Inhalt
1 Einleitung. 3
2 Erste Radio-Klubs 4
3 Gründung des Arbeiter-Radio-Klub. 9
4 Zahlen / Mitgliederzahlen. 13
5 Schwarzsenden. 14
6 Politische Forderungen des ARK. 15
7 Sendungen mit Arbeiterinhalt. 17
8 Agitation 19
9 Umbenennung in ARBD 21
10 Spaltung bahnt sich an. 23
10.1 Spaltung der Arbeiterradiobewegung. 23
10.2 Zerschlagung der Arbeiterradiobewegung. 26
11 Fazit 29
Literatur 30
Monographien 30
Sammelb ände. 31
Aufs ätze 31
TV -Dokumentationen. 32
2
1 Einleitung
In dieser Ausarbeitung soll ein wichtiger Bestandteil der Radiolandschaft des noch jungen Rundfunks in der Weimarer Republik behandelt werden. Kurz nach der Einführung des Rundfunks wurden von Mitgliedern der Arbeiterklasse Arbeiter-Radio-Klubs gegründet, ursprünglich zu dem Zweck, in der Freizeit an der Radiotechnologie zu basteln. Schon bald machte sich der Wunsch nach eigenen Sendungen und sogar Sendern bemerkbar und die Struktur der Arbeiter-Radio-Bewegung änderte sich. Mit der Gründung des Arbeiter-Radio-Bundes Deutschland gab es bald eine Dachorganisation, die als Sprachrohr für ihre Mitglieder das Bestreben nach arbeiterrelevanten Themen im Rundfunk antrieb.
Eines der zentralen Probleme in der Organisationsstruktur des Rundfunks bildete die Frage nach der Freiheit und Unabhängigkeit des Programms. So hatte auch die Arbeiter-Radio-Bewegung mit Zensurmaßnahmen seitens des Reichsrundfunkministeriums zu kämpfen. Nachdem die Kluft zwischen den sozialdemokratischen und den der KPD nahestehenden Mitgliedern immer größer wurde, spaltete sich der Arbeiter-Radio-Bund schließlich und der Freie Radio-Bund Deutschland wurde gegründet. Die immer stärker werdenden Repressalien führten schließlich zu einem Rückgang der Forderungen, wie beim ARBD, bzw. zum teilweisen Gang in die Illegalität, wie beim FRBD. Der größer werdende Einfluss der Nationalsozialisten schließlich beendete die Arbeit der Arbeiter-Radio-Bewegung.
3
2 Erste Radio-Klubs
Am 22.12.1920 fand in Deutschland die erste Rundfunkübertragung eines Instrumentalkonzerts durch den posteigenen Langwellensender in Königs Wusterhausen statt. Dies gilt als die Geburtsstunde des öffentlichen Rundfunks in Deutschland. Vorentscheidend für die Entwicklung des jungen Mediums aber war der sogenannte „Funkerspuk“: Nach russischem Vorbild besetzte am 9.11.1918 die „Zentrale Funkleitung“, bestehend aus revolutionären Arbeitern und Soldaten, die Zentralen des deutschen Pressenachrichtenwesens und verkündete den Sieg der radikalen Revolution in Deutschland. Als Reaktion auf diese Aktion verschärfte die junge SPD-Reichsregierung die Kontrolle über das junge Medium.
Ab 1922 wird der Wirtschaftsrundspruchdienst als erster regelmäßiger und gebührenpflichtiger Rundfunk betrieben. Am 6.4.1923 wird der erste Radioklub in Berlin gegründet sowie der Verband der Rundfunkindustrie in Berlin.
Am 29.10.1923 wurde die erste Unterhaltungssendung aus dem Vox-Haus in Berlin ausgestrahlt. Wenige Tage später folgt mit der Berliner Funk-Stunde die erste Nachrichtensendung. Die außergewöhnlichen und schwierigen Bedingungen, die zu dieser Zeit in der Weimarer Republik herrschten, haben nicht nur die ersten Ausgestaltungen und Ausformungen des Rundfunkwesens mit beeinflusst und geprägt, sondern zugleich Einfluss auf das im entstehen befindliche Organisations- und Rechtssystem gehabt 1 . Eines der zentralen Probleme in der Organisationsstruktur des Rundfunks bildete die Frage nach der Freiheit und Unabhängigkeit des Programms, welche insgesamt nur unzureichend gewährleistet waren. Die monopolistische Organisationsstruktur des Rundfunks war Kernpunkt der Kritik. Zunächst hatte das Reichspostministerium den Plan eines Zentralfunks vefolgt. Da die technischen Leistungen jedoch noch zu gering waren und mehrere Länder gegen ein von Berlin aus organisiertes Programm Einspruch erhoben, fand eine Regionalisierung der Sendeeinrichtungen statt. Mit privatem Kapital wurden in
1 Vgl. Fessmann 1973, S. 19.
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Berlin, Breslau, Frankfurt/Main, Hamburg, Königsberg, Leipzig, München, Münster und Stuttgart Programmgesellschaften gegründet. Diese hatten die Form von Aktiengesellschafte, an denen die Reichspost die Stimmenmehrheit hatte. Sie war auch für die Instandhaltung der Sender verantwortlich, die an die verschiedenen Rundfunkgesellschaften verpachtet wurden 2 . Aus dem Umstand, dass die Post 51 % der Stimmen aller Sende-AGs innehatte, resultieren die politischen Probleme, die sich in der Verantwortung der staatlichen Organe für den Rundfunk zeigten. Die Instanzen, die das Programm kontrollierten, waren vom Ministerium eingesetzte Kulturbeiräte und politische Überwachungsausschüsse. Insgesamt herrschte unter den Rundfunkverantwortlichen die Meinung, der Rundfunk müsse „überparteilich“ sein; in einer Zeit starker gesellschaftspolitischer Polarisierungen sollte der Rundfunk - jenseits aller Parteien - seine Hörer auf humanistische Werte lenken, Konflikte entschärfen und Integrationsfunktion übernehmen. Diese Vorstellung und die Realität klafften mit dem Fortschreiten der zwanziger Jahre allerdings immer weiter auseinander.
Die Geschichte der organisierten Arbeiter-Radio-Bewegung beginnt 1923, also bald nach den ersten Rundfunksendungen. In verschiedenen Städten schlossen sich Arbeiter in Gruppen zusammen, um in ihrer Freizeit selber Radiogeräte zu bauen. Unter ihnen waren viele Funker der ehemaligen deutschen Streitkräfte, die schon während der Novemberrevolution 1918 gefordert hatten, Rundfunksender für die organisierte Arbeiterschaft zu erkämpfen 3 . Nach dem ersten Weltkrieg kehrten 190.000 Soldaten, die an Funkanlagen ausgebildet worden waren, heim. In den Auseinandersetzungen vom November 1918 gründeten einige dieser, der Funktechnik mächtigen, Soldaten eine „zentrale Funkleitung“. So gelang es, vorübergehend das Funkwesen in die eigene Hand zu nehmen und es für die Ziele der Arbeiter- und Soldatenräte zu nutzen. Diese übernahmen sämtliche, im gesamten Reich verstreuten Funkstationen und konnten so knapp vier Wochen lang über die Sender die Revolution koordinieren und Proklamationen sowie Bekanntmachungen
2 Vgl. Wolf Bierbach in Lerg, Steininger 1975, S. 40f.
3 Vgl. Dahl 1978, S. 39f.
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ausstrahlen. In einem Geschichte gewordenen Funkspruch „An Alle!“ wurde über die revolutionären Ereignisse in Deutschland berichtet 4 . Zunächst wurden allerdings Anstrengungen in Gang gesetzt, den Arbeitern das Radiohören überhaupt zu ermöglichen. Industriell gefertigte Empfangsgeräte für werktätige Menschen waren zur damaligen Zeit nicht erschwinglich. 1924 kostete ein Radiogerät zwischen 350 und 400 RM, ein einfacher Detektorempfänger kostete etwa 80 RM. Ein gelernter Arbeiter verdiente durchschnittlich 88 Pfennige die Stunde, ein kleiner Angestellter etwa 160 RM im Monat. Also trafen sich die Arbeiter in ihrer Freizeit und bastelten eigene Rundfunkempfangsgeräte. Es entstanden so, besonders in den größeren Städten, Arbeiter-Radio-Klubs, Bastelgruppen, die sich regelmäßig in Klubräumen, die sich meistens in einer Wirtschaft befanden, trafen, um eigene Empfangsgeräte zu bauen. Neben den Bastelarbeiten fanden auch Diskussionen statt. Es wurde Kritik am Programm geübt, Forderungen gestellt und versucht, Einfluss auf das neue Medium zu nehmen, da das gesendete Programm zu unterhaltungsbetont, nur angeblich unpolitisch und neutral, jedoch ohne für die Arbeiterbewegung relevanten Inhalts war, was bedeutete, dass die Interessen des damals größten Bevölkerungsteils unberücksichtigt blieben 5 . So fand in den Radio-Klubs sowohl die technische Arbeit der Radioamateure als auch politische Arbeit statt 6 .
Diese Arbeiter-Radio-Klubs gründeten sich zunächst in Berlin, dann auch in Leipzig, Chemnitz, Hamburg und in vielen anderen Großstädten. Gründungsinitiatoren waren beispielsweise der Kommunist Erich Heintze oder Kurt Wetzel, Militärfunker im Ersten Weltkrieg. Man tauschte Schaltpläne und Einzelteile aus und wollte die selbst gebauten Geräte gemeinsam benutzen. Es ging in der ersten Zeit der Arbeiter-Radio-Bewegung also vielmehr um das Herstellen von Empfangsgeräten als um die aktive Programmgestaltung 7 . Allerdings wurde nicht ausschließlich gebastelt. Es fand auch anderweitige Freizeitgestaltung statt, man unternahm Ausflüge mit der Gruppe, teilweise mit der ganzen Familie 8 . Es fand also eine Konsolidierung der Arbeiterschaft statt,
4 Vgl. Dahl 1978, S. 40.
5 Vgl. Bubenik 1978, S. 14f. 6 Vgl. Dahl 1978, S. 40 u. Handwerk 1982, S. 264. 7 Vgl. Dahl 1978, S. 40. 8 Vgl. ebd., S. 39.
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die über die Arbeitszeit hinausging. So bildete sich ein, für weniger privilegierte oder sozial diskriminierte Bevölkerungsschichten wie der Arbeiterklasse typisches, Netzwerk heraus, in dem sich seine Mitglieder bewegen und sich austauschen konnten 9 .
In den ersten Jahren des Rundfunks lieferten die Radiobastelnden Amateure der Industrie sogar einige kommerziell verwertbarer technischer Innovationen, die von den großen Firmen übernommen und vermarktet wurden 10 . Daraus resultierte ein Kreislauf, der die Ungerechtigkeit des damals herrschenden Systems verdeutlicht: Die Firmen übernahmen Erfindungen der Arbeiter, die Arbeiter in den Fabriken fertigten diese, konnten sich die Geräte aber im Endeffekt von ihrem Lohn nicht leisten.
In der Mehrheit handelte es sich bei der Arbeiter-Radio-Bewegung um eine sozialdemokratisch beeinflusste Bewegung. Die Intention war, dass die arbeitende Bevölkerung mit dem Rundfunk vertraut gemacht werden sollte 11 und ihn in den Dienst der kulturellen Bestrebungen der Arbeiterschaft zu stellen. Im Laufe der Zeit entwickelten die Mitglieder der Arbeiter-Radio-Klubs eine konsequente Programmatik, die das große Interesse am neuen Medium Rundfunk ausdrückte. Es wurde auf den Zusammenschluss der am Radiowesen interessierten werktätigen Bevölkerung hingearbeitet 12 . Ein großes Problem bestand allerdings darin, dass die Arbeiter-Radio-Bewegung ihre Vorstellungen nicht direkt in die Tat umsetzen konnte: Sie hatte sich - in der Tradition der Arbeiter-Kulturorganisationen stehend - mit einer grundsätzlich neuen Situation auseinanderzusetzen, da der Rundfunk von Beginn an staatliches Monopol war. Bertolt Brecht kritisierte diesen Zustand und konstatierte in seiner Radiotheorie, dass die Möglichkeiten des Rundfunks noch lange nicht ausgenutzt waren. Da man sich lediglich an die Möglichkeiten hielte, nutze man eben diese nicht zur Genüge aus; folglich wurden keine zufriedenstellenden Resultate erreicht 13 .
9 Vgl. Ruppert 1986, S. 45.
10 Vgl. Dahl 1978, S. 39. 11 Vgl. ebd. 12 Vgl. Handwerk 1982, S. 264. 13 Vgl. Brecht 1967, S. 122.
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Brecht zum Verhältnis von Rundfunk und Öffentlichkeit:
„Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur zu hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen. Der Rundfunk müsste demnach aus dem Lieferantentum herausgehen und den Hörer als Lieferanten organisieren.“ 14
Um gehört zu werden und um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, mussten sich die Rundfunkhörer und -bastler der Arbeiter-Radio-Bewegung also selbst organisieren 15 . Ein Dachverband musste her, um verstärkt Druck ausüben zu können.
14 Brecht 1967, S. 134. 15 Vgl. Dahl 1978, S. 39f.
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Arbeit zitieren:
Helge Franz, 2006, Rundfunk in der Weimarer Republik. Der Arbeiter-Radio-Bund., München, GRIN Verlag GmbH
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