Inhalt:
EINLEITUNG 3
1 ANTISEMITISMUS IN DEUTSCHLAND ZUR ZEIT DER ENTSTEHUNG VON WÄLSUNGENBLUT
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2 ANTISEMITISMUSVORWURF GEGEN THOMAS MANN. 6
3 WÄLSUNGENBLUT - EIN ANTISEMITISCHER TEXT? 10
3.1 Textgeschichte 10
3.2 Vorlage Die Walküre aus Richard Wagners Ring der Nibelungen und Parallelen. 12
3.3 Interpretationen. 13
4 THOMAS MANN ÜBER DIE NOVELLE 19
5 FAZIT 21
LITERATUR. 22
Prim ärliteratur: 22
Sekund ärliteratur: 23
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Einleitung
Thomas Manns Erzählung Wälsungenblut umgibt ein kleiner Literaturskandal. 1905 fertig gestellt und für den Abdruck in der Neuen Rundschau vorgesehen, wurde sie erst 1921 in einem Privatdruck in geringer Auflage veröffentlicht. Gerüchte behaupteten, der Text wäre antisemitischer Art, Thomas Mann würde die Familie seiner Frau bloßstellen.
In dieser Arbeit möchte ich den Text Wälsungenblut auf antisemitische Tendenzen unter Einbeziehung des Umfelds Thomas Manns sowie der gesellschaftlichen Situation des Kaiserreichs kurz nach der Jahrhundertwende untersuchen. Thomas Mann als Anti- oder Philosemiten zu bezeichnen kann Sinn und Zweck einer solchen Untersuchung nicht sein; hierzu müsste, außer seinen gesamten Veröffentlichungen, auch alle privaten Aufzeichnungen und Briefe auf diese Thematik hin untersucht werden. Thomas Mann hat sich immer, in Koexistenz mit seiner Leserschaft, als Spiegelbild der deutschen Gesellschaft verstanden. In seinen Werken tauchen oft Juden auf, nie besteht aber ein Werk fast ausschließlich aus jüdischen Figuren, wie es in Wälsungenblut der Fall ist. Zu entschlüsseln gilt es die genüssliche, ja leidenschaftliche Ausarbeitung der jüdischen Charaktere, sowie den Gegensatz zum blassen Heiratskandidaten von Beckerath.
Als Primärliteratur wurde auf die 1976 aufgelegte Faksimile des 1921 in limitierter Auflage erschienenen Privatdrucks des Phantasus-Verlages, sowie auf den Nachdruck des Textes in dem von Peter de Mendelssohn herausgegebenen Frühen Erzählungen (Gesammelte Werke in Einzelbänden, Frankfurter Ausgabe) von 1981 zurückgegriffen. Bezieht sich eine Fußnote auf den Text Wälsungenblut, so werden die zugehörigen Seitenzahlen in der Reihenfolge der Erscheinung o.g. Primärwerke angegeben.
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1 Antisemitismus in Deutschland zur Zeit der Entstehung von Wälsungenblut
Während des neunzehnten Jahrhunderts wurde die deutsche Gesellschaft von einer neuen Dynamik erfasst, hervorgerufen durch wissenschaftlichen und technischen Fortschritt, zunehmende Industrialisierung und Bevölkerungswachstum. Veränderungen in der politischen und sozialen Ordnung entstanden. Liberale Politik ermöglichte den Bürgern Mitbestimmung durch Wahlen 1 , 1872 wurde die juristische Gleichberechtigung der Juden im gesamten Deutschen Reich erlassen. In der Bevölkerung gab es geteilte Meinungen über die Veränderungen. Das städtische Bürgertum begrüßte die neue Ordnung. Sie profitierte in Form von wirtschaftlichen Fortschritten und neuem Selbstbewusstsein von ihr. Verbindungen zwischen dem liberalen Bürgertum und unterprivilegierten Schichten, die erstmals die Möglichkeit hatten, wirtschaftlich aufzusteigen, entstanden. Jüdische Mitbürger, die um Emanzipation rangen, waren bei dem Bestreben, wirtschaftlich voranzukommen, zuverlässige Partner 2 . Der faktisch fortbestehenden Diskriminierung wurde allerdings kein Ende bereitet. Trotz der wachsenden Ausnahmen ist der Zugang zu öffentlichen Ämtern nicht gewährleistet. Teile des Adels, große Teile der ländlichen Bevölkerung, einflussreiche Kräfte des Offizierskorps, der Beamtenschaft und der Geistlichkeit, insbesondere, nachdem sich der Vatikan unter Papst Pius IX. 1872 erstmals und in Folge immer stärker gegen die Juden wendeten, bereitete der Fortschritt und die Liberalisierung zunehmend Unbehagen 3 . Sie befürchteten, an Einfluss zu verlieren und sahen in den Juden den gefährlichsten Teil des neuen, die Individualität nicht mehr uneingeschränkt dem Staat unterordnenden Systems. Im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert wurden verschiedene antijüdische Gruppierungen mit einer teilweise hohen Anzahl an Mitgliedern, wie die Antisemitische Liga (gegründet 1879, 60.000 Mitglieder), der Verein zur Ausrottung der Juden oder der Internationale Antijuden-Kongress gegründet. Bei den Reichstagswahlen von 1893 erhielten antisemitische Vereinigungen ca. 300.000 Stimmen und damit 16 Sitze im Parlament 4 . Nach der Aufhebung des Verbots der Arbeiter- und Sozialistenvereinigungen im letzten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts wurde eine zweite Welle des Antisemitismus ausgelöst. Große Teile des Bürgertums sahen in der Arbeiterbewegung verbündete der Juden, jedwege Emanzipation und
1 Vgl. Jochmann, Werner: Struktur und Funktion des deutschen Antisemitismus 1878-1914. S. 99.
2 Vgl. ebd. S. 99.
3 Vgl. ebd. S. 103.
4 Vgl. Darmaun, Jacques: Thomas Mann, Deutschland und die Juden. S. 8f.
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Aufstiegsstreben wurde als Gefährdung der eigenen Position angesehen, als jüdisch bezeichnet und abgelehnt 5 .
Lübeck, als weltoffene und liberale Hanse- und Hafenstadt, war eigentlich für antisemitische Propaganda nicht empfänglich. Man lebte und handelte mit Menschen jeder Nationalität und Coleur. Während der Bismarck-Zeit allerdings, in der Deutschland einen ökonomischen Aufschwung erlebte, stagniert Lübecks Wirtschaft. Da kaum noch Agrarprodukte exportiert wurden, nahm der Außenhandel ab, durch den Bau des Nord-Ostsee-Kanals trat Kiel an die Stelle Lübecks als Hafen Hamburgs zur Ostsee. Dieser wirtschaftliche Abschwung konnte allerdings der Etablierung antijüdischer Vorurteile zuträglich sein. Thomas Mann verarbeitete diese paradoxe Situation Lübecks in seinen Buddenbrooks, den wirtschaftlichen und sozialen Abstieg einer Kaufmannsfamilie in einem ökonomisch stagnierenden und vom Rest des Landes isolierten Lübecks 6 .
Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wurde landesweit in intellektuellen Kreisen von Juden und Nichtjuden eine Debatte geführt, in der es um die Frage ging, wie die Juden in der Gesellschaft und die Gesellschaft und die Juden zueinander standen, wie die Konflikte mit der jüdischen Minderheit gelöst werden sollten. Mann beteiligte sich am Rande auch an dieser Diskussion und schrieb u.a. im Sommer 1907 den Essay Die Lösung der Judenfrage. In diesem Text bekennt er sich zu Assimilation, Europäisierung der Juden, Kulturförderung, sowie die Begünstigung von Taufen und Mischehen.
5 Vgl. Jochmann, Werner: Struktur und Funktion des deutschen Antisemitismus 1878-1914. S. 120.
6 Vgl. Darmaun, Jacques: Thomas Mann, Deutschland und die Juden. S. 10f.
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2 Antisemitismusvorwurf gegen Thomas Mann
In Thomas Manns literarischem Oeuvre ist das jüdische Element nahezu permanent gegenwärtig, mit großer Regelmäßigkeit kommen jüdische Figuren vor. Von der
Bankiersfamilie Stein in Der Wille zum Glück, über Hermann Hagenströms jüdische Mutter in Buddenbrooks, Dr. Sammet in Königliche Hoheit, Naphta im Zauberberg, den biblischen Roman Joseph und seine Brüder bis zu Saul Fitelberg im Doktor Faustus 7 . Seine Art zu schreiben, das Satirische, Zersetzende, das Psychologische, das Internationalistische und das Radikaldemokratische galten damals in rechtsradikalen Kreisen als jüdisch 8 .
Heutzutage wird Mann häufig eines unterschwelligen Antisemitismus bezichtigt. Hingewiesen wird auf die herabwürdigende Weise, in der er seine jüdischen Romanfiguren beschreibt, aber auch auf den Text Wälsungenblut, den Essay Die Lösung der Judenfrage, sowie die Mitwirkung der Brüder Heinrich und Thomas an den letzten beiden Jahrgängen der antisemitischen Zeitschrift Das Zwanzigste Jahrhundert (1895-96) 9 . Es sind allerdings aus dieser Zeit keine bedeutenden öffentlichen antisemitischen Äußerungen Manns bekannt. Bei dem Titel Die Lösung der Judenfrage handelte es sich um einen Kollektivtitel einer von Julius Moses veranstalteten Umfrage an einhundert Persönlichkeiten, darunter zahlreiche Juden; diskutiert wurde die Frage, wie die Konflikte mit der jüdischen Minderheit gelöst werden sollten 10 . Mann bezeichnet sich als einen „überzeugten und zweifellosen Philosemiten“ 11 und befürwortet die Fortsetzung der Assimilation, Europäisierung der Juden, Kulturförderung, sowie Begünstigung von Taufen und Mischehen. Er stellt allerdings, da ihm Blut und Abstammung nicht unwichtig sind, im selben Text als Antwort auf den Literaturhistoriker Adolf Bartels, der ihn vorher als Juden bezeichnete, ebenfalls klar, dass er kein Jude sei, sondern eine „romanische Blutmischung“ 12 darstelle.
Im sozialen Umfeld Thomas Manns spielten Juden eine große Rolle. Er publizierte sein Leben lang in einem jüdischen Verlag, hatte zahlreiche jüdische Freunde und Briefpartner, z.B. Samuel Fischer, Samuel Liblinski, Max Reinhardt, Jakob Wassermann, Stefan Zweig,
7 Vgl. Kurzke, Hermann: Thomas Mann. Epoche - Werk - Wirkung. S. 153.
8 Ebd.
9 Vgl. Homann, Ursula: Zwischen antisemitischen Klischees und bekennendem Philosemitismus. Thomas Manns ambivalente Beziehung zu Juden und Judentum.
10 Vgl. Kurzke, Hermann: Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk. S. 210.
11 Vgl. Mann, Thomas: Die Lösung der Judenfrage. Zit. n.: Kurzke, Hermann: Thomas Mann. Epoche - Werk - Wirkung. S. 154.
12 Ebd.
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Arbeit zitieren:
Helge Franz, 2004, Thomas Manns Erzählung "Wälsungenblut" – ein antisemitischer Text?, München, GRIN Verlag GmbH
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