Wenn wir die Kinder zu gebildeten Menschen erziehen wollen, so müssen unsere Lehrmethoden dem reichen Wortschatz des Kindes, seiner Intelligenz,
seinem Wunsch, seinen Verstand und seine Welterfahrung zu entwickeln und seinem leidenschaftlichen Verlangen nach Anregungen für seine Phantasie gerecht
. . .
zu begeisterten Lesern
(Bettelheim, Bruno; Zelan, Karen 1982, S. 37, Hervorhebung: T.M.).
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
2. Das Lesen 6
2.1 Der Alphabet 7
2.2 Der Analphabet 8
2.3 Die Wirkung und Funktionen des Lesens 10
3. Die Sozialisation und Lesen 14
3.1 Die Sozialisationsphasen 15
3.2 Die Sozialisationsinstanzen 16
3.3 Die Lesesozialisation im historischen Wandel 16
4. Die Lesesozialisation in der Familie 19
4.1 Die Eltern als Vorbild 20
4.2 Die Förderung der Kinder 21
4.3 Die Interaktion zur Lektüre 22
5. Die Lesekompetenz 24
5.1 Die Lesekompetenz vs. Medienkompetenz 26
5.2 Die Lesekompetenz und Fernsehen 27
5.3 Die Lesekompetenz im PISA- Test 28
6. Das Leseverhalten 30
6.1 Die Beeinflussung des Leseverhaltens 30
6.2 Das Leseverhalten im Lebenslauf 34
6.3 Das Leseverhalten in der Adoleszenz 35
7. Die Harry-Potter-Bücher 37
7.1 Die Handlung der Harry-Potter-Bücher 38
7.2 Der Erfolg der Harry-Potter-Bücher 38
7.3 Die Identifikation mit Harry Potter 39
8. Schlussbetrachtung 40
Literaturverzeichnis 46
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1. Einleitung
Lesen eröffnet uns Welten. Diese Welten liegen in der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft. Sie sind real oder fiktiv. Es sind Welten von Persönlichkeiten, der Technik, der Umwelt oder des Alltags. Lesen eröffnet uns die eigentliche Welt und begleitet uns tagtäglich bei fast jeder Handlung. Lesen hilft, uns in der Welt zurechtzufinden.
Ich bin nach Australien gereist, ohne zu fliegen. Mit Christoph Columbus segelte ich nach Amerika, trotzdem war ich 1492 noch nicht auf der Welt. Die Schule habe ich mit Harry Potter besucht, obwohl es ihn gar nicht gibt. Den Aufbau des Otto- Motors habe ich gelernt, ohne jemals einen angefasst zu haben. Und die Ereignisse der ganzen Welt kommen täglich zu mir nach Hause, ich muss sie nur aus dem Briefkasten holen.
Lesen ist für einen Menschen das natürlichste auf der Welt. Man lernt es in der Schule und nutzt es täglich, ohne dass uns bewusst ist, dass grade das Lesen einen hohen Stellenwert für die eigene Persönlichkeitsentwicklung einnimmt. Das Lesen an sich, beginnt nicht erst in der Schule. Dies wurde mir erst so richtig bewusst, als ich Kleinkinder dabei beobachtete, wie sie auf Bilderbüchern „herumkauten“. Da dies vermutlich der frühste Kontakt mit Büchern darstellt, scheint es die erste Form des Lesens zu sein. Kinder erforschen am Anfang ihrer Entwicklung alles mit den Händen und dem Mund. Als nächstes folgte das gemeinsame Anschauen der Bilderbücher den Eltern. Es machte mir bewusst, wie früh Kinder bereits an Bücher herangeführt werden können und man somit versuchen kann, eine positive Einstellung zum späteren Lesen zu vermitteln.
Während der Recherche zu meiner Hausarbeit und eigenen Überlegungen zu dem heutigen Leseverhalten, ergaben sich für mich mehrere Fragen. Zum einen möchte ich die Bedeutung des Lesens analysieren. Zum anderen bewegt mich die Vermutung, dass das Lesen von den neuen Medien, wie beispielsweise dem Fernsehen verdrängt wird. Oder ist es möglich, dass die Nutzung neuer Medien zwar ansteigt, jedoch der Rückgang des Lesens dabei nicht beeinflusst wird? Ist diese Vermutung möglicherweise ein Trugschluss und das Lesen stellt immer noch eine der wichtigsten Mediennutzungsmöglichkeiten dar? Da das Leseverhalten in direkter Abhängigkeit mit den Sozialisations-
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möglichkeiten von Lektüre steht, ist eine gemeinsame Überlegung unumgänglich. Somit baut sich diese Hausarbeit wie folgt auf: Die Welt der Bücher kann man sich mit einem zweiflügligen Eingangstor vorstellen. Zunächst werde ich auf die Grundlagen des Lesens eingehen. Sie sollen das Fundament des Tores darstellen. Der eine Torflügel stellt die Phase des Zeitraums vor dem eigenen Lesen dar. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Einflussmöglichkeiten der Eltern durch die Lesesozialisation von Kindern und Jugendlichen auf das spätere Leseverhalten. Die Lesesozialisation in der Schule beginnt nicht mit dem eigentlichen Lesenlernen, sondern ab dem 5. Schuljahr. Somit besteht der zweite Torflügel aus dieser Phase, wobei ich die Lesekompetenz als Teilbereich der Lesesozialisation in den Mittelpunkt stellen werde. Die Torflügel zusammen ermöglichen den erfolgreichen Zugang zu der Welt der Bücher. Das Leseverhalten jedes Einzelnen entscheidet darüber, wie weit das Tor geöffnet wird. Das Tor ist weit geöffnet bei den Viellesern. Die Wenigleser lassen nur einen Spalt offen. Die Personen die sich vom Lesen abgewendet haben, lassen das Tor angelehnt. Sie können jederzeit die Tür wieder aufstoßen, wenn sie ihre Leseintensität wieder erhöhen möchten. Für die Analphabeten bleibt das Tor verschlossen.
Je nachdem, ob Kinder und Jugendliche mehr oder weniger erfolgreich von ihren Eltern für das Lesen motiviert wurden und in der Schule eine Lesekompetenz entwickeln konnten, werden sie dies im Alltag anwenden. Die möglichen Einflüsse anderer Medien und Freizeitmöglichkeiten auf das Leseverhalten versuche ich anhand mehrerer Studien zu ermitteln. In der Welt der Bücher findet man beispielsweise die Bücher über Harry Potter. Sie sind Beispiele für das erfolgreiche Eintreten in die Bücherwelt von Leseabstinenzlern und Weniglesern, die das angelehnte Tor wieder weit geöffnet haben. Auf die Lesesozialisation der Schule im Einzelnen sowie der anderen Erziehungs- bzw. Bildungseinrichtungen werde ich hier nicht weiter eingehen, da mir hierzu kaum Literatur zur Verfügung stand. Zu diesem Aspekt fehlen weitgehend Fachbücher, die besonders die Lesesozialisation in der Schule ansprechen.
Die mögliche Lesesozialisation und Beeinflussung des Leseverhaltens durch die Gleichaltrigen wäre mit Gewissheit ein weiterer sehr interessanter Aspekt gewesen, kann hier aber nur am Rande erwähnt werden. Gleichzeitig möchte
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ich nicht auf Unterschiede des Leseverhaltens im Ost- West-Vergleich eingehen, da ich es 16 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands für nicht mehr angebracht halte.
Als bedeutende Autoren zur Lesesozialisation und Lesekompetenz sind Bettina Hurrelmann und Norbert Groeben zu nennen. Sie lehren an der Universität zu Köln. Bettina Hurrelmann hat sich auf Kinder- und Literaturforschung, Lese- und Medienforschung und Literaturdidaktik spezialisiert. Norbert Groeben befasst sich mit den Schwerpunkten Medien-, Sprach- und Denkpsychologie. Sein Spezialgebiet ist die Lesepsychologie. Er hat zahlreiche Bücher mit Bettina Hurrelmann zu den Themen Lesesozialisation, Medien- bzw. Lesekompetenz herausgegeben. Im Laufe der Arbeit werde ich vorzugsweise auf die Veröffentlichungen dieser beiden Autoren zurückgreifen. Bereits über einen längeren Zeitraum hat mich ihre Art und Weise der Auseinandersetzung mit diesen Themen beschäftigt und nachhaltig beeinflusst.
2. Das Lesen
Das Lesen ist „… das verstehende Aufnehmen von schriftlich fixierten Sprachfügungen, somit die auf Grund der erworbenen Kenntnis der Schriftzeichen vollzogene Tätigkeit des Sinnerfassens graphisch niedergelegter Gedankengänge“ (Weber, Albrecht 1993, S.11). Diese Definition von dem Sprachpsychologen Friedrich Kainz definiert das Lesen. Damit beschreibt er jedoch nur einen wichtigen Bereich des Lesens. Es ist das Erfassen und Entnehmen von Sinn. Doch dies reicht für die Beschreibung des Lesens nicht aus. Zwischen dem Leser und dem Lesestoff findet ein Zwiegespräch statt, welches ein Nehmen und Geben beinhaltet. Der Leser gibt Aufnahmebereitschaft, Ausdauer sowie Geduld und erhält gleichzeitig den Inhalt des Lesestoffes (vgl. Bamberger, Richard 1971, S. 3ff). Der Mensch wird durch das Lesen auf seine Fähigkeiten zum Denken, Fühlen und
Wollen verwiesen. Er nimmt die Wörter in Gruppen, in Sinneinheiten auf, erfasst sie
und verknüpft sie, verbindet das Empfangene mit dem, was in ihm selbst ruht, zu einer
neuen Ganzheit (Bamberger, Richard 1971, S. 4).
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Die neu gewonnenen Inhalte werden mit dem bereits bekannten Wissen verbunden und im Geiste weiterverarbeitet. Somit ist Lesen auch ein Denkprozess. Weiterhin beinhaltet das Lesen eine geistige Reaktion, da es die Denk- und Urteilsfähigkeit des Lesers fördert. Der Leser bildet zu dem Gelesenen eine eigene Meinung. Wesentliche Fähigkeiten, insbesondere die Denk- und Kritikfähigkeit werden beim Lesen ausgebildet, wodurch Lesen auch zu einem Bildungsprozess wird. Zusätzlich ist das Lesen die Grundlage für die weitere Bildungsarbeit in jeglicher Form (vgl. Bamberger, Richard 1971, S. 3-9).
2.1 Der Alphabet
Der Alphabet lernte in der Schule lesen. Dies wird in der Schule durch das „Zwei-Wege-Modell“ realisiert. Dieses Modell beinhaltet zwei Leselernverfahren, die miteinander kombiniert werden. Das synthetisierende Verfahren beschreibt den Leselernprozess vom Buchstaben zum Wort. Das Kind lernt, dass man einzelne Buchstaben zu einem Wort zusammenfügen kann. Auf dem umgekehrten Weg verläuft das ganzheitlich- analytische Verfahren. Das Kind erfasst das ganze Wort und muss es nur bei Unstimmigkeiten in einzelne Buchstaben aufschlüsseln (vgl. Wespel, Manfred 1998, S.7-28). Das Lesenlernen ist ein Prozess, der in einer langen Zeitspanne die Lesefähigkeit des Kindes vergrößert. Die Lesefähigkeit kann in fünf Stufen gegliedert werden. Die unterste Stufe beinhaltet die Nachahmung von Lesen und Schreiben. Sie fangen an, eigene Kritzeleien auf Papier zu verewigen. Geschichten aus dem Bilderbuch, die ihnen die Eltern vorgelesen haben, können sie selbständig erzählen und spielen dabei die Vorlesesituation nach. Die nächste Stufe ist das Erkennen einzelner Buchstaben und Wörter. Nun sind sie in der Lage, Buchstaben im Alltag wieder zuerkennen und einzelne Wörter, insbesondere Namen nachzuschreiben. Die dritte Stufe ist das Erkennen und Nutzen der Buchstaben als Laut-Zeichen. In dieser Stufe entdeckt das Kind das Grundprinzip unserer Schrift. Die Buchstaben sind das Abbild der Laute unserer Sprache. Dies bedeutet, dass die Kinder, die Laute aufgrund des Schreibens verewigen können und umgedreht, die geschriebenen Buchstaben wieder in Laute verwandeln können. Das Erkennen und Nutzen von Schriftmustern ist die Vorstufe der vollständig ausgebildeten Lesefähigkeit, also des automatisierten
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Lesens und Schreibens. Kinder können nun die bereits erworbenen Fähigkeiten des Lesens, insbesondere die grammatischen Regeln, automatisch einsetzten und nutzen (vgl. ebd.).
Der Leser als Alphabet wurde durch den Leselernprozess aus der Unwissenheit herausgeholt und besitzt nun die Möglichkeit, an der Gesellschaft teilzuhaben. Durch seine Lesefähigkeit kann er selbständig Kenntnisse erwerben, Erfahrungen machen sowie Einsichten gewinnen, die ihm vorher nur durch zuhören und sehen erreicht haben (vgl. Baumgärtner, Alfred Clemens 1974, S. 134).
Es gibt zahlreiche Versuche, die Leser in Typologien einzuteilen. Giehrl gliederte die Leser in vier Typen. Zum einen gibt es die funktionalpragmatischen Leser. Dies entspricht einem Grossteil der Leser. Ihnen dient das Lesen als Werkzeug, um sich Informationen zu beschaffen. Der emotionalphantastische Leser ist ebenfalls weit verbreitet. Im Mittelpunkt des Lesens stehen die Gefühle, die der Lesestoff auslösen kann. Er bietet Wunschvorstellungen, Illusionen und Stimmungen. Weniger häufig gibt es die rational-intellektuellen Leser. Sie beschäftigen sich meist mit wissenschaftlichen und philosophischen Schriften, Essays, Dramen und Lyrik. Für den literarischen Leser zentriert sich das Lesen auf die Dichtung und somit auf die Sprache als Kunst (vgl. ebd., S. 217ff).
2.2 Der Analphabet
Das Wort „Analphabet“ beinhaltet als ursprüngliche Bedeutung das Nichterkennen von Buchstaben. Heute ist diese Wortbedeutung nicht mehr aktuell, da sich mehrere Formen von Analphabetismus unterscheiden lassen. Die totalen Analphabeten, die der ursprünglichen Bedeutung nahe kommen, sind in der heutigen Gesellschaft kaum noch zu finden. In diesen Fällen tritt der totale Analphabetismus aufgrund einer Behinderung auf, da sie keine Schriftsprachkenntnisse erwerben können. Aber auch Ausländerinnen und Ausländer, die nach Deutschland eingewandert sind und in ihrer Heimat keine Schule besuchen konnten, zählen zu dieser kleinen Personengruppe. Dies wird auch primärer Analphabetismus genannt (vgl. Döbert, Marion; Hubertus, Peter 2000, S. 16-23).
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Die Personen, die die Schule besucht, die Schulpflicht erfüllt haben und trotzdem kaum lesen und schreiben können, bezeichnet man als funktionale Analphabeten. In der Definition für den funktionalen Alphabet von der UNESCO wird deutlich, was im Umkehrschluss unter dem funktionalen Analphabet verstanden werden kann. „Funktionaler Alphabet ist eine Person, die sich an all den zielgerichteten Aktivitäten ihrer Gruppe und Gemeinschaft, bei denen Lesen, Schreiben und Rechnen erforderlich sind, und ebenso an der weiteren Nutzung dieser Kulturtechniken für ihre Gemeinschaft beteiligen kann“ (Döbert, Marion; Hubertus, Peter 2000, S. 18). Somit ist der funktionale Analphabet nicht in der Gesellschaft integriert und kann die fehlenden Fähigkeiten des Lesens, Schreibens und Rechnens nicht für die Gesellschaft nutzbringend anwenden. Der Sekundäre Analphabetismus liegt vor, wenn nach dem Erwerb der Schriftsprache, diese in späteren Jahren wieder verlernt wird. Damit stellt der sekundäre Analphabetismus einen Sonderfall des funktionalen
Analphabetismus dar (vgl. ebd., S. 16-23). Die Verbreitung des Analphabetismus ist schwer zu ermitteln, da die Dunkelziffer nur geschätzt werden kann. Der Bundesverband Alphabetisierung e. V. geht aufgrund von bundesstatistischen Daten vom 31.12.1998 von 6,3 Prozent funktionalen Analphabeten in Deutschland aus. Dies entspricht vier Millionen deutschen Bürgern die über unzureichende schriftsprachliche Fähigkeiten verfügen (vgl. ebd., S. 29).
Die Ursachen für den funktionalen Analphabetismus sind vielschichtig. In der Öffentlichkeit herrscht eine mangelnde Einschätzung für die Bedeutung des Lesens und Schreibens. Einher geht damit die mangelnde Förderung des Lesens (vgl. Binder, Lucia 1993, S. 30). Des Weiteren sind die häufigsten Ursachen jedoch im Elternhaus der Analphabeten zu finden. Meist werden sie mit Vernachlässigung, Gleichgültigkeit, Ablehnung und psychischen Belastungssituationen durch Konflikte der Eltern konfrontiert. In den Familien herrscht häufig eine geringe ökonomische Sicherheit und die Schrift spielt eine untergeordnete Rolle. Weiterhin sind die Kinder und Jugendlichen den psychischen Belastungen der Schule, aufgrund von Aussonderung und Angst bei Leistungsdruck ausgesetzt (vgl. ebd.).
In der Adoleszenz und dem Erwachsenenalter hat dies zur Folge, dass das alltägliche Leben Erschwernisse aufweist. Das Ausfüllen von Formularen,
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Amtsbesuche und sogar das Einkaufen ist mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Analphabeten sind auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt stark benachteiligt und sind oft gesellschaftliche Außenseiter. Sie entwickeln grenzenlose Möglichkeiten um die fehlenden Fähigkeiten bezüglich des Lesens und Schreibens zu verheimlichen. Gleichzeitig leben sie in ständiger Angst, vor der Entdeckung in der Familie, im Freundeskreis und während der Arbeit (vgl. Döbert, Marion; Hubertus, Peter 2000, S. 52).
Ich bin der Ansicht, dass diese Grundlagen über das Lesen unverzichtbar sind bei den weiteren Überlegungen hinsichtlich der Bedeutung des Lesens und der Sozialisation. An dieser Stelle muss man berücksichtigen, dass die Sozialisation zum Lesen eine Voraussetzung für den Erwerb der Lesefähigkeit darstellt. Und die Lesefähigkeit ist wiederum die Voraussetzung für den Erwerb der Lesekompetenz und hat eine direkte Wirkung auf das Leseverhalten. Im ungünstigsten Fall entwickelt sich aus dem Kind ein Analphabet, dem die Welt der Bücher verschlossen bleibt.
2.3 Die Wirkung und Funktionen des Lesens
Lesen prägt die Persönlichkeit eines Menschen. Vergleicht man die Beschreibungen des Nichtlesers und Lesers in der theoretischen und historischen Literatur, so ergeben sich wesentliche Unterschiede der Persönlichkeitsmerkmale die ihnen zugeschrieben werden. Der Leser gilt als aufgeschlossener, weltoffener, in allen Bereichen aktiver und geistig flexibler (vgl. Saxer, Ulrich 1994, S. 171). Im Gegensatz zu den Nichtlesern, haben sie vielfältigere Hobbys, wie basteln, Sport treiben und Freunde treffen. Sie haben insgesamt mehr soziale Kontakte. Für Kino, Theater, Kunstausstellungen und Musik interessieren sich Leser überdurchschnittlich. Sie sind politisch engagierter, haben ein höheres Unabhängigkeitsbedürfnis und können ihre Interessen sowie Bedürfnisse aktiv wahrnehmen, da sie die Fähigkeiten zum rationalen Problemlösen anwenden können. Ihr Handeln ist durch Toleranz und Selbst- sowie Fremdverantwortlichkeit geprägt. In der Gesellschaft selbst haben Leser ebenfalls ein sehr hohes Ansehen. Generell gelten sie als bebildet (vgl. Runge, Gabriele 1997, S. 14, 17).
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Die Wirkung des Lesens hängt vom Text und vom Leser selbst ab. In erster Linie sind der Inhalt und die Art der Textaussage entscheidend. Die Lesewirkung ist nachhaltiger, wenn die Verbindung zwischen Text und Leser enger ist, sowie wenn der Leser sich im Text wieder findet und den Text für seine Probleme oder Bedürfnisse nutzen kann. Die Verständlichkeit und Ausdrucksqualität des Textes sind bedeutend. Wenn sie emotionale Appelle enthalten, die beispielsweise Hoffnung hervorrufen oder Furcht einflößen, kann sich der Leser mit dem Inhalt des Textes identifizieren (vgl. Sahr, Michael 1981, S. 143ff).
Die Wirkung der Lektüre für die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen ist jedoch nicht klar ersichtlich bzw. nachweisbar. Einerseits wird den Medien, insbesondere dem Lesen eine hohe Sozialisationsleistung quittiert. Andererseits wird die Wirkung sehr gering eingeschätzt, da Literatur nur indirekt präsent ist und im Vergleich mit den anderen Sozialisationsinstanzen nicht mithalten kann (vgl. ebd., S. 49).
Dennoch hat das Lesen im Vergleich eine positivere Wirkung bei Kindern und Jugendlichen als bei Erwachsenen. Sie sind in ihren Meinungen, Einstellungen und Verhaltensweisen noch nicht entschieden geprägt und festgelegt. Gleichzeitig sind sie offener sowie aufnahmefähiger für Veränderungen. Die Wirkung erhöht sich zusätzlich durch das stärkere Interesse für viele Themen (vgl. ebd., S. 57ff).
Im Folgenden werde ich die Funktionen des Lesens näher betrachten. Aus ihnen kann man die Bedeutung des Lesens schlussfolgern. Die unmittelbaren Funktionen des Lesens stellen die Information und die Unterhaltung dar. „Lesen in seiner Idealform wurde propagiert als kritischdistanzierte Auseinander-
setzung mit ´anspruchsvollen`, ´niveauvollen` Texten, als gedankliche Leistung, die Anstrengung und Disziplin verlangt“ (Klimmt, Christoph; Vorderer, Peter 2004, S. 36). Dies definiert das Lesen zum Zwecke der Informationsgewinnung. Die Unterhaltung wurde lange Zeit in den Hintergrund gedrängt. Unterhaltende Literatur galt als nutzlos und Zeitverschwendung. Die Flucht in die Phantasie und damit die Abwendung von der Wirklichkeit wurde stark kritisiert. Erst durch die Verbreitung des Fernsehens trat die Unterhaltung durch Lektüre in den Vordergrund. Die Unterhaltung ist abhängig von den Gefühlen, Stimmungen
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Arbeit zitieren:
Tina Mainz, 2006, Lesesozialisation - Grundlagen und Bedeutung des Lesens für die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen, München, GRIN Verlag GmbH
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