Inhalt
1. Einleitung. 2
2. Darstellung von Naturerscheinungen. 3
3. Funktion von Naturdarstellungen 5
3.1. Naturdarstellungen als Mittel zur Authentizität? 5
3.2. Natur als Lebensraum? 6
3.3. Natur als determinierendes Element? 8
3.4. Sonderfälle 9
3.4.1. Der Wald 9
3.4.2. Der Busch 11
4. Darstellung von Wetterphänomenen und Atmosphäre. 12
5. Funktion der Wetterdarstellungen 15
5.1. Wetter als determinierender Faktor? 15
5.2. Wetter als strukturgebendes Moment? 16
5.3. Wetter als stimmungsbestimmendes Phänomen? 18
6. Fazit. 20
7. Literatur. 22
7.1. Primärliteratur 22
7.2. Sekundärliteratur 22
1
1. Einleitung
Clara Viebigs Lebenswerk umfasst eine Vielzahl von Romanen und Novellen, welche bevorzugt in der von ihr zeitlebens als Heimat angesehenen Eifel ihren Schauplatz finden. Geboren in Trier, zog es die Schriftstellerin bereits in jungen Jahren in Großstädte wie Düsseldorf und Berlin. Dennoch blieb die landschaftlich idyllische Eifel ihr eigentliches „Zuhause“; sie entwickelte eine tiefe Liebe und Verbundenheit zur Natur und Schönheit dieser Landschaft, so dass sie diese auch als ihre eigene Heimat bezeichnete. 1 Viebigs Nähe zur Natur und ihre exakte Beobachtungsgabe entwickelten sich vor allem während ausführlichen Wanderungen und Untersuchungsfahrten in die Eifel gemeinsam mit ihrem Onkel, dem Landgerichtsrat Mathieu, bei welchem sie eine Zeit lang zur Pension lebte. 2 Aus ihrer grundlegenden Naturverbundenheit erklärt sich die bedeutende Rolle, welche Naturdarstellungen innerhalb ihrer Romane und Novellen einnehmen. Die Eindrücke, die sie in jungen Jahren in ihrer Heimat sammelte, wurden für Viebig die „Keime ihrer Werke“ 3 . Zur Zeit ihres epischen Schaffens sowie auch in späteren Phasen wurde immer wieder versucht, die junge Schriftstellerin in eine der dominanten literarischen Strömungen einzuordnen. Man wurde sich selten einig, ob die Künstlerin nun dem Naturalismus angehöre, welcher eine direkte Darstellung von Wirklichkeit und Gegenwart ohne Beschönigungen anstrebte oder ob sie eher der Gegenbewegung, nämlich der Heimatkunst, zuzuordnen sei, welche das Leben auf dem Lande propagierte. 4 Nach eigenen Angaben sah sich Viebig von beiden Richtungen beeinflusst 5 , ohne in eine feste Kategorie eingeordnet werden zu wollen. Schließlich beeinflusste sie noch ein weiteres Faktum: Der französische Realismus und seine naturalistische Kunstauffassung, welche sie durch die Lektüre von Emile Zolas Roman „Germinal“ kennen lernte, beeindruckten sie so sehr, dass sie sich dessen Art des Schreibens als Vorbild und Ziel setzte, „und sie sollte diese trotz verschiedener Modifikationen während ihres langen Schriftstellerlebens nicht mehr aufgeben“ 6 .
All diese unterschiedlichen Einflüsse lassen sich in Viebigs Werken nachweisen. Besonders augenscheinlich ist jedoch ihre explizite Vorliebe zur Darstellung von Natur, Landschaft und topographischen Gegebenheiten. Die Schriftstellerin schmückt ihre Romane mit ausführlichen Beschreibungen der Umgebung aus, liefert „exakte Milieuschilderungen (...) und spannende
1 Hügel, H.-O.: Deutsche Schriftsteller im Porträt. Band 5 Jahrhundertwende. München 1983. S. 189.
2 Wingenroth, S.: Clara Viebig und der Frauenroman des deutschen Naturalismus. Freiburg 1936. S. 34.
3 Ebd., S. 35.
4 Neft, M.-R.: Clara Viebigs Eifelwerke (1897-1914). Imagination und Realität bei der Darstellung einer
Landschaft und ihrer Bewohner. Münster et.al. 1998. S. 22.
5 Ebd., S. 17.
6 Ebd., S. 11.
2
Naturbeschreibungen“ 7 . Dabei beschränkt sie sich allerdings nicht nur auf das greifbare Inventar der sie umgebenden Natur, sondern bezieht auch die klimatische und atmosphärische Ebene mit ein, indem sie dem Wetter eine bedeutende Rolle zuspricht. Ziel dieser Arbeit soll es sein, die Darstellung dieser Phänomene Natur und Witterung im Roman „Das Weiberdorf“ genauer zu betrachten und anschließend deren Bedeutung für Handlungsverlauf, Stimmung und Struktur zu untersuchen. Hierbei sollen verschiedene Aspekte Betrachtung finden, um ein exemplarisches, differenziertes Bild des Einsatzes solcher Naturbeschreibungen in Viebigs Werk zu erlangen.
2. Darstellung von Naturerscheinungen
Wie bereits einleitend angedeutet, ist auch Clara Viebigs „Weiberdorf“ in ihrer Heimat Eifel situiert, genauer gesagt handelt es sich um den Ort Eifelschmitt (angelehnt an den Originalnamen Eisenschmitt 8 ). Viebig beschreibt in sehr exakten und detailgetreuen Passagen die Landschaft und Topographie um das kleine Eifeldorf herum. Der Einstieg in den Roman erlaubt dem Leser, gemeinsam mit den heimreisenden Männern das Dorf schon von Weitem zu entdecken; in einem Blick von oben herab, von den Bergrücken und Erhebungen der Eifel hinunter in das Salmtal wird der Leser des Dorfes zum ersten Mal gewahr. „Da unten liegt das Salmtal, schmal und grün und lieblich. Die klare Salm schlängelt sich als Silberband; dort, an der letzten Krümmung, ragen die Ruinen von Kloster Himmerod, schon verschleiert vom Abendduft, und da, dicht zu Füßen, scheinbar mit einem Steinwurf zu erreichen, Eifelschmitt!“ 9
Genaue Ortsangaben, die konkrete Nennung des Flusses und des historischen Baudenkmals auf der einen Seite sowie malerische Beschreibungen der Natur auf der anderen Seite ergeben zusammen ein sehr anschauliches Bild der vorgestellten Szenerie. Wie im oben gezeigten Beispiel deutlich wird, liegt es der Autorin nahe, die Topographie des Schauplatzes sehr genau wiederzugeben, so werden dem Leser während der Lektüre häufig Hinweise bezüglich Lage und Relief gegeben: „zwischen den Bergwänden“ (37), „meilenweite Ebene“ (16), „im engen Tälchen“ (37). Die exakte Beschreibung von Landschaft und Topographie, welche zum
7 Hügel 1983, S. 189.
8 Neft, M.-R.: Clara Viebigs Eifelwerke (1897-1914). Belletristik als volkskundliche Quelle? In: Die Provinz des
Weiblichen. Zum erzählerischen Werk von Clara Viebig. Hg. von Volker Neuhaus und Michel Durand. Bern
2004. S. 171.
9 Viebig, C.: Das Weiberdorf. Roman aus der Eifel. Alf/Mosel 2003. S. 7. Im Folgenden zitiert durch Angabe der
Seitenzahl im Fließtext.
3
Teil so genau sind, „dass man nach diesen wandern könnte“ 10 , sind offenbar ein konstituierendes Element in den Werken der Schriftstellerin.
Im weiteren Verlauf des Romans erscheinen die Nennungen und Beschreibungen der Kulisse auf unterschiedliche Weise. Teils werden unauffällig, fast nebenbei einzelne Elemente der Umgebung erwähnt oder nur am Rande gestreift:
„Wenn die Peitschenschnur sich in den nackten Ebereschenzweigen rechts und links von der Straße, verfing, fluchte er und riß und zerrte.“ (95)
Häufiger aber wird die Umwelt eingehend und detailgetreu wiedergegeben. Dabei achtet Viebig auf alle Einzelheiten; sie scheut sich nicht, auch die kleinste Einzelheit zu erkennen und sorgsam zu schildern.
„Ohne eine Nadel zu regen, in majestätischer Größe stehen die Tannen, wie aus der Urwelt stammend, mit ihren Riesenbärten von abgestorbenem, grauem Moos, ihren überhandlangen, braunen, schuppigen Zapfen, ihrem dunkelflüssigen Harz, das in zähem Rinnsal aus der zerklüfteten Borke sickert.“ (57)
Die Behandlung des Waldes scheint v.a. in diesem Roman Clara Viebigs eine Sonderstellung einzunehmen; er wird häufig wie kein anderes Naturelement aufgegriffen, sei es in ausführlicher Auseinandersetzung wie im oben zitierten Abschnitt oder andernfalls nur randständig in einer beiläufigen Erwähnung. Die genaue Bedeutung dieses Phänomens soll später in dieser Arbeit untersucht werden.
Schließlich soll noch ein letzter Aspekt der Naturdarstellungen im Weiberdorf zur Sprache kommen, welcher anhand der folgenden Textstelle deutlich wird: „Rechts Gärten, links Gärten. Obstbäume hängen ihre Zweige über dichte Weißdorn- und Wildrosenhecken; zuweilen wechseln sie ab mit morschen Bretterzäunen, die sich schief neigen und ihren modernden Holzgeruch mit dem süßlichen Duft der Gebüsche mischen.“ (15) Auffällig an dieser Passage ist, dass sich die Schriftstellerin nicht auf eine Wahrnehmungsebene beschränkt, sondern dem Leser gleich mehrere Möglichkeiten der Aufnahme des Geschilderten bietet: Es wird nicht nur durch genaue, detaillierte Aufnahmen der Landschaft der visuelle Sinn des Rezipienten angesprochen, ihm wird zusätzlich die Möglichkeit geboten, die Umgebung olfaktorisch wahrzunehmen. Die vielschichtigen Naturdarstellungen in Viebigs Roman lassen sich also grob charakterisieren durch exakte und detailgetreue Schilderungen der Umwelt, konkrete Orts-und Lagenennungen, topographisch genaue Beschreibungen und das Ansprechen verschiedener Wahrnehmungssinne. Die Funktion bzw. Bedeutung dieser Beschreibungen soll im Folgenden geklärt werden.
10 Neft 2004, S. 173.
4
3. Funktion von Naturdarstellungen
Nach der Feststellung, dass Clara Viebig offenbar einen besonderen Wert auf die Vermittlung von Natur legt, stellen sich vorrangig folgende Fragen: Wie kommt es zur Motivation Viebigs, eine solch exakte Herangehensweise bei der Darstellung der Eifellandschaft an den Tag zu legen? Wie gelingt es der Schriftstellerin, die Natur als konstituierendes Element in ihren Roman einzubinden?
Diesen Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden, wobei zunächst grundlegende Funktionen untersucht werden und deren Umsetzung durch sprachliche Mittel in interessanten Fällen geklärt wird.
3.1. Naturdarstellungen als Mittel zur Authentizität?
Eine erste, sehr naheliegende Vermutung liegt darin, dass die Autorin ihre exakten Beschreibungen der natürlichen Gegebenheiten der Eifel nutzt, um auf diese Weise ein hohes Maß an Authentizität zu erreichen. Neben den detaillierten topographischen Angaben unterstützen auch die existenten Namen der Ortschaften, Flüsse und anderer Gegebenheiten diese Funktion. Durch eine gesteigerte Authentizität des Romans kann es der Autorin gelingen, den Leser für sich zu gewinnen, ihn von der Glaubwürdigkeit ihres Schauplatzes und möglicherweise auch des darin stattfindenden Geschehens zu überzeugen. Weitere Argumente für die Motivation Viebigs zur getreuen Wiedergabe der Umgebung liegen darin, dass es ihr wahrscheinlich am Herzen lag, „die von ihr sehr geschätzte Landschaft Nichtkennern vorzustellen und ihre Vertrautheit mit den beschriebenen Regionen unter Beweis zu stellen“ 11 . Da Viebig im Grunde genommen keine „echte“ Eiflerin war, sondern die beschriebenen Geschehnisse nur von außen betrachtete 12 , musste sie auf diese Weise ihre vorhandene Kenntnis und Vertrautheit mit diesem Landteil belegen, um überhaupt ernst genommen zu werden.
Hinzu kommt in der Epoche des deutschen Naturalismus schließlich noch die Forderung an den Schriftsteller, sich zu bemühen um ein „schärfstes Erfassen und nüchterne, einfache Wiedergabe der Sinneseindrücke“ 13 . Zwar ordnet sich Viebig nicht direkt einer der literarischen Strömungen unter, dennoch können die zeitlebens aktuellen Richtlinien durchaus ihren Einfluss auf die Schriftstellerin ausgeübt haben. Die Naturdarstellungen im Roman dienen also sicherlich zur Unterstreichung der Authentizität des Erzählten, darüber hinaus zeugen sie aber auch von einer großen
11 Neft 1998, S. 44.
12 Vgl. Neft 1998, S. 34.
13 Wingenroth 1936, S. 28.
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Arbeit zitieren:
Linda Giesecke, 2006, Zu Funktion und Bedeutung dargestellter Naturelemente und Wetterphänomene auf Innen- und Außenleben der Figuren, München, GRIN Verlag GmbH
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