Essay: Angst im Abendland (Jan Thomas Otte)
nal in der Bibliotheca Bipontina, der wissenschaftlichen Regionalbibliothek in Rheinland-Pfalz. Das Gebet wurde am 16. August 1566 durch Herzog Wolfgang von Pfalz-Zweibrücken (1544-1569) erlassen. Pfalz-Zweibrücken war ein vergleichsweise winziges Herzogtum im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Dessen ungeachtet beteiligte sich Wolfgang 1566 mit rund 300 Reitern am Kriegszug von Kaiser Maximilian II. gegen Sultan Süleyman I. mit seiner Armee. 4 Allerdings bleibt unklar, ob sich Wolfgang während seines zweimonatigen Auslandsaufenthaltes an den Kampfhandlungen persönlich beteiligte.
Herzog Wolfgangs Motivation zur militärischen Beteiligung lag angesichts der Türkengefahr in aussichtsreichen Äußerungen Maximilans gegenüber Wolfgang. Erstens war es eine Bestätigung des Kaisers, dass Wolfgang und sein Geschlecht Anwärter auf Kurwürde und Erztruchsessenamt seien. Als weitere vorteilhafte Bewilligung kam dazu noch das vom Kaiser jüngst zugesprochene Privileg, den Zoll im Herzogtum Pfalz-Zweibrücken auf zwanzig Jahre zu erhöhen. 5 Das waren dringend benötigte Finanzspritzen für die bereits vor dem Kriegszug leeren Kassen des pfälzischen Herzogtums. 6 Wo l f g a n g s Schwager und Freund Herzog Christoph von Württemberg war 1566 ebenfalls mit einem Truppenkontingent im Krieg involviert. Sein Mandat zur Fürbitte gegen den Türken ist auf den 2. September datiert. Das waren seit Erscheinen des vorliegenden Textes nur zwei Wochen, am Tag der Ankunft Wolfgangs im kaiserlichen Feldlager bei Wien. 7 Die Freundschaft zwischen Wolfgang und Christoph ist dokumentiert durch einen regen Briefwechsel über politische und kulturelle Themen. 8
Quellentext: Gebet wider den Türken (1566)
Bevelch, so an alle Ambtleut des Gebets halben wider den Turcken 9 außgangen. Unser freuntlich dinst unnd gruß zuvor. Sonders lieben und gutte freundt.
Es hatt der Durchleuchtig, hochgeborn furst und herr, herr Wolffgang, Pfaltzgrave etc., unser gnediger furst und herr, sich mit der Römischen Kay[serlichen] M[ayestä]t, unserm aller gnedigsten herrn, auch Chur- und Fursten unnd andern stenden des hailligen Reichs vermög jungst zu Augspurg uffgerichts abschieds verglichen, den allmechtigen Gott zu bitten, unnd solchs bey ihren hindersassen, underthanen unnd Innwohnern auch zubevelhen, damit des Türcken Tyrannei, so er jetzunt widerumb furgenommen hatt unnd ins werck zu bringen inn grausamer
rustung ist, das auch deswegen däglich inn stetten, flecken 10 , dörffern ein glock geleutet unnd das volck vonn den Cantzeln vonn sündt und lastern abzusthen 11 , das leben zu bessern underwiesen und vermahnet werde, und zur selben zeitt des leittens, wie auch sonst, Gott, den Allmechtigen, umb sieg unnd uberwindung gegen den Erbfeindt,
4 MOLITOR, Stadtgeschichte Zweibrücken, S. 217.
5 MOLITOR, Stadtgeschichte Zweibrücken , S. 218.
6 MENZEL, Wolfgang von Zweibrücken, S. 454-458.
7 LANZINNER/HEIL (Hg.), Reichstag zu Augsburg 1566, S. 915-917. KÖHLER, Flugschriften des späten 16. Jahrhunderts, S. 60-
64.
8 ERNST (Hg.), Briefwechsel Christoph von Württemberg. MOLITOR, Stadtgeschichte Zweibrücken, S. 206.
9 „Türcken“ bezieht sich im Kontext auf den Singular der Person Süleyman.
10 „Flecken“ sind im Gege nsatz zu befestigten Städten Wohnorte ohne Stadtmauer.
11 „Abzusthen“ meint, sich von erwähnten Sünden zu distanzieren und fern zu halten.
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Essay: Angst im Abendland (Jan Thomas Otte)
auch abwendung Gottes gerechten zorns und der vorstehenden grausamen straff mit hertzlicher andacht zu ruffen und zubitten.
Solchem nach schicken wir euch hiebey ein form des gebetts, welchs ihr ain jeden ewers bevolhenen ambts Pfarrher und Diacono 12 , jedesmall auf der Cantzelln zuverkunden, zustellen und dabey bevelhen unnd verordnen sollt, wie man vor ettlich jharen unnd vieleicht noch zu ailff uhren geleutet, das solches nun hinfurtter biß uff weittern beschaidtnitt mehr zu ailff, sonder zu zwelff uhren zu Mittag geschehe.
Das nun solches allso verrichtet, auch gemaine 13 laster und ubellthaten ernstlich und der gebür nach gestrafft werden, sollt ihr auffsehens haben und euch zum fleissigsten bevolhen sein lassen. Haben wir euch auß bevelch nit sollen bergen 14 .
Datum Zwaiprucken, den 16. Augusti Anno etc. 1566.
Verordnete Rhäte zu Zwaiprucken.
J. Stiber, Cantzleiverwalter mps.
Forma des Gebets
Dieweill sich dann auch der Turck mitt aller macht widerumb understeet, Christum und die ime angehörig sindt, zuverfolgen, so sint wir schuldig, selbig fur ein sonderliche straff Gottes zu erkennen unnd Gott von hertzen zu bitten, das er unns umbseines lieben sohn Christi willen gnedig sein unnd der furgenommenen Tyrannei des Turckens wehren wölle, auff das wir ohn alle hindernuß Gottes wort Rain und lautter hören und nach demselben inn gut tem friden bey einander leben mögen.
Bittend allso. Herr, allmechtiger, guttiger Gott unnd Vatter,der du unns durch deinen sohn Christum zu deinen kindern unnd außerwöhltem volck angenommen unnd dein schutz und schirm inn aller noth verhaissen hast. Wir bitten dich hertzlich, du wollest dem Grausamen feindt deines heilligen nahmens, dem Turcken, der sich understeht, dein wort und christenheit außzurotten, gewalltiglich wehren und widersteen, wie du vor zeitten dein volck Israhel vonn feinden wunderbarlich errettet unnd under dem schatten deiner flugell gnediglich bewahret hast. Wir bekennen ja, Herr, das wir gesundigt und viell ubells vor dir gethan, sonnderlich mit sicherhait und verachtung deines Göttlichen wortts diese unnd anndere straffen wol verdient haben.
Aber Herr, gedenck nitt ann unser missethat, sonnder sey unns gnedig nach deiner grossen barmhertzigkeit und errette uns, zeuche auß 15 , Herr, inn unser heher, streitte fur uns, gib unserm Kayser unnd kriegsvolck sterck und crafft, den grossen hochmut des Turcken, der dich, Herr, lestert und verachtet, durch dich zu straffen, auff das alle wellt erkennen möge, das du, Herr Gott, noch lebest und dein Christenheit regierest unnd erhalltest. Erhöre uns, guttiger Gott und Vatter, umb deines lieben sohns Jhesu Christi willen. Amen.
12 „Diacono“ ist ein Kirchendiener oder Unterpriester.
13 „Gemai n“ bedeutet im Kontext „allgemein“, also all diejenigen Laster und Übeltaten, welche von der damaligen Be völkerung aus gingen und diese implizit anbelangten.
14 „Bergen“ bedeutet im Kontext die Abstraktion von Hilfe, Rettung und Sicherung. Die Amtleute sollen an bereits geleistete wohltätige Dienste Herzog Wolfgangs und seinen Stadträten erinnert werden, um dem Mandat treue Folge zu leisten.
15 „zeuche auß “ heißt soviel wie „ziehe aus “ und ist immanent mit dem Wunsch verbunden, dass Gott der Herr mit dem Kayser und Kriegs volck, aus zieht.
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Essay: Angst im Abendland (Jan Thomas Otte)
Der Text ist an alle Verwaltungsbeamte in und um Zweibrücken 16 mit dem Befehl adressiert, die Fürbitte den zuständigen Pfarrer und Diakonen zuzustellen. Diese sollen das Gebet in vorliegender Form verkündigen, um somit die Kirchengemeinde zur Fürbitte um Überwindung des „Erbfeindes“ sowie Abwendung von Gottes Strafe und Zorn anzuleiten. 17
Inhaltlich gliedert sich der Text in Überschrift, Einleitung, Gebetsform und Fürbitte. Er beginnt mit einer Beschreibung, dem „Bevelch“ und einer von Herzog Wolfgang häufig verwendeten Grußformel, „dem freundlich dinst und gruß zuvor. Sonders lieben und gutte freundt“. Nach der gattungsspezifischen Einleitung folgt ein relativ umfangreicher historischer Überblick, welcher den Anlass des Mandats begründet und diesen anschließend mit konkreten Handlungsanweisungen vervollständigt.
Im zweiten Abschnitt des Textes liegt der Akzent auf Schuld und Barmherzigkeit, Strafe und Gnade. Der Verbalstil dieses Themenkomplexes sollte die Leser zum aktiven Handeln motivieren. Diese reagierten auf die propagierte Bedrohung durch das osmanische Heer mit Alarmsignalen und Angst. Der Text wird mit einer rhetorischen Frage abgerundet, um die soziale Fürsorge Wolfgangs zu unterstreichen.
Herzog Wolfgang als pfälzischer Draufgänger mit protestantischem
Profil
Wolfgang wurde am 26. September 1526 geboren und verstarb am 11. Juni 1569. Ab dem 6. September 1545 war er mit Prinzessin Anna von Hessen verheiratet und hatte mit ihr 13 Kinder. In jungen Jahren erlebte er den Tod seines Vaters Ludwigs II., weshalb bis zu seiner Volljährigkeit Ruprecht, Ludwigs jüngerer Bruder, das Herzogtum mit kaiserlicher Erlaubnis kommissarisch regierte. 18 Wo l f g a n g w u r d e 1544 volljährig und übernahm das Amt des Herzogs. Er wurde einer der bedeutendsten Herrscher Zweibrückens, hatte ein ausgeprägt lutherisches Profil und widersetzte sich der durch das Interim von Kaiser Karl V. hervorgerufenen Rekatholisierung.
Trotz konfessioneller Unterschiede pflegte Wolfgang aber gute diplomatische Beziehungen zum Kaiser, während er den reformatorischen Kurs seiner Vorgänger verstärkt nach dem Grundsatz des Augsburger Religionsfriedens von 1555 „cujus est regio, ejus est religio“ fortsetzte. Das wird besonders in der von ihm in Auftrag gegebenen Kirchenordnung vom 1. Juli 1557 deutlich. Im Verlauf der Reformation verbesserte er zudem das Bildungswesen, indem er bestehende Institutionen neu strukturierte und Latein-und Volksschulen gründete.
Wenige Jahre zuvor plagte die Pest das pfälzische Zweibrücken, welche insgesamt 317 Personen das
16 WÜRTTEMBERG, Aufruf zum Buß- und Bittgebet, Z. 2/3.
17 S EEBASS/WOLGAST, Die evangelischen Kirchenordnungen des XVI. Jahrhunderts Rheinland-Pfalz, 312, Z. 17-35. WÜRT- TEMBERG, Z. 32-37.
18 M OLITOR, Stadtgeschichte Zweibrücken, S. 45.
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Quote paper:
Jan Thomas Otte, 2006, Angst im Abendland, Munich, GRIN Publishing GmbH
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