Inhalt
1 Einleitung. 3
2 Afroamerikanische Religion von den Anfängen bis zur Jahrhundertwende. 5
3 Eigenständige schwarze Kirchen. 9
3.1 Black Baptists. 9
3.2 Methodisten. 10
3.3 Andere Glaubensrichtungen. 11
4 Das 20. Jahrhundert - zwischen Jim Crow und Bürgerrechten Christliche
schwarze Kirchen. 12
4.1 Die Nation of Islam. 14
5 Martin Luther King und Malcolm X 16
5.1 Hintergründe und Vorbilder. 16
5.2 Sozialisation: „Schule des Ghettos“ vs. liberaler Protestantismus 17
5.3 Verständigung vs. Konfrontation. 20
5.4 Unverständnis und Erschrecken vs. breite Akzeptanz 21
5.5 Rhetorik. 23
5.6 Keine Chance für eine Annäherung 26
6 Was bleibt? 30
6.1 Schwarze Politik nach der Bürgerrechtsbewegung. 30
6.2 Schwarze Kirchen nach der Bürgerrechtsbewegung 31
6.3 Die Nation of Islam nach Malcolm X. 33
6.4 Kult. 34
7 Fazit 36
8 Literatur 38
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1 Einleitung
Religion war jahrhundertelang ein zentraler Aspekt im Leben der meisten Afroamerikaner und hat bis heute kaum an Bedeutung eingebüßt. In der Zeit, da Schwarze als Sklaven nicht einmal als Menschen betrachtet wurden, gab ihnen der Glaube das Gefühl, so etwas wie Menschenwürde zu besitzen. Als nach Erlass des 13. Verfassungszusatzes 1865 die Sklaverei in den USA abgeschafft wurde, ihnen aber dennoch zahlreiche Bürgerrechte verwehrt blieben, predigten ihre Priester von der Kanzel, dass vor Gott alle Menschen gleich seien. Die so genannten Black Churches halfen entflohenen Sklaven aus den Südstaaten auf ihrem Weg in den sicheren Norden, mahnten die Unchristlichkeit der Lynchmorde an, denen bis in die Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts hinein tausende Afroamerikaner zum Opfer fielen, und unterstützten die schwarze Bürgerrechtsbewegung von Beginn an.
Die vorliegende Arbeit stellt zunächst die Entwicklung schwarzafrikanischer Kirchen im Allgemeinen vor, von der Christianisierung afrikanischer Sklaven bis zum gesellschaftspolitischen Engagement unabhängiger schwarzer Kirchen Ende des 19. Jahrhunderts. Beim Rückblick auf das 20. Jahrhundert sollen zwei Strömungen im Mittelpunkt stehen: die Black Baptists, bis heute die größte und wichtigste schwarze Religionsgemeinschaft, sowie die „Nation of Islam“, eine Vereinigung, die sich selbst in eine muslimische Tradition stellt. Beide Richtungen zeigten ab Mitte des Jahrhunderts besonderes Engagement in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, wenn auch auf höchst gegensätzlichem Wege.
Anschließend sollen zwei Bürgerrechtler in den Fokus gerückt werden, die auf sehr unterschiedliche und doch sehr ähnliche Weise von der Schwarzen Kirche geprägt wurden: Martin Luther King und Malcolm X. Der eine, aus der schwarzen Mittelschicht der Südstaaten, erlebte legale Rassensegregation am eigenen Leib, studierte im Norden evangelische Theologie und setzte sich sein Leben lang für Gewaltlosigkeit und Nächstenliebe auch zwischen den Rassen ein. Der andere, in den Ghettos des Nordostens zum Kriminellen geworden, verbrachte sechs Jahre seiner Jugend im Gefängnis, bevor er die radikal weißenfeindliche Nation of Islam für sich entdeckte und mehr als ein Jahrzehnt als ihr Wortführer Gewalt und Rassentrennung predigte. Sie beide jedoch waren Söhne schwarzer Baptistenprediger.
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Beide waren herausragende, ja brillante Redner, die es vermochten, die Massen für sich einzunehmen - der Einfluss kirchlicher Rhetorik war hier wie dort unverkennbar. Beide näherten sich in ihren letzten Lebensjahren der Denkweise des jeweils anderen an. Zur Zusammenarbeit kam es jedoch nie. Malcolm X wurde 1965 nur wenige Monate nach seinem Austritt aus der Nation of Islam erschossen. Martin Luther King sollte dieses Schicksal knapp drei Jahre später teilen.
Zum Schluss bleibt zu fragen: Haben diese Idole der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, die bis heute in der Black Community nahezu kultisch verehrt werden, langfristig etwas bewirkt? Welche Rolle spielt schwarze Religion heute in den USA, angesichts der anhaltenden Rassenkonflikte, der immens hohen Jugendkriminalität und Armutsrate unter schwarzen Amerikanern? Hat sich in den USA, abgesehen von Gesetzesänderungen und Urteilen des Obersten Verfassungsgerichts, etwas an der Situation der Schwarzen geändert? Ein Fazit am Schluss dieser Arbeit soll versuchen, Antworten auf diese Fragen zu geben.
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2 Afroamerikanische Religion von den Anfängen bis zur Jahr-
Die Geschichte afroamerikanischer Religion ist untrennbar verbunden mit der rechtlichen und gesellschaftlichen Stellung der Afroamerikaner im Laufe der Jahrhunderte, weshalb sie in der folgenden Zusammenfassung nicht von der Politik getrennt werden kann. Obwohl sich im Laufe der Zeit verschiedenartigste Formen ausgeprägt haben, eint die afroamerikanische Religion eine gemeinsame Tradition, die durch nichts so geprägt wurde wie durch den Kampf gegen Sklaverei und Rassismus. Aus den Erlebnissen mit diesen beiden Übeln, mit deren Folgen jeder Afroamerikaner in seinem Leben unweigerlich konfrontiert wurde - und noch immer wird - erwuchs die zentrale Funktion der Schwarzen Kirchen: die der afroamerikanische Identitätsbildung.
An dieser Stelle muss angemerkt werden, dass dies wohl gleichzeitig ihre wichtigste Funktion war und ist. Denn für eine Personengruppe, deren einzige Gemeinsamkeit ist, als Sklaven auf einen fremden Kontinent entführt worden zu sein bzw. die Nachfahren jener Sklaven zu sein, nicht einmal durch eine gemeinsame Sprache geeint, war ein verbindendes Element jenseits des geteilten schweren Schicksals unerlässlich. Durch die Kirche wurde ihnen, nachdem die afrikanische Identität unwiederbringlich verloren war, eine neue gegeben. Möglich wurde dies dadurch, dass die Schwarzen Kirchen sich von Beginn an auf bestimmte Aspekte des christlichen Glaubens konzentrierten, vor allem auf das Alte Testament oder die „Jewish components of American Christianity“, wie es die „Church of God and Saints of Christ“, eine jüdisch geprägte afroamerikanische Glaubenssegregation interpretiert. 1
Besonderen Reiz übten die Bücher Mose aus. Die fern der Heimat in Ägypten versklavten Juden boten eine ideale Identifikationsmöglichkeit, und die Aussicht, eines Tages heim ins „gelobte Land“ geführt zu werden - entweder im wörtlichen Sinne genommen nach Afrika 2 oder im übertragenen Sinne hinaus aus der Sklaverei - mag
1 Vgl. Wynia, Elly M.: The Church of God and Saints of Christ. The Rise of Black Jews. New York 1994, S. 13.
2 Schon ab dem frühen neunzehnten Jahrhundert gab es ernsthafte Kolonisationsbestrebungen freier Afroamerikaner, in Westafrika zu siedeln. So brachte der schwarze Kapitän Paul Cuffe 1817 85 Personen nach Sierra Leone. In den folgenden Jahrzehnten sollten noch tausende Siedler folgen. Vgl. Hor-
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so manchem Trost in auswegloser Situation gespendet haben. An die Wichtigkeit des Exodus’ des Volkes Israel aus Ägypten erinnert das weltbekannte Spiritual „When Israel was in Egypt’s Land“ mit der Zeile „Let My People Go“. 3
Ferner steht im Zentrum des Glaubens Jesus als Inkarnation des christlichen Gottes, der auf die Erde kam, um die Schuld der Menschheit auf sich zu nehmen. Mit dessen Los, die Bürde des Kreuzes und dies stumm erdulden zu müssen, konnten sich Sklaven und Rechtslose gut identifizieren. 4 Auch Martin Luther King griff gelegentlich auf dieses Bild zurück, wie später noch gezeigt werden soll. Gleichzeitig ist aber auch eine gewisse Kontinuität afrikanischer Werte und Traditionen in der afroamerikanischen Religion unübersehbar. Davon zeugen bis heute eine Emotionalität, eine Musikalität und Lebhaftigkeit der Gottesdienste, die den unbeteiligten europäischen Beobachter, gleich ob katholisch oder evangelisch, befremden mögen.
Die zunehmende Frömmigkeit der Sklaven, die für die Sklavenhalter in abendlichen Zusammenkünften und gemeinsamem Singen während der Feldarbeit ebenso sichtwie hörbar wurde, wurde zunächst, als Ausdruck erfolgreicher Christianisierung der „Heiden“, wohlwollend aufgenommen. Mit der Zeit befürchteten jedoch mehr und mehr Weiße, dass das gemeinsame Erleben von Spiritualität die Sklaven gegen ihre Herren verbünden und aufbringen könnten - nicht zu Unrecht. Denn die Kirche stellte bis weit ins 20. Jahrhundert hinein die alleinige politische Plattform für Afroamerikaner dar. Zur Zeit der Sklaverei war der Gottesdienst die einzige Gelegenheit, um von Weißen unbehelligt zusammenzukommen und Neuigkeiten, zum Beispiel über den Verbleib verkaufter Familienangehöriger, auszutauschen. Zwischen Plantagen konnte zudem mit Hilfe schwarzer Wanderprediger oder kodierter Botschaften wie Geschichten kommuniziert werden. Die bis heute beliebten Spirituals fanden ihren Ursprung in jener Zeit, als Verschlüsselungsform dieser „Invisible Church“ 5 , aber auch als Ablenkung und Rhythmusgeber bei anstrengender Feldarbeit.
ton, James Oliver / Horton, Lois E.: Hard Road to Freedom. The Story of African America. New Brunswick 2001, S. 101f.
3 Vgl. Waldschmidt-Nelson, Britta: „When Israel was in Egypt’s Land“: Zur politischen Dimension der „Black Church“. In: Brocker, Manfred (Hrsg.): God Bless America. Politik und Religion in den USA, Darmstadt 2005, S. 110.
4 Vgl. Cone, James H.: Martin & Malcolm & America. A Dream or a Nightmare. Maryknoll 1991, S. 127.
5 Waldschmidt-Nelson 2005, a. a. O., S. 113.
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Als die wirtschaftliche Bedeutung der Sklaverei für die Südstaaten im frühen 19. Jahrhundert parallel zur Intensität der Plantagenwirtschaft - vor allem in den neuen, wichtigen Wirtschaftszweigen Baumwoll- und Zuckerrohranbau - wuchs, wurden die Sklaven als Kostenfaktoren zunehmend ausgebeutet. Die Folge war ein erstärkter Widerstand der Schwarzen, der teilweise in blutige Rebellionen mündete. Die größten dieser Aufstände waren jene des Gabriel Prosser 1800 in Richmond (Virginia) 6 , des Denmark Vesey 1822 in Charleston (South Carolina) 7 und des Nat Turner 1830 in Southampton County (Virginia) 8 . Sie alle scheiterten, die meisten Aufrührer wurden getötet, doch die ungewohnte Renitenz in Verbindung mit einem unerwarteten Grad an Organisiertheit ließ die Sklavenhalter aufhorchen.
Die schwarzen Kirchengemeinden, die die Sklaverei als unvereinbar mit christlicher Nächstenliebe ansahen, unterstützten die Idee des schwarzen Widerstandes. Praktische Umsetzung fand diese Unterstützung in den Jahrzehnten vor dem Bürgerkrieg im Phänomen der „Underground Railroad“. Kirchen und Gemeindeeinrichtungen fungierten als „Bahnhöfe“ auf der Flucht von Sklaven in die Nordstaaten oder nach Kanada, wo Sklaverei längst verboten war. Pfarrer wie Gemeindemitglieder versteckten und versorgten die Flüchtigen. Insgesamt sollen so 90 000 Sklaven in die Freiheit gelangt sein. 9
Parallel zu dieser - nach den Gesetzen der Südstaaten - illegalen Aktivität zeigten die Black Churches auch offenes politisches Engagement. Mit Aufkommen des Abolitionismus - also der Bewegung für eine Abschaffung der Sklaverei 10 - begannen sie, Versammlungen zu organisieren, Petitionen zu starten. Sie engagierten sich 1860 im Präsidentschaftswahlkampf für den Republikaner und Sklavereigegner Abraham Lincoln 11 und unterstützten aktiv die Unionstruppen des Nordens im Bürgerkrieg 1861 bis 1865, in denen viele Afroamerikaner als Soldaten kämpften. Dies taten sie allerdings streng getrennt von ihren weißen Mitstreitern, für weitaus geringeren Sold als
6 Vgl. Horton/Horton 2001, a. a. O., S. 87f.
7 Vgl. ebd., S. 109f.
8 Vgl. ebd., S. 110f.
9 Vgl. Lincoln, C. Eric / Mamiya, Lawrence H.: The Black Church and the African American Experience. Durham 1990, S. 117.
10 Vgl. Waldschmidt-Nelson 2005, a. a. O., S. 114.
11 Lincolns Gegnerschaft zur Sklaverei schien jedoch nicht in tiefer humanitärer Überzeugung zu gründen: Vor dem Sezessionskrieg hatte er sich für Sklaverei ausgesprochen, um die Loyalität des Südens zu den Vereinigten Staaten zu sichern, vgl. Horton/Horton 2001, a. a. O., S. 168 und 181.
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jene, und dass zahlreiche von ihnen für das Vaterland ihr Leben ließen, half ihrem gesellschaftlichen Ansehen kaum. 12 Entscheidend waren drei rechtliche Neuerungen nach dem Sezessionskrieg: Die offizielle Abschaffung der Sklaverei 1865 durch den 13., die Zubilligung der Bürgerrechte für alle Schwarzen 1869 durch den 14. sowie des allgemeinen Wahlrechts durch den 15. Verfassungszusatz 1870. Erstmals bot sich Afroamerikanern damit die Chance einer direkten politischen Partizipation, auch jenseits der Kirchengemeinden.
Unterstützt wurden sie dabei im weiterhin segregationistisch gesinnten Süden durch Kontrolleure der Unionstruppen. Sie achteten während der so genannten „Reconstruction“ (1865-1876) darauf, dass die Rechte der Schwarzen nicht korrumpiert wurden. So konnte es zur ersten Blütezeit afroamerikanischer Politik kommen: Bis 1890 gab es in den Südstaaten zwei schwarze Senatoren, achtzehn schwarze Kongressabgeordnete sowie zahlreiche Lokal- und Einzelstaatspolitiker. 13 Einen bleibenden Rückschlag erlitten die Rechte der Schwarzen mit dem Ende der „Reconstruction“: Raffinierte Wahlzugangsbeschränkungen und wirtschaftlicher Druck, aber auch brutaler Terror, vor allem, aber nicht nur durch den 1866 gegründeten Ku Klux Klan, verdrängten sie bis in die 1960er wieder völlig aus der Politik, zurück in den sicheren Hafen der Religion. 14
12 Vgl. ebd., S. 169ff.
13 Vgl. Waldschmidt-Nelson 2005, a. a. O., S. 115. Unter ihnen waren Geistliche besonders stark vertreten. Eine kirchliche Laufbahn war für Schwarze noch immer die bestmögliche, oft auch die einzige Chance, zu höherer Bildung zu kommen. Gleichberechtigter Zugang zu Schulen und Universitäten wurde ihnen erst knapp hundert Jahre nach dem 14. Amendment zugesichert, nämlich 1954 durch eine Entscheidung des Supreme Court. Vgl. dazu Sitkoff, Harvard: The Struggle for Black Equality 1954-1992. New York 1993, S. 21.
14 Lincoln/Mamiya 1990, S. 205.
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Juliane Matthey, 2006, Two Sons of Preachermen - Der Einfluss schwarzer Religion auf das politische Wirken von Martin Luther King und Malcolm X, München, GRIN Verlag GmbH
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