Inhaltsverzeichnis
1. Wie pädagogisch ist Literatur? 3
2. Unterrichtsdidaktik oder -hilfsmittel? Die verschiedenen Annährungsweisen 5
an Friedrich Schillers Wilhelm Tell
2.1 Karl Ernst Thrändorf 5
2.2 Joachim Meyer 7
2.3 J.G. Rönnefahrt 9
3. Der Wilhelm Tell als paradigmatische Didaktik des Herbartianismus 12
4. Fazit 15
5. Literaturverzeichnis 16
2
1. Wie pädagogisch ist Literatur?
„ Schillers Schriften sind pädagogische Stoffe ersten Ranges. Sie sind es zuvörderst durch den Reichtum an Ideen“ 1 .
Damit offenbare sich die pädagogische Relevanz Schillers nach Arno Bliedner, Seminarlehrer in Eisenach, nicht nur in seinen philosophischen Schriften, wie etwa Über die ästhetische Erziehung des Menschen oder Über naive und sentimentale Dichtung, sondern vor allen Dingen ganz allgemein in dem Ideenreichtum, durch den sich seine Werke auszeichnen. Zu diesen Ideen gehören dabei beispielsweise die Idee der Kultur, Natur, Freundschaft, Liebe, der bürgerlichen und staatlichen Gemeinschaft, des Vaterlands, der Freiheit und der christlichen Werte wie Demut, Gerechtigkeit, Vorsehung oder Unterordnung. In der unterrichtlichen Auseinandersetzung mit den Schillerschen Werken, insbesondere mit ihren spezifischen sprachlich-literarischen Ästhetiken und ihren höheren sittlich-moralischen Ideen, würde dann wiederum eine Brücke zwischen „Sinnenglück und Seelenfrieden“ 2 ermöglicht werden. Der Fokus der pädagogischen Initiative scheint somit vordergründig auf der Vermittlung sittlich-moralischer Maßstäbe und Exempel zu liegen, welche sich aus den Werken der entsprechenden Literaten generieren lassen.
Dabei betont Bliedner in seinem für höhere Lehranstalten verfassten Schiller-Lesebuch zum Einen, dass sich jegliche unterrichtliche Tätigkeit auf das Interesse der Schüler stützen müsse, und zum Zweiten, dass von dem unterrichtlichen Gebrauch von Kommentaren und von mit Anmerkungen versehenen Schulausgaben abzusehen sei, da „dem Schüler dadurch das Nachdenken vollständig erspart wird, und er nur nachzusprechen braucht, was die Kommentare ihm vorsprechen“ 3 . Der Autor baut vielmehr auf die Selbsttätigkeit der Schüler, welche für ihn nicht zuletzt auch ein Moment in der Etablierung wahren Interesses ist.
Wie aber wurden diese theoretischen Konzeptionen praktisch umgesetzt? Welche Ausgestaltungen fanden theoretische Begriffe wie „Interesse“, „Selbsttätigkeit“ und „moralische Erziehung“ in der konkreten Auseinandersetzung mit einem Werk Schillers; zum Beispiel mit dem Wilhelm Tell?
1 Bliedner, Arno. Schiller. Eine pädagogische Studie. In: Pädagogisches Magazin. Heft 78. Langensalza 1896, S.
36
2 Ebd., S. 57
3 Bliedner, Arno. Vorrede. In: Schiller-Lesebuch. Sammlung poetischer und prosaischer Lesestücke im
Anschlusse an ausgewählte Meisterwerke Schillers und an seine Biographie. Hrsg. von Arno Bliedner. Verlag
von Bleyl & Kaemmerer. Dresden 1883, S. 5
3
Diesen Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden. Beginnen werde ich dabei mit der Analyse von drei Texten, welche eine deutliche Nähe zum pädagogischen Herbartianismus aufweisen und für diesen stellvertretend stehen sollen. Daran anschließend gilt es didaktisch-methodische Parallelen der Texte zu verschiedenen Theorien des Herbartianismus aufzuzeigen und diese in einem letzten Schritt einer kritischen Wertung zu unterziehen; und dies nicht zuletzt auch im Bezug auf das Herbartverständnis der Herbartianer. In einem Fazit werde ich dann versuchen, zu zusammenfassenden, allgemeinen Aussagen über die Beschäftigung mit Friedrich Schillers Wilhelm Tell im Kontext des pädagogischen Herbartianismus zu kommen.
4
2. Unterrichtsdidaktik oder -hilfsmittel? Die verschiedenen
Annährungsweisen an Friedrich Schillers Wilhelm Tell
Bevor ich jedoch allgemeine Erkenntnissen darstellen werde, gilt es die durchaus sehr verschiedenen Texte separat und unter sehr spezifischen Gesichtspunkten zu betrachten.
Interessant ist dabei, dass sich alle Texte sehr konkret auf die Sphäre des Unterrichts beziehen und somit deutlich darauf verweisen, dass es sich beim Herbartianismus um eine Reformbewegung handelte, „die das Ziel verfolgte, die Schule und die Lehrerbildung zu erneuern und die Pädagogik auf wissenschaftlicher Grundlage zu fundieren“ 4 . Inwiefern sich aus dieser Tendenz aber auch sehr mannigfaltige Umsetzungsmöglichkeiten und -methodiken ergeben konnten, sollen die nachfolgenden Ausführungen herausstellen und unterstreichen.
2.1 Karl Ernst Thrändorf
Die erste markante und näher gehende Auseinandersetzung mit Friedrich Schillers Wilhelm Tell ist in einem Aufsatz des Jahrbuchs für wissenschaftliche Pädagogik aus dem Jahre 1881 zu finden. Verfasst ist dieser dabei von dem 1851 geborenem und später eng mit der Zillerschen Lehrerbildung verbundenem Pfarrerssohn Karl Ernst Thrändorf. Besonders interessant erscheint in diesem Zusammenhang, dass der Fokus von Thrändorfs publizistischer Tätigkeit vielmehr auf dem Religionsunterricht lag und er mit seiner Schrift Über die unterrichtliche Behandlung von Schiller´s Wilhelm Tell ein gänzlich anderes Fachgebiet, nämlich das der Germanistik, betrat. Bei einer eingehenden Analyse des Textes zeigt sich jedoch, dass es dem Autor weniger um die fachliche Auseinandersetzung mit dem Drama Schillers ging, als vielmehr um die Beschreibung und Ausdifferenzierung einer weitestgehend allgemeinen Unterrichtsdidaktik.
Den Auftakt seines Aufsatzes bildet dabei der Antagonismus der Begriffe Interesse und Pflicht, welchen er am Beispiel der Literaturgeschichte verdeutlicht: „Die Werke der großen Meister verhalten sich also zur Litteraturgeschichte, die über sie handelt,
4 Heinze, Carsten. Die herbartianische Reform der Lehrerbildung als Neubestimmung des Verhältnisses
zwischen der ´subjektiven Verfassung der lehrenden Persönlichkeit` und dem ´objektiven Lehrverfahren` - die
Positionen von Tuiskon Ziller. In: Herbartianische Konzepte der Lehrerbildung. Geschichte oder
Herausforderung. Hrsg. von Rotraud Coriand. Verlag Julius Klinkhardt. Bad Heilbrunn/Obb. 2003, S. 65
5
Arbeit zitieren:
Nadine Hübener, 2006, Über die Auseinandersetzung mit Friedrich Schillers Wilhelm Tell im pädagogischen Herbartianismus, München, GRIN Verlag GmbH
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