Inhaltsverzeichnis
1. „Der Eulenspiegel ist bekandt, Sein that vnd nahm durch aller landt. “ 3
2. Veränderungen des Originals im Rahmen der Rezeptionsgeschichte 5
2.1 Johannes Paulis Schimpf und Ernst 5
2.2 Hans Sachs Fastnachtsspielbearbeitungen 12
2.3 Johan Fischarts Eulenspiegel Reimensweiß 18
3. Motive der Bearbeitung 23
3.1 Adressatenanalyse 23
3.2 Spezifik der Redeform 26
4. Fazit 30
5. Literaturverzeichnis 33
2
1. „Der Eulenspiegel ist bekandt, Sein that vnd nahm durch aller landt...“ 2
Die Erfolgsgeschichte des Ulenspiegels, als dessen Autor der Braunschweiger Stadtschreiber Hermann Bote vermutet wird, lässt sich mittels zweier, für das 16. Jahr-hundert doch recht eindrucksvoller, Zahlen beschreiben. Zum Einen konnte allein der deutsche Raum innerhalb von nur neunzig Jahren mit circa 26 Druckausgaben des Ulenspiegels aufwarten; so etwa in den Städten Straßburg, Erfurt, Köln, Augsburg, Ingolstadt, Frankfurt und Eisleben. Zum Zweiten erhält man, „wenn Virmonds Faustregel auch nur annährend stimmt, daß man nach 1500 von einer durchschnittlichen Auflagenhöhe von 1000 Stück ausgehen kann“ 3 , für das 16. Jahr-hundert eine Gesamtauflagenzahl in Höhe von 26000 Exemplaren. Im Bereich der Unterhaltungsliteratur zählte es damit zu den am meisten gedruckten Werken. Dabei besaß die Beliebtheit der Eulenspiegel-Figur nicht nur allein auf den Verkauf des eigentlichen Originalwerkes starken Einfluss, sondern wurde auch für andere Texte werbewirksam eingesetzt. So verwiesen etwa die Frankfurter Verleger Feyerabend und Hutter bei einer Vielzahl von Titeln aus ihrem Verlagsprogramm, zum Beispiel bei den Historien des Neidhart Fuchs, auf die Nähe des/der jeweiligen Protagonisten zu Eulenspiegel 4 .
Was aber mochte Autoren des 16. Jahrhunderts, welche zum Teil auch „Originalwerke“ verfasst und publiziert hatten, dazu bewogen haben, ein Werk aus dem Jahre 1515 zu adaptieren? Welche Veränderungen ließen sie diesem schwankhaften Text angedeihen; einem Text, dessen, auf negativen Beispielen fußende, moralische Belehrung nicht nur von Zeitgenossen angezweifelt wurde, sondern auch heute noch umstritten ist und dessen „Frage nach wirklichkeitsgerechtem Verhalten“ 5 sich im Werk als provokatives Jeder gegen Jeden manifestiert? Diesen Fragen soll im Rahmen der Untersuchung zur Bedeutung der Rezeptionsgeschichte des Ulenspiegels im 16. Jahrhundert unter anderem nachgegangen werden. Ausgehend von drei verschiedenen Arten von Rezeptionszeugnissen werde ich mich dabei zunächst dem allgemeinen Charakter der Werke und ihrer Verortung im literarischen Raum zuwenden, um daraufhin diejenigen Momente zu analysieren, welche in den Adaptionen variiert oder gänzlich gestrichen wurden. In einem fol-
2 DieserAusspruch stammt aus einer Flugschrift aus dem Jahre 1606. Vgl. dazu: Hinz, Walter. Till Eulenspiegel
in einer Flugschrift aus dem Jahre 1606. In: Eulenspiegel-Jahrbuch 1975, S. 14-17
3 Wunderlich, Werner. Till Eulenspiegel. Wilhelm Fink Verlag. München 1984, S. 88
4 Vgl. dazu: Ebd., S. 90
5 Bollenbeck, Georg. Till Eulenspiegel. Der dauerhafte Schwankheld. Zum Verhältnis von Produktions- und
Rezeptionsgeschichte. German. Abhandlungen 56. Metzler. Stuttgart 1985, S. 147
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genden Schritt gilt es dann die verschiedenen Motive der Bearbeitung, welche vordergründig aus einer individuellen Adressatenorientierung und der Charakteristik der jeweiligen Redeform herrühren, darzustellen. Inwiefern sich dann wiederum Aussagen über allgemeine Entwicklungstendenzen der Eulenspiegel-Figur oder gar des Schwankromans im Gesamten genieren lassen, bleibt abzuwarten, soll an dieser Stelle jedoch als Zielformulierung mit aufgenommen werden.
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2. Veränderungen des Originals im Rahmen der Rezeptionsgeschichte
Der Autor des Ulenspiegel gibt in seiner Vorrede zu verstehen, dass er einen jeden, wa mein Schrifft vom Ulenspiegel zu lang oder zu kurtz sei, (bitte), das er das besser, uff das ich nit Undanckt verdiene 6 . Ob sich Autoren wie der Prediger Geiler von Kaysersberg, Johannes Pauli, Hans Sachs, Johan Fischart, Sigmund Feyerabend, Jan van Neem oder Jacob Ayrer von dieser Aufforderung direkt angesprochen fühl-ten, bleibt offen. Fakt jedoch ist, dass nach dem Erscheinen des Ulenspiegel, be-sonders jedoch ab den 30er Jahren des 16. Jahrhunderts, seit denen er zu den be-vorzugten Lektürestoffen seiner Zeit gehörte 7 , eine kaum zu überblickende Rezep-tionsgeschichte der Eulenspiegel-Figur einsetzte. Die Gründe für die Adaption dieses bereits tradierten Stoffes sind dabei unterschiedlichster Natur. Sie reichen von der Popularität der Hauptfigur, welche wohl auch als Garant für den Erfolg der Adap-tionen galt, über die Möglichkeit moralisierende Erzählungen zu generieren, wie dies etwa im Falle der Predigtmärlein angenommen wird, bis hin zur vermuteten Potenz der Eulenspiegel-Biographie als zeitkritische Stände- und Gesellschaftssatire.
Im Rahmen dieser Untersuchung gilt es nun im Folgenden drei Arten von Rezeptionszeugnissen des 16. Jahrhunderts näher zu beleuchten, wobei der Fokus vordergründig auf den Veränderungen der Vorlage in diesen Werken liegen soll, um dadurch eventuell zu allgemeinen Aussagen über die Entwicklung des Ursprungsstoffes zu kommen.
2.1 Johannes Paulis Schimpf und Ernst
Dabei ist die erste weitreichende und sich durch einen großen Publikumserfolg auszeichnende Eulenspiegel-Bearbeitung für das Jahr 1522 zu verzeichnen, in dem der Franziskanerpater Johannes Pauli, ein Angehöriger des 1209 durch Franz von Assisi gegründeten Bettelordens, sein vermutlich 1519 im Kloster zu Thann abgeschlossenes Werk Schimpf und Ernst in Straßburg publizierte. Bereits im Rahmen seiner Predigten aus den Jahren 1493 bis 1494 ergibt sich für den Autor „das Bild eines
6 Ein kurzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel. Hrsg. von Wolfgang Lindow. Reclam. Stuttgart 2001, S. 8
7 So zählt etwa Agricola in der Vorrede zu seiner Sprichwortsammlung aus dem Jahre 1530 den Ulenspiegel zu
den berühmtesten Büchern seiner Zeit. Vgl. dazu: Wunderlich, Werner. Till Eulenspiegel. Wilhelm Fink Verlag.
München 1984, S. 88
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theologisch konservativen Klerikers´, an dem neben seiner beachtlichen theologischen Versiertheit, seinem didaktischen und psychologischen Geschick auch sein zuweilen aufblitzender Sinn für Humor“ 8 auffällig ist. Eben diese Verfahrensweise des Miteinanders von religiöser, erbaulicher Belehrung und auflockernder, der Entspannung dienender Unterhaltung zeigt sich auch als Basis für sein Werk Schimpf und Ernst. Es handelt sich dabei um eine Art enzyklopädische Anthologie verschiedenster antiker, mittelalterlicher und zeitgenössischer schwankhafter Texte. So gehören unter anderem Exempla aus der Sammlung des Valerius Maximus über die Gesta Romanorum, Petrarca-Exzerpte, John Bromyards Summa predicantium, die Sammlungen Poggio Bracciolinis und Heinrich Steinhöwels, die Facetien der Humanisten Heinrich Bebel und Johannes Adelphus Muling, „zeitgenössische[n] Anekdoten und Nachrichten von Kriminalfällen, [...] Altväter-Sprüche[n] und -geschichten“ 9 , die Kanzelreden Geilers von Kaysersberg, zu dem Pauli in den Jahren 1504 bis 1510 durch seinen Aufenthalt in Straßburg Kontakt unterhielt und dessen Predigten er posthum veröffentlichen ließ, als auch mindestens elf der sechsundneunzig Eulenspiegel-Historien der Straßburger Ausgabe von 1515 zu den Quellen dieses Werks.
Interessant erscheint an dieser Stelle das Ordnungsprinzip der in Prosa verfassten 693 Kurzerzählungen. Denn diese sind weder allein um eine Person gruppiert, wie es noch im Ulenspiegel der Fall war, noch auf einen Ort beschränkt, sondern vielmehr den bereits im Titel genannten Kategorien Schimpf und Ernst zuzuordnen, wobei ´Schimpf´ mit ´Spaß´ oder ´Scherz´ zu übersetzen ist 10 . Es handelt sich dabei jedoch nicht um eine konkrete Gegenüberstellung von Erbaulichem und Unterhaltendem, sondern eher um ein Ineinandergreifen dieser beiden Zwecksetzungen 11 . So können etwa auch dem „Ernst“ zugeordnete und eher der Abschreckung dienende Geschichten durchaus unterhaltend sein oder mit „Schimpf“ überschriebene Schwänke ernsthafte Anliegen vermitteln. Viel wichtiger erscheint mir jedoch das Verbindungselement des moralisierenden, auf einen ernsten Punkt zielenden Kommentars, mit dem weit mehr als die Hälfte aller Geschichten versehen ist. Werden diesem Fakt
8 Mühlherr, Anna. Johannes Pauli. In: Deutsche Dichter der frühen Neuzeit (1450-1600): ihr Leben und Werk.
Hrsg. von Stephan Füssel. Erich Schmidt Verlag. Berlin 1993, S. 126
9 Ebd., S. 125
10 Vgl. Kleines Mittelhochdeutsches Wörterbuch. Hrsg. von Beate Henning. 4. Auflage. Max Niemeyer Verlag.
Tübingen 2001, S. 284
11 Die Verbindung von Belehrung und Kurzweil war vor allen Dingen in den Bettelorden bewusster Bestandteil
der Predigten und löste des Moment des Scherzens somit von den Oster- und Neujahrspredigten, in denen es
bereits einen institutionell verankerten Platz inne hatte. Vgl. dazu: Mühlherr. a.a.O., S. 130
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die Absichtserklärungen aus dem Untertitel, nützlich vnd guot zuo besserung der menschen 12 beitragen zu wollen, und der Vorrede, das, das wort des heiligen Ewangely erfült werd 13 , Geistliche iren geist mögen erlüstigen vnd rüwen, Weltliche erschrockenliche vnd ernstliche ding finden, da von sie gebessert werden und predicanten exempel haben, die schlefferlichen menschen zů erwecken 14 , beigeordnet, ergibt sich die Möglichkeit das Werk in die Tradition der Exempelsammlungen 15 zu stellen.
Man wird Paulis Sammlung jedoch nicht gerecht, verbliebe man bei dieser einseitigen Betrachtungsweise. Denn es ist eben nur etwa jeder zweite Schwank, der mit einem Kommentar versehen ist und sich somit direkt dieser Einordnung unterwerfen lässt. So fehlt unter anderem bei allen Eulenspiegel-Bearbeitungen eine Schluss-moral oder ein moralisierendes Sprichwort. Tenberg glaubt, dass dies auf ein offenes Ende verweise, bei dem es dem Rezipienten obliege, zu articulen vnd titulen, wie es ihm gefelt 16 , und so mit seiner Bewertung zur formalen Geschlossenheit des Schwanks beizutragen 17 . Ein moralisches Urteil würde dann nicht vom Autor selbst gegeben, sondern vielmehr vom Rezipienten gefordert werden 18 . Auf ähnliche Weise argumentiert auch Wunderlich, wenn er anführt, die Figur Eulenspiegels finde ihren Sinn im Gesamtzusammenhang des Werkes, da durch „sein und seiner Gegenspieler schlechtes Vorbild [...] das Einhalten ethisch-sittlicher Grundsätze und Werte, die das zwischenmenschliche Verhalten regulieren und als verbindliche Normen für die Gesellschaft akzeptiert werden sollen, zur lehrreichen Nutzanwendung“ 19 werde. Bollenbeck hingegen sieht in diesem Umstand ein Zeichen dafür, „wie eng sich der Straßburger Franziskaner bei seiner Rezeption an die Vorlage“ 20 gehalten hat und geht somit von einer adäquaten Umsetzung der Originalkonzeption aus.
12 Pauli, Johannes. Schimpf und Ernst. Hrsg. von Hermann Österley. Nachdruck Editions RODOPI Amsterdam
1967, S. 13
13 Ebd., S. 13
14 Ebd., S. 14
15 In die erbaulichen Predigtexempla des Mittelalters war Erzählmaterial involviert, das zum Zwecke eines
veranschaulichenden Beispiels in die Predigten integriert werden konnte. Vgl. dazu: Mühlherr. a.a.O., S. 128.
Grundlegend dazu auch: Chesnutt, Michael. Exempelsammlungen [im Mittelalter]. In: Enzyklopädie des
Märchens 4 (1984), S. 592-604
16 Pauli. a.a.O., S. 323
17 Nach Deufert ist die Ausrichtung des Textes auf das Moment der Moral stets konstituierend für die Gattung
Schwank und trägt somit zur formalen Einordnung von Texten in eben diese Gattung bei. Vgl. dazu: Deufert,
Wilfried. Narr, Moral und Gesellschaft. Grundtendenzen im Prosaschwank des 16. Jahrhunderts. Lang. Berlin
1975, S. 84-114
18 Vgl. Tenberg, Reinhard. Die deutsche Till Eulenspiegel-Rezeption bis zum Ende des 16. Jahrhunderts.
Königshausen und Neumann. Würzburg 1996, S. 71
19 Wunderlich. a.a.O., S. 99
20 Bollenbeck. a.a.O., S. 178
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Meiner Auffassung nach tätigt der Autor im Rahmen seiner Vorrede jedoch selbst eine zweite Funktionszuweisung, wenn er angibt, wan man nit alwegen in einer Strenckeit bleiben mag 21 , womit er scheinbar der Unterhaltung einen autonomen Wert zuspricht. Bereits in den Predigten Geilers von Kaysersberg hatte Pauli die Kurzweil „als ein unbedingt bewahrenswertes wesentliches ´Beiwerk´“ 22 angesehen. Und auch aus den humanistischen lateinischen Facetiensammlungen, in denen sich das humorvolle Erzählen als eigenständiger Typus etabliert hatte, kannte er die Wertschätzung dieses Erzählmoments. Programmatisch neu ist bei ihm jedoch, dass sowohl der „Ernst“ als auch der „Schimpf“ innerhalb eines Werkes je ihren eigenen Selbstzweck tragen und somit annährend als gleichwertige Teile erscheinen. In jedem Fall bleibt aber festzuhalten, dass sich Schimpf und Ernst „auf der Grenze zweier Literaturgattungen, der erbaulichen Predigtexempla des Mittelalters und der ergötzlichen Schwanksammlungen“ 23 des 16. Jahrhunderts, befindet. Im Rahmen dieser Makrostruktur lässt sich dabei eine durch etwa neunzig thematische Sinngruppen konstituierte Mikrostruktur herauskristallisieren. Dass sich die Eulenspiegel-Historien dann wiederum in der Sinngruppe „von den narren“ wieder finden ließen, erschiene evident. Um so bemerkenswerter muss es erscheinen, acht der elf Historien in einem den Werk beigestellten Anhang auszumachen. Diese sind dort mit 122 weiteren Fabeln als brösamlin zusammengefasst, damit sie, wie der Autor angibt, nit verloren würden, mag iedermann zu articulen vnd titulen, wie es im gefelt 24 .
In diesem Zusammenhang gilt es die starke Generalisierungstendenz der Eulenspiegel-Bearbeitungen zu beachten. Durch diese lassen sich einzelne Schwänke kaum noch auf konkrete Berufsgruppen oder individuelle Charaktere beziehen. So unterlässt es Pauli beispielsweise genaue Orts- und Zeitangaben zu geben; etwa in den Erzählungen 642 und 644, in denen er die Stadt- und Ortsnamen ersatzlos streicht. Er nimmt kaum Charakterisierungen der Figuren, wie zum Beispiel durch Namen, Berufsbezeichnungen und persönliche Attribute, vor und leitet seine Kurzerzählungen mit der stereotypen und im Waagen verbleibenden Formel „es waz ein mal“ ein. Eben diese indifferente Ausrichtung der Historien steht häufig einer konkreten Sinngruppenzuweisung entgegen. Gegen eine Integrierung in die Gruppe der
21 Pauli. a.a.O., S. 14
22 Mühlherr. a.a.O., S. 128
23 Schimpf und Ernst. Bd. 1. Hrsg. von Johannes Bolte. Stubenrauch. Berlin 1924, S. *7
24 Pauli. a.a.O., S. 322f
8
„narren“ spricht des Weiteren, dass Pauli selbst ihn nie als Narren bezeichnet. Bei ihm ist er „spotvogel“ (in der Geschichte 653), „abenthürer“ (so in den Erzählungen 347 und 650), „armer gesel“ (in den Geschichten 513 und 514), „ritter“ (in der Erzählung 646) oder „landschweiffer“ (etwa in dem Schwank 651). Für mich lässt sich somit die Zusammenfassung der Eulenspiegel-Geschichten im Anhang nicht, wie Lappenberg anführt, aus einer nachträglichen „Hinzufügung nach dem Erscheinen des Ulenspiegels“ 25 erklären 26 , sondern vielmehr aus der Absicht des Autors, auch stark verallgemeinerte Predigtexempel zu generieren und diese separat anzuführen.
Sowohl um die Verständlichkeit dieser Generalisierung als auch die kurzweilige Unterhaltung gewährleisten zu können, ebnet Pauli sein Werk auf einem „Niveau leichtverständlicher und dabei faktenorientierter Prosa“ 27 ein. Sein sehr schlichter Stil zeichnet sich vor allen Dingen durch asyndetische Satzkonstruktionen, ein Minimum an erzählerischen Elementen und der Aussparung rhetorischer Figuren aus. Des Weiteren reduziert er im Rahmen der Eulenspiegel-Bearbeitungen Dialoge; so zum Beispiel in der Erzählung 373, in der er die scharfsinnige Widerrede der Vorlage (His-torie 79) zwischen dem Wirt zu Köln und Eulenspiegel eliminiert. Abweichend von der Vorlage bedient er sich auch eines einfachen, skatologisches Vokabular durch eu-phemistische Begriffe ersetzenden Wortschatzes. Ein Beispiel hierfür wäre der Aus-tausch des Wortes „scheißen“ durch „hofieren“ in der Erzählung 653. Es sind somit eher Veränderungen an der Textstruktur als am Textinhalt die Pauli in seiner Adap-tion vornimmt. Einzig im Bereich der Satire auf einzelne Stände, insbesondere auf die des Klerikers, nimmt der Autor maßgeblichen Einfluss, indem er brisante Passagen schlichtweg herausstreicht oder inhaltlich anders motiviert. Die Erzählung 651, welche auf der sechsten Historie basiert, reduziert er beispielsweise um das Moment der Blasphemie, wenn er den Gedanken Ulenspiegels
unterschlägt. Ebenso verhält es sich in dem, auf der Historie 34 fußendem Schwank 347. Dort scheint nicht nur der Protagonist „nicht der Häresie verdächtigt zu werden,
25 Lappenberg, J.M. Dr. Thomas Murners Ulenspiegel. Leipzig 1854. Neudruck Leipzig 1975, S. 378
26 Dem widerspricht auch, dass sich in eben diesem Anhang nur acht der elf Eulenspiegel-Historien finden
lassen. Die verbleibenden Historien sind somit vom Autor spezifischen Sinngruppen zugewiesen worden.
27 Mühlherr. a.a.O., S. 131. Dort heißt es auch, bei Schimpf und Ernst handele es sich um „eine anspruchslose
volkssprachliche Sammlung“.
28 Ein kurzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel. a.a.O., S. 21
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Nadine Hübener, 2006, Über die Bedeutung der Ulenspiegel-Rezeption im 16. Jahrhundert, München, GRIN Verlag GmbH
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