Inhalt
1. EINLEITUNG 1
2. DIE DELPHI-METHODE 1
3. SICHERHEIT ALS INDIKATOR FÜR WIRKLICHKEITSNÄHE 2
4. ARBEITSHYPOTHESEN 5
5. FELDBERICHT 8
6. ZENTRALE ERGEBNISSE DER STUDIE 9
7. HYPOTHESENPRÜFUNG - DARSTELLUNG DER EIGENEN
ERGEBNISSE 10
7.1 DER EINFLUSS DER SUBJEKTIVEN SICHERHEIT AUF DIE
PANELMORTALIT ÄT 10
7.2 DER EINFLUSS DER SUBJEKTIVEN SICHERHEIT AUF EXTREME
URTEILE 12
7.3 DER EINFLUSS DER SUBJEKTIVEN SICHERHEIT AUF KONSTANTE
URTEILE 17
7.4 DER EINFLUSS DES ARBEITSGEBIETS AUF DIE SUBJEKTIVE
SICHERHEIT 19
8. ZUSAMMENFASSUNG 22
9. SCHLUSSFOLGERUNG 23
Literatur 25
TABELLENANHANG 26
Tabellen zur Hypothese 2 26
Tabellen zur Hypothese 3 26
Tabellen zur Hypothese 4 26
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1. EINLEITUNG
Von Experten sollte man erwarten, dass sie die Phänomene ihres Spezialgebiets genauer kennen, schärfer umrissen sehen als Personen mit allgemeinerem Wissen. Sie kennen ihr Arbeitsgebiet, so wie es sich heute darstellt, ganz genau. Durch jahrelange Erfahrung und tägliche erneute Konfrontation mit den Problemstellungen dieses Gebietes haben sich ihre Sinne für selbiges geschärft. Deshalb sind sie der kompetenteste Personenkreis, um auch Fragen zu beantworten, die selbst für sie nicht ohne die Risiken einer Fehlinterpretation behaftet sind. Solche Fragen möchten ungewisse Strukturen erhellen und Antworten zu Szenarien ferner Zukunft finden. Doch wie exakt sind diese Expertenschätzungen? Können Fragen nach der subjektiven Sicherheit ein Indikator für eine wirklichkeitsgetreue Schätzung sein? Diese Frage ist Thema dieser Arbeit. Sie wird auf den folgenden Seiten im Zusammenhang mit extremen und konstanten Antworten entfaltet.
2. DIE DELPHI-METHODE
Delphi-Studien dienen der näheren Bestimmung eines unklaren Sachverhalts. Wissen über denselben kann nicht auf direktem Weg in Erfahrung gebracht werden, denn er ist für die Forscher unzugänglich. Deshalb werden Experten um eine möglichst wirklichkeitsnahe Beurteilung des Sachverhalts gebeten. In einer zweiten Befragungsrunde bekommen die Experten die Urteile aller Experten zurückgemeldet. Sie sollen nun auf der Grundlage dieses Feed-backs ihr Urteil überdenken. Es wird davon ausgegangen, dass kompetente Experten bei ihrem Urteil bleiben, andere lassen sich von der Rückmeldung überzeugen. So soll ein stabileres Urteil entstehen. Oft sind in Delphi-Studien Fragen nach der subjektiven Sicherheit in das Frageprogramm mit einbezogen. Sie zeigen dem Experten einerseits noch einmal, wie wenig die Forschung über den erfragten Sachverhalt weiß, andererseits kann sich der Forscher hier je nach Kompetenz einstufen. Dies ermöglicht den Vergleich sicherer und unsicherer Experten.
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3. SICHERHEIT ALS INDIKATOR FÜR
WIRKLICHKEITSNÄHE
Fragen nach der Fachkenntnis des Experten, nach seinem Wissensstand oder nach seiner subjektiven Sicherheit bezüglich eines Sachverhalts sollen die Wahrscheinlichkeit eines realitätsnahen Urteils erörtern. Diese Fragen sind niemals Ersatz für die Prüfung der Expertenurteile an der Realität. Da die in Delphi-Studien erfragte ungewisse/zukünftige Realität jedoch nicht (zum heutigen Zeitpunkt) als Indiz für ein adäquates Expertenurteil verfügbar sein kann, muss solche Indikatoren für „wahre“ Urteile zurückgegriffen werden. Wie valide sind diese Indikatoren als Kriterien eines wirklichkeitsnahen Urteils?
Sind die Experten ausgewählt, dann ist es an ihnen, sich selbst zu beurteilen. In Fragen zur subjektiven Sicherheit schätzen sie ihre Kompetenz selbst ein. Dieser Einschätzung zufolge wird die Seriosität ihrer Urteile eingeordnet. Denn es wird behauptet: Sichere Experten geben wirklichkeitsnahe Schätzungen ab. Die theoretische Begründung liegt im Verweis auf die besonderen Denkschritte, welche ein Befragter bei der Einschätzung seiner Sicherheit durchläuft (vgl. Häder in ZUMA-Nachrichten 2000/46: 92). Häder kommt zu dem Schluss: „Im Ergebnis ist zu erwarten, dass der jeweilige Experte mit seiner Antwort auf die Frage nach der subjektiven Sicherheit in der Tat eine Aussage abgibt, welche auf die Qualität seines vorausgegangenen Urteils schließen lässt.“ (ebenda)
Die Sicherheit eines Experten kann theoretisch auf verschiedene Arten „gemessen“ werden. Die direkteste Art ist die Frage nach der subjektiven Sicherheit. Die Frage nach der subjektiven Sicherheit als Indikator für die Sicherheit eines Experten bringt einige Bedenken mit sich. Die subjektive Sicherheit wurde in der Delphi-Befragung „Der Wiederaufbau der Frauenkirche - Konsens und Symbol“ (Häder 2003) auf einer Skala von „sehr sicher“ über „ziemlich sicher“, „teils/teils“, „ziemlich unsicher“ bis zu „sehr unsicher“ abgebildet. Voraussetzung dieser Skala ist, dass alle Befragten ihre Einschätzung unter dem gleichen Verständnis der Skala vornehmen, d.h. die einzelnen Abstufungen der Skala müssen für alle das
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gleiche bedeuten. Weiter unterscheiden sich die Befragten untereinander in ihrem Grad an verfügbarem Wissen. Doch hier ist Vorsicht geboten, denn es ist nicht gewährleistet, dass Experten mit weniger Sachkenntnis sich unsicherer einstufen als Experten mit großer Sachkenntnis. Denn oft ist ein Themengebiet so komplex, dass jeder, der sich ernsthaft damit auseinandersetzt, erst die Dimensionen des Gebiets erfährt und erst dann feststellt, wie wenig doch bekannt ist und wie unsicher die Forschung sich in diesem Gebiet ist. Das bedeutet, dass Befragte, die sich gut auskennen, vielleicht vorsichtiger urteilen, während Befragte, die sich wenig mit dem thematisierten Gebiet befasst haben, sich eine ganz andere (aber weit verbreitete), einfachere Sichtweise zu eigen gemacht haben. Sie sind sich mitunter sicherer, ihr Wissen ist Alltagswissen und basiert auf einem „und so weiter“.
Weiter wird vermutet, dass extreme Urteile, konstante Urteile, Assimilationsurteile und Kontrasturteile gute Indikatoren für die Sicherheit des Befragten und somit für die Qualität eines Urteils abgeben. Extreme Urteile wären auf einer fünfstufigen Skala die Werte 1 und 5, gemäßigt wären hingegen die Urteile 2, 3 und 4. Es wird vermutet, dass extreme Urteiler aufgrund ihres Wissens radikal urteilen. Assimilationsurteile und Kontrasturteile ließen Rückschlüsse auf eine große Unsicherheit des Befragten zu. Kontrasturteile entstehen beispielsweise, wenn ein Experte in der ersten Welle Kategorie 1 wählt, in der zweiten Welle aber Kategorie 3, 4 oder 5 belegt (hier wird definitorisch ein Mindestabstand von zwei Kategorien festgelegt). Entweder der Befragte kann sich nicht mehr an sein erstes Urteil erinnern 1 , oder er verwirft sein erstes Urteil bewusst in dieser krassen Weise, ob aus eigenem Entschluss oder von dem Gruppenurteil überzeugt. Assimilationsurteile sind Kontrasturteilen ähnlich. Auch hier revidiert der Befragte sein Urteil, tut dies jedoch nur im Sinne des Feed-backs.
Doch können auch hier Bedenken angemeldet werden: So kann man zwischen Befragten unterscheiden, die von sich selbst überzeugt sind und jenen, die eher fremdbestimmt sind. Des weiteren ist zu differenzieren zwischen Befragten, die ihre einmal gefasste Meinung nur schwer ändern können und jenen, die sich sehr schnell von der Mehrheit überzeugen lassen. Es gehört auch ein gewisser Wille hinzu, sich
1 Es sei auf die von Gigerenzer, Hoffrage und Kleinbölting entwickelte Theorie mentaler Modelle verwiesen: Gelang es dem Experten bereits in der ersten Welle, ein Lokales Mentales Modell zu bilden, so ist es wahrscheinlich, dass das notwendige Wissen oder die notwendigen Deduktionen auch jetzt wieder verfügbar sind, so dass das zweite Konfidenz- und das Erinnerungs-Urteil mit dem ersten Konfidenz-Urteil identisch sind. Gelang hingegen lediglich die Bildung eines Probabilistischen Mentalen Modells, dann ist es nicht sicher, dass exakt das Erst-Urteil reproduziert werden kann (vgl. Gigerenzer et al. 1991 und siehe auch Häder 2002: 44).
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gegen die rückgemeldeten Werte zu entscheiden, und ob dieser Wille einzig eine Funktion der Fachkenntnis ist, ist fraglich (dieses auch Dogmatismus genannte Persönlichkeitsmerkmal (Häder 2000: 113) kann in dieser Arbeit nicht untersucht werden - zudem können psychologische „Störfaktoren“ vermutlich in Zufallsstichproben ausgeschaltet werden). Schließlich kann man die Glaubwürdigkeit einer Aussage danach messen, in welchem Gebiet der Experte besonders bewandert ist. Man könnte vermuten, dass Experten sich auf ihrem eigenen Berufsfeld besonders gut auskennen, und deshalb besonders „wahre“ Urteile auf diesem Gebiet hervorbringen. Andererseits könnten solche Vermutungen aber auch zu Verzerrungen des „wahren“ Wertes führen: Experten aus dem Bereich Religion könnte man beispielsweise vorhalten, dass die ihre eigene Sphäre als positiver/einflussreicher beurteilen als andere Bereiche. Es können also Expertisen zum speziellen Arbeitsgebiet des Experten als qualitativ höherwertig eingestuft werden, andererseits könnte man in ihnen einen Bias der Involviertheit vermuten.
Anhand des Datensatzes zur Delphi-Befragung „Der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche“ 06-08/2003 (vgl. Häder 2003) werden die angesprochenen Kriterien der Validierung des Delphi-Ansatzes überprüft, im einzelnen: die subjektive Validierung des Ansatzes durch Gewichtung nach subjektiver Sicherheit der Experten, durch Gewichtung nach extremen oder konstanten Urteilen sowie die soziale Validierung durch Gewichtung nach Persönlichkeitsmerkmalen. Wie tauglich sind diese Faktoren als Indikatoren für eine realitätsnahe Schätzung? Könnten sie ohne weiteres dazu dienen, den Datensatz zu gewichten, um auf diese Weise validere Ergebnisse zu erzeugen?
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4. ARBEITSHYPOTHESEN
Es können folgende Arbeitshypothesen formuliert werden:
(1) Ist der Experte durch die Items verunsichert, fühlt er sich gar überfordert, so ist sein Urteil für die Auswertung weniger wertvoll. Sichere Experten hingegen liefern „wahre“ Werte. 2
(2) Unsichere Experten neigen eher dazu, an der zweiten Befragungsrunde nicht mehr teilzunehmen, da sie fürchten, eine falsche Antwort zu geben. Sichere Experten sind stärker in das Thema involviert und haben ein größeres Interesse, an der zweiten Runde teilzunehmen und die Ergebnisse zu erfahren.
(3) Experten, die zur Mitte tendieren, sind unentschlossen und unsicher. Andererseits liefern Experten, die extrem urteilen, „wahre“ Werte (3a), und dies besonders dann, wenn sie sich sicher sind. Eine Variante dieser Formulierung, die sich nicht an der mittleren Antwortkategorie sondern am Median oder arithmetischen Mittel der Antworten orientiert, ist folgende: „Je höher die Expertise, desto größer sind die Unterschiede zwischen der eigenen Einschätzung und der mittleren Einschätzung.“ (ZUMA-Nachrichten 49/2001: 70)
(4) Experten, die ihr Urteil revidieren, können dies aus verschiedenen Gründen tun: entweder sie lassen sich von der Rückinformation überzeugen und nähern sich dem Modalwert des Items an, oder sie kramen tiefer in ihrem Gedächtnis und kommen so zu einem erneuten, unabhängigeren Urteil. Es ist hier nicht festzustellen, wie ein Experte zu seinem Urteil kam. Mit größerer Sicherheit lässt sich jedoch formulieren: Experten, die konstant urteilen, liefern „wahre“ Werte (4a).
2 Inwiefern sichere Experten wirklich qualitativ bessere Antworten geben, ist noch unzureichend erforscht. „Damit ist weiterhin fraglich, auf welche Weise die mit diesem Indikator gewonnenen Ergebnisse auszuwerten sind.“ (ZUMA-Nachrichten 46/2000: 91)
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Arbeit zitieren:
Dipl.-Soz. Christian Vollmer, 2003, Subjektive Sicherheit als Faktor wirklichkeitsgetreuer Schätzungen bei Delphi-Befragungen, München, GRIN Verlag GmbH
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