Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Theoretische Konzepte der Aggression 4
2.1 Aggressionsdefinition 4
2.2 Aggressionsarten 6
2.3 Bedingungen aggressiven Verhaltens 7
2.3.1 Endosystem des Individuums 8
2.3.2 Mikro und Makrosystemeinflüsse 9
2.4 Das Trieb-Instinkt Modell 10
2.5 Das Frustrations-Aggressions Modell 11
2.6 Die lerntheoretischen Modelle 12
2.6.1 Lernen am Modell 12
2.6.2 Lernen am Erfolg 13
2.7 Pädagogische Konsequenzen aus aggressionstheoretischen Konzepten 13
3. Aggressive Handlungen im Sport 14
3.1 Sehweisen und Definitionen 15
3.2 Merkmale und Formen aggressiver Handlungen im Sport 16
3.3 Identifikation und Aggression 17
3.4 Ventilfunktion im Sport 18
4. Karate-Dô 19
4.1 Historische Entwicklung des Karate-Dô 20
4.2 Geistiger Hintergrund 22
4.3 Erzieherische Faktoren im Karate-Dô 24
4.4 Rolle des Meisters 26
4.5 Sportliche Leistungen 28
4.6 Karate-Dô als Kampfkunst 30
5. Wissenschaftliche Untersuchungen 32
5.1 Goldners Karate Fernöstliche Kampfkunst 33
5.2 Studie von P Katz Die aggressiven Karateka Vorurteil 36
5.3 Studie von G Bitzer-Gavornik Persönlichkeitsveränderung durch Ausübung
von Karate-Do 39
1
5.4 Studie von Dr J M Wolters Karate-Dô als Therapie 42
5.5 Diskussion der Studien 43
6. Aggressionsabbau und Gewaltprävention durch Kampfkunst 44
6.1 Rechtfertigung 44
6.2 Gefahren der Kampfkünste 46
6.3 Ziele der Gewaltprävention 47
6.4 Inhaltliche Gestaltung Forderung 49
7. Fazit 51
8. Literaturverzeichnis 54
2
1. Einleitung
Karate-Dô, noch bis Mitte der 60er Jahre im Westen so gut wie unbekannt, erfreut sich heute in der Bundesrepublik Deutschland eines großen Interesses. Über 35.000 Aktive zählt alleine der DKV (Deutsche Karate Verband e.v.), die in annähernd 460 Vereinen trainieren. Seit Ende der 80er Jahre ist eine Diskussion darüber ausgebrochen, welche Folgen das Training von Kampfkünsten für Gewaltverhalten hat. Seit Ende der 80er Jahre wird in der sportwissenschaftlichen Literatur diskutiert, welche Folgen das Training von Kampfkünsten für das Gewaltverhalten hat: Es gibt auch eine erhöhte Anzahl von wissenschaftlichen Veröffentlichungen speziell über Karate-Dô und seine Auswirkungen auf das Gewaltverhalten. (Goldner (1988), Liebrecht (1993), Katz (1993), Bitzer-Gavornik (1993)) Im Seminar „Kämpfen“ habe ich zum ersten Mal von Gewaltprävention durch das Training von Karate-Dô erfahren. Für mich war das unverständlich: Gewalttätige Menschen bekommen Techniken gezeigt, mit denen sie noch brutaler und effizienter zuschlagen können? Als zukünftiger Lehrer soll ich also aggressiven Kindern auch noch Kampftechniken beibringen? Karate kannte ich nur aus dem Kino oder Fernsehen, der Zusammenhang zwischen den kriegenden „Rambos“ und einer friedfertigen Kultur liegen sollte, war mir nicht ersichtlich. In meiner Bachelor Arbeit beschäftige ich mich daher mit der Frage: Warum kann Karate-Dô in der Gewaltprävention eingesetzt werden? Um diese Frage zu beantworten, muss auch geklärt werden, ob Karate-Dô Aggressionen verhindern kann oder Karate-Dô ein Verursacher von Gewalt und Aggressionen ist.
In der folgenden Arbeit werden die theoretischen Konzepte der Aggression vorgestellt, sie sind die Grundlage für das Verstehen von Aggressionsbildung und -vermeidung. Weiterhin gehe ich speziell auf aggressive Handlungen im Sport ein. Im Anschluss daran wird Karate-Dô als Sport und Lebensstil vorgestellt um einen Eindruck von der Vielfältigkeit des Wesens der Kampfkunst und seiner Bedeutung für die Gewaltprävention zu bekommen. Die wissenschaftlichen Studien, die ich im weiteren vorstelle, sollen einen Überblick über die aktuelle Diskussion und ihre Ergebnisse verschaffen. Ich stelle hier zum einen die sehr medienpräsente Studie von Goldner vor, die Karate-Dô ganz deutlich mit dem Anstieg von Gewalt und Aggression in Verbindung bringt. Zum anderen stelle ich drei Studien vor, die zu positiven Ergebnissen in der Arbeit mit Karate-Dô gekommen sind. Abschließend sollen die Eckpunkte für eine gewaltpräventive Arbeit mit Karate-Dô erschlossen werden.
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2. Theoretische Konzepte der Aggression
Um die theoretischen Konzepte der Aggression verstehen zu können, ist es von großer Bedeutung, zu wissen, was in der Aggressionsforschung als Aggression gilt. Daher werde ich zuerst auf die Aggressionsdefinitionen und Aggressionsarten eingehen. Da die theoretischen Grundlagen der sportspezifischen Aggressionsforschung eng an der allgemeinen Aggressionsforschung ausgerichtet sind, sollen ihre verschiedenen Ansätze nach der allgemein üblichen Einteilung dargestellt werden. Denn auch im Bereich der sportspezifischen Aggressionsforschung zeigen sich vorwiegend Konzepte, die in Anlehnung an Instinkt- Triebtheorien, an die Frustrations-Aggressions-Hypothese, an Lerntheorien sowie an Vorstellungen, denen diese einzelnen Ansätze gemeinsam zugrunde liegen, gewonnen wurden.
Der Diskussion dieser Modelle kommt insofern eine grundsätzliche Bedeutung zu, als sich in ihnen jeweils verschiedene Auffassungen über die Entstehungsbedingungen aggressiven Verhaltens zu erkennen geben, die für die Einleitung pädagogischer Maßnahmen relevant sind.
2.1 Aggressionsdefinition
Seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts sind Aggressionen ein zentrales Thema der Psychologie. In dieser Zeit entstanden auch die ersten Definitionsversuche. Seitdem werden immer wieder neue Versuche betrieben, Aggressionen präziser zu definieren. Ich stelle mehrere Ansätze vor, die zeigen, wie komplex der Begriff Aggression ist. Am Anfang der Aggressionsforschung im Jahre 1939 steht die Definition von Dollard, Doob, Miller, Mowrer und Sears (Yale-Gruppe). „Sie definierten Aggression als Verhaltenssequenz, deren Zielreaktion die Verletzung der Person ist, gegen die sie gerichtet ist. Ergänzend führen die genannten Autoren an, dass zum Verhalten auch das nur phantasierte gehört und dass zu den Objekten auch Organismussurrogate gerechnet werden müssen.“ (Selg, 1974, S. 12) (Organismussurrogate sind Stellvertreter oder Ersatz.) Buss unternahm 1961 einen der differenziertesten Definitionsversuche in der Aggressionsforschung. Er wehrt sich gegen das intentionale Moment der Definition der Yale Gruppe. Für ihn ist die Intention als etwas nicht Beobachtbares, kein Bestandteil der Aggression. „Aggression wird definiert als ein Verhalten, das einem anderen Organismus Schaden zufügt.“ (Selg, 1974, S. 12) Allerdings schließt Buss Gewalt (z.B. Strafen), die
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mit einer guten Absicht geschieht, als nicht-aggressiv aus. So bezieht er sich selbst wieder auf die Intention. (vgl. Selg, 1974, S. 12) Bandura und Wolters gaben den Hinweis, bei der Klassifikation einer Verhaltensweise als Aggression spiele die Intensität eine wichtige Rolle. Werden z.B. die Arme nach einer Person anstatt ganz schnell sehr langsam ausgestreckt, wird dies wohl kaum als aggressiv angesehen. (vgl. Selg, 1974, S. 12) Für Merz (1965, S. 571) umfasst Aggression „...jene Verhaltensweisen, mit denen die direkte oder indirekte Schädigung eines Individuums, meist eines Artgenossen intendiert wird...“. Merz bekräftigt mit dieser Definition, dass die Absichten mit zur Aggression zählen. Er begründet dies damit, dass ohne die Absichten auch erfolglose Handlungen ausgeklammert werden.
Auch Feshbach definiert Aggression übereinstimmend mit Merz und Dollard. Ihm ist aber die Unterscheidung in instrumentelle und feindselige Aggression wichtig. Aber er räumt ein, dass sich eine strenge Unterteilung meist nicht aufrecht erhalten lässt. (vgl. Selg, 1974, S. 14) Selg (1988, S. 13) nannte keine von den oben beschriebenen Definitionen überzeugend und versuchte sich an einer Umschreibung, die Akzente setzen sollte: „Eine Aggression besteht in einem gegen einen Organismus oder ein Organismussurrogat gerichteten Austeilen schädigender Reize („schädigen“ meint beschädigen, verletzen, zerstören und vernichten; es impliziert aber auch wie „iniuriam facere“ oder „to injure“ Schmerz zufügende, störende, Ärger erregende und beleidigende Verhaltensweisen, welche der direkten Verhaltensbeobachtung schwerer zugänglich sind); eine Aggression kann offen (körperlich, verbal) oder verdeckt (phantasiert), sie kann positiv (von der Kultur gebilligt) oder negativ (missbilligt) sein.“ (Selg, 1988, S. 14) Diese Umschreibung ist keine exakte Eingrenzung, dafür schließt sie nichts aus, was in der Aggressionsforschung hinlänglich anerkannt ist.
Um Aggressionen zu erforschen, muss eine klare Definition von Aggressionen gegeben sein. Ohne klare Abgrenzung, was eine aggressive Handlung ist, ist die Beobachtung von Aggressionen nicht sinnvoll. Daher ist es wichtig, genau darzulegen, auf welcher Definition der Aggression eine Forschungsarbeit aufbaut. Desweiteren ist für die Forschung eine Aufteilung in Aggressionsarten wichtig.
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2.2 Aggressionsarten
Eine Systematik der Aggressionen kann mehr äußerlich-formal oder mehr inhaltlichmotivational geschehen. Dieser groben Unterteilung unterliegen feinere Unterteilungen, wie man im Überblick der Aggressions-Systematisierung erkennt.
Überblick der Aggressions-Systematisierungen
1. Äußerlich-formale Einteilungen:
a) offene (körperlich, verbal) vs. verdeckte (phantasierte) Aggression (evtl. körperliche, verbale, phantasierte und symbolische Aggressionen)
b) direkte vs. indirekte Aggression (direkte vs. verschobene Aggressionen)
c) Einzel- vs. Gruppen-Aggression (Großgruppen: Krieg)
d) Selbst- vs. Fremdaggressionen
2. Inhaltlich-motivationale Einteilungen:
a) positive vs. negative Aggression (legitime vs. illegitime Aggressionen)
b) expressive („wütende“) vs. feindselige (hostile) vs. instrumentelle Aggressionen
c) spontane vs. reaktive vs. Aggressionen auf Befehl (offensive vs. defensive Aggressionen)
d) spielerische vs. ernste Aggresionen (vgl. Selg, 1988, S.24)
Der äußerlich-formalen Einteilung unterliegt die Aufteilung zwischen offener und verdeckter Aggression. Offene Aggressionen können direkte körperliche Aggressionen sein, die fast immer zu objektivierbaren Verletzungen oder Schmerzen führen. Verbale Aggressionen, wie z.B. Beschimpfungen, Drohungen und Anklagen gehören genauso dazu, auch wenn kaum eindeutige Verletzungsfolgen der Beobachtung offen stehen. Verdeckte Aggressionen können nur durch Worte über Vorstellungen und Wünsche oder durch Zeichnungen aufgedeckt werden.
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Direkte Aggression ist unmittelbar gegen das Opfer gerichtet. Bei indirekter Aggression ist das Opfer nicht anwesend, z.B. wird ein üble Nachrede verbreitet oder es wird Sachbeschädigung begangen.
Eine formale Einteilung ist die Einteilung danach, ob die Aggression von einem Einzelnen oder von einer Gruppe ausgeht. Dabei ist Krieg eine besondere Form von Aggression zwischen Großgruppen. Diese organisierte Aggression muss ihrer Bedeutung nach gesondert betrachtet werden.
Im Gegensatz zur Fremdaggression, wie die oben genannten, steht die Selbstaggression, sie umfasst Selbstschädigungen bis hin zum Suizid.
Im zweiten Einteilungsbereich geht es um die inhaltlich-motivationale Einteilungen. Zunächst wird in positive und negative Aggression unterteilt. Ist die Aggression z.B. normenkonform oder werden Normen verletzt?
Weiter unterscheidet man zwischen wütender und instrumenteller Aggression. Wütende Aggression geschieht aus einem Affekt, instrumentelle Aggression dagegen aus Kalkül heraus. „Instrumentelle Aggressionen sind Versuche, mit dem „Instrument Aggression“ Aufgaben oder Probleme zu lösen.“ (Selg, 1988, S. 23) Anders ist es bei der feindseligen Aggression, sie verfolgt kein bestimmtes Ziel außer den Schmerz oder Schaden des Opfers. Als drittes unterscheidet man zwischen reaktiver und spontaner Aggression. Reaktive, also provozierte Aggression wird dabei von Aggression, deren Anlass aus der Situation nicht ersichtlich ist, getrennt. Provozierte Aggression kann z.B. die Notwehr sein. Davon zu trennen sind Aggressionen, die durch Befehl entstehen, wie z.B. bei Soldaten. Zuletzt wird zwischen spielerischer und ernster Aggression unterschieden. Diese Unterscheidung ist vor allem bei der Beobachtung von Kindern wichtig. So kann Balgen unter Freunden, Schlagen von Puppen, von ernster Aggression getrennt werden. (vgl. Selg, 1988, S. 20ff.)
2.3 Bedingungen aggressiven Verhaltens
Das aggressive Verhalten des Menschen steht in Wechselwirkung mit vielen Variablen. Diese Variablen können entweder im Individuum oder in Interaktionen zwischen Menschen liegen. Sie teilen sich also auf das Endosystem des Individuum und auf das, was über das Individuum hinausweist: auf seine Einbettung in Mikro- und Makrosysteme auf. (vgl. Selg, 1988, S. 116)
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2.3.1 Endosystem des Individuums
Das Endosystem bezeichnet die „Binnenstruktur“ des Individuums. In ihm kann man zwischen physischen und psychischen Teilsystem unterscheiden. Ich werde mich auf das psychische Teilsystem beschränken, da mir das physische Teilsystem als nicht so relevant für die meine Ausarbeitung erscheint.
Die psychischen Teilsysteme zeigen Verflechtungen verschiedener Persönlichkeitsmerkmale mit aggressiven Verhalten. So brachten Untersuchungen (u. a. Catell, 1965) Korrelationen zwischen krimineller Aggression und einer geringen Ich-Stärke sowie einer geringen Über-Ich-Stärke hervor.
„Rosenbaum und De Charms (1960) vermuten „Überschneidungen“ von Aggressivität und Selbstvertrauen (Self-esteem) in der Weise, dass bei hohem Selbstvertrauen weniger Anreize zur Aggression erlebt werden.“ (Selg, 1988, S.127) Auch andere Wissenschaftler wie Verres und Sobez stützen die These, dass die Ausbildung eines angemessenen Selbstwertgefühls für die Ärger/Wut- und Aggressionskontrolle wichtig sei. Ein ähnlicher Zusammenhang wird zwischen Angst und Aggressivität behauptet. Aus Rückzugsverhalten wird schnell Angriffsverhalten. „Wo ein aggressives Verhalten gelernt worden ist, wird es oft durch Strafen unterdrückt; allmählich kann bereits der Ansatz zum aggressiven Verhalten die Furcht vor der Strafe wecken, umgekehrt kann Furcht auch aggressive Regungen aufkommen lassen.“ (Selg, 1988, S.127) Der Furchtsame, der in eine auswegslose Situation getrieben wird, weiß sich schließlich nur mittels Aggression zu Befreien.
Eine verstärkende Wirkung aggressiven Verhaltens hat die Bereitschaft zum Gehorsam. Kriege könnten ohne diese Bedingung nicht geführt werden. Deshalb wird oft genug „blinder“ Gehorsam antrainiert und belohnt. (vgl. Selg, 1988, S. 128) Unter den Bedingungen aggressiven Verhaltens fallen auch die Aggressionshemmungen. Einige Hemmungen liegen auf der Hand: „Gegen Frauen, Kinder und alte Menschen fallen Aggressionen oft geringer aus als gegen junge Männer; Kinder sind gegen Erwachsene weniger aggressiv als gegen Peers. Aber auch in bestimmten Situationen werden Hemmungen deutlich: in Konzertsälen, in Kirchen, auf Friedhöfen ereignen sich kaum körperliche Aggressionen.“ (Selg, 1988, S.128) Wie Bestrafungsversuche aggressives Verhalten beeinflussen, ist offen. Sie können es reduzieren, es aber auch steigern oder ohne erkennbare Auswirkungen bleiben. Strafen können zu schwach sein, so dass sie dem Opfer einen Erfolg signalisieren. Ist die Strafe
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andererseits stark, geben sie dem Betroffenen ein Modell, wie man sich durchsetzen kann. Oftmals haben daher körperlich strafende Eltern besonders aggressive Kinder. (vgl Selg, 1988, S.129) Es gibt unzählige Motive, die gegen Aggressionen stehen. „Worauf es ankommt, wenn Situationen bereits antisoziale Aggressionen auslösen, ist: Anderes Verhalten in diesen Situationen zu trainieren.“ (Selg, 1988, S. 130) Als wichtige Hemmung hat sich die Empathie herauskristallisiert. Empathie meint die Fähigkeit, das emotionale Erleben eines anderen nachzuvollziehen. Dabei ist es von Nöten, den Standpunkt eines anderen einnehmen zu können. Das heißt, dass man die Emotionen des anderen teilen, nachvollziehen und miterleben kann. (vgl. Selg, 1988, S. 131)
2.3.2 Mikro- und Makrosystemeinflüsse
Das Mikrosystem bezieht sich vor allem auf familiäre Bedingungen, auf die ich nicht eingehen möchte. Ich werde hier die Kernpunkte der Makrosystemeinflüsse benennen. Werte und Normen werden von der Gesellschaft genutzt, um ein beträchtliches Maß an Kontrolle auszuüben. Sie werden in Erziehungs- oder Sozialisationsprozessen erfolgreich vermittelt. Soziale Normen betreffen das Handeln, sie sind Verhaltensregeln und soziale Standards, die aus Werten abgeleitet werden. Normen können als staatliche Gesetze, als Rechte oder auch als Gebote, Bräuche, Sitten usw. erscheinen. Eine Vielzahl von Normen gibt es auch bezüglich der Aggressivität, wie z.B.: Du sollst nicht töten. Die Akzeptanz von Werten und Normen unterliegt einem stetigen Wandel. In Kriegssituationen kann sich die Norm schon mal zum Gegensatz umkehren: Du sollst töten. Eine Norm kann jederzeit abgewertet werden. Diese Abwertungen können bis zur Dehumanisierung oder Entmenschlichung führen. Sie sind ein beliebtes Mittel zur Aggressionserleichterung. Feinde werden zu Untermenschen und Gegner zu Terroristen degradiert.
Eine weitere verstärkende Wirkung auf aggressives Verhalten besitzen Situationen mit Wettbewerbscharakter. Jeden Wettbewerb sieht Berkowitz (vgl. 1986, S. 178) als Frustrationsquelle und insofern als Ärger/Wut auslösende und Aggressionen begünstigende Bedingung an. Jeder Wettbewerb hat seinen Verlierer, also einen Frustrierten.
Eine nicht zu unterschätzende Stimulation auf die Aggressivität besitzen Waffen. Berkowitz und Le Page (1967, in Berkowitz, 1986, S. 185) fanden in ihren Versuchen heraus, dass die bloße Gegenwart von Waffen die Aggressivität erhöht. Vorhandene Waffen verführen zu ihrem Einsatz. Selg (1988, S. 154) kommt zum Schluss, dass:
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„Mancher Mord und Selbstmord nur geschieht, weil gerade dann eine Waffe in der Nähe ist, wenn sich der Täter in einem Erregungszustand befindet und impulsiv handelt.“ Folglich sind ohne Waffen gefährliche Aggressionen schwerer durchzuführen und weniger oft tödlich.
Zuletzt sind die Massenmedien zu nennen, die in mit ihrem Hang zur Gewaltverherrlichung immer wieder in den Fokus der Öffentlichkeit geraten. Nach Bandura (1963, in Selg, 1988, S. 155) führen vorgeführte Aggressionen beim Beobachter zu Lerneffekten und Liebert (1974, in Selg, 1988, S. 158) macht deutlich: „Je mehr Gewalt gesehen wird, desto mehr wird sie akzeptiert.“
2.4 Das Trieb-Instinkt-Modell
Als Vertreter dieses Modells gelten S. Freud (Psychoanalyse) und K. Lorenz (Verhaltensforschung), die das aggressive Verhalten des Menschen auf einen spezifischen Trieb bzw. Instinkt zurückführen, der als angeborener Mechanismus zur biologischen Ausstattung des Menschen gehört. Die Formen der Äußerung des Aggressionsverhaltens unterstehen den Bedingungen der Sozialisation. Dem Individuum stehen nur begrenzte Möglichkeiten der Aggressionsbewältigung zur Verfügung.
Einen wichtigen Anstoß erhielt die theoretische und empirische Bearbeitung der Frage der Aggressionen im Sport durch die Auffassung von Lorenz, Sport sei „eine im menschlichen Kulturleben entwickelte ritualisierte Sonderform des Kampfes; in der Form gröberer, mehr individueller und egoistischer Verhaltensweisen sei er ein ausgezeichnetes Ventil für gestaute Aggressionen, und in der „Fairness“ des Sports, die auch unter stark aggressionsauslösenden Reizwirkungen aufrechterhalten werde, komme die bewusste und verantwortliche Beherrschung der instinktmäßigen Kampfreaktion zum Ausdruck (vgl. Pilz, 1982, S. 7 ff.). Steinbach (vgl. 1971, S.27 ff.), ebenfalls an ethologischen Konzepten orientiert, geht sogar noch über diese Bedeutung von Aggression im Sport hinaus. Für ihn äußert sich der aggressive Charakter der sportlichen Betätigung nicht erst im Wettkampf, sondern bereits im Training. Das sportliche Training ist ein sozial akzeptiertes Ventil für die Aggressionen, die im Rahmen des Wettkampfes aufgrund ethischer Normen gegen das eigentliche Objekt nicht entladen werden können.
Diese Theorie wird oft mit dem Tee-Kessel-Prinzip veranschaulicht, lässt der Kessel keinen Dampf ab, brodelt er über.
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Die Lorenzschen Aggressionsverständnisse stoßen bei den verschiedensten Forschern auf Ablehnung: „Die mangels wissenschaftlicher Beweise für sein Ideengebäude einer instinktmäßig verankerten Aggressivität angeführte Argumentation, die sich auf analogistische Schlüsse von in Labor-Experimenten beobachtetem Verhalten ausschließlich von Vögeln und Fischen auf das Verhalten des Menschen stützt, ist nicht nur seiner naiv-infantilen Anthropomorphismen wegen völlig unhaltbar.“(Goldner, 1992, S. 21) und wurden bis ins Detail widerlegt und spielen, ebenso wie die Triebkonzepte der Psychoanalyse, in der gegenwärtigen Diskussion des Problems Aggression keine Rolle mehr. (vgl. Goldner, 1992, S. 18 ff.)
2.5 Das Frustrations-Aggressions-Modell
In diesem Modell, das von der amerikanischen Yale-Universität vertreten wird, wird die Aggression zurückgeführt auf eine vorausgehende Störung einer zielgerichteten Aktivität eines Menschen, auf eine Frustration. Aggressives Verhalten wird als reaktives Verhalten interpretiert, wobei die verursachenden Anteile von Anlage und Umwelt zwar eine Rolle spielen, aber nicht genau definiert sind. So bleibt dieses Modell offen gegenüber dem Trieb-Instinkt-Modell wie den lerntheoretischen Konzepten.
Die von Volkamer herausgestellte regredierte Form der Aggression als Reaktion auf eine Frustration verweist auf ein Erklärungskonzept aggressiven Verhaltens, nämlich die Frustrations-Aggressions-Hypothese, dass auch die Sportwissenschaft nachhaltig beeinflusst hat. Zwar sehen die Befürworter dieses Konzepts den Sport ebenfalls als geeignete Situation an, aufgestaute Aggressionen loszuwerden. Im Unterschied zum ethologischen und psychologischen Konzept entstehen solche aufgestaute Aggressionen jedoch nicht vorwiegend spontan, sondern werden vor allem reaktiv durch Umweltbedingungen ausgelöst. Die Abreaktion im Sport, insbesondere im sportlichen Wettkampf, wird allerdings wiederum in Anlehnung an tiefenpsychologische Überlegungen mit Begriffen wie „Kompensation“ und „Triebsublimierung“ interpretiert. (vgl. Heinelt, 1978, S. 37 ff.) Zusammenfassend schreibt Volmerg (1977, S.45 ff.), dass sich auch beim Frustrations-Aggressions-Modell zeigt, dass durch die postulierte Allgemeingültigkeit der Beziehung zwischen Frustration und Aggression wesentliche gesellschaftliche Bedingungen von Gewalt und Aggression ausgeblendet werden. Hinzu kommt, dass die Frustrations-Aggressions-Hypothese zwar einen Zusammenhang zwischen Frustration und Aggression
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Arbeit zitieren:
Bachelor Jochen Kaps, 2006, Karate Dô und Gewaltverhalten, München, GRIN Verlag GmbH
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