Danksagung
Im Rahmen der Recherchen für meine Arbeit traf ich auf viele hilfsbereite Menschen, ohne die das Gelingen der Arbeit nicht möglich gewesen wäre. Ihnen allen gilt mein Dank! Besonders danken möchte ich dabei meinen drei InterviewteilnehmerInnen: Für ihre Offenheit, ihre Zeit, ihre Gastfreundschaft. Ich war beeindruckt von ihrer Stärke und ihrem Selbstbewusstsein!
Des weiteren danke ich den ExpertInnen, die trotz eines vollen Zeitplans meine Fragen beantworteten: Bali vom Projekt „Miles“, Koray und Gürkan von „Gladt“, sowie Saideh von „Les Migras“. Mein Respekt gilt der Arbeit, die sie leisten! Zuallerletzt danke ich noch meinen FreundInnen und besonders meinem Mitbewohner, der eigentlich keinen Dank will: Für die emotionale Unterstützung und für gute Nerven!
Inhaltsverzeichnis
Abk ürzungsverzeichnis 3
1. Einleitung 4
1.1. Anlass und Problemstellung 4
1.2. Aufbau der Arbeit 6
2. Homosexualität und Coming Out. 7
2.1. „Homosexualität“ und „Coming Out“- Begriffsklärung 7
2.2. Aktuelle Erscheinungsformen und gesellschaftliche Ansichten 8
2.3. Jugendliche und Homosexualität- Sozialisationsprozesse und Identitätsfindung10
2.4. Schwule und lesbische Jugendliche - Aspekte der Geschlechtszugehörigkeit. 14
3. Türkische homosexuelle Jugendliche in Deutschland. 16
3.1. Geschichtliche Entwicklung und Situationsanalyse 16
3.2. Psycho- Soziale Aspekte 17
3.2.1. Sozialisation, Identität und Coming Out im Vergleich zu deutschen
Jugendlichen 17
3.2.2 Das Coming- Out und seine Folgen 20
4. Türkische Kultur und Homosexualität. 21
4.1. Die Relevanz von muslimischer Kultur und Religion für türkische Jugendliche,
die in Deutschland leben 21
4.2. Zentrale Wert- und Normhaltungen 24
4.3. Familienleben und Familienverhältnisse. 25
4.4. Erziehung und Sozialisation in Bezug auf die Sexualität 26
4.5. Geschlechterrollen- Männer und Frauenbilder 27
4.6. Freunde, Freizeit und weiteres soziales Umfeld 29
4.7. Homosexualität und türkische Kultur 30
5. Homosexualität und Homophobie 32
5.1. Diskriminierung, Vorurteile, Homophobie-
Definitionen , Erklärungen, Auswirkungen 32
5.2. Homophobe Einstellungen türkischer Jugendlicher. 35
5.3. Diskriminierung gegenüber homosexuellen türkischen Jugendlichen 37
6. Zur Situation von homosexuellen türkischen Jugendlichen in Deutschland
Eine qualitative Studie 41
6.1. Zentrale Fragestellungen und Inhalte der Studie. 41
6.2. Methodische Anlage der Studie 42
6.2.2. Vorstellung der einzelnen InterviewpartnerInnen 44
6.3. Ergebnisse der Studie 45
6.3.1. Homosexualität und Coming Out 45
1
6.3.1.1. Inneres Outing 45
6.3.1.2. Äußeres Outing und Situation in der Familie 49
6.3.1.3. Outing in Bezug auf das nähere soziale Umfeld. 53
6.3.2. Türkische Kultur und Homosexualität. 55
6.3.2.1. Islam und Homosexualität 55
6.3.2.2. Zentrale Werte und Normen und deren Auswirkungen 57
6. 3.2.3. Geschlechtsspezifische Bedingungen 62
6.3.3. Diskriminierung und Homophobie 63
6.3.3.1. Diskriminierung und Homophobie ausgehend von Türkei- Stämmigen im
Umfeld der Befragten 63
6.3.3.2. Diskriminierung im privaten Bereich 65
6.3.3.3. Diskriminierung in der Öffentlichkeit 66
6.3.4. Unterstützungsmöglichkeiten und Soziale Arbeit 69
6.3.4.1. Nutzungsverhalten in Bezug auf Unterstützungsmöglichkeiten. 69
6.3.4.2. Lücken im Unterstützungssystem. 70
6.3.4.3. Soziale Arbeit und Kompetenzen 71
6.3.4.4. Ziele und Inhalte von Unterstützungsarbeit 72
6.3.4.5. Integration und Unterstützung auf politischer Ebene. 75
6.4. Zusammenfassung der Ergebnisse der Studie. 77
7. Konsequenzen für Soziale Arbeit und Politik 81
7.1. Bestandsanalyse und Lücken im Unterstützungssystem. 81
7.1.1. Lücken ausgehend von den bestehenden Initiativen 81
7.1.2. Lücken auf dem Hintergrund der Forschungsergebnisse 81
7.2. Wege zu einem Konzept einer auf türkische homosexuelle Jugendliche bezogenen
Sozialen Arbeit. 82
7.2.1. Schritte der Konzeptentwicklung 82
7.2.2. Unterstützungsmöglichkeiten für homosexuelle türkische Jugendliche und
deren Familien 83
7.2.2.1. Ziele von Unterstützungsarbeit. 83
7.2.2.2. Inhalte von Unterstützungsarbeit 83
7.2.2.3. Methoden von Unterstützungsarbeit. 86
7.3. Homosexualität und Integrationspolitik 90
8. Schlusswort 94
Anlagen 96
Literaturverzeichnis. 96
2
Abkürzungsverzeichnis
BZgA Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
CSD Christopher Street Day
Gladt e.V. Gays & Lesbians aus der Türkei e.V.
LSVD Lesben- und Schwulenverband Deutschland
3
1. Einleitung
1.1. Anlass und Problemstellung
Homosexuelle türkische Jugendliche in Deutschland- Ein Thema, das bei den Meisten erst einmal ein Stocken hervorruft: „Es gibt homosexuelle Türken?“, „Die sind doch niemals geoutet, die Armen“, „ Wie können die denn unter solchen schlimmen Familienbedingungen leben?“- Dies sind nur einige Auszüge von Reaktionen, die ich bekomme, wenn ich das Thema dieser Diplomarbeit nenne.
Ansichten einer Gesellschaft, die das Thema Homosexualität unter MigrantInnen bisher weitestgehend ignoriert. Aussagen als Resultat einer zu geringen Aufklärung und vorurteilsbelasteten Meinungen- gegenüber MigrantInnen und gegenüber Homosexuellen. Auf der anderen Seite diskutiert die Gesellschaft, die Politik, die Medien. Seit Jahren und insbesondere durch das am 1. Januar 2005 in Kraft getretene Zuwanderungsgesetz, das Deutschland als Einwanderungsgesellschaft definiert und Integration zum ersten Mal zur Aufgabe des Staates macht, ist die Frage der Integration brisant, umstritten und vor allem: Von vielen Seiten diskutiert. Dabei fällt besonders die Gruppe der TürkInnen in den Blickwinkel: Nach Angaben des statistischen Bundesamtes stellen diese mit ca. 1,8 Millionen gemeldeten EinwohnerInnen die größte ausländische Bevölkerungsgruppe in Deutschland dar. (vgl. http://www.destatis.de/presse/deutsch/pm2006/p1340025.htm , verfügbar am 15.8.06). Integrationsarbeit muss sich nun also mit der Situation von
TürkInnen oder türkei- Stämmigen in Deutschland auseinander setzen, um so auf mögliche Integrationspotentiale schließen zu können. Beachtet werden muss hierbei insbesondere auch das Thema der Diskriminierung und Ausschlussmechanismen durch die Gesellschaft.
Genau an diesem Punkt will diese Arbeit ansetzen: In der gesamten Diskussion um Integration von MigrantInnen wurden bislang homosexuelle TürkInnen größtenteils nicht beachtet. Integration beinhaltet nun aber, genau solche Gruppen nicht auszulassen und auch auf interne Verschiedenheiten innerhalb der Gruppe der MigrantInnen einzugehen, um plurale Lebensformen im Sinne einer Demokratie zu unterstützen. Während also die Existenz von homosexuellen TürkInnen oftmals schlichtweg ignoriert wird, zeigt die Realität doch andere Notwendigkeiten. Durch den hohen Zulauf von Unterstützungseinrichtungen speziell für die Zielgruppe der homosexuellen TürkInnen, durch Internetcommunities, große Partys und verschiedene Initiativen kann man erkennen: Homosexuelle TürkInnen sind präsent und aktiv.
Das am 18. August 2006 in Kraft getretene Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz greift zum ersten Mal die sexuelle Identität eines Menschen auf, um so vor Diskriminierung zu schützen.
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Um aber wirkungsvoll gegen Diskriminierung zu arbeiten, ist zunächst einmal eine an Tatsachen orientierte Darstellung der Lebenssituation der diskriminierten Gruppe notwendig. Diese sollte abseits von medienwirksamen Sensationsberichten, beispielsweise über Zwangsverheiratungen, Ehrenmorde oder die „böse“ türkische Kultur an sich geschehen.
Das Ziel dieser Arbeit ist es nun, die Situation der bisher noch kaum beachteten Gruppe der homosexuellen türkischen Jugendlichen fachgerecht darzustellen. Durch eine sachliche Betrachtung ihrer Lebensweise, auf sie einwirkende Faktoren, sowie aktiven Handlungsweisen, soll ein Beitrag zur Aufklärungsarbeit in einem oftmals sehr stark tabuisierten Themenbereich geleistet werden. Die Gruppe der Jugendlichen wird dabei angesprochen, da diese noch im Entwicklungsprozess zu einer homosexuellen Identität stehen und daher besonders von Herausforderungen wie der Bewältigung des Coming Outs oder des Umgangs mit der Familie betroffen sind. Jugendliche können somit vorwiegend die Zielgruppe von Unterstützungsarbeit sein und außerdem schon früh dazu befähigt werden, ihre Ressourcen zu nutzen und somit zur Aufklärungs- und Integrationsarbeit beizutragen, da die Zukunft ja bekanntlich in den Händen der Jugend liegt.
Ein besonderes Anliegen der Arbeit ist es hierbei, die subjektive Lebensrealität der Betroffenen darzustellen. Deshalb sollen die Informationen nicht nur aus Büchern entnommen werden, sondern verschiedene Jugendliche kommen selbst in Interviews zu Wort. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass ich speziell zum Thema „Homosexuelle türkische Jugendliche“ keine Primärliteratur finden konnte. Bisherige wissenschaftliche Abhandlungen beziehen sich meist auf das Thema „Islam und Homosexualität“, nehmen aber nicht speziell die Zielgruppe der Jugendlichen ins Blickfeld. Die vorliegende Arbeit ist nun ein erster Beitrag zur Schließung dieser wissenschaftlichen Lücke.
Die zentrale Fragestellung beschäftigt sich dabei also mit der gefühlten und erlebten Situation von homosexuellen türkischen Jugendlichen in Bezug auf den Prozess der sexuellen Identitätsfindung und untersucht dabei beeinflussende Faktoren wie die Familie, das soziale Umfeld und kulturelle Bedingungen. Des weiteren stellt sich die Frage nach Ursachen von Diskriminierung, Diskriminierungserfahrungen sowie dem Umgang damit. Das Ziel dieser Arbeit ist es dabei letztendlich, eine fachgerechte Darstellung der Situation von homosexuellen Jugendlichen zu liefern, ihre individuelle Lebenswelt und Handlungsweisen zu erkennen, sowie die Ergebnisse auf die Soziale Arbeit zu übertragen und somit Unterstützungsmöglichkeiten zu erkennen. Des weiteren soll sie auch auf politischer und gesamtgesellschaftlicher Ebene einen Beitrag zur Diskussion über Integration und Diskriminierung bieten.
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1.2. Aufbau der Arbeit
Inhaltlich ist die Arbeit so aufgebaut, dass sie sich zuerst mit der Homosexualität und dem Coming Out im Allgemeinen beschäftigt, um so einen Einstieg in das Thema zu ermöglichen.
Danach wird die Situation von türkischen Jugendlichen in Bezug auf ihre Sozialisationsbedingungen beschrieben, um dies schließlich mit dem Coming Out Prozess von homosexuellen Jugendlichen in Verbindung zu bringen.
Da türkische Jugendliche, wie noch dargestellt werden soll, in ihrem Sozialisationsprozess auch besonders durch die Normen und Werte ihrer Herkunftskultur beeinflusst sind, werden diese im nächsten Kapitel, in Bezug auf die Homosexualität betrachtet, beschrieben.
Das nachfolgende Kapitel bezieht sich dann auf die Diskriminierung- zum Einen von Seiten türkischer MigrantInnen und zum Anderen in Anbetracht möglicher Diskriminierungserfahrungen von homosexuellen TürkInnen.
In der darauf folgenden Studie sollen dann die bisherigen, auf Literatur basierenden Erkenntnisse überprüft und auf die individuelle und subjektive Situation von Jugendlichen bezogen werden.
Hierbei wird ein besonderes Augenmerk auf die Umgangsstrategien und Ressourcen dieser Jugendlichen gelegt, um so auch auf sozialpädagogische Handlungsstrategien schließen zu können, welche im 7. Kapitel behandelt werden. Ausgehend von den Einflussmöglichkeiten der Sozialen Arbeit bezieht sich das abschließende Kapitel auf die gesamtgesellschaftliche und politische Ebene, um hier aufgrund der gemachten Ergebnisse Anstöße und Ideen zur Antidiskriminierungs- und Integrationsarbeit darzustellen und somit einen Beitrag zur Aufklärungsarbeit zu leisten.
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2. Homosexualität und Coming Out
2.1. „Homosexualität“ und „Coming Out“- Begriffsklärung
Der Begriff der Homosexualität wurde erst im Jahre 1869 von dem deutsch-ungarischen Schriftsteller Karl- Maria Kerthbeny geprägt. Vor dieser Zeit wurde Homosexualität im Volksmund als „Sodomie“ bezeichnet, was Bezug auf etwas Sündhaftes, Perverses und Abscheuliches nimmt.
Kerthbeny setze nun den griechischen Begriff „homo“ was soviel wie „gleich“ oder „gleichartig“ bedeutet, mit dem lateinischen Wort „sexus“ zusammen, das sowohl für das männliche als auch für das weibliche Geschlecht steht. Mit der Schaffung des Wortes Homosexualität wurde nun auch gesellschaftlich anerkannt, dass es neben der Heterosexualität eine weitere Form der sexuellen Orientierung, nämlich die der gleichgeschlechtlichen Liebe gibt (vgl. Kösser u.a. 2005, 4-5). Bis zum heutigen Zeitpunkt konnte die Sexualforschung keine explizite wissenschaftliche Erklärung für die verschiedenen Formen der sexuellen Orientierung bieten. Nach Freud hat z.B. jede/ jeder homosexuelle Neigungen, die sich entweder zu einer homosexuellen Orientierung ausformen, oder aber in einer heterosexuellen Lebensweise unbewusst unterdrückt werden (vgl. Schledt 1997, 17).
Wissenschaftlich festgelegt ist aber bislang nur, dass viele Faktoren auf die sexuelle Orientierung einwirken und dass eine erste Prägung bereits in den ersten Lebensjahren entsteht.
Die ersten homosexuellen Empfindungen sind dabei meist schon vor dem ersten sexuellen Kontakt vorhanden. Es gibt also auch einen Unterschied zwischen der sexuellen Orientierung und dem konkreten Verhalten, worauf gesellschaftliche Rahmenbedingungen sowie die Selbstwahrnehmung einen Einfluss haben. Wissenschaftlich belegt ist außerdem, dass niemand zu einer sexuellen Orientierung verführt oder erzogen werden kann. Homosexualität ist, widersprüchlich zu veralteten Ansichten, also nicht veränderbar oder gar therapierbar.
Festzuhalten ist darüber hinaus, dass mit dem Begriff der „Sexualität“ nicht nur der eigentliche Geschlechtsakt an sich gemeint ist. Vielmehr beschreibt Sexualität einen bestimmten Lebensstil und hat Auswirkungen auf das körperliche, psychische und soziale Leben. Außerdem ist mit der Sexualität auch eine bestimmte Art der Selbstwahrnehmung verbunden, die Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl sowie die Sozialen Kontakte hat. (vgl. BZgA (Hrsg.) 2004, 18, 22-23).
Spricht man von Homosexualität, sollte man also nicht nur die sexuellen Vorlieben und Praktiken der/ des Einzelnen betrachten, sondern damit verbundene
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Entwicklungsprozesse, Lebensentwürfe und Selbstbilder.
Um eine homosexuelle Identität entwickeln zu können, muss der/ die Einzelne einen Prozess durchlaufen, der in der Sexualwissenschaft und im Volksmund als „Coming Out“ beschreiben wird.
Das Coming Out, das mit „Herauskommen“ übersetzt wird, kann als ein Prozess der Selbstwahrnehmung und der Klärung der eigenen Gefühle beschrieben werden. Es wird dabei zwischen dem äußeren und dem inneren Coming Out unterschieden. Beim inneren Coming Out werden zum ersten Mal homosexuelle Gefühle erkannt und sich selbst eingestanden. Vor anderen Menschen zur Homosexualität zu stehen, geschieht dann im äußeren Coming Out. Dieser Prozess der Identitätsfindung als Homosexuelle(r) beginnt meist in der Pubertät, kann sich dann aber über mehrere Jahre hinweg ziehen. Als erfolgreiches Coming Out kann bezeichnet werden, wenn an dessen Ende die Selbstannahme und der Entwurf eines homosexuellen Lebenskonzepts steht. (vgl. BZgA (Hrsg.) 2004, 20-32).
2.2. Aktuelle Erscheinungsformen und gesellschaftliche Ansichten
Betrachtet man die geschichtliche Entwicklung der Einstellung gegenüber Homosexualität, ist ein ihr anhaftendes Negativimage mit weitreichenden Folgen zu erkennen. So wurde Homosexualität durch den, während der Zeit des Nationalsozialismus entstandenen, Paragraph 175 unter Strafe gestellt. Homosexuelle Handlungen wurden darin mit bis zu zehn Jahren Gefängnisstrafe geahndet. Nachdem der Paragraph im Jahre 1969 bearbeitet und die Strafbarkeit von Homosexualität zwischen über 21- jährigen abgeschafft wurde, erfolgte 1973 auch die Streichung der Bestimmung über Straffälligkeit von Homosexualität zwischen über 18- jährigen. Vollständig wurde der Paragraph 175 aber erst 1994, also sehr spät, aus dem Strafgesetzbuch entfernt ( vgl. Risse 1998, 48 ; Kösser u.a. 2005, 16). Außerdem Auswirkungen auf das Negativimage der Homosexualität hatte die Pathologisierung derselbigen. Im Jahre 1968 wurde Homosexualität offiziell als psychische Krankheit kategorisiert, die durch Therapiemethoden wie Elektroschocks, hirnchirurgische Eingriffe oder Kastrationen zu „heilen“ versucht wurde. (vgl. Ulrich (Hrsg.) 1998, 8) Parallel zu dieser gesellschaftlich negativen Bewertung der Homosexualität entwickelte sich in den siebziger Jahren, angeregt von Demonstrationen und Bewegungen in den USA, auch in Deutschland eine Schwulen- und Lesbenbewegung, die für mehr Toleranz und Akzeptanz gegenüber der sexuellen Orientierung sorgen sollte. So gründeten sich 1971 mit der „Homosexuellen Aktion Westberlin“ und der „Rote Zelle Schwul“ erste Organisationen für Homosexuelle, die sich für deren Rechte einsetzten. Es folgten
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Demonstrationen und Paraden wie z.B. dem ersten Christopher Street Day in Deutschland im Jahre 1979. Im Zeichen der Lesbenbewegung entstanden Anfang der siebziger Jahre Frauenbuchläden, Frauenzeitschriften, Frauenbildungshäuser und Lesbengruppen. (Risse 1998, 55). Die sexuelle Revolution und die Schwulen-und Lesbenbewegung in den Siebziger Jahren waren also der Anfang auf einem langen Weg zur gesellschaftlichen Toleranz von Homosexualität.
Ein wichtiger Meilenstein auf diesem Weg stellt das am 1.August 2001 in Kraft getretene Lebenspartnerschaftsgesetz dar. Ab diesem Zeitpunkt wurden amtlich eingetragene Partnerschaften für gleichgeschlechtliche Paare, im Volksmund auch „Homoehe“ genannt, gesetzlich ermöglicht. Aus diesem Gesetz hervorgegangen Vorteile sind z.B. die Anerkennung als Familienangehörige, die Möglichkeit eines gemeinsamen Lebenspartnerschaftsnamen, Unterhaltspflicht oder das Aufenthaltsrecht für ausländische PartnerInnen aus nicht EU- Ländern (vgl. BZgA (Hrsg.) 2004, 62-63). Auch wenn das Lebenspartnerschaftsgesetz noch keine Gleichstellung mit der Ehe bedeutet-so fehlt z.B. das Adoptionsrecht- wird es dennoch als großer Schritt auf dem Weg zur gesellschaftlichen Anerkennung von Homosexualität in Deutschland gesehen. Darüber hinaus fand die Thematik der Homosexualität auch in anderen Bereichen der Politik Unterstützung. So bekam bei der Kommunalwahl 1996 in München eine schwullesbische Partei, die Rosa Liste, mit 1,8 % der Stimmen einen Sitz im Stadtrat. (vgl. Ulrich (Hrsg.) 1998, 61). Der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit outete sich 2001 mit den Worten „Ich bin schwul- und das ist auch gut so“ und erntete damit viele Sympathiepunkte. (vgl. Risse 1998, 54).
Diese Beispiele lassen besonders gut die zunehmende Akzeptanz von Homosexualität in Deutschland erkennen. Zudem findet das brisante Thema auch in der Medienlandschaft Zuspruch. So gibt es zum Beispiel kaum eine abendliche Sitcom wie „Marienhof“ oder „Verbotene Liebe“, in der kein homosexuelles Pärchen auftaucht. Die deutsche Gesellschaft wird also in vielerlei Bereichen zunehmend mit der Thematik der Homosexualität konfrontiert und das oft im positiven Sinne. Trotz dieser Fortschritte in der Anerkennung berichten immer noch viele Homosexuelle von Diskriminierung und Vorurteilen, entweder aus dem engen Freundeskreis oder aus der breiten Öffentlichkeit, denen sie begegnen. Homosexualität ist noch immer erklärungsbedürftig und wird längst noch nicht als so selbstverständlich angenommen wie Heterosexualität. Diese ist als sexueller Weg meist vom sozialen Umfeld vorgelebt und erwartet. Trotz einer stark individualisierten Gesellschaft werden immer noch typische geschlechtsspezifische Rollenbilder von Mann und Frau vermittelt. (vgl. BZgA (Hrsg.) 2004, 13).
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Im Gegensatz zu Ländern wie den USA, Großbritannien und Frankreich, fehlt in Deutschland bisher eine umfassende sexualwissenschaftliche Erhebung zur Häufigkeit von Homosexualität. Wissenschaftlicher schätzen, dass ca. 3% der Männer über 20 sich als homosexuell bezeichnen, wobei weitere 3% in ihrem bisherigen Leben schon über einen längere Zeit hinweg sexuelle Erfahrungen mit dem gleichen Geschlecht hatten. Lesben sind dabei statistisch kaum erfasst. Bei allen Schätzungen muss allerdings auch beachtet werden, dass Umfragen verfälscht werden und kein repräsentatives Ergebnis erzielt werden kann, da nicht jede(r) Homosexuelle zu seiner/ ihrer Neigung steht. (vgl. http://www.homosexualitaet.de/, verfügbar am 9.11.06;
http://de.wikipedia.org/wiki/Homosexualität. Verfügbar am 09.11.06)1
2.3. Jugendliche und Homosexualität- Sozialisationsprozesse und
Identitätsfindung
Sozialisation ist nach Geuel und Hurrelman der „Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt.“ (Geuel und Hurrelmann 1980 in Schledt 1997, 11) In einem Sozialisationsprozess werden also Bedingungen, die auf die Entwicklung der Einzelnen Einfluss nehmen, sowie deren aktive Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt betrachtet. Eine wichtige Sozialisationsaufgabe ist dabei die Identitätsfindung. In diesem Kapitel wird nun beschrieben, welche Einflüsse die Sozialisation von homosexuellen Jugendlichen bedingen und unter welchen Umständen Jugendliche eine homosexuelle Identität ausbilden können. Besonders werden dabei auch die speziellen Schwierigkeiten betrachtet,die sich, im Gegensatz zu heterosexuellen Jugendlichen, einem/ einer homosexuell orientierten Jugendlichen in seinem/ ihrem Sozialisationsprozess stellen.
Da das Coming Out die Sozialisation von homosexuellen Jugendlichen bestimmt, soll diese nun anhand des Coming Out Prozesses beschreiben werden. Dabei wird die Sozialisation zur homosexuellen Identität nun anhand der vier Phasen des Coming Outs,
1
Zur Situation von Homosexuellen in der Türkei:In der Türkei hat es nie ein vergleichbares gesetzliches Verbot von
Homosexualität wie den Paragraph 175 gegeben. Trotzdem werden Homosexuelle in der Türkei auf vielfältige Weise
diskriminiert. So gilt Homosexualität als Krankheit und nicht als sexuelle Orientierung. Berichte in den Medien sind meist
sensationssüchtig und mit Vorurteilen behaftet. Auch in der Arbeitswelt treffen Homosexuelle auf massive Benachteiligung.
So gilt eine solche Orientierung also offizieller Entlassungsgrund, ein Antidiskriminierungsgesetz gibt es nicht.
Als einziges Medium, in dem Homosexualität reflektiert und tolerant behandelt wird, kann die stark umstrittene
Zeitschrift „Kaos Gl“ gesehen werden. Diese informiert über Homosexualität, wird aber durch die starke Ablehnung in der
Gesellschaft oft in ihrer Existenz bedroht.
In Großstädten wie Istanbul, Ankara oder Izmir ist die Einstellung gegenüber Homosexualität etwas emanzipierter,
hier zeigen sich auch Paare öffentlich. Trotzdem gibt es, anders als in deutschen Großstädten, keine homosexuellen Szene
mit zahlreichen Bars, Diskos, Kneipen etc. Sexuelle Haltungen und Handlungen gelten dabei als etwas Privates und sollten
nicht an die Öffentlichkeit gelangen.
(vgl. Buchow (Hrsg.) 2003, 120-130)
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definiert nach Dannecker und Reiche, dargestellt.
Das Coming Out wird danach in folgende 4 Phasen unterteilt:
Entdecken Jugendliche homosexuelle Gefühle, werden diese anfangs meist zurückgedrängt. Wie schon im vorherigen Kapitel beschrieben, gilt Homosexualität noch längst nicht als normal und wir als abweichend betrachtet, der/ die Jugendliche fällt somit aus der ihm/ ihr zugeschriebenen Rolle. Die Gesellschaft und ihre Ansichten üben so einen Druck auf die Jugendlichen aus, wer nicht heterosexuell fühlt, ist abweichend und muss sich erklären. (vgl. BZgA (Hrsg.) 2004, 12- 13)
In identitätstheoretischer Ausdrucksweise lässt sich dies auch als Rollendiffusion darstellen. Diese ergibt sich aus den von Mead benannten zwei Aspekten von Identität: Dem „Me“ und „I“. Mit dem „Me“ sind die verinnerlichten Einstellungen der Anderen, also die gesellschaftlichen Normen und Werte gemeint. Das „I“ beschreibt das Individuelle, die Festigung des eigenen Selbst. Eine Rollendiffusion kann bei Jugendlichen nun entstehen, wenn die vorgegebene heterosexuelle Rolle und die gesellschaftlichen Erwartungen den eigenen homosexuellen Empfindungen widersprechen.
Da diese Rollenzugehörigkeiten und gesellschaftlichen Werte von vielerlei Seiten, insbesondere durch die Eltern, die primäre Trägerinstanzen von gesellschaftlichen Erwartungen darstellen, an die/ den Jugendliche(n) herangetragen wurden, hat sie/ er diese im Lauf ihrer/seiner Sozialisation internalisiert. Stellt sie/er nun abweichende Gefühle fest, fühlt sie/er sich meist zuerst „abnormal“ oder als „Störfall.“ Von Goffmann wird dieser Prozess als „Stigmatisierung“ beschrieben. Danach werden durch die Gesellschaft einer Person bestimmte Eigenschaften zugeschrieben, die nicht unbedingt ihrem wirklichem Charakter entsprechen.
In einer ersten Phase der Stigmatisierung wird nun vom Individuum die Meinung der anderen erkannt und internalisiert. Diese verändert dann in der zweiten Phase die eigene Selbstwahrnehmung und führt zu bestimmten Verhaltensmustern. Bei Homosexuellen werden so z.B. gesellschaftliche Vorurteile und Rollenzuschreibungen unreflektiert übernommen, was wiederum zu Schuldgefühlen gegenüber den eigenen Empfindungen führt, der Verbotscharakter der Homosexualität wird aufgenommen. (vgl. Schledt 1997, 20-
11
33, 61)
Die Gesellschaft stellt dabei bestimmte Regeln auf, um zu definieren,was normal ist. Wer dagegen verstößt, wird als abweichend etikettiert. Abweichendes Verhalten wird also erst durch gesellschafltiche Festlegung zu solchem, individuelle Interessen treten in den Hintergrund, was in soziologischen Begriffen auch als „labeling approach“ betitelt wird. Durch Internalisierung dieser Bewertungen, fühlt sich der/die Betroffene selbst also immer als abweichend (vgl. Schledt 1997, 23).
Diese Faktoren können dann zu dem in Phase 2 beschriebenen „Zurückdrängen der ersten vagen Idee, homosexuell zu sein“ führen. Dieses Verdrängen kann zur Folge haben, dass sich der/die Jugendliche entweder von seiner/ihrer Umwelt isoliert, die Sexualität insgesamt verdrängt oder sogar heterosexuelle Beziehungen eingeht, um den eigenen Gefühlen zu entkommen. Dieses Versteckspiel raubt aber sehr viel Energie und schadet auf Dauer gesehen immens dem Selbstwertgefühl. (vgl. BZgA (Hrsg.) 2004, 35-37).
Der/die Jugendliche muss in dieser Zeit also mit vielerlei Ängsten umgehen, so z.B. der Angst vor Diskriminierung oder vor Ablehnung durch die Eltern oder dem sozialen Umfeld. Erschwerend in diesem Prozess sind die mangelnde Aufklärungsarbeit und fehlende Informationen über Homosexualität, die leider in der Bildungsarbeit noch sehr wenig vermittelt werden.
Der/die homosexuell empfindende Jugendliche ist nun also von dem Konflikt betroffen, dass gesellschaftliche Rollenerwartungen nicht seinen/ihren eigenen Interessen entsprechen. Versteht man erfolgreiche Sozialisation nun als Anpassung an gegebene Normen und Erwartungen, muss der/die Homosexuelle scheitern. Passender kann man Sozialisationsprozesse nun aber mit dem Symbolischen Interaktionismus nach Mead beschreiben. Sozialisation ist danach ein Kommunikationsprozess. Das Individuum passt sich also nicht nur dem Vorgegebenen an, sondern betreibt einen Interaktionsprozess zwischen den eigenen Bedürfnissen und den gesellschaftlichen Erwartungen. Dazwischen muss das Individuum seine Rolle finden, mit den eigenen Bedürfnissen soll also an die gesellschaftlichen Erwartungen herangetreten werden.(vgl. Schledt 1997, 20- 21). Um Selbstwertgefühl zu erlangen, ist die Interaktion mit anderen also von großer Bedeutung. Nur durch äußere Unterstützungssysteme können die nach Dannecker und Reiche beschriebene 3. und 4. Phase des Coming Out- Prozesses erfolgreich gemeistert werden (vgl. Zuehlke 2004, 17).
Eine wichtige Rolle hierbei spielen die Eltern. Wie schon oben beschreiben, sind diese primäre Trägerinstanzen von gesellschaftlichen Erwartungshaltungen. Sie erziehen ihre Kinder geschlechtsspezifisch und leben bestimmte Geschlechterrollen vor. Da dies nicht mit dem Konzept der Homosexualität übereinstimmt, teilen sich viele Jugendliche im
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Coming Out Prozess erst sehr spät oder überhaupt nicht ihren Eltern mit. Erfahren die Eltern von der Entwicklung ihrer Kinder, reagieren diese oft mit Wut, Angst oder Enttäuschung. Aufgrund fehlender Informationen und übernommener Vorurteile, sind Eltern oft nicht imstande, ihren Kindern die nötige Unterstützung und Anerkennung in dieser schwierigen Phase entgegen zu bringen. (vgl. BZgA (Hrsg.) 2004, 42 ff) Ohne Soziale Anerkennung ist es nun aber schwer, ein positives Selbstbild und Selbstachtung aufzubauen. Nimmt sich der/die Jugendliche also nach der 3. Phase des Coming Outs als Homosexuelle(r) wahr, ist es wichtig, diese Anerkennung auch in einem anderen Umfeld zu suchen. So kann z.B. durch Kontakte zu anderen Homosexuellen das Gefühl von Akzeptanz gewonnen und soziales Kapital aufgebaut werden. Hierfür dient die Kontaktaufnahme zur Subkultur.
Eine Subkultur wird nach Simon und Gagnon als ein Kollektiv von Individuen beschrieben, die ein gleiches Interesse haben. Für Homosexuelle können dies nun bestimmte Lokale, Bars, Clubs, Vereine, Internetcommunities, Selbsthilfegruppen oder öffentliche Veranstaltungen sein. (vgl. Schledt 1997, 46). Hier bekommt der/die Jugendliche also die in der Pubertät sehr wichtige Anerkennung von außen, erfährt ein Gefühl von Akzeptanz und Zugehörigkeit, um so ein positives Selbstbild zu entwickeln. Die vierte Phase des Coming-Outs, nämlich die der Selbstakzeptanz, kann nun auch damit beschreiben werden, das Wunschbild von sich selbst und dem, wie man von anderen gesehen werden will, in Einklang zu bringen. In Begriffen der Identitätstheorie, kann dies auch mit dem Erreichen der Ich- Identität nach Habermas umschrieben werden. Um diese zu erreichen, muss der/die Jugendliche sich also gesellschaftlichen Rollenerwartungen widersetzen und den eigenen Lebensstil finden. Dazu gehört zudem der Entwurf eines homosexuellen Lebensstils und das Herantreten an die Öffentlichkeit- entweder in Bezug auf bestimmte Vertrauenspersonen oder aber im großen öffentlichen Rahmen.(vgl. Schledt 1997, 139).
Zusammenfassend ist festzuhalten,dass das Coming Out und somit die Sozialisation und Identitätsbildung für homosexuelle Jugendiche ein sehr schwieriger und oft auch sehr langwieriger Prozess ist, der meist schon im Kindesalter anfängt und sich oft bis ins Erwachsenenalter über mehrere Jahre hinweg hinzieht. Neben den normalen Sozialisationsaufgaben von Jugendlichen in der Pubertät wie dem Aufbau von Beziehungen, Ablösung vom Elternhaus und Identitätsfindung, sind homosexuell empfindende Jugendliche noch zusätzlich mit möglichen Ängsten, Diskriminierungen, Stigmatisierungen und Rollendiffusion konfrontiert.
Das Coming Out ist also ein schwieriger Prozess, in dem der/die Jugendliche oft mit inneren Konflikten und Isolierung zu kämpfen hat. Wichtig für den erfolgreichen Verlauf des Coming Outs sind ausreichende Informationen und die Unterstützung von außen. Ist
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dies nicht vorhanden, können Phase 3 und 4 schwer erreicht werden. Die Selbstannahme und das öffentliche Bekenntnis zur Homosexualität bleiben dann aus (vgl. BZgA (Hrsg.) 2004,32). Gelingt das Coming Out, steht an dessen Ende ein homosexuelles Selbstbewusstsein und der Entwurf eines eigenen Lebenskonzepts.
2.4. Schwule und lesbische Jugendliche - Aspekte der Geschlechtszugehörigkeit
Betrachtet man die Beachtung von Homosexualität in der Öffentlichkeit, kann man feststellen, dass schwulen Männern meist mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als lesbischen Frauen. So wurde z.B. durch den Paragraph 175 nur die männliche Homosexualität angesprochen. Frauen wurden dabei einfach nicht beachtet, was die allgemeine Ignoranz in Bezug auf weibliche Sexualität ausdrückt.(vgl. http://www.homosexualitaet.de/. verfügbar am 9.11.06)
Männliche und weibliche Jugendliche sind also in ihrem, ansonsten ähnlich verlaufenden, Coming-Out Prozess durch unterschiedliche gesellschaftliche Rahmenbedingung beeinflusst.
Die Lesbenbewegung wird dabei historisch stark mit der Frauenbewegung verbunden. Bei lesbischen Frauen wird demnach zwischen feministisch und nicht feministischer Orientierung unterschieden. Während es bei einer nicht feministischen Orientierung primär um die Liebe zu Frauen und um die sexuelle Orientierung geht- eine solche Lesbe kann ihre Orientierung auch geheim halten und sich der allgemeinen patriarchalischen Denkweise unterordnen- ist der Feminismus neben einer sexuellen Orientierung primär auch ein politisches Statement. Hauptanliegen sind dabei die Gleichberechtigung und der Kampf gegen den Sexismus sowie das männliche Patriarchat (vgl. Kolbe 1989, 34; Zuehlke 2004, 124).
Darüber hinaus sind im Coming Out Prozess besonders die gesellschaftlich vermittelten geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen an Männer und Frauen zu beachten. So wird von Jungen erwartet, ein „richtiger Mann“ zu werden- dazu gehört der Leistungsgedanke, Stärke zu zeigen oder der Durchsetzungswille. Andere „unmännliche“ Verhaltensweisen wie Gefühle zu zeigen oder einfühlsam zu sein, werden oft als weiche, mädchenhafte Seiten beschrieben. Da Jungen also bestimmte Verhaltensweisen zugeschrieben werden, werden andere blockiert. So kann es diesen schwer fallen, sich jemandem anzuvertrauen oder Gefühle zu zeigen, was ja besonders im Coming Out Prozess eine wichtige Rolle spielt. Gesellschaftlich gesehen werden Schwule nun meist als „Tunten“, also als weibliche, weiche und sensible Männer bezeichnet. Entdeckt nun ein Junge homosexuelle Gefühle, kann er Angst haben, damit gegen die gesellschaftliche Erwartung eines starken, heterosexuellen Mannes zu verstoßen. (vgl. BzgA (Hrsg.)
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2004,14)
Die Rollenzuschreibungen für Frauen in einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft können beschrieben werden mit gefühlvoll, sensibel, attraktiv und weich. Auch in unserer modernen Gesellschaft sind die Rollenerwartungen oft noch durch familiäre Aufgaben bestimmt. Auf lesbische Frauen werden nun durch die Gesellschaft die Attribute hart, unerotisch und männlich angewendet, wobei diese wiederum, gesellschaftlich gesehen, aus ihrer typischen Frauenrolle fallen (vgl. BzgA (Hrsg.) 2004,15; Kolbe 1989, 23-25). Zusammenfassend kann man also sagen, dass bezogen auf die Geschlechtszugehörigkeit homosexuelle Jugendliche meist mit festgelegten Rollenzuschreibungen durch die Gesellschaft zu kämpfen haben. Die der Homosexualität zugeschriebenen Vorurteile und Stigmata widersprechen den vorgegeben Bildern von männlich und weiblich. Auf Jugendliche kann dies die Auswirkung haben, dass sie homosexuelle Gefühle verheimlichen oder verdrängen, um nicht aus ihrer zugeschriebenen Rolle zu fallen und mit Vorurteilen belastet zu werden. Interessant ist dabei auch, dass Jugendliche oft die Vorurteile der Gesellschaft übernehmen und so auch in den Reihen der Homosexuellen oft eine Abneigung zu so genannten „Tunten“ oder „Mannsweibern“ besteht. Zur Bildung einer homosexuellen Identität ist nun die Überwindung von solchen Rollenklischees von typisch männlich und typisch weiblich wichtig, was für die meisten Jugendlichen in einer heterosexuell geprägten Umwelt aber eine besondere Schwierigkeit darstellt.
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3. Türkische homosexuelle Jugendliche in Deutschland
3.1. Geschichtliche Entwicklung und Situationsanalyse
Der geschichtliche Hintergrund zur Migrationsbewegung zwischen der Türkei und Deutschland nimmt seinen Anfang hauptsächlich in den sechziger Jahren. Wegen steigendem Wirtschaftswachstum wurden mit rund 500.000 offenen Arbeitsstellen Arbeitskräfte in der BRD dringend benötigt. So entstand 1961 das deutsch- türkische Anwerbeabkommen, in dessen Zuge bis zum Anwerbestopp im Jahre 1973, 740.000 Arbeitskräfte aus der Türkei nach Deutschland kamen. Diese stammten meist aus den ländlichen Gebieten der Türkei in Zentral- und Ostanatolien und hofften aufgrund der dortigen wirtschaftlichen Repression auf einen guten Arbeitsplatz in Deutschland. In den sechziger und siebziger Jahren bestanden die Zuwanderer meist aus Männern, die Mitte der siebziger und in den achtziger Jahren ihre Familien nach Deutschland nachholten. (vgl. Bochow 2004, 168-170)
Die meisten der heutigen türkischen oder türkei- stämmigen Jugendlichen sind also die 2., 3. oder 4. Generation von ursprünglich Zugewanderten. Zu beachten ist dabei auch, dass die eingewanderten Familien aus ländlichen Gebieten kommen und so der Bildungsstand meist sehr gering, und die Mentalität sehr traditionell und durch die Islamische Kultur geprägt ist.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes stellt die Gruppe der TürkInnen heute mit 26 % und ca. 1,8 Millionen gemeldeten EinwohnerInnen die größte ausländische Bevölkerungsgruppe in Deutschland dar.
(vgl. http://www.destatis.de/presse/deutsch/pm2006/p1340025.htm , verfügbar am 15.8.06).
In Bezug auf türkische homosexuelle Jugendliche lassen sich sehr schwer zahlenmäßige Schätzungen machen. Da bisher in Deutschland ausreichende statistische Untersuchungen zum Thema Homosexualität fehlen und mit dem Thema oft, wie noch darzustellen ist, besonders in türkischen Zusammenhängen nicht sehr offen umgegangen wird, kann nur aufgrund des großen Zulaufes von Beratungsstellen, Organisationen, Internetcommunities oder Parties speziell für homosexuelle TürkInnen und bisherigen Untersuchungen über prozentualen Anteile von Homosexuellen in verschiedenen Gesellschaften, auf eine nicht zu ignorierende Anzahl von homosexuellen türkischen Jugendlichen in Deutschland geschlossen werden.
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3.2. Psycho- Soziale Aspekte
3.2.1. Sozialisation, Identität und Coming Out im Vergleich zu deutschen
Jugendlichen
Im Folgenden sollen nun die Sozialisationsbedingungen dargestellt werden, unter denen sich türkische Jugendliche in Deutschland entwickeln. Da im zweiten Kapitel schon die Sozialisation von homosexuellen Jugendlichen im Allgemeinen beschreiben wurde, wird hier zunächst einmal auf Entwicklungshintergründe von türkischen Jugendlichen eingegangen. Diese werden zum Schluss mit der sexuellen Orientierung der Homosexualität in Verbindung gebracht. Dabei werden kulturelle Voraussetzungen anfangs nur angerissen, im Detail werden diese schließlich im 4. Kapitel dieser Arbeit betrachtet.
Um die Sozialisationsbedingungen von türkischen Jugendlichen darzustellen, ist es hilfreich, die unter anderem von Kelek beschriebene Modernitätsdifferenz und Kulturdifferenz-Hypothese darzustellen.
Die Modernitätsdifferenz beschreibt die deutsche sowie die türkische Gesellschaft als zwei unterschiedliche Systeme. So ist die deutsche, als westliche Gesellschaft, geprägt von Individualisierungs- und Modernisierungsprozessen. Individualisierung bedeutet nach Beck das Loslösen von traditionellen Bindungen und Sozialformen und damit den gleichzeitigen Verlust von traditionellen Sicherheiten wie Handlungsentscheidungen, Werte und Normen. Da der Mensch aber bestimmte Strukturen braucht, folgt die Re-Integration, also eine neue Art von sozialer Einbindung. (Beck 1986, 206)
Durch Individualisierungsprozesse lösen sich also traditionelle Bindungen auf und der/ die Einzelne bekommt in Bezug auf Zukunftschancen, Lebenswege, Geschlechterrollen, etc. die Chance und auch den Zwang, eigene Entscheidungen zu treffen und einen nicht vorgefertigten Weg einzuschlagen.
Die Familien von türkischen Jugendlichen haben dahin gegen meist eine traditionell geprägte Gesellschaftsform als Hintergrund. In der türkisch-islamischen Gesellschaft ist der Lebensweg von Jugendlichen oft festgelegt. Besonders wichtig sind hierbei Stichworte wie streng festgesetzte Geschlechterrollen oder die Wichtigkeit der Ehe. In der türkischen Gesellschaft stehen kollektive Strukturen im Vordergrund, die Familie spielt hier eine sehr wichtige Rolle. Familiäre Bindungen sowie die Kontrollfunktion durch die Familie können stark ausgeprägt sein. Anders als in westlichen Gesellschaften, zählt in der islamischer Kultur also die Gemeinschaft, der Mensch wird primär als Sozialwesen betrachtet. Ein(e) Jugendliche(r), der/ die nun in einer von traditionell geprägten Familie aufwächst, trifft nun aber trotzdem in seinem/ ihrem Alltagsleben auf moderne und individualisierte Verhaltensweisen. Der/die Jugendliche wird eventuell damit konfrontiert, eigene
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Entscheidungen treffen zu müssen, wobei auch die Identitätsfindung als persönlicher Prozess, verbunden mit individuellen Entwicklungswegen gesehen wird. Die Werte der Familie können dabei im Widerspruch zu der modernen deutschen Kultur stehen. Türkische Jugendliche müssen es nun also schaffen, zwischen eventuell widersprüchlichen Werten und Rollenerwartungen und im Übergang zwischen traditionellen und modernen Gesellschaften die eigene, persönliche Identität zu entwickeln.
Mit unterschiedlichen Werten und Normerwartungen ist bereits schon die Kulturdifferenz beschrieben. Kultur zeichnet sich dabei nach Malinowki als ein komplexes System von Glaubensvorstellungen, Sitten, Bräuche, Rechten, etc. aus. Sieht man türkische Familien als Repräsentanten türkischer Herkunftskultur (was auch schon daran erkennbar ist, dass in 80% der Familien türkisch gesprochen wird), muss man also auch eine Unterschiedlichkeit in Handlungs- und Verhaltensnormen, wie z.B. der Kindererziehung, Geschlechterrollen und Vorstellungen von Ehe und Partnerschaft benennen. (vgl. Kelek 2002, 20- 37)
Eine besonders große Rolle spielt dabei, wie in Kapitel 4 noch genauer beschrieben werden soll, die muslimische Kultur. So hängen Wert- und Menschenbilder in der türkischen Gesellschaft oft mit religiösen Ursprüngen zusammen. So spielt z.B. eine Islamgerechte Erziehung der Kinder traditionell eine große Rolle, da nach dem Koran die religiöse Erziehung der Kinder Aufgabe der Eltern ist. Beim Aspekt der Religion ist außerdem zu beachten, dass die erste Einwanderergeneration meist alle soziale Bindungen und alles Vertraute hinter sich gelassen hat und nun in einer fremden Kultur zurechtkommen muss. Religion und Orientierung an islamischen Werten können hierbei als Identitätshalt fungieren, um die Herkunftskultur zu bewahren. (vgl. Buchow 2003, 135; Tietze 2003, 88; Kelek 2002, 84)
Die enge Verbindung zum Islam hat nun also die Folge, dass in türkischen Familien oft traditionelle, vom Islam beeinflusste, Werte gelebt werden. Dazu gehört z.B. auch der Umgang mit der Sexualität. In türkischen Zusammenhängen wird oft nicht über diese und damit zusammenhängende Wünsche und Bedürfnisse geredet. Die sexuelle Sprachlosigkeit kann dabei in Verbindung mit einem vorgegeben Weg stehen, der für Mädchen meist Jungfräulichkeit und für Jungen und Mädchen eine frühe Heirat bedeutet. (vgl. Niedersächsisches Sozialministerium (Hrsg.) 1992, 27)
Bezogen auf Identitäts- und Sozialisationsprozesse bedeutet diese kulturelle Differenz nun also, dass die Jugendlichen durch unterschiedliche Gegebenheiten zwischen Herkunftsland und Mehrheitsgesellschaft geprägt sein können. Eine Identitätsentwicklung findet also zwischen divergierenden Normsystemen statt. Die Jugendlichen haben die Werte der Herkunftsfamilie internalisiert, treffen aber in Schule und Freizeit oft auf andere
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Arbeit zitieren:
Gabi Szlatki, 2006, Türkische homosexuelle Jugendliche in Deutschland - Eine Untersuchung zur psychosozialen und gesamtgesellschaftlichen Situation von türkischen und türkeistämmigen Jugendlichen in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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