Gliederung
1. Kafkas Doppelbegabung 3
2. Ein Landarzt ein Traumbild 5
2.1 Übergang von Erzählungswirklichkeit zu Traumbild 6
2.2 Die Reise: Selbstanalyse und zugleich Auflösung der Identität 9
2.3 Nacktheit und Hilflosigkeit 11
2.4 Zwiespalt zwischen gesellschaftlichen Normen und eigener Natur 12
2.5 Sexualität 14
2.5.1 Parallelität der Geschlechter 14
2.5.2 Das Dienstmädchen Rosa 15
2.5.3 Die rosa Wunde 16
2.6 Einheit von Leben und Tod 17
3. Resümee 18
4. Bibliographie 20
2
1. Kafkas Doppelbegabung
Franz Kafka war ohne Zweifel ein begabter Schriftsteller und er bleibt bis in unsere Zeit hinein einer der am meisten diskutierten und doch am wenigsten verstandenen Autoren der deutschsprachigen Literaturgeschichte. Kafka schrieb, ungleich vielen anderen, weniger, um damit Erfolg zu haben, sondern aus einer inneren Notwendigkeit heraus, und mit dieser Subjektivität seiner Dichtung erklärt sich zugleich, warum sie so schwer verständlich bleibt. Dennoch oder gerade deswegen faszinieren die Erzählungen des Prager Versicherungsange-stellten Menschen auf der ganzen Welt: die Subjektivität kafkascher Literatur bedeutet nämlich außerdem, dass die Interpretation dem individuellen Leser überlassen bleibt. Der Rezipient eignet sich, ganz im Sinne der literaturwissenschaftlichen Rezeptionstheorie, den Text an und erschafft ihn und seine Bedeutung immer wieder aufs Neue. Kafkas Texte im Besonderen sind für diesen Vorgang überaus geeignet, da sie selten in der alltäglichen Erfahrungswelt verhaftet bleiben, sondern vielmehr in Traumwelten ausschweifen, die für Leser- (und Literaturwissenschaftler-) Interpretationen weit offen stehen.
Eben darin besteht Kafkas wirkliche Begabung: im Darstellen von Traumbildern, die allegorisch vielseitig deutbar sind. Damit verbindet er sein Schriftstellertum mit einem geliebten Nebenbeschäftigung: dem Zeichnen. Zeitlebens skizzierte Kafka vor allem Figuren und Gesichter, zwar, wie man argumentieren könnte, kantig und schief 1 , aber gerade damit dem Zeitgeist des erwachenden Expressionismus entsprechend. Auch jene flüchtig gezeichneten Gestalten bleiben offen für Interpretation, oft erinnern sie an das später aufkommende Strichmännchen und weisen daher kaum distinktive Merkmale auf. Die Bedeutung der kafkaschen Skizzen ist damit ebenso allgemein gehalten wie die seiner Erzählungen; jedermann kann sich darin wieder erkennen. Kafka kombiniert nun diese seine „zurückgebliebene Muse“ mit seiner besser ausgebildeten Fähigkeit zum literarischen Schaffen und zeigt so eine Doppelbegabung in einer einzigen Tätigkeit: er zeichnet textuelle Traumbilder, die durch ihre Traumhaftigkeit sehr subjektiv gedeutet werden können.
1 Vgl. Rothe, Wolfgang. Kafka in der Kunst. Stuttgart 1979.
3
Dies ist vor allem in der Erzählung Ein Landarzt der Fall – hier „steigert sich dieses Motiv zum Angsttraum, zur nach innen gewandten Aggression, in welcher der gesellschaftliche Defekt als persönliches Versagen, als unbestimmte Schuld erlebt wird.“ 2
Die Fragestellung hier soll demnach sein, wie Kafka diese Bildhaftigkeit erzeugt, wie also seine Werke diese Selbsterlebnis-Wirkung beim Leser erlangen. Dabei kann ein bedeutender Wegweiser sein, dass sich Kafka intensiv mit Freud und seiner Traumdeutung auseinandergesetzt hat und daraus seinen „Traum-Schrecken“ 3 entwickelt hat. Bedeutend ist es außerdem, dass Kafka selbst zwischen Wirklichkeit und Traum gelebt hat, das heißt, zwischen dem Versicherungsbureau und seinem Schriftstellertum 4 . Deswegen wusste er aus eigener Erfahrung um die Unterschiedlichkeit der beiden Welten. Erwähnenswert ist sicherlich auch, dass Kafka mit diversen psychologischen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, wie zum Beispiel mit der gespannten Beziehung zu seinem Vater oder seinen unbeständigen und von zwiespältigen Gefühlen geprägten Partnerschaften. Dies schlägt sich in seiner Literatur nieder: Kafkas Figuren sind gespalten, ihre Identität löst sich auf 5 - sie selbst, die Umgebung und die Geschehnisse erscheinen traumbildhaft. Aus welchen Elementen dieses Traumbild besteht, soll auf den folgenden Seiten erörtert werden. Dabei soll zuerst die Erzählung Ein Landarzt in ihrer Gesamtheit betrachtet werden und danach auf bestimmte Elemente untersucht werden: der Übergang von der Erzählungswirklichkeit zum Traumbild, die Selbstanalyse, die der Ich-Auflösung gegenübersteht, die Allegorie der Nacktheit, die Rolle der gesellschaftlichen Normen, Sexualität und ihre Bewertung und der Lebens- und Todeswunsch.
2 Fischer, Ernst. Kafka-Konferenz. In: Franz Kafka aus Prager Sicht 1963. Prag 1965: Verlag der tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften. 157 – 168. 162f.
3 Kurz, Gerhard. Traum-Schrecken: Kafkas literarische Existenzanalyse. Stuttgart 1980.
4 Ebd. 18 5 Ebd. 31
4
2. Ein Landarzt – ein Traumbild
Ein Landarzt wird in einer Winternacht zu einem Patienten gerufen, es sind jedoch keine Pferde für den Schlitten vorhanden. Mehr oder weniger zufällig betritt er den alten, verfallenen Schweinestall, in dem er einen unbekannten Pferdeknecht und zwei Pferde vorfindet, beide mit unwirklichen Kräften. Der Pferdeknecht spannt die Pferde an, die symbolisch „Motor der Reise“ 6 sind, und der Arzt begibt sich mit ihnen zum Patienten. Diese Reise ist eine Art Selbstfindung oder Selbstanalyse des Arztes, vor allem in sexueller Hinsicht. Der Landarzt aber ist nur Teil dieses ‚Selbst’, denn der aggressiv- sexueller Pferdeknecht und der todkranke Patient stellen weitere Facetten der landärztlichen Person dar. Diese Reise geht auf der einen Seite sehr schnell von Statten, denn binnen weniger Sekunden ist der Arzt am Ziel, es ist aber auch „weite(r) Raum“ 7 zwischen ihm und dem Patienten. Die Hilfe des Pferdeknechts und der Pferde hat aber auch eine negative Seite: das Dienstmädchen des Arztes, Rosa, kommt in Gefahr vom Pferdeknecht vergewaltigt zu werden. Der Arzt erkennt, dass sie ihm selbst nie als ‚Frau’ aufgefallen war, was als Zeichen gestörter Sexualität gedeutet werden kann, durch gesellschaftliche Tabuisierung hervorgerufen. Er versucht, ihr zu helfen, wird jedoch vom übermenschlichen Knecht zur Abfahrt gezwungen.
Beim Patienten, der im Kreis seiner Familie dahin siecht, leugnet der Arzt mehrere Male die Krankheit, bevor er endlich die Wunde entdeckt. Auch dieses Leugnen kann in Hinsicht auf gesellschaftliche Tabus gedeutet werden, insbesondere wenn man die Symbolik der Wunde als Ausdruck gestörter Sexualität näher untersucht. Des Weiteren spricht für einen gesellschaftskritischen Aspekt, dass Patient im Kreise seiner Familie an seiner Wunde stirbt. Außerdem wird der Arzt von der gesamten Dorfgemeinschaft entkleidet und zum Patienten ins Bett gelegt, sozusagen bringt ihn die Gesellschaft aufs Krankenbett. Der Patient stirbt letztendlich an der Wunde, der Landarzt aber flieht vor der Familie, vielleicht aber auch vor sich selbst und der Konfrontation mit seinem Problem.
6 Hiebel, Hans Helmut. Franz Kafka. „Ein Landarzt“. München 1984. 46.
7 Kafka, Franz. Ein Landarzt. In: Kafka, Franz: Erzählungen. 146 – 153. Berlin 1967. 146.
5
Immer noch nackt fährt der Arzt auf seiner Kutsche durch den „Frost dieses unglückseligsten Zeitalters“ 8 , es geht aber nicht mehr schnell wie auf der Hinfahrt, denn die Pferde ziehen nur noch langsam. Der Arzt wird verfolgt vom „beweglichen Gesindel der Patienten“ 9 . Er kann also der Problematik nicht entfliehen, ist hilflos der Gefühlskälte der Gesellschaft seiner Zeit und den daraus erwachsenden Problemen ausgeliefert.
2.1 Übergang von Erzählungswirklichkeit zu Traumbild
Aus der obigen Zusammenfassung der Erzählung wird bereits klar, dass diese Erzählung Kafkas deutliche traumbildliche Aspekte aufweist. Diese sollen aber im Folgenden genauer untersucht werden. Eine wichtige Frage dabei ist, ob Ein Landarzt von Anfang an ein Traumbild zu nennen ist. Eine mögliche Deutung ist 10 , dass sich die Erzählung zunächst in einer Art Erzählungswirklichkeit befindet und wandert dann erst ins Phantastische abwandert. Dieser Übergang zum Traumbild findet an jenem Punkt statt, an dem der Arzt den verfallenen Schweinestall betritt, was sozusagen einen Eintritt in die Unwirklichkeit beziehungsweise in sein Unterbewusstsein darstellt, denn von nun an bewegt sich die Erzählung auf einer Ebene, die an einen Traum erinnert. Vorbereitet wird der Übergang dadurch, dass die Handlung nächtens angesiedelt ist, zu einer Zeit, in der der Geist, laut Kurz, Verdrängtes nicht beherrscht 11 . Andererseits kann man auch argumentieren, dass die gesamte Erzählung als Traumbild zu betrachten ist, wobei die Traumhaftigkeit bereits im Geschehen vor der eigentlichen Handlung beginnt: beim Läuten der Nachtglocke nämlich, die den Landarzt weckt, oder zumindest scheinbar weckt, denn dieses Läuten wird am Ende des Texts ja als „Fehlläuten“ 12 bezeichnet. Insofern spielt sich die gesamte Handlung im Traum ab und hinter dieser Nachtglocke steckt kein Signal zum Aufwachen, sondern im Gegenteil: zum tief in sich hineingehen. Im Traum hat der Mensch die Möglichkeit, seine verborgensten Wünsche und Ängste kennen zu lernen; diesen Zustand führt der Psychotherapeut mittels Hypnose künstlich herbei.
8 Kafka 153
9 Ebd.
10 Vgl. Eschweiler, Christian. Kafkas Dichtung als Kosmos. Der Schlüssel zu seinem Verständnis. Bonn 1993. 125.
11 Kurz, Gerhard. Traum-Schrecken: Kafkas literarische Existenzanalyse. Stuttgart 1980. 121. 12 Kafka 153
6
Quote paper:
Maria Blaim, 2007, Kafkas "Ein Landarzt" - Ein Traumbild, Munich, GRIN Publishing GmbH
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