Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung 1
2. Totalitarismustheorie 2
2.1 Totalitarismusbegriff 2
2.2 Ursprung der Totalitarismustheorie 3
2.3 Die moderne Totalitarismustheorie 4
2.4 Friedrichs Ansatz in der Totalitarismusforschung 6
3. Die DDR - ein totalitärer Staat? 8
3.1 Die Totalitarismusfrage anhand von Friedrichs Kriterienkatalog 8
3.1.1 Allumfassende Ideologie 9
3.1.2 Existenz einer Massenpartei 10
3.1.3 Psychisch und physisch wirkende Geheimpolizei 11
3.1.4 Das Monopol der Massenkommunikationsmittel 13
3.1.5 Kontrollmonopol über sämtliche Streitkräfte / Waffen im Staat 14
3.1.6 Zentrale Kontrolle der gesamten Wirtschaft 15
3.1.7 Vergleichende Zusammenfassung 17
3.1.8 Ergebnisanalyse 18
3.1.9 Kritik an Friedrichs Kriterienkatalog 19
3.2 Vergleich mit dem totalitären NS-Deutschland 23
4. Schlussbetrachtung - totalitär oder autoritär? 25
1. Einleitung
Im Folgenden lesen Sie eine Hausarbeit im Rahmen der Vordiplomsprüfungen des Diplomstudienganges Erziehungswissenschaft. Sie setzt sich mit der Frage auseinander, ob es sich bei der DDR um einen totalitären Staat handelte. Ein solcher Nachweis ist nicht so einfach, wie etwa eine Untersuchung auf demokratische Elemente. Diese sind in der DDR kaum zu finden. Das öffentliche Leben schien unter totaler Beeinflussung der Regierung zu stehen. Grundrechte wie die Meinungs- und Pressefreiheit, das Briefgeheimnis oder das Recht auf Privatsphäre wurden den Bürgern zwar offiziell gewährt, konnten jedoch nicht ausgelebt werden. Es lassen sich bei der Betrachtung des Herrschaftssystems einige Parallelen zum im Allgemeinen als totalitär anerkannten nationalsozialistischen Deutschland finden. Beide Systeme besaßen eine Massenpartei, eine politische Geheimpolizei und eine Ideologie auf der ihr Handeln aufbaute. Aber ist es wirklich sinnvoll dem SED-Regime die gleiche Bezeichnung wie Hitlers Deutschland zuzusprechen? Da es sich bei der DDR aber eindeutig nicht um einen demokratischen Staat handelte ist es nötig eine andere Bezeichnung für das Herrschaftssystem zu finden. Bei der Beantwortung der Frage nach totalitären Elementen stößt man auf das Problem das es für den Begriff „totalitär“ keine allgemein anerkannte wissenschaftliche Definition gibt. Der Begriff entstand aus der Existenz solcher Staaten und wurde durch diese definiert, und so auch immer wieder erneuert und den Systemen angepasst.
Zu Beginn dieser Arbeit wird der Begriff „Totalitarismus“ ausführlich erläutert. Es wird ein Ausblick über den Ursprung und die Entwicklung des Begriffs gegeben. Dabei wird zur modernen Totalitarismustheorie von C. J. Friedrich übergeleitet. Anhand dieser wird schließlich im zweiten Kapitel geprüft ob die DDR, die von Friedrich genannten Merkmale erfüllt. Friedrichs Ansatz ist in der Totalitarismusforschung nicht unumstritten, allerdings sowohl in der Analyse von post-stalinistischen Staaten als auch bei Diktaturvergleichen anerkannt. Zur Sicherung des Ergebnisses werden die totalitären Elemente der DDR dann mit denen des Dritten Reiches verglichen. Abschließend wird überprüft ob eine Bezeichnung wie „autoritär“ oder „post-totalitär“ nicht eher zum Regime des Arbeiter- und Bauernstaates passen würde.
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2. Totalitarismustheorie
Ziel der Totalitarismustheorie ist es wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse über die totalitären Wesenszüge faschistischer und kommunistischer Systeme zu liefern. 1 Die Diskussion um den Begriff und die Wirklichkeit des Totalitarismus gehört zu den großen politikwissenschaftlichen Streitfragen des 20. Jahrhunderts. Bevor in dieser Hausarbeit auf die Entwicklung einer modernen Totalitarismustheorie und ihre Anwendung auf die DDR eingegangen wird, soll erst Grundlegendes zum Begriff und zur Geschichte dargestellt werden.
2.1 Totalitarismusbegriff
Es gelingt nicht den Begriff der totalitären Herrschaft rein logisch zu bestimmen. 2 Erst mit der Existenz von totalitären Staaten war es möglich den Begriff zu erfinden. Die Definition wurde dann von seiner Existenz abgeleitet. 3 Diese Vorgehensweise war nötig, da die als totalitär bezeichneten politischen Erscheinungen eine völlig neue Dimension darstellten. Nach Alain de Benoist ist der Totalitarismusbegriff erst dann zu begreifen wenn „man ihn von allen herkömmlichen Formen der Gewaltherrschaft, des Absolutismus, der Diktatur oder des Autoritarismus unterscheidet, dass heißt, wenn man von einer radikalen Neuheit ausgeht.“ 4 Aber was steckt genau hinter diesem Begriff und welche Merkmale muss ein Staat haben, um als totalitaristisch eingestuft zu werden? Ende der zwanziger Jahre verstand man darunter noch jeden Staat der nicht parlamentarisch sondern autoritär regiert wurde. 5 Mit dem Auftreten von totalitären Staaten spezialisierte sich der Begriff. So kamen in den dreißiger und vierziger Jahren mit den Erfahrungen aus dem nationalsozialistischen Deutschland und dem stalinistischen Russland weitere Merkmale, wie die Gleichschaltung des Lebens, der politischen Polizei oder der Konzentrationslager zum Begriffsinhalt dazu. Menschen, die unter totalitärer Herrschaft leben, sind gezwungen sich ihm anzupassen und müssen ihre persönliche Freiheit aufgeben.
1 vgl. Franke, Harald: Ein Systemvergleich anhand der klassischen Totalitarismustheorie,
in: Kühnhardt, Ludger: Drittes Reich und DDR, Frankfurt am Main 1996, S. 183
2 vgl. Buchheim, Hans: Totalitäre Herrschaft, München 1962, S. 11
3 vgl. Benoist, Alain de: Totalitarismus, Berlin 2001, S. 99
4 vgl. ebd., S. 99 f.
5 vgl. Buchheim 1962, S. 11
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Die totalitäre Herrschaft versucht den ganzen Menschen in den Griff zu bekommen. Ziel der Systeme ist es eine neue Welt, nach ihrer Ideologie und ihrem Menschenbild zu schaffen. Alte Sozialelemente werden zerstört und durch neue künstliche ersetzt. Das ganze Handeln beruht auf den Anspruch dem Sinn der Weltgeschichte zu kennen und deshalb ihren Lauf zu vollenden zu können. 6 Politisch erfahrene Beobachter sagten totalitären Regimen zunächst einen schnellen Untergang voraus. Grund dafür ist die Tatsache, dass diese alle Vorrausetzungen für eine Regierung auf Dauer zerstörten. Die Regierungsform verletzt Gesetze des internationalen diplomatischen Verkehrs und der Wirtschaft, sie zerstört die staatliche Verwaltung und erfüllt seine Versprechen nicht. 7 Trotz allem konnte sie sich entwickeln, bestehen bleiben und große Teile der Bevölkerung für sich gewinnen.
2.2 Ursprung der Totalitarismustheorie
Der Begriff der ‚Totalität’ als Kategorie der Staatsphilosophie tritt schon bei Hegel auf. 8 Der Ursprung der politikwissenschaftlichen Streitfrage liegt in der publizistischen, der liberalen und demokratischen Opposition gegen Mussolinis faschistischen Regime. Der liberale Parteiführer Amendola beschrieb mit den Worten ‚totalitär’ und ‚Totalitarismus’, die alle Grundlagen des bisherigen Lebens umstürzende faschistische Politik. Mussolini übernahm den Begriff um seiner Regierung positiven Charakter zu verleihen (‚regime totalitaria’). 9 Er machte diese Terminologie zum Bestandteil des offiziellen faschistischen Staatsverständnisses. Mussolini wies den Vorwurf einen totalen Staat anzustreben also nicht zurück, sondern bekannte sich 1925 mit dem folgenden Satz zu diesem Staatsverständnis: „Alles für den Staat, nichts außerhalb des Staats, nichts gegen den Staat.“. Die Art der Gleichschaltung des Staates und die Machtausübung der Faschisten in Italien ähnelten den Praktiken der Kommunisten in der Sowjetunion. Daraus folgend begannen Beobachter bereits in den zwanziger Jahren die beiden Regime miteinander zu vergleichen. In der Zwischenkriegszeit begannen die Begriffe ‚totalitär’ und ‚Totalitarismus’ sich in der englisch sprechenden Welt zu verbreiten.
6 vgl. Buchheim 1962, S. 13 ff.
7 vgl. ebd., S. 13
8 vgl. Neun, Oliver: Die Totalitarismus-Kontroverse, zit. n. Schlangen, Walter: Die
Totalitarismustheorie, Stuttgart 1976, S. 11, in: Kühnhardt 1996, S. 202
9 vgl. Franke, in: Kühnhardt 1996, S. 184
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1929 sprach ‚The Times’ von dem „totalitären oder Einheitsstaat sei er nun kommunistisch oder faschistisch“. 10 Auch in US-amerikanischen Wörterbüchern wurde der Begriff schon vor 1945 mit dem faschistischen Italien oder dem NS-Deutschland in Verbindung gebracht.
In Deutschland entstand der Begriff des Totalitarismus außerhalb der Bewegung und schon vor der Machtergreifung der Nazis. Ernst Jünger führte 1933 den Begriff der ‚totalen Mobilmachung’ ein. 11 Der Staatsrechtler Carl Schmitt prägte die Aussage des „Totalen Staates“. 12 Diesen sieht er als Endprodukt einer Kette, in der aus dem ‚absoluten Staat’ der ‚liberale Staat’ hervorgeht und der schließlich vom ‚totalen Staat’ abgelöst wird. Wie bei den Faschisten in Italien fand der Begriff des totalitären auch Verwendung im Sprachgebrauch der Nazis, erlangte dort aber nie offiziellen Stellenwert. Auch auf Grund dieser Tatsache und weil das Dritte Reich dem Vorgehen der Faschisten in Italien stark ähnelte wurden die Nationalsozialisten in die vergleichende Analyse der Totalitarismusforschung mit einbezogen. Trotz der unterschiedlichen ideologischen Ziele der Diktaturen in Italien, Russland und Deutschland charakterisierten Wissenschaftler ab den dreißiger Jahren die Länder als totalitäre Herrschaftssysteme. 1941 ging der erste Teil der Totalitarismusdiskussion zu Ende. Nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion, verbündeten sich die westlichen Staaten mit Stalin. Es erschien in der Zeit als nicht akzeptabel den Verbündeten als totalitär zu bezeichnen und mit dem Feind auf gleiches Niveau zu setzen.
2.3 Die moderne Totalitarismustheorie
Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs, als das Bündnis der Sowjetunion mit den Alliierten zerbrach, fiel die Rücksichtnahme weg, und die Totalitarismusforschung begann von neuem. In den 60er Jahren stieß die Anwendung des Totalitarismuskonzepts auf das kommunistische System auf Kritik. Diese kam in erster Linie von Intellektuellen, die mit dem kommunistischen System sympathisierten.
10 vgl. Franke, in: Kühnhardt 1996, S. 185
11 vgl. ebd.
12 vgl. Neun, in: Kühnhardt 1996, S. 203
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Grund dafür war die Tatsache, dass viele Totalitarismuskonzepte die Behauptung enthielten das kommunistische Systeme und faschistische Regime wesensgleich seien und sich von liberalen Verfassungsstaaten stark unterscheiden. 13 Anfang der 50er Jahre formulierte Hannah Arendt in ihrem Buch ‚Origins of Totalitarism’ eine klassische Form der Totalitarismustheorie aus. In ihrer Arbeit stellte sie eine totalitäre Rechtlosigkeit fest, die sich den Anschein von Verfassungsmäßigkeit gibt. Die Ideologie in dieser Form eines Staates hat nichts mehr mit politischen Ideen und Überzeugungen zu tun. Sie dient als ein Instrument zur Manipulation der Bevölkerung und zur Machtsicherung. Eine weitere besondere Funktion sieht die emigrierte Jüdin in dem staatlichen Terror; dieser dient als ein Instrument der Unterwerfung der Bevölkerung und zur Isolation Einzelner. 14 Eine weitere wichtige Person in der Totalitarismusforschung ist Karl Diedrich Bracher der in seinen Forschungen auf die Tatsache gestoßen ist, dass die modernen Industriegesellschaften dem totalitären System eine bisher nie da gewesene Möglichkeit der Gleichschaltung der Massen bietet. Außerdem verweist er auf die pseudodemokratische Legitimierung dieser Systeme und führt vier Merkmale für den Totalitarismus auf. Die offene Ideologie mit Ausschließlichkeitscharakter, eine hierarchisch organisierte Massenbewegung, die Kontrolle aller
Kommunikationsmittel sowie die bürokratische Kontrolle der Ökonomie. 15 Einen wichtigen Platz in der Totalitarismusdiskussion nimmt Carl Joachim Friedrich mit seinem klassifikatorischen Sechspunktesyndrom ein. Noch heute hat seine Theorie großen Einfluss, an Hand von ihr wird in dieser Vordiplomsarbeit geprüft, ob es sich bei der DDR um einen totalitären Staat gehandelt hat oder nicht. Bevor damit begonnen wird sollen aber erst einmal kurz die Ergebnisse von Friedrichs Forschung dargestellt werden.
13 vgl. Friedrich, Carl: Totalitäre Diktatur, 1957, S. 15 ff., zit. n. Siegel, in: Jesse, Eckhard:
Diktaturvergleich als Herausforderung, Berlin 1998, S. 75
14 vgl. Franke, in: Kühnhardt 1996, S. 186
15 vgl. ebd. S. 187
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Dipl. Päd. Mathias Pornhagen, 2004, Die DDR - ein totalitärer Staat? Eine Überprüfung anhand von C. J. Friedrichs Totalitarismustheorie, München, GRIN Verlag GmbH
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