Inhalt
I. Einleitung. 2
II Victor Klemperer. 3
III. Rezeption der „LTI“ 5
1. Frühe Rezeption 5
2. Rezeption ab 1980 10
3. Verbale Mittel in der „LTI“ 12
4. Nichtverbale Mittel in der „LTI" 13
5. Was ist das eigentlich, diese „LTI“? 15
IV Nationalsozialistischer Sprachgebrauch und „LTI“ 17
1. Lüge und Verschleierung. 18
2. „Teutschtümelei“ und Fremdwörter 19
3. Sprache des Glaubens 21
4. Heterogene Stilelemente 23
5. Abkürzungen. 24
6. Der „Fluch des Superlativs“ 24
7. Judensondersprache 25
V Fazit 27
Literaturverzeichnis 29
1
I. Einleitung
Ich möchte mich in dieser Arbeit mit dem Buch „LTI“ von Victor Klemperer beschäftigen. Ich habe mir gerade dieses Werk ausgesucht, weil ich der Meinung bin, dass es, obwohl seine Entstehungszeit schon 60 Jahre zurückliegt, an Aktualität nichts eingebüßt hat. Auch heute noch ist Sprache ein viel besprochenes Thema, ob nun in Diskussionen über „Sprachverfall“ oder Anglizismen oder in Büchern wie „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ von Sebastian Sick. Ich denke, es ist wichtig, seine eigene Sprache zu reflektieren, um verantwortungsbewusst mit ihr umzugehen. Dazu kann auch heute noch die „LTI“ einen wichtigen Teil beitragen. Da sowohl das Buch als auch seine Rezeption sehr vielschichtig ist, habe ich meine Arbeit in Anleihe an Bärbel TECHTMEIER 1 „Was ist das eigentlich, diese „LTI“?“ genannt und möchte versuchen, diese Frage im Verlauf dieser Arbeit zu beantworten
Dabei werde ich im ersten Teil zunächst auf die sprachwissenschaftliche Rezeption des Werks seit seiner Veröffentlichung eingehen. Hierbei soll vor allem auf die Fragen eingegangen werden, ob es ein „Sprache des Nationalsozialismus“ oder nur „im Nationalsozialismus“ gegeben hat und ob eine moralische Bewertung von Sprache möglich ist. Der zweite Teil soll dann aufzeigen, welche Besonderheiten der „Lingua tertii imperii“ Klemperer benennt; dieser Abschnitt wird sich in seiner Bearbeitung überwiegend an die „LTI“ selber halten. Beiden Teilen möchte ich aber zunächst eine kurze Zusammenfassung des Lebens Victor Klemperers voranstellen, da seine Lebenssituation, vor allem zwischen 1933 und 1945, für die Entstehung der „LTI“ besonders wichtig ist.
Abschließend möchte ich hier noch auf die Begriffe „Faschismus“, „Nationalsozialismus“ und „Drittes Reich“ eingehen. Auch wenn es den Faschismus ebenso in anderen Ländern, v.a. in Italien, gegeben hat, ist in dieser Arbeit damit ausschließlich die deutsche Ausprägung gemeint. Ihm gleichgesetzt werden die Begriffe Nationalsozialismus und Drittes Reich. Das sich alle drei Ausdrücke in dieser Arbeit finden, liegt unter anderem daran, dass die verwendete Sekundärliteratur mit jeweils verschiedenen Begriffen hantiert.
1 Techtmeier 1987, 317.
2
II Victor Klemperer
Der Romanist Victor Klemperer (1881-1960) wuchs als Sohn eines Rabbiners auf. Nach dem Abitur in Landsberg und seinem Studium, das er neben Berlin und München auch in Genf, Paris und Neapel absolvierte, wurde er zunächst Privatdozent in München. 1906 heiratete er die Malerin und Pianistin Eva Schlemmer und trat 1912 ein zweites Mal zum evangelischen Glauben über. Zwar hatte er dies schon 1903 erstmals getan, da er es allerdings bei seiner Eheschließung verschwiegen hatte und der Übertritt nicht dokumentiert war, wiederholte er ihn später.
1920 wurde Klemperer zum ordentlichen Professor an die Romanistik der TU Dresden berufen, bis er 1935 auf Grund des nationalsozialistischen Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums entlassen wurde.
Dieses Gesetz von 1933 verwirklichte die rassenpolitischen Ziele der NSDAP und die Gleichschaltung des öffentlichen Dienstes. Juden („Beamte nicht arischer Abstammung“) wurden in den Ruhestand versetzt bzw. aus dem Dienst entlassen und so vom Beamtenstand ausgeschlossen. Alle seinerzeit im Beamtenstatus befindlichen Personen hatten den so genannten Ariernachweis zu erbringen, wonach „als nicht arisch gilt, wer von nicht arischen, insbesondere jüdischen Eltern oder Großeltern abstammt“ 2 . Trotz seines Übertritts zum Protestantismus und seines Frontdienstes während des 1. Weltkriegs galt Klemperer fortab als Jude und durfte seine Professur nicht mehr ausüben.
Nach seiner Entlassung konnte er zunächst seine wissenschaftliche Arbeit, v.a. an seiner „Geschichte der französischen Literatur im 18. Jahrhundert“, fortsetzen, als sich allerdings die Lage für Juden in Deutschland zuspitzte und sie keinen Zugang mehr zu Bibliotheken, Zeitschriften oder Zeitungen mehr hatten, musste er seine Arbeit einstellen. Nachdem seine Frau und er 1940 aus ihrem Haus in Dresden vertrieben wurden, lebten sie in den Folgejahren in verschiedenen „Judenhäusern“ in Dresden. Klemperer wurde ab 1943 als ungelernter Hilfsarbeiter dienstverpflichtet, abgeschnitten von seinen gewohnten Kontakten und Tätigkeiten. Dass er den Nationalsozialismus überlebte, verdankte er wohl nur seiner „arischen“ Ehefrau, denn nach dem „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ vom 15.September 1935 waren „Eheschließungen zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes“ verboten und bestehende Ehen wurden für nichtig erklärt.
2 Erste Verordnung zur Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 11.04.1933,
zu § 3 I
3
Ohne den Schutz seiner Frau, die mutig an seiner Seite blieb, wäre Klemperer der Verfolgung und Ermordung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt gewesen. Er selber benennt dies im Vorwort der „LTI“ als „Heroismus“, spricht von „stillem Heldentum“ der
„…paar arischen Ehefrauen (allzu viele sind es nicht gewesen), die jedem Druck, sich von ihren jüdischen Ehemännern zu trennen, standgehalten hatten. […] Sie wussten, ihr Tod werde den Mann unweigerlich hinter sich herzerren, denn der jüdische Ehegatte wurde von der noch warmen Leiche der arischen Frau weg ins mörderische Exil transportiert.“ (12f.) 3
Als Dresden in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 bombardiert wird, gelingt dem Ehepaar Klemperer die Flucht, die sie über Sachsen und Bayern im Sommer 1945 zurück nach Dresden bringt. Dort beginnt Klemperer in der unmittelbaren Nachkriegszeit mit der Niederschrift der „LTI“, die er 1946 abschließt. Schon während der Kriegsjahre hatte er mit seinen Tagebuchaufzeichnungen die Grundlage gelegt.
In seinem „Curriculum vitae“ und den im Herbst 1995 veröffentlichten Tagebüchern, die insgesamt den Zeitraum von 1918 - 1959 umfassen, versucht Klemperer Zeitgeschichte, aber auch und vor allem in den Tagebüchern von 1933-1945, Alltagsgeschichte zu dokumentieren: „Ich sage mir: du hörst mit deinen Ohren, und du hörst in den Alltag, in das Gewöhnliche und das Durchschnittliche, in das glanzlose Unheroische hinein…“ (301)
Alltag meint, dass die „LTI“ nicht nur seine persönliche Situation umfasst, sondern auch das Leben, die Sprache und die Texte im Nationalsozialismus. So beschäftigt er sich mit einer breiten, komplexen Materialbasis, wie etwa Reden von Naziführern, Inschriften, Todesanzeigen oder Gesprächen mit Mitmenschen, aber auch Gesten, Zeichen und Verhaltenweisen. Daraus ergibt sich ein eindrucksvolles Gesamtbild, das die „LTI“ zu einem wichtigen Dokument macht.
3 Die Seitenangaben in Klammern beziehen sich hier und im Folgenden auf Victor Klemperer: LTI. Notizbuch eines
Philologen. Leipzig 1990.
4
III. Rezeption der „LTI“
1. Frühe Rezeption
Das für die neuere deutsche Sprachgeschichte wichtigste, aber recht düstere Kapitel im Bereich ‚Sprache und Politik’ ist das, was man in der bisherigen Publizistik und Forschung ungenau und irreführend ‚Wörterbuch des Unmenschen’, ‚Sprache des Dritten Reiches’ oder ‚NS-Sprache’ genannt hat. 4
So wurde Klemperer einerseits von manchen Autoren zusammen mit den Verfassern der bekannten Wörterbücher, Sternberger/Storz/Süskind und Berning, als „Wörterbuchphilologe“ 5 bezeichnet, dessen „LTI“ entsprechend der Entwicklung der sprachwissenschaftlichen Analysemethodik vom Einzelwort über Satzfragmente zum Textganzen zunächst und für lange Zeit primär als moralisch wertende, am Einzelwort orientierte Arbeit wahrgenommen wurde. 6 Sicher gehört Klemperers „LTI“ zu den ganz frühen, d.h. sehr bald nach Kriegsende entstandenen Arbeiten zur Sprache im Nationalsozialismus, eine „Arbeit der ersten Stunde“. 7 Richtig ist auch, dass die frühen Arbeiten sich tendenziell durch gemeinsame Grundannahmen und Intentionen auszeichnen und ihre Argumentation (und Kritik) hauptsächlich an Einzelworten festmachen. 8 Die Konsequenz der Einschätzung für den Gebrauchs- und Erkenntniswert des „LTI“ für die Gruppe Wissenschaftler, die das Werk als Wörterbuch bezeichnen, ist, dass sie es hauptsächlich als Steinbruch für Einzelworte oder Einzelbeobachtungen heranziehen („Materialsammlung“). 9 „LTI“ wird in dieser Rezeptionslinie oft tatsächlich wie ein Wörterbuch für eben diese Sprache benutzt.
4 Von Polenz 1978, S. 164.
5 Vgl. v. Polenz 1978, S. 164, Fischer-Hupe 2001, S. 448.
6 Fischer-Hupe 2001, S. 447.
7 Techtmeier 1987, S. 323.
8 Fischer-Hupe 2001, S. 201.
9 Ebd., S. 205.
5
Klemperer beschäftigt sich in seiner „LTI“ zwar intensiv mit einigen Worten wie „aufziehen“ (52) oder „fanatisch“ (62), allerdings kann der Gebrauch der „LTI“ als Wörterbuch notwendigerweise nur bruchstückartig und nach dem Zufallsprinzip erfolgen, da die einzelnen Wörter im Textfluss ohne Register schwer aufzufinden sind. 10
Andererseits wurde Klemperer zusammen mit den o.g. Autoren als Vertreter der „Diskontinuitätsthese“ bezeichnet. Dies meint die Annahme, es habe 1933 einen Bruch in der Entwicklung der deutschen Sprache gegeben, eine Zäsur, die den Beginn der nationalsozialistischen Sprache als langue, nach Saussure also als „Sprache“ als abstraktes System, darstellt. 11
Dies ist auf verschiedene Weise begründet worden. Einige Autoren berufen sich dabei auf Klemperers „LTI“ selbst und die darin von ihm formulierten Textpassagen:
Der Philologe Victor Klemperer hat seine Darstellung sicher nicht ohne Absicht „Lingua tertii imperii“ („LTI“) genannt, die „Sprache des Nazismus“ als ein „alleingültiges Sprachmodell“ für die Gesamtheit 12 bezeichnet. Die „bettelarme LTI“ wurde für ihn 1933 von „einer Gruppen- zu einer Volkssprache“.
Weiterhin nennt Klemperer, um nur einige Beispiele zu nennen, etwa die „absolute Herrschaft, die das Sprachgesetz der winzigen Gruppe […] ausübte“ (28), „diese neue Sprache“ (39), oder die „Sprache dieses Regimes“ (41), die in Hitlers „Mein Kampf“ „in allen Grundsätzen buchstäblich fixiert“ (25) war, „man könnte ein Lexikon der neuen Sprache anlegen“(36). Diese Wendungen und die Wahl des Buchtitels suggerierten sowohl, dass es sich um etwas ganz Neues, diskontinuierlich das Kontinuum der Sprachgeschichte Aufsprengendes handelte, als auch, dass es eine geschlossenen Theorie der Sprache des Nationalsozialismus gäbe. 13 Eben diese Theorie betrifft den Zusammenhang der Ausdrücke Sprache und Faschismus. Das Problem lässt sich zuspitzen mit der Dichotomie Sprache des oder im Faschismus? Hier geht es einerseits um die soziolinguistische Frage nach dem Träger dieser Sprache und andererseits um den Status der unterstellten „faschistischen Sprache“.
10 Ebd., S. 207.
11 Ebd., S. 205f.
12 Sauer 1984, S. 319.
13 Voigt, 1974, S. 446.
6
Der Wortlaut Sprache des Faschismus suggeriert unter Umständen monokausale Interpretationen: Sprache des Faschismus = Sprache der Faschisten = autonome Varietät. 14 Das Ziel nahezu aller Untersuchungen zur Sprache des Nationalsozialismus war es, durch die Analyse der Sprache etwas über die Sprecher und ihre Gedanken, konkret: über den Nationalsozialismus zu erfahren. 15 Voraussetzung dafür ist die Ansicht, dass Sprache nicht nur instrumentalen Charakter habe, sondern das Wesen des Sprechers zu benennen vermag.
Aus der Disponibilität der Sprache wird die des Sprechers gefolgert, die „Diktatur der Sprache über den Menschen“, und die Sprache zum Subjekt gemacht. 16
In beiden Teilen Deutschlands steckte man Klemperer und das Wörterbuch des Unmenschen von Sternberger, Storz und Süßkind, die Sprache selbst als handelndes Subjekt auffassten, in einen Topf, nämlich den einer bloß moralisierenden Sprachkritik, die nichts wirklich zu erklären zu vermöchte und an Einzelwörtern herumtüftelte. 17
Die Bezeichnung „Diktatur der Sprache“ ohne die Einbeziehung des Sprechers und seinen Einfluss auf die Sprache führt allerdings zu einer zu engen Identitätsvorstellung zwischen Sprache und Geist, Denken und Sprechen. 18
VON POLENZ schreibt: „Nicht Wörter selbst wirken moralisch oder unmoralisch, sondern allein ihr Gebrauch durch bestimmte Sprecher in bestimmten Sprechsituationen.“ 19 Er hat gewiss recht, wenn er deutlich macht, dass es keine Wörter unmenschlicher Natur und Herkunft gibt, sondern Wörter immer nur in bestimmten Situationen von Menschen benutzt werden können, um unmenschliches, jedenfalls moralisch verwerflichen Denken oder Handeln zu verschleiern. 20
So ist Sprache nicht etwas, dem der Sprachbenutzer unwissend und wehrlos ausgeliefert ist, sondern sie spiegelt sich wider in einem sprachlichen Kontext. Angewandt auf Klemperers „LTI“ bedeutet das folgendes:
14 Seidel/Siehr 1998, S. 39.
15 Voigt 1974, S. 451.
16 Ebd., S. 451.
17 Jäger 1999, S. 3.
18 Vgl. Voigt 1974, S. 452.
19 Vgl. von Polenz 1963, 306f.
20 Schiewe 1998, 246.
7
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Isabell Drossmann, 2006, Was ist das eigentlich, diese 'LTI'?, München, GRIN Verlag GmbH
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