Institut für Politische Wissenschaft
der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Hauptseminararbeit
Terrorismus
SS 2002
Terrorismus mit Massenvernichtungswaffen
Motive und Bedrohungspotential
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
I. Motive für den Einsatz von Massenvernichtungswaffen 4
I.1. Militante rechtsextreme Terrorgruppen 5
I.2. Separatistische Gruppen 7
I.3. Religiöse Gruppen klassischer und neuerer Art 8
I.4. Widerstand gegen US Präsenz am persischen Golf 13
I.5. Staatliche Interessen und Einzeltäter 15
I.6. Resultate 16
II. Beschaffung und Einsatzmöglichkeiten von MVW 18
II.1. Nuklearwaffen 18
II.2. Biologische und chemische Waffen 24
II.3. Resultate 26
Zusammenfassung und Schlussfolgerung 28
III. Literaturverzeichnis 30
III.1. Aufsätze und Monographien 30
III.2. Internetquellen 31
III.3. Sonstige Quellen 32
Einleitung
,,Terroristischer Massenmord mit atomaren, biologischen oder chemischen Waffen ist derzeit (noch) kein realistisches Szenario."1
(Karl-Heinz Kamp)
Die terroristische Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen (MVW) wird von Sicherheitsexperten in aller Welt kontrovers diskutiert. Hierbei geht es nicht etwa um die Bedrohung durch die vereinzelte Anwendung von biologischen oder chemischen Kampfstoffen, wie etwa der Serie von Anthrax-Briefen in den USA im Jahre 2001. Es wird vielmehr die Möglichkeit eines Einsatzes von MVW als Mittel zum Massenmord mit tausenden, zehntausenden, oder hunderttausenden von Opfern diskutiert. Während amerikanische Sicherheitsexperten diese Bedrohung bereits in der Vergangenheit ernst nahmen, stufte man in Europa eine solche Bedrohung als relativ unwahrscheinlich ein.2 Auf amerikanischer Seite schlug sich dies auf unterschiedliche Art und Weise nieder. So wurden neben dem aktiven Kampf gegen terroristische Netzwerke durch Bilden einer Anti-Terror-Allianz und dem militärischen Einsatz in Afghanistan auch auf heimischem Boden Präventivmaßnahmen ergriffen. Neben dem geplanten Missile Defense Programm (MD) welches die USA vor Raketenangriffen von sogenannten ,,Rogue States" schützen soll und dem Aufstocken von Impfstoffvorräten gegen Pocken und andere schon ausgerottete Krankheiten, unterhalten die USA seit längerem sogenannte ,,Nuclear Emergency Search Teams" (NESTs), welche im Falle einer nuklearen Kontaminierung Gegenmaßnahmen zum Schutz der Bevölkerung einleiten sollen. Daher verwundert es auch kaum, dass amerikanische Sicherheitsexperten wie z.B. Richard Falkenrath, oder Jonathan B. Tucker die Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen für realer halten,3 als etwa der deutsche Sicherheitsexperte der Konrad-Adenauer-Stiftung, Karl-Heinz Kamp, dessen diesem Kapitel vorangestelltes Zitat die zentralen Thesen seiner Ausführungen der letzten Jahre widerspiegelt. Kamp analysiert in seinen Publikationen4 die Möglichkeit eines Anschlages mit Massenvernichtungswaffen, indem er zuerst die Motivationslage beleuchtet, um dann die tatsächliche Möglichkeit zum Einsatz von Massenvernichtungswaffen zu analysieren. Salopp formuliert wird zunächst die Frage gestellt, ob Terroristen MVW einsetzen wollen, um dann darauf einzugehen, ob sie es können. Kamp verneint im Allgemeinen beide Fragen.5
Diese systematische Trennung von Motivation und Fähigkeit soll in dieser Arbeit übernommen werden. Dadurch kann in Analogie zu Kamps Vorgehen an einzelnen Kriterien aufgezeigt werden, wo die Sichtweise Kamps möglicherweise zu eng ist, wo einige Aspekte vernächlässigt werden und dadurch der Versuch unternommen werden, seine These zu falsifizieren.6
I. Motive für den Einsatz von Massenvernichtungswaffen
"Terrorists want a lot of people watching, but not a lot of people dead."7
(Brian Jenkins)
Dieses Kapitel soll zeigen, ob der oben zitierte, lange Zeit gültige, Lehrsatz des Terrorismusforschers Brian Jenkins heute noch seine Berechtigung hat. Jenkins stand mit seiner Einschätzung nicht alleine da, denn einige Gründe sprechen gegen die Motivation terroristischer Gruppen, MVW einzusetzen. Einer der wichtigsten Abschreckungsgründe ist beispielsweise die Annahme, dass Massentötungen drohen, die Legitimität und das Ansehen der Terrororganisation bei der Klientel, für die man zu kämpfen vorgibt, zu beschädigen.8 Schon bei dieser ersten betrachteten These liegt die Vermutung nahe, dass diese auf unterschiedliche Arten von Terrororganisationen mehr oder weniger zutrifft. Daher kommt in diesem Kapitel eine nach der Art der Terrororganisation systematisierte Unterteilung zur Anwendung.
I.1. Militante rechtsextreme Terrorgruppen
[...]
1 Kamp, Karl-Heinz: ,,Etappensieg gegen den Terror". Arbeitspapier Nr. 58/2002. Konrad-Adenauer-Stiftung, Sankt Augustin 2002, S. 9.
2 Zitat aus "Neue Formen des internationalen Terrors" . Neue Zürcher Zeitung, 13. September 2001, S. 8. "Die europäischen Staaten neigten in der Vergangenheit dazu, diese Warnungen herunterzuspielen, vor allem, wenn sie aus den USA kamen.".
3 Zitat aus Falkenrath, Richard A; Newman, Robert D. und Thayer, Bradley A.: "America′s Achilles′ Heel - Nuclear, Biological and Chemical Terrorism and Covert Attack". MIT Press, Cambridge 1998, S.167. "Changes in the nature of non-state violence, in the ease of acquiring NBC weapons, and in the role of the United States in the world suggest that the probability of significant non-state NBC attacks is greater than zero now, and is growing larger.".
Zitat aus Tucker, Jonathan B.: ,,Toxic Terror: Assessing Terrorist Use of Chemical and Biological Weapons". MIT Press, Cambridge 1998, S. 288. "...the strategic catastrophic use of CBW on American soil, with the goal of destabilization and revenge, cannot be ruled out.".
4 Siehe Kamp, Karl-Heinz: ,,Etappensieg gegen den Terror". Arbeitspapier Nr. 58/2002. Konrad-Adenauer-Stiftung, Sankt Augustin 2002.
Siehe Kamp, Karl-Heinz: ,,An Overrated Nightmare". Bulletin of the Atomic Scientists. Jahrgang 52 (1996), Nr. 4, S. 30 bis 34.
5 Siehe Zitat aus Kamp, Karl-Heinz: ,,Etappensieg gegen den Terror". Arbeitspapier Nr. 58/2002. Konrad-Adenauer-Stiftung, Sankt Augustin 2002, S. 7. ,,Folglich sind die Drahtzieher und Hintermänner von Terrorakten sehr wohl am Überleben der eigenen Organisation interessiert und werden damit auch (zumindest begrenzt) abschreckbar.".
6 Das Wort ,,noch", sowie die Worte ,,realistisches Szenario" lassen in Bezug auf die These etwas Interpretationsspielraum und erschweren somit ihre Falsifizierung. Um die Bedeutung des ,,noch" zu fixieren, wird angenommen, Kamp beziehe sich auf einen Zeitraum von 1 bis 1,5 Jahren. Als realistisch wird ein Szenario definiert, welches es nicht nur im Bereich des Möglichen liegt, sondern darüber hinaus eine hinreichend große Bedrohung darstellt, so dass Handlungen erforderlich sind.
7 Jenkins, Brian M.: "Will Terrorists Go Nuclear?". Orbis. Jg. 29, Nr. 3, Herbst 1985, S. 507-516.
8 Siehe Kamp, Karl-Heinz: ,,Etappensieg gegen den Terror". Arbeitspapier Nr. 58/2002. Konrad-Adenauer-Stiftung, Sankt Augustin 2002, S. 7 f.
Siehe Zitat aus Jenkins, Brian M: ,,International Terrorism: The Other World War". RAND Report Nr. R-3302-AF, Santa Monica 1985, S. 23. "Terrorists fear alienating the perceived constituents on whose behalf they claim to fight.". Zitiert nach Falkenrath, Richard A; Newman, Robert D. und Thayer, Bradley A.: "America′s Achilles′ Heel - Nuclear, Biological and Chemical Terrorism and Covert Attack". MIT Press, Cambridge 1998, S.49.
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Sebastian Wilckens, 2002, Terrorismus mit Massenvernichtungswaffen - Motive und Bedrohungpotential, Munich, GRIN Publishing GmbH
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