnommen. Dieses Dokument ist entnommen aus der Dokumentensammlung von: Tschubarjan, Alexander [Hrsg.]: Die Rote Armee in Österreich. Dokumente. S. 327
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Organisationen, Parteien und Gewerkschaften • Unterabteilung für Information • Allgemeiner Teil
Den Propagandaabteilungen wurden die Niederlassung der Telegraphenagentur (TASS), die Abteilung des sowjetischen Filmverleihs „Sojuzintorgkino" (1946 in Sovexport umbenannt) und die Schulgruppe der Politabteilung der Alliierten Kommission unterstellt.
2.2 Methoden zur Verbesserung des sowjetischen „Image“
Durch den schlechten Wahlausgang für die Kommunistische Partei am 25. November 1945 kritisierte die sowjetische Hauptversammlung, drei Monate nach der Gründung der Propagandaabteilung deren Effizienz und beschloss eine Verstärkung der sowjetischen Propaganda unter der österreichischen Bevölkerung.
In einem damals geheimen Bericht der am 15. Jänner 1946 vom Leiter der politischen Hauptversammlung der Roten Armee I. Šikin an den sowjetischen Leiter der Verwaltung für Propaganda G.F. Alexandrow geschickt wurde, werden Šikins Begründungen für den schlechten Wahlausgang der Kommunistischen Partei am 25. November 1945 deutlich. Šikin plädiert für eine Verstärkung der sowjetischen Propaganda unter der österreichischen Bevölkerung und führte mögliche Strategien an. Šikin schrieb in seinem Bericht :
„Nach den Wahlen zum österreichischen Nationalrat hat sich die politische Lage im Land verkompliziert. Der Wahlsieg der Volkspartei und die Bildung der neuen Regierung haben die politischen Positionen reaktionärer Elemente und der Anglo-Amerikaner in Österreich gestärkt.
Wirkliche demokratische Kräfte, hierbei vor allem die Kommunistische Partei Österreichs, haben noch nicht die gebührende Autorität und den gebührenden Einfluss unter den breiten Massen des Volkes erlangt. Unter diesen Bedingungen ist es unbedingt notwendig, unsere Propaganda in
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allen Schichten der österreichischen Bevölkerung zu verstärken. Dies ist umso mehr notwendig, als die [West-] Alliierten in letzter Zeit ihre propagandistische Tätigkeit in Österreich wesentlich intensiviert haben und diese überaus geschickt betreiben (Herausgabe vielseitiger Zeitungen, von illustrierten Zeitschriften usw.).
Indes ist die "Österreichische Zeitung", die von uns für die österreichische Bevölkerung in einem Umfang von nur vier Bögen kleinen Formates und mit einer kleinen Auflage (150.000 Stück) sowie ohne illustrierte Beilagen herausgegeben wird, nicht in der Lage, eine Ausweitung unseres politischen Einflusses in Österreich in vollem Umfang 36 zu gewährleisten. Ausgehend vom Dargelegten würde ich es als unerlässlich erachten, die „Österreichische Zeitung“ in Zukunft anstelle von vier Bögen auf acht Bögen gleichen Formates herauszugeben, nachdem man ihre Auflage von 150.000 auf 200.000 Stück erhöht hat.
Außerdem würde ich es auch als notwendig erachten, zu dieser Zeitung auch eine wöchentliche illustrierte Beilage im Stil einer Zeitschrift auf acht Bögen und einer Auflage von 50.000 Exemplaren herauszugeben.“ 37
Diesem Antrag wurde zwar von Seiten des sowjetischen Leiters der Verwaltung für Propaganda G.F. Alexandrow stattgegeben aber die Verschärfung der Propaganda brachte nicht den erhofften Erfolg. Denn auch nach der im Antrag geforderten umgesetzten Verschärfung der Propaganda, steigerte sich die Effektivität der sowjetischen Propagandaabteilung in Österreich nicht. In einem Bericht der Abteilung für Außenpolitik der Kommunistischen Partei vom 23. Oktober 1946 wurden die starken „Mängel der sowjetischen Propaganda in Österreich“ aufs schärfste kritisiert. 38 Die Gründe hierfür sah die Abteilung für Außenpolitik darin, dass die Propagandaabteilung kein konkretes langfristiges Aktionsprogramm festgelegt hatte. Daraus resultierte, dass die Propagandaabteilung nur schwach auf politische Parteien und andere demokratische Organisationen einwirken konnte.
36 Fett geschriebene Worte sind handschriftlich hinzugefügt.
37 Tschubarjan, Alexander [Hrsg.]: Die Rote Armee in Österreich. Sowjetische Besatzung 1945-1955 Dokumente. S. 429
38 Mueller, Wolfgang: Sowjetische Politik in Österreich 1945-1955 und ihre politische Mission. S. 329-330
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Als „vollkommen unzureichend“ wurde die Arbeit der Propagandaabteilung bei der Festigung der Position der Kommunistischen Partei Österreichs gesehen. Im Folgenden wird dargestellt, dass die Propagandaabteilung keinerlei Einfluss auf die Tätigkeiten der Volks- und der Sozialistischen Partei ausübte. Das innerparteiliche Leben der beiden Parteien wurde, laut des Berichtes, nicht beobachtet und ihre reaktionäre Rolle in der Innen- und Außenpolitik nicht entlarvt.
Es wird zudem angeführt, dass die österreichische, sowjetische Gesellschaft für Kulturbeziehungen [Anm.: Gesellschaft zur Pflege der kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zur Sowjetunion] keine gut ausgebildeten Propagandakader besaß, schlecht organisiert war und eine zu kleine materielle Basis für die „Wahrheitspropaganda über die Sowjetunion“ hatte. Hierfür wird auch die Propagandaabteilung verantwortlich gemacht, denn sie betrieb kleinliche Bevormundung und leistete der Gesellschaft keine ernsthafte Hilfe in Fragen des Inhaltes und der Ausrichtung der Propaganda. Des Weiteren wird der Umfang der Aufklärung über die Sowjetunion kritisiert. Dieser beschränkte sich auf die Abhaltung von einem Dutzend Vorlesungen und Vorträgen, die Herausgabe von ein bis zwei Broschüren und einigen Photozeitungen pro Monat. Auch wird dargestellt, dass die Propaganda über die Sowjetunion oft an schlechten Propagandamaterialien, die zufällig ausgewählt wurden, scheiterte. Besonders stark wird die Österreichische Zeitung kritisiert. Sie hatte immer mehr das Ausmaß und die Qualität der Propagandamaterialien über die Sowjetunion verringert. Von den acht Seiten der Zeitung war nur eine Seite der Propaganda über die Sowjetunion und ihre Errungenschaften im Bereich der Politik, Wirtschaft und des sozialen und kulturellen Lebens gewidmet gewesen, so der Bericht. 39 Durch die „Jagd nach Einfluss auf den Leser“ hatte die Zeitung begonnen, sich an dessen kleinbürgerlichen Geschmack anzupassen und publizierte leicht gewichtige Erzählungen und Essays, die keinen Bezug zur Propaganda über die Sowjetunion besaßen, schildert der Bericht. Die für die Abteilung für Außenpolitik wichtigen Themen, wie die Fragen nach der sozialistischen Natur des sowjetischen Gesellschaftsaufbaus, die Vorzüge der sowjetischen Demokratie und der Befreiungsmission der Sowjetischen Armee, wurden in der Zeitung
39 Ebenda S. 329-330
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ungenügend behandelt, heißt es.
Zur raschen Beseitigung der Mängel, führt der Bericht folgende Strategien an:
„1. Die Propaganda der Politik der Sowjetunion unter der Bevölkerung Österreichs zu verstärken und ihre Qualität zu verbessern, die Aussagen der führenden Staatsmänner der Sowjetunion und die entsprechenden offiziellen politischen Dokumente über Österreich zu erklären.
2. Unserer Propaganda einen offensiven Charakter zu verleihen und entschlossen und rechtzeitig die antisowjetischen Ausfälle der österreichischen Reaktion und der anglo-amerikanischen Propaganda zu entlarven.
3. Den Umfang und die Qualität der Propagandamaterialien über die UdSSR stark zu erhöhen. Ein konkretes, zielstrebiges, langfristiges Aktionsprogramm der sowjetischen Propagandaorgane um die folgenden Kernfragen auszuarbeiten: die Vorzüge des sowjetischen
Gesellschaftsaufbaus und der sowjetischen Demokratie, die Außenpolitik der Sowjetunion als die Liquidierung der Überreste des Faschismus und den Kampf für wahrhaft demokratische Reformen in den Ländern Europas ausgerichtete Politik des Kampfes für den Frieden in der ganzen Welt, die Errungenschaften der Sowjetunion im Bereich der Wirtschaft, des sozialen Lebens und der Kultur, die Befreiungsmission der Sowjetischen Armee als der Armee eines sozialistischen Staates.
4. Die Redaktion der „Österreichischen Zeitung“ zu verpflichten, täglich für die Materialien über die Sowjetunion nicht weniger als 2-3 Seiten zur Verfügung zu stellen, an Sonntagen bis zu 4 Seiten, und die Abteilung für UdSSR- Propaganda mit den besten Journalisten zu verstärken.
5. In den sowjetischen Betrieben Klubs, Bibliotheken, Schulen und Kurse zur Vorbereitung eines gewerkschaftlichen und antifaschistischen Aktives sowie Jugend- und Frauenzirkel der Freunde der Sowjetunion zu organisieren. Durch diese Massenorganisationen die Agitations- und
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Propagandaarbeit in den sowjetischen Betrieben breiter zu entfalten und qualitativ zu verbessern mit dem Ziel, diese schrittweise in Stützpunkte der wahren Demokratie in Österreich zu verwandeln.
6. Zur Arbeit in den sowjetischen Betrieben und in der Gesellschaft für Kulturverbindungen mit der UdSSR mehr Antifaschisten heranzuziehen, die unsere antifaschistische Schule absolviert haben und auch aktive Antifaschisten, die sich in der praktischen Arbeit in Österreich während des Krieges und nach dem Krieg bewährt haben.
7. Die Herausgabe von populärer politischer Massenliteratur über die Sowjetunion für die österreichische Bevölkerung zu organisieren.
8. Das Ministerium für Filmindustrie zu verpflichten, den Anteil der nach Österreich gesandten Filme, welche die Erfolge des sozialistischen Aufbaues in der UdSSR zeigen und der Kurzfilme zur Geographie und Ethnographie der UdSSR zu steigern und die Anzahl der die Verschiedenartigkeit des schöpferischen Lebens in der Sowjetunion zeigenden Spezial-Wochenschauen bedeutend zu vergrößern.
9. Das Radiokomitee zu verpflichten, die Wiener Radiostationen durch die Propagandaabteilung mit in deutscher Sprache auf Band aufgenommenen Spezialsendungen über die Sowjetunion zu versorgen.„ 40
Für die Sowjetische Filmfestwoche von wesentlicher Bedeutung, war die Erhöhung der finanziellen Mittel für die Gesellschaft zur Pflege der kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zur Sowjetunion und die Ausweitung des Filmmaterials für den sowjetischen Filmverleih Sovexport in Österreich, sowie die Thematik der Filme in Bezug auf Geographie und Ethnographie der Sowjetunion weiter auszubauen, denn dieses war eines der wesentlichen Ziele der Sowjetischen Filmfestwoche. Durch die Einbindung des Radios konnte ein breites
40 Ebenda S. 339-340
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Publikum, auch über die sowjetischen Zonen hinaus, angesprochen werden. 41 Das Verpflichten der Österreichischen Zeitung zur Ausweitung der Propaganda über die Sowjetunion hat merklich den Umfang der Filmkritiken gesteigert.
2.3 Sowjetische Pressepolitik
Im Mittelpunkt der sowjetischen Pressepolitik stand die Österreichische Zeitung. Sie erschien in Wien erstmals am 15. April 1945. Gedacht war sie anfangs als „Frontzeitung für die Bevölkerung Österreichs“ (Untertitel der Zeitung) und wurde von der Roten Armee herausgegeben. Ab dem 23.8.1945 wurde der Untertitel auf „Zeitung der Roten Armee für die Bevölkerung Österreichs“ abgeändert. Sie erschien zunächst zweimal wöchentlich, dann jeden zweiten Tag, ab 1.09.1945 schließlich täglich außer Montags. 42
Chefredakteur war der sowjetische Oberstleutnant Josef Lasak, der aus Leningrad stammte und auch wechselnde einflussreiche Positionen innerhalb der sowjetischen Armee bekleidete. Die Ressortleiter in der Redaktion waren ebenfalls sowjetische Offiziere. Die untergeordneten Redakteure und Journalisten waren zum größten Teil Österreicher. Unter ihnen waren erfahrene Journalisten, aber auch Anfänger vertreten. Mehrere journalistisch unerprobte Kräfte kamen auch aus sowjetischen Kriegsgefangenenlagern, die dort eine antifaschistische Schule absolviert hatten. Eine Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei war für die Aufnahme in die Redaktion nicht erforderlich. Von grundlegender Bedeutung war jedoch eine antifaschistische ideologische Grundhaltung und der Nachweis, keiner Organisation der NSDAP angehört zu haben. Dies war aber, aufgrund fehlender Personalakten, nur schwierig nachprüfbar. Entsprechend wurden die Angaben auch nur punktuell und nicht systematisch überprüft. Jeder Redakteur musste seinen fertigen Beitrag dem russischen Ressortleiter vorlegen und sich diesen von ihm genehmigen lassen. 43
40 Aus Programmankündigungen der Österreichischen Zeitung wird ersichtlich, dass in fünf nicht erhaltenden Radiosendungen der „Russischen Stunde“ über die Sowjetische Filmfestwoche berichter wurde. Vgl. dazu S. 54-55 dieser Arbeit.
42 Hausjell, Friedrich: Österreichische Tageszeitungsjournalisten am Beginn der Zweiten Republik (1945-1947). S. 190
43 Kamptner, Susanne: Der kalte Kulturkrieg. S. 92
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Durch die Gründung der Österreichischen Zeitung verfolgte die sowjetische Besatzungsmacht primär drei Ziele:
1. Das Informationsvakuum, welches durch den Zusammenbruch des Dritten Reiches und die Einstellung seiner Medien entstanden war, zu beheben, und die Bevölkerung mit Nachrichten über den Verlauf des Krieges und die Entwicklung an der Front zu versorgen. Diese Funktion des „Kriegsberichterstatters“ wurde nach Kriegsende durch andere Aufgaben wie die Publikation von Lebensmittelaufrufen, Befehlen der Besatzung und Kleinanzeigen für den Austausch notwendiger Güter und Dienstleistungen verdrängt.
2. Ein weiteres Ziel der sowjetischen Pressepolitik war das Anliegen, durch die Zeitung ein klares Österreich-Bekenntnis abzulegen. Dieses Ziel, der offiziellen sowjetischen Österreichpolitik, die Wiedererrichtung des Landes als freie, unabhängige Demokratie zu fordern, klang bereits in dem Namen des sowjetischen Besatzungsorgans an, und es sprach aus allen Berichten, in welchen die Befreiung Österreichs durch die Rote Armee beschrieben wurde. Im Dienst des sowjetischen Bekenntnisses zu Österreich standen auch die Artikel, mit welchen das Wiederaufleben der österreichischen Kultur beschworen und die sowjetische Hochachtung vor dieser bezeugt wurde.
3. Die Österreichische Zeitung sollte schließlich auch der sowjetischen Besatzung als offizielles Organ dienen, um sich direkt an die österreichische Bevölkerung zu wenden. Dadurch sollte der jeweilige Standpunkt Moskaus besonders in außen- und kulturpolitischen Fragen propagiert werden. 44
Laut dem Forschungsbericht von Susanne Kamptner war die Blattlinie der Österreichischen Zeitung bemüht, ein positives Image der Sowjetunion zu schaffen und dabei das Dekret der Alliierten nicht zu verletzen 45 Ab 1946 verschärfte sich dann die propagandistische Konfrontation mit den
44 Mueller, Wolfgang: Österreichische Zeitung und russische Stunde. Die Informationspolitik der sowjetischen Besatzungsmacht in Österreich 1945-1955. S. 99
45 Kamptner, Susanne: Der kalte Kulturkrieg. S. 92
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Medien der Westmächte, primär der US-Besatzungsmacht. In dieser
Auseinandersetzung gewannen in der Österreichischen Zeitung erstmals auch die rein ideologische Kluft zwischen der Sowjetunion und der USA an Bedeutung. 46 Der beginnende Kalte Krieg manifestierte sich indessen zunehmend darin, dass die Schuld der schlechten wirtschaftlichen Lage Österreichs den USA und dem kapitalistischen System gegeben wurde. 47
Die Journalisten der Österreichischen Zeitung zeigten wenig Kreativität in Propagandafragen. Es gab meistens lediglich stereotype Vorwürfe an den ideologischen Gegner, die oft wiederholt und kaum modifiziert wurden. Eine Propaganda auf Umwegen, wie sie die US-Presse mit Hilfe von Kurzgeschichten, Sprachkursen und Klatschgeschichten aus Amerika betrieb, konnte man in der Österreichischen Zeitung kaum finden. Die Positivpropaganda für die Sowjetunion zeichnete sich oft durch fehlendes Einfühlungsvermögen aus und die direkte aufgezwungene sowjetische Propaganda bewirkte oft das Gegenteil des beabsichtigten Propagandazieles. Der Erfolg der pro sowjetischen Linie war eher gering und die Akzeptanz der sowjetischen Besatzungsmacht und ihrer Kultur konnte nicht wesentlich gesteigert werden. 48
Speziell in der Ablehnung der sowjetischen Kultur lag einer der wesentlichen Faktoren der für den mangelnden kommerziellen Erfolg der Österreichischen Zeitung verantwortlich war. Diese Ablehnung resultierte aus der antisowjetischen Grundhaltung 49 der Bevölkerung.
Somit war die Österreichische Zeitung im Wesentlichen auf die Leserschaft einer KP-freundlichen oder russophilen Minderheit in der Zielgruppe der österreichischen Arbeiter aber auch Intellektuellen beschränkt.
46 Mueller, Wolfgang: Österreichische Zeitung und russische Stunde. Die Informationspolitik der sowjetischen Besatzungsmacht in Österreich 1945-1955. S. 99
47 Kamptner, Susanne: Der kalte Kulturkrieg. S. 92
48 Ebenda. S. 93
49 Siehe das Kapitel „Die Gründe für die Ablehnung der sowjetischen Besatzungsmacht durch die österreichische Bevölkerung“.
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Bei der Kulturpolitik verfolgte die Sowjetunion eine unterschwellige Art der Propaganda. Die kulturelle Propaganda sollte nicht von Repräsentanten der UdSSR selbst administriert werden, sondern in dem Sinne initiiert werden, dass der Ruf nach einem kulturellen Austausch zwischen Österreich und der Sowjetunion von österreichischer Seite angestimmt wurde. Zu diesem Zweck fand am 2. Juni 1945 im Arbeitszimmer von Ernst Fischer 50 die gründende Versammlung der Gesellschaft zur Pflege der kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zur Sowjetunion statt. Das Ziel dieser Gesellschaft wurde von Ernst Fischer folgendermaßen dargestellt:
„Ziel ist es die geradezu erschreckende Unkenntnis über die Sowjetunion zu überwinden und dem österreichischen Volk ein klares, richtiges Bild von den wirtschaftlichen, sachlichen und kulturellen Leistungen des russischen Volkes zu übermitteln.“ 51
Pro-sowjetische Österreicher des öffentlichen Lebens übernahmen die Schirmherrschaft wie auch die Organisation der Gesellschaft. 52 Es wurden im Namen der Gesellschaft zur Pflege der kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zur Sowjetunion und der Schwesterorganisation Österreichisch-Sowjetische Gesellschaft Künstlerensembles, Orchester und sonstige sowjetische Kulturschaffende eingeladen und Filmvorführungen, Diskussionsabende, Vorträge (bevorzugt zu Themen aus dem Alltagsleben in der
50 Anfang April 1945, noch während die Kämpfe um Wien im Gange waren, wurde Ernst Fischer aus dem Moskauer Exil nach Österreich eingeflogen und führte als Vertreter der KPÖ die Angelegenheiten der raschen Etablierung einer Wiener Stadtverwaltung und der Bildung einer provisorischen Regierung unter der Leitung von Karl Renner. Fischer fungierte dabei auch als Verbindungsmann für die Übermittlung von erarbeiteten Vorschlägen an die sowjetische Militäradministration. Als Mitglied der Provisorischen Staatsregierung übernahm er die Funktion des Staatssekretärs für 'Volksaufklärung, Unterricht und Erziehung und Kultusangelegenheiten'. (Zit. nach Stumpf, Robert: Ernst Fischer: Versuch einer politischen Biographie unter struktur-und institutionsgeschichtlichen Gesichtspunkten. S.16)
51 Feigl, Markus: Kulturelle Visitenkarten. S. 4
52 Ebenda S.5
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Sowjetunion) veranstaltet. Im Vordergrund standen dabei immer die Vorteile und Errungenschaften einer sozialistischen Gesellschaft. Die Aktivitäten der Gesellschaft zur Pflege der kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zur Sowjetunion richteten sich somit nach den kulturell-propagandistischen Interessen der Sowjetunion. 53
In einem Bericht der Abteilung für mitteleuropäische Staaten der Gesellschaft zur Pflege der kulturellen und wirtschaftlichen Beziehung über die Arbeit in Österreich 1946 werden die vier Hauptziele dargestellt:
„
1. Unterstützung der progressiven Kräfte des österreichischen Volkes bei deren Bemühungen, die Überreste des Nationalsozialismus und seiner Ideologie auszurotten und bei den Bemühungen zur Demokratisierung des öffentlichen sowie wirtschaftlichen Lebens in Österreich. 2. Der österreichischen Öffentlichkeit dabei zu helfen, die sowjetische Wirklichkeit besser zu verstehen.
3. Darstellung und Präsentation der Errungenschaften der vergangenen und der aktuellen russischen Kultur ebenso wie der Errungenschaft der sich entfaltenden Kultur der Völker der UdSSR.
4. Schaffung kultureller Kontakte zwischen österreichischen und sowjetischen Kulturschaffenden." 54
Diese Aufgaben der Gesellschaft sollten durch verstärkte Unterstützung des sowjetischen Propagandaapparates erfüllt werden. Dieser sollte alle möglichen Materialien über die Sowjetunion zur Verfügung stellen - u. a. Literatur, Artikel, Noten, Fotos, Ausstellungen, Schallplatten, Filme u. Ä. . Daraus wurde eine Sammlung in der Gesellschaft und in Bibliotheksfilialen für Ausstellungen, Konzerte russischer Musiker, Filmvorführungen, Vorlesungen über die Sowjetunion und für Publikationen in Zeitschriften angelegt. 55
53 Feigl, Markus: Kulturelle Visitenkarten. S. 4
54 Tschubarjan, Alexander [Hrsg.] : Die Rote Armee in Österreich. Sowjetische Besatzung 1945-1955 Dokumente. S. 474
55 Ebenda S. 473
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2.5 Sowjetische Filmpolitik
In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts war bereits das russische Theater von Stanislawski in Europa bekannt, vom russischen Film hörte man nach der Oktoberrevolution im Zuge der russischen Avantgardebewegung, die das Interesse der westlichen Künstler weckte. 56 Es war Lenin, der die ersten maßgeblichen Anregungen zum Ausbau der Filmproduktion gab, er erklärte die Filmkunst zur größten und modernsten Macht auf dem Gebiet der Kunst überhaupt, sowie zu dem primär-kulturellen und revolutionären Propagandamittel der arbeitenden Klasse. 57 Bereits 1923 folgte dann der erste russische Film der ins Ausland exportiert wurde. Regisseur des Filmes war Polikuschka, der zwar durch seine eigenwillige Gestaltung auffiel, aber dennoch schnell in Vergessenheit geriet. 58 1926 erschien Sergej Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin, der in Europa schnell zu einem Erfolg wurde und das Ansehen des russischen Film erheblich steigerte. 1929/30 kam der „Sieg des Tonfilms“ und schaltete die russischen Produktionen vorübergehend aus, da diese technische Schwierigkeiten überwinden mussten. Es dauerte mehrere Jahre bis die sowjetische Filmindustrie den technischen Rückstand aufgeholt hatte. 59
Ab 1946 besaß dann die Sowjetunion einen großen „Filmapparat“, unter dem zwar zum Teil stilistisch vielfältige Filmkunst hervorgebracht wurde, die aber immer unter strenger Kontrolle des stalinistischen Systems stand. 60 Der Film hatte sich beim breiten Publikum durchgesetzt. Nach Angaben des damaligen stellvertretenden Ministers für Kinemathografie Budajew gab es in der Sowjetunion bis Ende Juli 1946 15.046 Kinos und es besuchten rund 543,5 Millionen Kinobesucher 3,2 Mio. Kinovorstellungen. 61 Das Publikum setzte sich aus allen Schichten der Bevölkerung zusammen. Der sowjetische Film suchte zunächst den intensiven Kontakt zu seinem Volk und griff daher zu Sujets, die seine Völker am meisten ansprechen, um unter diesen
56 Engel, Christine: Geschichte des sowjetischen und russischen Films. S. 17
57 Ebenda
58 Ebenda S. 18
59 Ebenda
60 Ebenda S. 18-30
61 Österreichische Kino Zeitung. 16.11.1946. S.3
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Voraussetzungen eine starke propagandistische Wirkung auf die Bevölkerung auszuüben.
Budajew hielt am 16. Novembers 1946 in Wien eine Pressekonferenz, in der er die Ziele des sowjetischen Films wie folgt zusammenfasste:
„In unseren Vorstellungen bilden, die künstlerische Form und das politische und erzieherische Wesen des Films eine Einheit. Wir denken, dass die Kunst im allgemeinen und die Filmkunst im besonderen nicht außerhalb der Politik stehen. Die wichtigste Aufgabe, die wir in der Kunst sehen, ist, mit Hilfe der realistischen Darstellung das Leben in seinen wichtigsten Regungen aufzuzeigen und somit Aufklärung in die breite Masse zu bringen, um die Ideale des freien Lebens, des kollektivistischen Strebens, die Achtung der eigenen und der fremden Völker, unbeschadet der Nationalität, der Rasse und der Religion, zu festigen. 62 Der Film hilft uns im Aufbau der sowjetischen Macht und in der Erziehung des Volkes zum Frieden und zur Achtung anderer Völker.“ 63
Dass der Film als Mittel zur Aufklärung und Erziehung des Volkes gesehen wurde, ist anhand der sowjetischen Filmpolitik zu erklären: Die sowjetische Filmpolitik beruhte auf dem System der Zentralisierung und einer uneingeschränkten Kontrolle durch die Regierung. Das oberste Kontrollorgan der Sowjetunion, das Politbüro war mit der Filmpolitik und ihrer Steuerung beauftragt. Dieses sah eine Kontrolle aller Filme durch die Parteispitze vor. 64 Die sowjetische Verleihfirma Sovexport, die einen Standort in Österreich hatte, suchte die gezeigten Filme des Filmfestivals im einvernehmen mit der sowjetischen Parteispitze aus und stellte diese zur Verfügung. Sovexport war somit an das System der Zentralisierung angeschlossen und wurde von Moskau aus kontrolliert.
Im März 1938 wurden in einem Beschluss Stalins die Grundlagen der sowjetischen Filmpolitik gelegt, welche für die gesamte Stalin-Ära galten. In diesem Beschluss werden zwei wesentliche Punkte hervorgehoben:
62 Olaf Hahn geht in seinem Kapitel „Der sozialistische Realismus“ auf die Rolle der Kunst in der Sowjetunion näher ein.
63 Österreichische Zeitung. 16.11.1946. S. 3
64 Engel, Christine: Geschichte des sowjetischen und russischen Films. S. 17
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„1. Mit dem Ziel der Verbesserung und Vereinheitlichung der Führung in der Kinematograpie, der Ordnung der Angelegenheiten im Bereich der Kinoffizierung, der Produktion und des Verleihs von Kinofilmen ist beim Rat der Volkskommissare der UdSSR das Komitee für Kinoangelegenheiten einzurichten.“ 2. Dem Komitee für Kinoangelegenheiten beim Rat der Volkskommissare der UdSSR ist die Leitung aller Angelegenheiten der Kinematografie zu übergeben, darunter die Leitung der Filmproduktionen, der Kinoffizierung und des Verleihs in der gesamten UdSSR.“ 65
Es wurde daraufhin das „Ministerium für Kinoangelegenheiten“ gegründet. Aus diesem resultierte die klare Zentralisierung der Filmindustrie und des Verleihs. Die Regierungen der Unionsrepubliken verloren damit den Einfluss darüber, welche Filme auf ihrem Territorium produziert wurden. Auch konnten sie keinen Einfluss mehr darüber ausüben, welche Filme wann und wo in ihrer Republik zu sehen waren. 66
In einem weiteren Beschluss stellte das Politbüro auch die Weichen für die inhaltliche Weiterentwicklung des Films. Es zeichnete die Regisseure Michail Romm (Lenin im Oktober und Lenin 1918) und Iwan Pyrjew (Sie trafen sich in Moskau) 67 mit dem Stalinpreis aus: Fortan dominierten vier Genres die Produktionen, die unter anderem von den ausgezeichneten Filmen repräsentiert wurden:
1. Das revolutions-historische „Doku Drama“
2. Das historische Helden Epos 3. Die musikalische Filmkomödie 4. Der Dokumentarfilm 68
Zur genauen Zielsetzung dieser Genres komme ich im anschließenden Kapitel. Wichtig in diesem Zusammenhang ist noch der damals beschlossene
65 Kossovskij, A.E.: Sovetskaja Kinematografia. S. 3
66 Ebenda S. 4
67 Es wurden die Filme „Lenin 1918“ und „Sie trafen sich in Moskau“ im Rahmen des Festivals gezeigt. Vgl. das Kapitel „Die Filme der Sowjetischen Filmfestwoche“.
68 Nembach, Eberhard: Stalins Filmpolitik. Der Umbau der sowjetischen Filmindustrie. S. 127
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Generationswechsel der Regisseure. Es entsprach dem Stil der Parteiführung neue Projekte an junge Regisseure zu übergeben, die ihre Aufstiegschancen und ihr Schicksal an die Parteiführung banden mussten. Dieses Modell der Zusammenarbeit funktionierte nicht nur in den beiden Fällen von Romm und Pyrjew, sondern u.a. auch bei dem jungen Regisseur Grigorij Alexandrow. Er war wie Pyrjew ein ehemaliger Assistent von Eisenstein. Alexandrow bekam bereits 1934 von der Parteiführung das Angebot den prestigeträchtigen und teuren Film Lustige Burschen 69 zu drehen. Dafür gab er seine Zusammenarbeit mit seinem bereits in Ungnade fallenden Mentor Eisenstein auf. Nicht ohne Bitterkeit erinnert sich Eisenstein 1946 an die „Treulosigkeit“ seiner beiden Schüler: 70
„Der eine hatte blaue Augen, war umgänglich und weich. Er balancierte später tadellos auf dem Seil. Der andere war grob und unversöhnlich [...] Der eine ist Grigori Alexandrow. Der andere Iwan Pyrjew. Beide spielten in meinen ganz frühen Inszenierungen. Mit Alexandrow habe ich viele Jahre lang gearbeitet. Pyrjew und ich haben uns nach drei Jahren getrennt. [...] Snobs und Ästheten mögen über die nicht immer ganz feinen Arbeiten Pyrejews die Nase rümpfen. Aber sogar ihnen fällt es mitunter schwer, den Filmen die Treffsicherheit abzusprechen, ihre thematische Stoßkraft, das Temperament und ihre ehrliche Begeisterung zu bestreiten. Und eines liegt auf der Hand: Iwan Pyrjew wurde viermal Stalinpreisträger.“ 71
Der Generationswechsel sollte vor allem eines bezwecken: Sich von der künstlerisch ambitionierten Avantgarde-Generation zur Generation der jungen Regisseure hinzuwenden, die einerseits noch leichter zu kontrollieren waren und andererseits ihre Begabung nutzten um effektive Propagandafilme zu drehen. 72
69 „Lustige Burschen“ wurde auch im Rahmen des Festivals gezeigt. Vgl. das Kapitel „Die Filme der Sowjetischen Filmfestwoche“.
70 Nembach, Eberhard: Stalins Filmpolitik. Der Umbau der sowjetischen Filmindustrie. S. 133
71 Eisenstein, Sergei: Ich selbst. Memorien. S. 1158-1161
72 Nembach, Eberhard: Stalins Filmpolitik. Der Umbau der sowjetischen Filmindustrie. S. 133
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Für diese Betrachtung werde ich nun die fünf Genres des sowjetischen Films und ihre jeweiligen propagandistischen Zielsetzung beleuchten, da diese für meine spätere Darstellung der Filme der Sowjetischen Filmfestwoche 1946 in Wien grundlegend sind. 73
2.5.1.1 Das historische Helden-Epos
Hier wurden patriotische Gestalten der russischen Geschichte zu Helden von übermenschlicher Dimension verklärt und als Vorläufer für Stalin und seine Politik dargestellt. Stalin suchte diese Vorbilder selbst aus und kontrollierte und redigierte die Drehbücher. Diese Filme spielten eine wichtige Rolle bei der stark russifizierten Politik der Ausrichtung auf den „Sowjetpatriotismus“. 74 Ein gutes Beispiel hierfür ist Sergej Eisensteins Film Iwan der Schreckliche: Iwan greift mit äußerster Härte gegen jegliche Form der Verschwörungen durch. Stellt man eine Parallele mit dem sowjetischen Staat von 1945 her, so sollte Stalins brutale Taktik gegen „Staatsfeinde“ vorzugehen legitimiert werden.
2.5.1.2 Das revolutions-historische „Doku Drama“
Hier wurden Ereignisse aus der sowjetischen Geschichte im Sinne der jeweils herrschenden Interpretation inszeniert und der offiziösen Geschichtsverfälschung durch die Macht der Bilder Authentizität und Glaubwürdigkeit verliehen. 75 Im Mittelpunkt der Thematik steht der Kampf um das „Vermächtnis“ und der „für die Revolution“ Gefallenen. 76
Einen ihrer ideologischen Höhepunkte fand diese spezifisch sowjetische
73 Olaf Hahn geht in seinem Kapitel „Das Wesen der sowjetischen Propaganda und ihre Methode“ genauer auf die sowjetischen Propaganda ein.
74 Nembach, Eberhard: Stalins Filmpolitik. Der Umbau der sowjetischen Filmindustrie. S. 129
75 Ebenda
76 Ebenda
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Todesmystik im Film Der Schwur von Michail Tschiaureli. 77 In diesem Film wird ein kommunistischer Arbeiter auf dem Weg zu Lenin, um diesem einen Brief zu bringen, indem er die Sorgen der Sowjetunion und der Partei schildert, von zaristischen Soldaten erschossen. Dessen Mutter überbringt Stalin, der am Grab von Lenin mit seinem „Schwur“ symbolisch Lenins Erbe antritt, den Brief. Mit der Übergabe des Briefes an Stalin, erkennt das Volk symbolisch den Anspruch auf Lenins „Erbe“ an und er wird gleichzeitig zum Bewahrer des „Vermächtnisses“ aller „für die Revolution“ Gestorbenen.
Die Todesmystik, die alle Historienfilme durchzieht ist insofern offiziöser Teil der stalinistischen Staatsideologie und -inszenierung gewesen, die auch ihren Ausdruck in der Mumifizierung und öffentlichen Ausstellung von Lenins Leiche fand.
Wichtig ist aber zu erkennen, dass man neben den bereits toten Helden, den noch lebenden Stalin darstellt. Dadurch beginnt eine Art „Historisierung der Gegenwart“ und Verklärung Stalins, die ab 1945 in der totalen Fiktionalisierung Stalins zur überhistorischen Legendenfigur mündet.
André Bazin analysierte bereits in den fünfziger Jahren diese sowjetische Besonderheit, lebende Personen in nicht-dokumentarischen Filmen zu zeigen und von Schauspielern darstellen zu lassen. Die damit verbundene historische Transzendenz der so zu Über-Heroen verklärten und fiktionalisierten zeitgenössischen Persönlichkeit, allen voran Stalin selbst, beschreibt Bazin wie folgt:
„Wenn Stalin, obgleich noch lebendig, die Hauptperson eines Filmes sein kann, dann heißt das, dass er nicht mehr von menschlichem Maß ist und dass er an jener Transzendenz teil hat, die lebendige Götter und tote Helden kennzeichnen.“ 78
77 „Der Schwur“ wurde als erster Film im Rahmen der Filmfestwoche gezeigt. Vgl. das Kapitel „Die Filme der Sowjetischen Filmfestwoche“.
78 Nembach, Eberhard: Stalins Filmpolitik. Der Umbau der sowjetischen Filmindustrie. S. 130
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2.5.1.3 Die musikalische Filmkomödie
In dieser sowjetischen Art der Komödie wird der „einfache“ Sowjetbürger zum Helden stilisiert. Dieses Film-Genre unterhielte nicht nur und kompensierte damit die noch immer schwierigen Lebensumstände der Bevölkerung, sondern übertrug auch mehr oder minder offen ideologische Botschaften: Aufbauphathos und Arbeiterdisziplin; „Wachsamkeit“ gegenüber „Feinden“; Arbeitsbrigade und Parteizirkel. 79
Die Hauptsache war aber immer das Wohlgefühl der Zuschauer zu steigern, die damit den Eindruck vermittelt bekamen in einem „schönen Land“ zu Leben und die materielle Not der Menschen wurde damit kompensiert. Der Film sollte sie zufriedener machen und zur Systempartizipation ermutigen. 80 Als Beispiel möchte ich hier den Film „Lustige Burschen“ von Grigori Alexandrow 81 heran ziehen. Dieser Film lag völlig auf der Linie der parteilichen Forderung, „Parteilichkeit“ mit „Volkstümlichkeit“ zu verbinden. Alexandrows Komödie ist formal und inhaltlich programmatisch: Die Protagonisten sind ein singender Viehhirte und ein Dienstmädchen. Das Ambiente war damit eindeutig volkstümlich und bot reichlich Gelegenheit für witzige Tierszenen, ländlich-bäuerliche Techtelmechtel, fröhlichen Tanz und Gesang, sowie melodramatische Herz-Schmerz Szenen mit rührseligen Liedern im Mondschein. Damit war der Film eindeutig auf einen einfachen und breiten Publikumsgeschmack berechnet und darauf angelegt, die Hollywood-Vorherrschaft in der Gunst des sowjetischen Publikums zu brechen.
Die auffälligste und vordringliche, propagandistische Botschaft des Films bestand darin, nachzuweisen, dass die Sowjetunion ein wunderbares Land ist, in dem fröhliche Menschen frei Leben können. Der Film bebildert gleichsam Stalins berühmte Parole:
„Das Leben ist leichter geworden, Genossen, das Leben ist fröhlich geworden!“ 82
79 Alexandrow, Grigorij: Kino. S. 183
80 Nembach, Eberhard: Stalins Filmpolitik. Der Umbau der sowjetischen Filmindustrie. S. 132 81 Der Film wurde auch im Rahmen des Festivals gezeigt. Vgl. das Kapitel „Die Filme der Sowjetischen Filmfestwoche“.
82 Alexandrow, Grigorij: Kino. S. 185
38
Darüber hinaus enthielt der Plot aber auch ein weitreichendes künstlerischgesellschaftliches Programm, das die Richtung des sowjetischen Komödien Genres zum Ausdruck bringt: Der musikalische Viehhirte wird mit einem berühmten Komponisten verwechselt und das singende Dienstmädchen trällert mühelos die schwierigen Koloraturen, bei denen ihre reiche und elegante Dienstherrin versagt, die Ambitionen auf eine Opernkarriere hat. Es kommt wie es im klassischen Komödien-Märchen kommen muss: Die „einfache“ volkstümliche Heldin vom Land setzt sich gegen die urban-elegante, reiche und internationale Kunstwelt durch und erobert in einem grandiosen Finale mit ihrer Unterhaltungsmusik-Band das Bolshoi Theater in Moskau. Der Erfolg beim dortigen Publikum ist eine symbolische Bestätigung des allsowjetischen Sieges der Volkskultur über die „bourgeoise“ Hochkultur. 83
2.5.1.4 Der Dokumentarfilm
Im Dokumentarfilm wurden für die Regierung wichtige, nationale und internationalen Ereignisse festgehalten. Es gab drei propagandistische Schwerpunkte des Dokumentarfilms:
1. Den Siege des sowjetischen Volkes im Krieg und neue ökonomische und soziale Beziehungen darzustellen. Es sollte dabei auch die Dankbarkeit der Völker dieser Länder gegenüber der Sowjetunion und der sowjetischen Armee ausgedrückt werden.
2. Den heroischen Wiederaufbau der Volkswirtschaft zu zeigen.
3. Das Prinzip der sowjetischen Nationalitätenpolitik und somit die Ökonomie, das Leben, die Sitten und die Kultur der sowjetischen Völker deutlich zu machen. Es sollte die Entwicklung und Umgestaltung von rückständigen Gebieten des zaristischen Reiches in ökonomisch und kulturell reiche sozialistische Republiken sowie das Wachsen und Werden neuer sowjetischer Menschen geschildert
83 Nembach, Eberhard: Stalins Filmpolitik. Der Umbau der sowjetischen Filmindustrie. S. 136
39
werden.
Durch den sowjetischen Dokumentarfilm entstand ein politischer und ökonomischer Filmatlas von vielen Unionsrepubliken, autonomen Republiken und autonomen Gebieten. 84
84 Groschew, A.: Der sowjetische Film von 1945 bis zur Gegenwart. S. 37
40
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Patrick Breynck, Olaf Hahn, 2006, Die Festwoche des sowjetischen Films in Wien 1946, München, GRIN Verlag GmbH
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