Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Das Konzept des flaneur 1
2.1 Das Spazierengehen als “Wissenschaft“ 1
2.2 Der Aufstieg des flaneurs in der Literatur 3
3. Ramón de Mesonero Romanos: „Paseo por las calles“ 4
3.1 Der beschreibende flaneur bei Tag 5
3.1.1 Der Entdeckungsgang des flaneurs 5
3.1.2 Die Fokalisierung 6
3.2 Der beobachtende flaneur bei Nacht 7
3.2.1 Der zweite, emotionale Entdeckungsgang 7
3.2.2 Madrid im wiederholten Vergleich zu anderen Großstädten 8
3.3 Ergebnisse der Analyse 9
4. Mesonero Romanos und Madrid 10
5. Fazit 10
6. Bibliographie 12
I I
1. Einleitung
Es gibt eine große Anzahl an Großstadtdarstellungen in der spanischen Literatur des 19.Jahrhunderts, wobei sich einige Autoren besonders stark der Darstellung Madrids gewidmet haben. Als wohl nationalistischsten, begeistertsten unter den bekannten Autoren ist Ramón de Mesonero Romanos zu nennen, welcher seine ganze Hingabe zum Schreiben auf diese Stadt bezog.
Mesonero Romanos gilt als großer Vertreter des costumbrismo, einer spanischen Literaturgattung, die sich mit den Sitten und Menschen des Landes, über das berichtet wurde, auseinandersetzte. Dabei wollten die Autoren didaktisch vorgehen, genauer gesagt auf satirische, humoristische und auf die Unterhaltung der Leser abzielende Art und Weise belehren und über die Zustände aufklären. Für Mesonero Romanos ist dabei der fragmentarische Charakter in seinen Artikeln typisch, der sich durch Umstellungen, Einschübe und Ausrufe im Satz ergibt. Auf dieses Phänomen wird jedoch in der Analyse seines Aufsatzes „Paseo por las calles“ im zweiten Teil näher eingegangen.
Der charakteristische Stil dieses Artikels wird mithilfe eines scheinbar unwissenden flaneurs erreicht, welcher somit gleich dem Leser die Stadt erkundet. Um diese Funktion jedoch näher untersuchen zu können, muss zunächst seine Begrifflichkeit und Begriffsentwicklung erläutert werden.
2. Das Konzept des flaneurs
2.1 Das Spazierengehen als “Wissenschaft“
Das Konzept des flaneurs erfreute sich Anfang des 19. Jahrhunderts großer Beliebtheit unter vielen Schriftstellern und Gelehrten im westeuropäischen Raum. In jener Zeit entwickelte sich unter ihnen die Einstellung, dass der Autor durch das reine Sitzen im Raum oder - weiter eingegrenzt - am Schreibtisch keinen Einblick in die Welt, die ihn umgibt, erlangen könne. Unter dem Motto „Die Räume bestimmen denjenigen, der sich durch sie bewegt“ entwarf Karl Gottlob Schelle 1802 die Theorie des Spaziergangs. Laut Schelle vereinigt der Spaziergang die „Tätigkeit des
1
Körpers und die Sinnlichkeit der Eindrücke mit der Aktivität des Geistes“ 1 . Somit würden sich alle Fähigkeiten, die der Menschen besitzt, um sich auszudrücken, erst durch den Spaziergang frei entfalten. Schelle resümierte seine Theorie mit dem Satz: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spazieren geht.“ 2 Auch das „da“, sprich den Raum, den er betritt, ließ sich von Schelle eindeutig bestimmen: der Spaziergänger sollte sich bei seinen Ausflügen um die Stadt herum begeben, da er dort sowohl die Gesellschaft der Menschen in Form von anderen Spaziergängern habe, als auch die Natur in Form von der Landschaft unmittelbar um sich herum genießen könne. 3
Aufgrund dieser räumlichen Spezifikation teilte Schelle drei Typen ein:
Das Spazierengehen im Allgemeinen wurde im 19. Jahrhundert immer gesellschaftsfähiger. So war es beispielsweise bei einer Reise ein wichtiger Bestandteil im Bildungsbürgertum. Bei dieser Aktivität aber musste der Geist gelöst von ablenkenden oder behindernden Gedanken sein, da er sich sonst nicht frei einfalten könne. Auch das Treffen von Bekannten sollte möglichst verhindert werden, da sonst der persönliche Eindruck von der Umgebung verändert werden könne, d.h., die „Begegnung lenkt von der Bewegung ab“, so Schelle. 5 Das Flanieren kann definiert werden als ein vom Zufall bestimmtes Gehen, das richtungs- und ziellos ist und keinerlei Zeitdruck untersteht. Dies ist beim Spazierengehen nicht anders, dennoch kann man eindeutig zwischen beiden Aktivitäten differenzieren. Der wichtigste Unterschied zwischen dem Flanieren und dem
1 Harald Neumeyer: Der Flaneur. Konzeptionen der Moderne,Würzburg: Königshausen & Neumann, 1999, S. 9.
2 Neumeyer: Der Flaneur, S. 9.
3 Vgl. Neumeyer: Der Flaneur, S. 10.
4 Vgl. Neumeyer: Der Flaneur, S. 10.
5 Vgl. Neumeyer: Der Flaneur, S. 11.
2
Spazierengehen besteht, wie schon erwähnt, im Raum, der begangen wird. Zudem behindern den Spaziergänger - außer eventuellen anderen Spaziergängern - keine Menschen oder Dinge, wodurch er vollständig ungebunden in Bezug auf sein Umfeld ist. Der flaneur hingegen hat einen vorgegebenen Ort: die Großstadt; diese bedeutet nicht nur durch Straßen etc. vorgegebene Wege, sondern auch gleichzeitig Hindernisse in Form von Baustellen oder ähnlichem. Dem unabhängigen und gradlinigen Gehen steht also ein zickzackförmiges und ausweichendes Gehen gegenüber. 6 Schelle betont in seiner Theorie die Wichtigkeit des Spazierengehens gegenüber Spazierritten oder -fahrten, weil sich nur bei ersterem der Betrachter die Zeit selbst einteilen kann, stehen bleiben kann wann und so lange er möchte. Im Gegensatz zu den anderen Optionen, bei denen der Betrachter gleichzeitig andere Aufgaben erledigen muss und dabei, z.B. durch eine bestimmte Regelbachtung, abgelenkt wird. Diese „völlige Freiheit des Spaziergängers“ 7 stellt Schelle durch die veränderten Bedingungen bei dem flaneur in Frage; als solche sah er z.B. die Natur in der Stadt durch den Menschen ersetzt, die Ruhe durch die ständige städtische Bewegung oder die Sonne durch modernes Kunstlicht 8 . 9
2.2 Der Aufstieg des flaneurs in der Literatur
Ab den 1820er Jahren konnten Tageszeitungen durch technische Verbesserungen im Druckverfahren günstiger von ihren Lesern abonniert werden. Um die Zeitung auch ohne ihre Abonnenten finanzieren zu können und damit eine finanzielle Unabhängigkeit zu erlangen, bot als erster der Pariser Verleger Emile Girardin in „La Presse“ unbekannten und bekannten Autoren die Möglichkeit, gegen ein Entgelt zu inserieren. Dieses Angebot nutzten viele Schriftsteller und veröffentlichten ihre Artikel in der Sparte des „Feuilleton“. Die Beiträge zum Pariser Leben erlangten ein besonderes Interesse in der städtischen Bevölkerung. Um die Stadt in ihren Arbeiten einfangen zu
6 Vgl. Neumeyer: Der Flaneur, S. 11-12.
7 Neumeyer: Der Flaneur, S. 13.
8 Das Kunstlicht in der Stadt bezieht sich auf die Neuentstehung der Passagen in einigen Großstädten des beginnenden 19. Jahrhunderts (besonders in Paris), die sich immer größerer Beliebtheit erfreuten und damit zum häufigen Beobachtungsziel der flaneure wurden. Ohne die Passagen hätte sich die Flanerie vermutlich nicht entwickeln können, da besonders dort die Menschen zusammentrafen und das „Schaufensterbummeln“ zum wichtigen Schreibinhalt der Autoren wurde.
9 Vgl. Neumeyer: Der Flaneur, S. 12-13.
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Arbeit zitieren:
Nora Hellmold, 2006, Das Bild des Flaneur in Mesonero Romanos "Paseo por las calles", München, GRIN Verlag GmbH
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