Inhaltsverzeichnis Seite
1. Einleitung 1
2. Historische Fallstudie: Adelheid Popp 1
a. Kindheit 1
b. Verhältnis zu Mutter und Vater 5
c. Politischer Werdegang 6
d. Politische Ziele 7
3. Einordnung in die politische Lage / Frauenemanzipation 10
im Deutschen Reich und Österreich
4. Autobiographien und ihre Besonderheiten 14
5. Schluss 15
6. Bibliographie 16
7. Anhang 17
II
1. Einleitung
Adelheid Popp (gebürtig: Dworak) wurde am 11. Februar 1869 in Inzersdorf bei Wien geboren. Sie war eine sehr engagierte Persönlichkeit in der Politik zur Jahrhundertwende. In der sich entwickelnden Frauenbewegung nahm sie in Österreich eine Schlüsselrolle ein und zeigte mit ihrer unerschütterlichen Hingabe zur Politik, dass Wandel mit großer Kraft und viel Mut möglich war. Aus schlechten finanziellen Verhältnissen einer Arbeiterfamilie stammend, erreichte sie ihr Ziel der Gleichberechtigung proletarischer Frauen ohne dafür auf fremde Hilfe zu setzen, sondern allein durch die enorme Eigeninitiative. 1909, im Alter von 40 Jahren veröffentlichte sie anonym ihre Autobiographie „Die Jugendgeschichte einer Arbeiterin“. Diese erreichte eine hohe Auflagenzahl aufgrund des regen Interesses vor allem in der Arbeiterschaft.
Ab 1934 lebte sie aus gesundheitlichen Gründen zurückgezogen in Wien und starb am 7. März 1939 an einem Schlaganfall.
In dieser Hausarbeit soll nun ihr Leben näher beleuchtet werden; zunächst ist es wichtig, ihre Herkunfts- bzw. Kindheitsgeschichte zu besehen (Punkt 2.1), welche durch das Verhältnis zu ihrem Vater und vor allem zu ihrer Mutter belastet war (Punkt 2.2). Der Großteil ihrer Autobiographie ist jedoch ihrer Lebensaufgabe, der Politik, gewidmet. Ihr steiler Aufstieg (Punkt 2.3) und eine klare Vorstellung ihres Programms (Punkt 2.4) waren charakteristisch für Adelheid Popps Wesen. Zusätzlich ist die Einordnung in die Gesamtpolitische Lage in Österreich und im Deutschen Reich sinnvoll (Punkt 3), da nur auf diese Weise auch Popps Arbeit bewertet werden kann.
Abschließend werden Autobiographien im Allgemeinen betrachtet (Punkt 4), wodurch die Besonderheit von Popps Biographie verdeutlicht wird. Allein im Zusammenhang erkennt man die „Popp-spezifischen“ Merkmale, welche den Verkauf jenes Buches in die Höhe schießen ließen.
1
2. Historische Fallstudie: Adelheid Popp
2.1 Kindheit
Zunächst sei zu Adelheid Popps Kindheit angemerkt, dass sie als 15. Kind in einer Weberfamilie aufwächst. Dies ist an sich kein ungewöhnlicher Zustand gewesen, da Kinder in Landbetrieben und bei Landarbeiterfamilien - anders als bei Industriearbeitern, wo sie primär Kosten darstellten - die Produktionsfähigkeit und die Überlebensmöglichkeit der Eltern sicherten. 1 Ebenso wenig ungewöhnlich ist, dass sievermutlich aufgrund der familiären Notlage - wenig Liebe, die vom Elternhaus ausgeht, erfährt. Ihre Kindheit wird nur kurz in ihrer Autobiographie behandelt und der Leser merkt, dass sie verständlicherweise ungern über diesen Lebensabschnitt berichtet. So schreibt sie:
„Ich stehe den Erinnerungen an meine Kindheit mit anderen Gefühlen gegenüber. Kein Lichtstrahl, kein Sonnenstrahl, nichts vom behaglichen Heim, wo mütterliche Liebe und Sorgfalt meine Kindheit geleitet hätte, ist mir bewußt.“ 2
Als sie sechs Jahre alt ist, stirbt ihr Vater aufgrund eines Krebsleidens. Dieser war ein schwerer Trinker und hatte an seinen Kindern kein wirkliches Interesse, weshalb sich auch zu Adelheid keinesfalls eine Beziehung aufbauen lässt. Den Tag seiner Beerdingung kommentiert sie recht herzlos mit folgenden Worten: „Ich empfand keine Betrübnis, ja, als ich die von einer wohlhabenden Familie geliehenen Trauerkleider mit Hut und Schleier trug, empfand ich weit eher ein Gefühl der Genugtuung, auch einmal so schön angezogen zu sein.“ 3 Von einer Trauer oder Niedergeschlagenheit ist in diesen Worten nichts zu entdecken. Allein die Tatsache, dass die Mutter nun die alleinige Obhut über die Familie hat, und somit diese in stärkere finanzielle Nöte stürzt, besorgt sie. Als auch der ältere Bruder durch einen Unfall erwerbsunfähig wird und als Miternährer ausfällt, schickt die Mutter sie zu einer wohltätigen Herzogin aus dem Nachbarsdorf. Diese Begegnung beeindruckt Adelheid überaus; sie zeigt eine große Bewunderung über das Schloss, welches „eine breite prächtige Treppe“ 4 besitzt und „grüne Gewächse
1 Vgl. Bajohr 1984, S.50.
2 Popp 1977, S.25.
3 Popp 1977, S.27.
4 Popp 1977, S.31.
2
schmückten“ 5 . Auch die Güte der Herzogin wird von der sechsjährigen Adelheid begeistert berichtet. Diese Empfindungen scheinen sich in ihrem späteren Lebegang zu verändern, da sie, motiviert durch die sozialistische Ideologie, den Wohlhabenden keine guten Charaktereigenschaften zusprechen kann.
Von 1876 bis 1879 besucht sie die Volksschule, von der sie eher ungern und wenn, dann negativ berichtet. Die Schule bedeutete für Proletarierkinder oft Demütigung durch andere, die besser gestellt waren:
„In einer Zeit, wo es nicht als selbstverständliche Pflicht der Gesamtheit betrachtet wird, die Kinder, die ihren Eintritt in die Schule vollziehen, mit allem auszustatten, was in diesem neuen Abschnitt des Lebens erforderlich, ist es unvermeidlich, daß die Anschaffung der Lehrbücher für Eltern und Kinder eine Quelle neuer Sorgen sind. So ein Lesebuch mag auch nur einen kleinen Betrag kosten, für die arme Familie ist er doch oft unerschwinglich.“ 6
Das Zeugnis eines anderen Arbeiterkindes gibt ähnliches wider:
„Ich habe als Kind viel entbehren müssen. … Und wenn ich ein Heft brauchte, brauchte ich zehn Pfennig: >>Ich habe kein Geld, sag’ das deiner Lehrerin. Die soll dir Hefte frei geben.<<
(…) Ich mußte immer kämpfen um ein Heft. Das ist nicht so einfach gewesen. (…) Da hatten (meine Eltern) auch mal ein Gesuch gemacht, damit ich freie Lernmittel kriegte. Ich sollte sagen: >>Meine Mutter muß erst Kinder versorgen, ehe sie Lehrmittel kaufen kann.<< Und ich habe das prompt der Lehrerin erzählt! Und da hat sie gesagt: >>Dann soll deine Mutter sich nicht so viele Kinder anschaffen.<<“ 7
Dass sich die Kinder damit abfinden mussten, von oben herab behandelt zu werden, kann Adelheid nicht akzeptieren.
So erzählt sie beispielsweise eine Anekdote, in der ihr auf dem halbstündigen Schulweg ein Lehrbuch in einem Sturm abhanden kommt. Dieser Unfall wird von der Lehrerin missbilligt; von dem Tag an kann Adelheid ihr, nach eigenen Aussagen, nichts mehr recht machen. Dieses Verhalten verurteilt sie folgendermaßen: „Die Lehrerin, die ich bis dahin als Ideal verehrt hatte, mußte wohl sehr beschränkten Verstandes gewesen sein und konnte vom sozialen Elend keinen Begriff gehabt haben, sonst hätte sie unmöglich so ungerecht sein können.“ 8
1879, mit nur zehn Jahren, muss sie die Schule nach dreijährigem Besuch verlassen und wird von der Mutter gedrängt, Arbeit zu suchen. Die Familie zieht in die Stadt und Adelheid beginnt in einer Werkstätte zu arbeiten, wo sie Tücher häkeln lernt. In dieser Zeit
5 Popp 1977, S.31.
6 Popp 1977, S.107.
7 Bajohr 1984, S.140.
8 Popp 1977, S.109.
3
vergleicht sie sich mit wohlhabenden Kindern, die eine glücklichere Kindheit erleben durften, und reflektiert ihre damalige Uneinsicht: „Damals nahm ich mein Los als etwas Selbstverständliches hin, … . In späteren Jahren überkam mich oft ein Gefühl grenzenloser Erbitterung, daß ich gar nichts, so gar nichts von Kinderfreuden und Jugendglück genossen hatte.“ 9
In früher Jugend schon zeichnet sich das rege Interesse am Lesen bei ihr ab, mit dem sie sich in eine Traumwelt zaubern kann: „Ich las gerne. … Ich lebte wie in einem Taumel. Heft um Heft verschlang ich; ich war der Wirklichkeit entrückt und identifizierte mich mit den Heldinnen meiner Bücher.“ 10
Die ewige Suche nach neuer Arbeit stellt eine große Überwindung in ihrer Jugend dar. Dieses Abhängigkeitsgefühl empfindet sie als nicht würdevollen Lebensinhalt, so kommentiert sie:
„Das war das schwerste. Immer die stereotype Frage: „Bitt schön, ich möchte Arbeit.“ Auch dieses demütigende Gefühl empfinde ich noch heute mit aller Lebendigkeit, wie ich es damals bei meiner ängstlichen und doch erwartungsvollen Bitte nach Arbeit empfand.“ 11
Mit dreizehn Jahren erkrankt sie aufgrund der schweren körperlichen Belastung und wird ins Spital eingeliefert, wo sie „die beste Zeit, die ich bis dahin verlebt hatte“ 12 , genießt. Nachdem diagnostiziert wird, dass sie unheilbar an Schwindelanfällen erkrankt sei, wird sie ins Armenhaus überwiesen. Da Adelheid auch dort nicht bleiben kann, muss sie ihrer Mutter um Hilfe schreiben, um nicht nach Böhmen „abgeschoben“ zu werden. Diesen Prozess schildert sie mit einer nachträglichen Bitterkeit: „Ich begann auch über das Verbrecherische der bureaukratischen Schablone nachzudenken, die mich, ein Kind, ein von frühester Kindheit an durch Arbeit und Hunger um alle Kinderfreuden gebrachtes Geschöpf, in ein Haus für Greise und Sieche steckte und die mich, wenn nicht wenigstens ein denkender Beamter dagewesen wäre, einem ungewissen, aber sicher für viele Jahre fürchterliche Schicksale überliefert hätte.“ 13
Ab 1883 ist sie als Arbeiterin in einer Fabrik angestellt. In diesem Umfeld wird der Grundstein für ihr späteres politisches Engagement gelegt (Punkt 4). Im Alter von 17 Jahren beschließt Adelheid Popp, sich firmen zu lassen, da „nach meiner Anschauung eine richtige Katholikin [das Sakrament] empfangen haben [musste], ehe sie
9 Popp 1977, S.35.
10 Popp 1977, S.37.
11 Popp 1977, S.39.
12 Popp 1977, S.42.
13 Popp 1977, S.45.
4
Arbeit zitieren:
Nora Hellmold, 2006, Historische Fallstudie: Adelheid Popp, München, GRIN Verlag GmbH
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