Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
1 Einleitung 3
2 Kontaktaufnahme und Interviews 4
2.1 Kontaktaufnahme mit Sandy 4
2.2 Interview mit Sandy 5
2.3 Kontaktaufnahme mit Hedi 10
2.4 Interview mit Hedi 12
2.5 Kontaktaufnahme mit Karen Sophie Thorstensen 15
2.6 Interview mit Karen Sophie Thorstensen 17
3 Auswertung der Interviews 28
3.1 Sandy 28
3.2 Hedi 29
3.3 Frau Thorstensen 31
4 Vergleichende Auswertung 37
Anhang 44
5 Hintergrundinformationen 44
5.1 Definition 44
5.2 Behördenstruktur 45
5.2.1 BAG UB- Bundesarbeitsgemeinschaft für Unterstützte Beschäftigung (BAG UB)
e V. 45
5.2.2 Hauptfürsorgestellen 45
5.2.3 Integrationsämter 45
5.2.4 Integrationsfachdienste (IFDs) 46
5.3 Arbeitsbeschaffungsprogramme 47
5.4 Berufsbildungswerke 48
5.5 Werkstätten 49
5.6 Ausgleichsabgabe 49
5.7 „Blindengeld“, „Landesblindengeld“ und Sehbehindertengeld 50
5.8 Schwerbehindertenausweis 51
5.9 Statistisches 52
6 Fragebögen 53
A Literaturliste 57
B Internet-Quellen 58
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1 Einleitung
Nachdem wir uns entschlossen hatten, im Zuge des Methodenkurses eine Feldforschungsarbeit anzufertigen, stellten wir eine mögliche Themenliste zusammen. Da wir beide keine Forschungserfahrung hatten, und uns unklar über mögliche Kriterien zur Auswahl eines geeigneten Themas waren, gingen wir anfangs von persönlichen Interessengebieten aus. Dementsprechend weit gefasst fiel unsere erste Themensammlung aus, die von Beziehungsproblemen gemischter Ehen, der Lebenssituation von politischen Flüchtlingen in Deutschland und der Integration behinderter Kinder, über Alters - WGs, die Situation von Hartz 4 Empfängern bis hin zur Untersuchung der Berliner Sado - Maso Szene reichte. Bei näheren Betrachtungen wurde uns jedoch schnell bewusst, dass die meisten Themen zu allgemein waren, und wir größtenteils Schwierigkeiten haben würden, Kontakte herzustellen, welche die Durchführung einer halbwegs ernst zu nehmenden Feldforschung ermöglichten. Letztlich schien uns einzig das Thema Integration von Behinderten geeignet, doch die Eingrenzung auf das Thema dieser Arbeit erfolgte eher zufällig: Anlässlich eines Besuch der „Unsicht-Bar“, eines Dunkel-Restaurants mit blinden und sehbehinderten Angestellten in Berlin-Mitte, beschlossen wir, uns mit der Situation blinder und sehbehinderter Menschen hinsichtlich ihrer beruflichen Tätigkeit zu beschäftigen. Der Hauptteil der Forschungsarbeit umfasst drei kommentierte Interviews: Mit einem blinden und einer sehbehinderten Angestellten der Unsicht-Bar, sowie einer Vertreterin des Förderzentrums für Blinde und Sehbehinderte GmbH. In der abschließenden Analyse erfolgt eine Auswertung dieser Gespräche, die Darstellung einiger Hypothesen, die wir im Zuge der Auswertung aufgestellt haben und die Beschreibung unserer Probleme und Beobachtungen innerhalb der Feldforschung.
Im Anhang werden die gesetzlichen Definitionen der Begriffe „Blind“ und „Sehbehindert“ nach Deutschem Recht erläutert, und eine Zusammenstellung von, in das Thema unserer Arbeit einführenden, Informationen, wie beispielsweise zu relevanten organisatorischen und verwaltungstechnischen Strukturen, staatlichen Eingliederungs- und Fördermaßnahmen, Blindengeld und Schwerbehindertenausweis, sowie einige statistische Werte.
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2 Kontaktaufnahme und Interviews
Im Anfangsstadium der Forschung beschränkten wir uns auf Interviews mit Angestellten der „Unsicht-Bar“, da das Restaurant mit seinen Angestellten uns verhältnismäßig überschaubar erschien. Die erste Kontaktaufnahme erfolgte über ein Telefonat, bei dem wir unser Forschungsvorhaben schilderten und uns nach möglichen Interviews erkundigten. Wir wurden an die Geschäftsführerin Frau Benedikt verwiesen, die sich sehr offen zeigte und uns die Möglichkeit für Interviews mit Angestellten des Restaurants einräumte. Die Wiedergabe der Interviews erfolgt mittels Fließtext, unsere ursprünglichen Fragestellungen werden im Anhang beigestellt, da die eigentlichen Interviews in der Praxis sehr frei verliefen und dementsprechend schlecht strukturierbar sind. Sämtliche Zitate werden durch Kursiv - Schreibung und Anführungszeichen kenntlich gemacht.
2.1 Kontaktaufnahme mit Sandy
Frau Benedikt hatte sich angeboten für uns einen Interviewtermin mit Sandy, einer sehbehinderten Kellnerin des Restaurants, zu organisieren. Zu dem von ihr genannten Termin fanden wir uns einige Wochen später im Restaurant ein. Auf unser mehrfaches Klingeln öffnete man uns erst nach 10 Minuten. Wir wurden von einer Frau begrüßt, die uns, ohne sich vorzustellen und mit dem Hinweis, sie werde Sandy holen, es sei eine Schulklasse im Restaurant, wir sollten uns doch bitte hinsetzen, im Vorraum, der als Lounge für wartende Gäste dient, stehen ließ. Wir, ohne Vorstellung wer uns geöffnet hatte, suchten uns einen freien Fenstertisch, sahen uns um und beschwerten uns mehrfach beieinander über die viel zu laute, technoartige Musik (die unpassend wirkte, in dem außer uns leeren Raum, aber wohl zur Begrüßung der Klasse oder auch als musikalische Untermalung im Gastraum diente). Nach einiger Zeit trat aus dem Gastraum eine junge Frau, schlank, mit mittellangem, stufig geschnittenen blondem Haar. Sie umrundete zielstrebig die Tische und Sessel zwischen ihr und uns und streckte uns mit einer Begrüßung ihre Hand entgegen, jedoch ohne ihren Namen zu nennen. Daraufhin entfernte sei sich ebenso schnell und sicher wie sie gekommen war, um eine Zigarette und etwas zu trinken zu holen, wie sie bemerkte.
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Die Dame welche uns geöffnet hatte kehrte zwischenzeitlich zurück, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei und wir etwas trinken wollten, wünschte uns viel Spaß und verschwand wieder im Gastraum.
Bald darauf kehrte die blonde Frau, von der wir nicht sicher waren, ob es sich um Sandy handelte, da sie uns von der Geschäftsführerin lediglich als Sehbehinderte Interview-Partnerin angekündigt worden war, zurück. Wegen ihres sehr sicheren Auftretens und der Zielgenauigkeit ihrer Begrüßung per Handschlag war für uns nicht sofort erkennbar, ob die vor uns sitzende Frau tatsächlich sehbehindert war und weiterhin, ob es sich auch um Sandy handelte. Demzufolge fiel der Einstieg ins Gespräch mit der recht ungelenken Frage von unserer Seite „Wer bist Du eigentlich“ aus. Darauf reagierte sie sehr unsicher „Ich bin Sandy, wir machen jetzt das Interview.....ich bin hier Kellnerin....“
2.2 Interview mit Sandy
Nach anfänglichem small talk begannen wir das Interview mit Fragen zum Restaurantalltag. Sandy erzählte, dass die Bedienung der Unsicht-Bar aus 7 Mitarbeitern besteht: 4 Blinden auf Teilzeitbasis und 2 Sehbehinderten sowie einem weiteren blinden Vollzeit-Angestellten. Sandy selbst arbeitet als fest Angestellte 5 Tage die Woche, teilweise von 16 bis 24 (bzw.24:30) im Restaurant der Unsicht-Bar. Sie bekommt 1000 Euro netto im Monat, und ca. 20-25 Euro Trinkgeld pro Tag. Wenn sich Schulklassen anmelden, Kindergeburtstage Betriebsfeiern o.ä. außerhalb der normalen Öffnungszeiten stattfinden, arbeitet sie auch für eine im Voraus vereinbarte Pauschalsumme. Sandy hat 20% Sehkraft, sie kann Dinge grob einordnen aber keine Details erkennen. So unterschied sie, dass eine von uns dunklere und die andere hellere Haare hat, kann Augenfarben oder Pupillen aber nur erkennen, wenn sie ganz nah an die Person herantritt. (Später las sie unsere aufgeschriebenen Namen und Telefonnummern von einem Blatt ab, indem sie es sich sehr dicht vor die Augen hielt.) Sandy ist von Geburt an so sehbehindert wie heute, was jedoch erst im Alter von 3 Jahren festgestellt wurde, als sie auf den Fingertest (Finger mit den Augen folgen) nicht erwartungsgemäß reagierte. So wurde eine irreversible Schädigung des Sehnervs,der Informationen nicht wahrnehmungsgemäß ans Gehirn überträgt, diagnostiziert. Zusätzlich leidet sie an hoher Lichtempfindlichkeit und
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Augenzittern, was zur Folge hat, dass ihre Pupillen auseinander rutschen, wenn sie sie nicht bewusst kontrolliert. Tagsüber trägt sie eine rotglasige Sonnenbrille, was auch den Effekt hat, dass sie Farben anders, im Falle einer roten Ampel beispielsweise stärker wahrnimmt. Sandy bewegt sich auf bekannten Stecken ohne Stock, gewohnheitsorientiert, relativ problemlos. Als schwierig empfindet sie dementsprechend Veränderungen der Strecke wie falsch parkende Autos, Baustellen und Menschenmassen. Sie hat die Schwarzschrift (normale Schreibschrift), Brailleschrift und Kurzschrift erlernt. Die Schwarzschrift liest sie mit einer Lupe. Bis zur 8ten Klasse besuchte Sandy eine sehbehinderten Schule, die dann aufgelöst wurde. Darauf folgten weitere 2 Jahre auf einer Ganztagsschule für Normalsichtige, wo sie bis zum Hauptschulabschluss „mitlief“. Anschließend absolvierte sie eine Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation, die sie beim Berufsbildungswerk (BBW) in Soost machte und die ihr sehr gefallen habe Die Ausbildung bestand aus eine Kombination von Berufsschulbesuchen und praktischer Arbeit in einem Unternehmen, das aber nur virtuell existiert, wie eine Art Planspiel; Unternehmen dieser Art sind für solche Ausbildungszwecke verbreitet, es werden sogar Treffen veranstaltet, auf denen sich Auszubildende diverser „Scheinfirmen“ begegnen und die Unternehmen sich untereinander messen. Innerhalb dieser Ausbildung werden sämtliche Abteilungen durchlaufen, was von Vorteil ist, da auch heikle Bereiche, in denen Auszubildende normalerweise nicht eingesetzt werden, offen stehen. Während ihrer Schulzeit absolvierte Sandy ein 6wöchiges Praktikum bei Schering, das sie nach Abschluss der Ausbildung wiederholte, sowie ein weiteres Praktikum beim Toom-Markt. Nach der Ausbildung und den folgenden Praktika nahm sie gemeinsam mit Normalsichtigen an einer ABM für Mädchen teil. Dann arbeitete sie 1 ,5 Jahre bei einer Firma, die Kindergärten hinsichtlich ihrer Buchführung berät und betreut. Dort habe es ihr nicht gefallen, sie hatte Probleme mit dem Arbeitgeber, sei ihm zu langsam gewesen und er habe Dinge behauptet , „die nicht stimmen“ - aufgrund des unangenehmen Arbeitsklimas habe sie schließlich gekündigt. Für sie war es ihrer Erzählung nach eine schlimme Situation, jedoch, so betonte sie, könne sie den Arbeitgeber auch ein Stück verstehen „Wenn ich selbst ein Unternehmen hätte, das Profit bringen soll....,na, weiß auch nicht, ob ich da einen Blinden einstellen würde....allein die ganzen Extraanschaffungen sind ja schon irre teuer....“ Sehbehinderten müsse alles wirklich gezeigt, sie müssten hingeführt werden - auf die Frage wo etwas sich
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befinde mit „Na da“ und einer zeigenden Bewegung zu reagieren löse nur Unverständnis aus. Alles dauere also dementsprechend länger.
Nach der Kündigung war Sandy 2 Monate arbeitslos. Der Integrationsdienst des Arbeitsamts, der Kontakte zu möglichen Arbeitgebern herstellt, lud sie zu Erst- und Profilvorstellung (Vorlage der Krankenakten und Ärzteberichte, Ermittlung ihrer Neigung etc.) ein, so stieß sie auf ein Stellenangebot der Unsicht-Bar in Berlin. Sie wurde mit einem Team von 15-20 Personen eingearbeitet und beschloss zu bleiben, da ihr die lockere, ungezwungene Atmosphäre gefiel. Ihre Festeinstellung erfolgte am 5.9.2002, sie wurde 1,5 Wochen eingearbeitet, danach kam der „Sprung ins kalte Wasser“, doch alles klappte gut. Ursprüngliche vom Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein“ gegründet, wurde das Restaurant 2004 nach der Insolvenz-Anmeldung privatisiert und von Herrn Wacker übernommen. Die Anzahl der etwa 15-18 bestehenden KellnerInnen wurde auf den heutigen Stand von 7 reduziert. Das „Reicht ja auch“ , so Sandy. Sehende Mitarbeiter gibt es nur in der Küche und an der Rezeption. Sandy sagte, es wäre für die Gäste nötig, einen sehenden Mitarbeiter in der Nähe zu haben, für den Fall, dass etwas passiere, sie würden sich sonst nicht sicher fühlen. Jede Bedienung kümmert sich um 25-30 Gäste, je nachdem wie gefüllt das Restaurant ist. Auf die Frage, ob sich mit dem Wechsel auch die Erwartungshaltung der Gäste geändert hat und ob man auch den Anspruch hätte, dem Gast ein wenig Nacherleben der Situation Blinder und Sehbehinderter zu vermitteln, reagierte Sandy gereizt. Sie wolle nicht, dass Gäste kommen um „in die Welt der Blinden einzutauchen“, sie sollten sich einfach einen schönen, etwas anderen Abend machen und sich entspannen. Sie erzählte an dieser Stelle lächelnd von einem Gast der die Füße hoch legte, die Hose öffnete und sich bequem einrichtete. Ihr Kommentar: „ sowas gefällt mir“. Bei der Betreuung der Gäste stelle sie vorher oft Angst und Unsicherheit fest. „Klar, auf einmal sind die von dir abhängig“, nach und nach würden sie sich aber entspannen und könnten sich auf ihre anderen Sinne konzentrieren. „Sehen ist ja eigentlich auch relativ banal“ so Sandy, es mache nur 30 bis 40% von der Wahrnehmung aus und wichtig seien ja auch Fühlen, Schmecken, Riechen und Hören....Sie wolle auch kein Mitleid, sie hätte ja schließlich noch die anderen Sinne. Sie betonte, dass sie nicht besser Riechen, Tasten, Hören und Schmecken kann, sondern diese Sinne bei Blinden lediglich besser trainiert sind, nicht aber generell stärker vorhanden. Gäste die selbst sehbehindert oder blind sind gibt es wenig. Sandy schätzte ihren Anteil auf 7-8%.Wenn Sandy unterwegs ist und länger
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für Dinge braucht, zum Beispiel an der Kasse, mit dem Wechselgeld, begegnen ihr oft Pauschalisierungen „Eh man hast du deine Brille vergessen?!“- Die Leute dächten nicht gleich an Sehbehinderung, weil man es ihr „ja auch nicht so ansieht“ (sie wirkte als wäre sie ein wenig stolz darauf).Bei Blinden mit Stock sei es oft so, dass die Leute nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen. Sie „glotzen“ und „tuscheln am Ende noch: Guck mal, der ist blind - so dass er es auch noch mitkriegt, na und dann fühlst du dich richtig scheiße“ (Uns fiel der Personenwechsel auf: Zuerst sprach sie über „die Blinden“ und redet anschließend bei der Beschreibung der Wut und des Ärgers in der „wir-Form“.) Am besten ist Sandys Ansicht nach, jemanden der blind ist nicht auszuschließen, nicht als Außenseiter zu behandeln. Wenn man nicht sicher sei, ob jemand Hilfe braucht, solle man einfach hingehen und fragen. Durch ihre Arbeit im Restaurant habe sie selbst viel Selbstvertrauen gewonnen. Zum einen fühle sie sich bestärkt, durch ihre Leistung innerhalb der Arbeit, aber das wirke sich auch auf „draußen“ aus:Wenn sie selbst Gast im Restaurant oder Café sei, wisse sie, was sie erwarten könne, und wie man sich als Gast in der Gastronomie zu verhalten habe. Wichtig für ihr Selbstwertgefühl sei vor allem die Umkehrung der Rollen. Sie könne dadurch endlich „auch mal jemand sein der für andere da ist“, ein „Führungspferd“, und könne ihre „Betreuungsenergie“ ausleben. Ein besonderes „Wohlfühlen“ entstehe auch durch das Lob der Gäste für die freundliche Bedienung. Generell müssten Blinde und Sehbehinderte mehr aushalten, seien deshalb meist stärker im Nehmen und lernten schnell „frech zu sein“. Man stecke Bemerkungen weg, die eigentlich verletzen könnten, an die man sich aber gewöhnen müsse „Guck doch mal richtig hin“- „ das hört man so oft, irgendwann ist es dir dann egal“. Sandys eigentliche Ausbildung entsprach nicht ihrer Wunschvorstellung, sondern sei ein „Scheißjob“ gewesen. Auf die Frage, ob ihr die Arbeit im Restaurant angenehmer sei als die im Büro, sagte sie, dass die Abläufe zwar auch immer gleich seien, aber die Gäste unterschiedlich und die Situationen immer neu. Gleichzeitig fühle sie sich sicher (in gewohnter Umgebung, eben „ihrer Welt“). Bei den begrenzten Ausbildungsmöglichkeiten für Blinde zum Zeitpunkt ihrer Berufswahl, „Damals gab es sonst nur noch Bürokraft, Masseur, Korbflechter, Gärtner, Klavierstimmer, DVK und sowas halt“, schien ihr die Kauffrau für Bürokommunikation das „kleinste Übel“. Von der Ausbildung selbst erzählte sie vorher mit Begeisterung, aber, so ergänzte sie hier „du bist da ständig neuen Situationen ausgesetzt, Zettel ausfüllen im normalen Bürojob ist einfach nicht so einfach“ Jetzt, im Restaurant, sei sie sich ihrer
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Sache „sicher“ Ihr eigentlicher Traumberuf wäre etwas gewesen, was mit Tieren zu tun hat, „Tierpfleger oder so....., oder auch etwas mit Kindern, das wäre toll“, aber als Sehbehinderte fehlten ihr die nötigen schnellen Reaktionen. Die Gefahren für einen Sehbehinderten und seine Schützlinge seien in diesen Bereichen zu groß . (Bsp.: verschlucke ein Kind eine Murmel könne sie nicht helfen, weil sie es nicht gesehen habe; Stimmungen von Tieren seien nicht einschätzbar, sie erkenne die Anzeichen bspw. eines aggressiven Hundes nicht). Sandy sprach auch über Existenzängste : Die beruflichen Möglichkeiten seien „eng“, sie zählte auf, was noch für sie in Frage käme, wenn sie ihren Job verlöre: die Mosaik-Kantinen, die mit blinden / sehbehinderten Angestellten in Museen und Werkstätten tätig sind, und vielleicht käme ein Callcenter in Frage. Grundsätzlich müssten Behinderte bei der Arbeit besser sein - gleiche Chancen, wie es überall proklamiert wird seien „doch absoluter Quatsch“, aber meistens könne man eben nicht besser sein, auch mit mehr Anstrengung. Arbeitgeber würden oft unterschätzen, was es für blinde/sehbehinderte Angestellte tatsächlich bedeutet, die gleiche Arbeit zu tun wie Normalsichtige - die Arbeitgeber „ erwarten zu viel zu schnell“. Aber sie selbst wüsste auch nicht, ob sie als Unternehmerin einen Blinden anstellen würde.... Im Gastro Bereich dagegen sei die Blindheit fast förderlich: Durch das nicht-Sehen bestünde eine größere Freundlichkeit und es erfolge keine Einschätzung bzw. Ungleichbehandlung der Gäste auf Grund von Äußerlichkeiten. Durch das Dunkel herrsche im Restaurant eine persönlichere Atmosphäre, man müsse ein Gespür füreinander entwickeln. Die Männer seien vorwiegend nervöser „reden oft dummes Zeug“, während Frauen “einfach Schiss“ hätten. Für die Männer sei der Kontrollverlust meist schlimmer, sie könnten Unsicherheit schlechter eingestehen, markierten „den großen Kerl“. Es gäbe auch Fälle, in denen Leute das Restaurant verlassen wollen. So habe beispielsweise ein Mann einen Panikanfall bekommen, weil er im Krieg verschüttet wurde und die Dunkelheit das verdrängte Trauma wiederbelebt hat. Sandy erzählte, dass sie selbst sich manchmal vor Blinden erschrecke; bei Hedi, einem blinden Arbeitskollegen, sei ihr das schon oft passiert. Ssie selbst könne gerade noch erkennen auf welcher Höhe sich die Schulter befindet, auf die sie klopfen will (auch wenn sie sich im Restaurant schonmal vergreife, Männern in den Schritt zum Beispiel bei der gestisch unterstrichenen Aufforderung ihr zu folgen), aber Hedi gehe rigoroser vor, packe einfach zu und strecke selbstverständlich die Hand aus, wissend, dass schon jemand entgegenkommen und sie schütteln wird. Die Bitte, das Restaurant bei
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Helligkeit sehen zu können, schlug sie aus. - Das gehöre zum „Geheimkonzept“ und das Geheimnis müsse bleiben. Auf die Frage nach der Begrenztheit der angebotenen Menüs im Restaurant antwortete sie, dass der Wiedererkennungswert höher gehalten werden soll. -Außerdem seien Dinge, die einem normalerweise schmecken, weniger angenehm wenn man sie nicht sieht: „Risotto ist doof im Dunkeln“. Die Zeit im Dunkeln solle sich nicht zu lange ziehen, Extravaganzen könnten nicht zubereitet werden. Der Geschmack der Speisen sei schon aufs Dunkel abgestimmt. Das Essen sei zwar frisch und gut, aber relativ simpel, denn es sei ja keine Alleinattraktion, sondern gehe mit der Situation einher. An dieser Stelle beendeten wir das Interview, da Sandy Vorbereitungen für die nahenden Gäste treffen musste.
Wir besprachen uns im Anschluss kurz mit Frau Benedikt (der Dame die uns eingelassen hatte), fragten sie, ob es möglich wäre wiederzukommen, uns für 1-2 Stunden als „Zuschauer“ ins Restaurant zu setzen, Gäste nach ihren Erfahrungen zu befragen und auch mit Hedi, dem blinden Kellner zu sprechen. Frau Benedikt drängte uns, all diese Vorhaben auf einen Tag zu vereinen, mit Sandy und Hedi gemeinsam zu sprechen, dann ins Restaurant zu gehen und anschließend mit Gästen Fragebögen auszufüllen. Obwohl wir nicht dieser Vorschlag von uns nicht mit Begeisterung aufgenommen wurde, waren so dankbar überhaupt weiter forschen zu dürfen, dass wir auf alles eingingen, überlegten uns aber im Nachhinein mindestens 2 Termine einplanen zu wollen und eventuell den Restaurantbesuch und die Gästebefragung zu verbinden und an einem separaten Termin mit den beiden Angestellten zu sprechen. Noch günstiger schien es uns auch, Hedi allein zu befragen und erst später mit Sandy ins Gespräch zu bringen. Wir beschlossen vorerst, die Sache ruhen zu lassen um dann weitere Absprachen zu treffen.
2.3 Kontaktaufnahme mit Hedi
Den ersten Kontakt mit Hedi hatten wir, während wir probehalber das Restaurant als quasi-Gäste besuchten, einige Wochen nach dem Interview mit Sandy. Hedi war „unser Kellner“ an diesem Abend. Schon bei der Begrüßung fiel uns seine Selbstsicherheit auf. Mit Bestimmtheit streckte er uns die Hand entgegen, wirkte sehr locker und freundlich. Er erklärte uns, dass er uns jetzt durch einen langen Flur ins vollkommene Dunkel des
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Restaurants führen würde. Wir tapsten ihm unsicher nach, an unserem Tisch angekommen dirigierte er uns auf die Stühle und plauderte ein wenig mit uns, wobei sich der erste Eindruck seines selbstsicheren Auftretens verstärkte. Im Laufe des Abends kam er öfter an unseren Tisch, erkundigte sich nach unserem Befinden, lud uns auf einen Wein ein und nahm sich immer wieder Zeit um kurz mit uns zu sprechen. Da uns völlige Schwärze umgab, war sein „Erscheinen“ für uns oft unerwartet, wir bemerkten ihn erst, wenn er zu sprechen begann oder uns berührte. Seine Berührungsfreudigkeit fiel uns dabei besonders auf: Auch wenn wir schon im Gespräch waren, berührte er uns oft, legte seine Hand auf unsere, strich uns über den Arm und Rücken, was uns teilweise verunsicherte, und wenn er ging wurde sein Verhalten von uns heftig kommentiert. Bei jedem anderen hätte man dieses Verhalten als aufdringlich empfunden. In dieser Situation aber, so spekulierten wir, gehöre das vielleicht dazu. Schließlich konnte im Dunkeln kein Augenkontakt hergestellt werden, Berührungen und der Klang der Stimme waren die einzigen „Kontaktmöglichkeiten“, und seine wiederholten Berührungen sollten vielleicht zur Beruhigung in dieser, uns fremden, Atmosphäre dienen. Trotzdem empfanden wir seine Scherze und Ungezwungenheit in Kombination mit den Berührungen, wie Flirtversuche. Durch die Dunkelheit hatten wir zudem keine Vergleichsmöglichkeit; wir konnten nicht sehen, ob er mit anderen (auch männlichen) Gästen genauso umging. Trotzdem war sicherlich auch sein Verhalten uns gegenüber ausschlaggebend, dass der Abend sehr entspannt und lustig verlief. Wir erzählten ihm von unserem Vorhaben, dem Interview mit Sandy und fragten ihn gegen Ende, ob auch er bereit wäre ein Interview mit uns zu machen. Allerdings, wenn ihm das recht wäre, lieber in einem Café seiner Wahl, da wir die Atmosphäre im Vorraum beim Interview mit Sandy nicht entspannend fanden. Er willigte sofort ein und gab uns beim Abschied seine Handy Nummer, mit dem Kommentar, wir sollten uns einfach melden und dann etwas verabreden. Wir waren, ob dieses positiven Erstkontakts, hinsichtlich des Interviews sehr zuversichtlich. Als wir jedoch in der folgenden Woche wiederholt erfolglos versuchten, ihn zu erreichen, wurden wir unsicher, ob Hedi tatsächlich so unkompliziert war, wie er sich präsentiert hatte. Erst nach ca. 20 vergeblichen Anrufen erreichten wir ihn schließlich und verabredeten uns, auf seinen Wunsch, an einer U-Bahnstation nahe des Restaurants, um von dort gemeinsam in ein Café zu gehen. Zum verabredeten Zeitpunkt warteten wir vergeblich. Als Hedi auch eine Stunde nach der vereinbarten Zeit nicht eintraf und auch über sein Handy nicht erreichbar war,
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gaben wir auf. Es schien klar, dass er, aus welchen Gründen auch immer, nie wirklich vorgehabt hatte, mit uns das Interview zu führen, sich aber traute, abzusagen. Ich (Johannah) war eher resigniert, Dana wütend, weshalb sie auch 2 Tage später zum Restaurant fuhr, um Hedi zur Rede zu stellen. Auf ihre Frage, warum er nicht gekommen sei, entschuldigte er sich mit Stress und erwähnte einen wichtigen Arzttermin, der ihm zum Zeitpunkt unseres Treffens „dazwischen gekommen“ sei. Er bot sich jedoch an, einen neuen Termin zu vereinbaren. Allerdings, so sagte er, sei ihm das Restaurant als Treffpunkt am liebsten, weil er dann ganz sicher komme. Wir vereinbarten also einen Termin, zu dem er dann, einen großen schwarzen Blindenhund mit sich führend, auch erschien.
2.4 Interview mit Hedi
Vor 2,5 Jahren, so erzählte Hedi, wurde er durch eine Anzeige im Briefkasten auf das Blindenrestaurant aufmerksam. Er stellte sich vor und wurde sofort eingestellt - anfangs jedoch als geringfügig Beschäftigter. Anders als Sandy hatte er keine Einarbeitungszeit. Auf die Frage wie er mit dem Sprung ins kalte Wasser zurecht kam antwortete er: „Naja....ich musste halt erstmal jedes mal nerven“. Der erste Probeabend war gleich mit einer neuner Gruppe, das habe aber gut geklappt. Wenn man von Anfang an sehe, dass man gut zurechtkommt, werde man auch gleich „auf die Menschheit losgelassen“. Teamwork sei ganz wichtig bei der Arbeit - es gebe keine Unterschiede zwischen Blinden und Sehbehinderten, nur wenn jemand an der Rezeption arbeite, sei es zum Ausstellen von Rechnungen und Geldwechseln von Vorteil, wenn er/sie sehen kann. Hedi beschreibt seine Arbeit als Erlebnis-Gastronomie, sowohl bei Angestellten als auch bei Gästen spielen im Restaurant alle Sinne ein Rolle. Wichtig sei ihm der „Spaßfaktor“ - klar sei es auch stressig, aber man solle nicht übertreiben indem man es zu ernst nimmt. Das sei überhaupt wichtig für den Job, dass man oft Späße macht mit den Gästen und sie damit entspannt. Wenn sie merken würden, dass der Kellner Spaß hat, würden sie selbst automatisch lockerer. Insofern unterscheide sich sein Job schon von dem eines „normalen Kellners“ -Stress zu zeigen könne man sich hier nicht leisten. Er kümmere sich mehr um die Gäste als ein normaler Kellner. Das Verhältnis zu den Gästen sei intensiver, da es über Bestellungen aufnehmen und Höflichkeit hinausgehe. „Arbeit ist Arbeit, muss aber auch Spaß machen“,
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Johannah Streppelhoff, Dana Hilbig, 2006, Blinde und Sehbehinderte im Berufsleben, Munich, GRIN Publishing GmbH
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