Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Forschungsstand 3
3. Opfer und Täter - Ein biographischer Abriss 4
3.1 Biographie von August Friedrich Ferdinand von Kotzebue 4
3.2 Biographie von Carl Ludwig Sand - Kindheit und Jugend 10
4. Ausprägung der politischen Ansichten Sands während des Studiums in Tübingen
und Erlangen 13
4.1 Die Stimmung an der Universität Jena und deren Einfluss auf Sand. 14
4.2 Exkurs: Das Wartburgfest von 1817 16
5. Motivation und Vorbereitung des Attentats 21
5.1 Die Ausführung des Attentats 24
5.2 Sands Gesundheitszustand nach dem Attentat bis zur Hinrichtung. 28
5.3. Reaktionen der Bevölkerung auf die Tat. 31
5.4 Auswirkungen und Folgen - Karlsbader Beschlüsse. 33
5.4.1 Exkurs: Die Literatur des Vormärz am Beispiel Georg Büchners:
„Der Hessische Landbote“ 34
6. Zusammenfassung. 38
7. Quellen- und Literaturverzeichnis. 42
7.1 Gedruckte Quellen. 42
7.2 Literatur. 42
7.3 Aufsätze. 44
7.4 Nachschlagewerke. 44
7.5 Internetquellen. 45
II
1. Einleitung
Carl Ludwig Sand verletzte am 23. März 1819 in Mannheim den russischen Staatsrat und deutschen Lustspiel-Dichter August Friedrich Ferdinand von Kotzebue als „Verräter des Vaterlandes“ mit mehreren Dolchstößen tödlich. Damit war der erste politische Mord in Deutschland verübt worden. Der Attentäter kam am 5. Oktober 1795 in Wunsiedel, einem kleinen Städtchen im Fichtelgebirge, das seit 1791 zu Preußen gehörte und 1810 an Bayern fiel, zur Welt. Warum musste August von Kotzebue nun aber sterben? Diese Hauptseminararbeit beschäftigt sich im 3. Kapitel mit den Biographien der beiden Hauptdarsteller. Aus den Biografien gehen die unterschiedlichen Lebensbedingungen und politischen Ansichten der beiden Männer hervor. Kotzebue, der als Sohn eines Legationsrates geboren wurde und sein Examen an der Universität Duisburg schrieb, der später mit leichter Hand Lustspiele, Schauspiele und Trauerspiele verfasste und dem von Goethe „[...] Ein vorzügliches, aber schluderhaftes Talent [...]“ bescheinigt wurde, hatte eine andere Klasse als sein Mörder Sand vorzuweisen. 1 Außer seinen politischen Schriften und mehrbändigen Geschichtswerken verfasste er insgesamt 73 Lustspiele, 60 Schauspiele, 15 Trauerspiele, 30 Possen, 11 Parodien und 17 Opern. Von 1828 - 1832 kamen insgesamt 44 Bände mit seinen Werken heraus, noch 1868 sammelte man in 10 Bänden seine „Ausgewählten dramatischen Werke“. 2 Aus seiner Biographie geht hervor, dass ihm Erfindungskraft und Witz keineswegs abzusprechen waren. Säuerliche Moralisten konnten sich über die Frivolität in seinen Schriften aufregen, jedoch war er keinesfalls der Verführer des deutschen Volkes, als den ihn Carl Ludwig Sand und andere Burschenschaftler angesehen hatten.
Nicht nur die Biographien der beiden Personen sollen hier näher beleuchtet werden, sondern wie auch unter Punkt 4 die Ausprägung der politischen Ansichten Sands während des Studiums in Tübingen und Erlangen. Hier wird kurz darauf eingegangen werden, wie er sich schon als junger Mensch bemühte, sich nach Anerkennung sehnte um unter seines Gleichen zu bestehen und auch herauszustechen. Ein weiterer Kern wird in 4.1 die Stimmung an der Universität Jena und deren Einfluss auf Sand sein. An dieser Stelle wird klar herausgestellt,
1 In Weimar spielte man 4-5 Mal so viele Stücke von Kotzebue, als die des Hausherrn Johann Wolfgang von
Goethe. Der Spielplan des Nationaltheaters in Berlin enthielt in den Jahren von 1804 bis 1819 insgesamt 1018
Aufführungen von Kotzebue und 82 von Goethe. In seinen ca. 230 Stücken kam Kotzebue mit wenigen, für
jeden Stand typischen Figuren aus: Wie dem sentimentalen Liebhaber, die verführte Bürgerstochter, den
treuherzigen Familienvater und den unverdorbenen Kindern.
2 In seinem Buch: Brückner, Peter: „...bewahre uns Gott in Deutschland vor irgendeiner Revolution!“. Die
Ermordung des Staatsrats von Kotzebue durch den Studenten Sand. Berlin 1975. bringt dieser je einen Auszug
aus dem „Brockhaus“. In der Ausgabe von 1894 findet man über Kotzebue zwei einhalb Seiten, in der Ausgabe
von 1967 war es dann nur noch eine einzige Seite.
1
wie Sand sich von den Burschenschaften und deren Überzeugungen lenken und leiten ließ. Nach einem Exkurs unter 4.2 zum Wartburgfest 1817 und dessen Bedeutung, wird das Hauptaugenmerk im 5. Kapitel auf die Motivation und die Vorbereitung des Attentats gelegt. Es wird deutlich herausgestellt, mit welcher Akribie sich Sand für seine Tat rüstete und welche Personen in seinem Umfeld einerseits bei den Vorbereitungen halfen und andererseits von ihm benutzt worden sind. Die Ausführung des Attentats wird gesondert unter 5.1 vorgestellt und ebenfalls ausführlich erörtert. Weiterhin wird diese Untersuchung mit bildlichen Elementen illustriert.
Die sich bei der Hinrichtung ergebenen Reaktionen der Bevölkerung auf das Attentat und der Gesundheitszustand Sands in der Gefangenschaft, erhalten den separaten Punkt 5.2, da es hinreichende und erschöpfende Literatur, wenn auch nicht immer wissenschaftlicher Natur 3 , dazu gibt. Es wird ein ausführlicher Bericht vom Tag der Hinrichtung geliefert, der ebenfalls mit Illustrationen unterlegt sein wird um sich der Tragweite der Brutalität der damaligen Zeit bewusst zu werden.
Im Abschnitt 5.3 der Arbeit werden die doch zum Teil sehr widersprüchlichen Reaktionen der Bevölkerung kurz aufgezeigt. Einerseits entbrannte ein wahrer ‚Run‘ auf Sand, obwohl er ein Mörder war. Andererseits wird belegt, dass zum Begräbnis von Kotzebue kaum Personen erschienen und die Trauerfeier abgesagt werden musste. Als Abschluss dieser Arbeit werden unter Punkt 5.4 die Auswirkungen des Attentats näher beleuchtet und die Karlsbader Beschlüsse als direkte Folge benannt, denn aus ihnen ging die erste Demagogenverfolgung hervor, die eine erheblichen Zensur, nicht nur gegen Universitäten, sondern auch gegen die Literaten der Zeit zur Folge hatte. Dieses soll dann auch durch einen Exkurs in die Literatur des Vormärz am Beispiel von Georg Büchners „Der Hessische Landbote“ unter 5.4.1 verdeutlicht werden. Büchner versuchte mit seiner Flugschrift das Volk zu einer Revolution zu bewegen und sich gegen die Fesseln der Reichen zu wehren. Endgültig abgeschlossen wird diese Arbeit mit einer ausführlichen Zusammenfassung unter Punkt 6, in dem die Frage diskutiert wird, ob es sich um ein gelungenes oder ein misslungenes Attentat des Studenten Carl Ludwig Sand handelte.
3 Siehe hierzu Wilde, Harry: Der politische Mord. Bayreuth 1962. Der Autor/ Journalist verzichtet auf die
Zitierweise einer wissenschaftlichen Arbeit. Es ist daher nur anzunehmen, dass er ebenfalls die Biographie von
Karl Alexander von Müller als Vorlage für sein Buch nutzte.
2
2. Forschungsstand
Der Deutsche Historiker Karl Alexander von Müller, geboren am 20.12.1882 in München, verstorben am 13.12.1964 in Rottach-Egern, gab 1924 in der Beckschen Verlagsbuchhandlung in München eine geradezu liebevoll zu nennende Biographie über Carl Ludwig Sand heraus. 4 Im Anhang dieses Werkes stellte von Müller in aller Kürze die wichtigsten Quellen, aus denen er geschöpft hatte, zusammen. Im Unterschied zu früheren Darstellungen, wie z. B. der von C. E. Jarcke, aus dem Jahr 1831, konnte von Müller die Vorträge der Mainzer Zentraluntersuchungskommission über Sand heranziehen, sowie sämtliche Abschriften und Auszüge aus dem Staatsarchiv in München und aus dem Generallandesarchiv in Karlsruhe. Durch die Vermittlung von Wilhelm Hausenstein war es von Müller ebenfalls möglich auch die, erstmalig 1906 in den Süddeutschen Monatsheften erschienenen „Sandschen Familienpapiere“ einzusehen. Soweit man es heute beurteilen kann, basieren auch spätere Werke von z. B. Peter Brückner, Hagen Schulze und Günther Heydemann auf den Darlegungen von Karl Alexander von Müller, auf die sich auch diese Hauptseminararbeit immer wieder berufen wird.
Außerdem waren für die Erstellung dieser Arbeit von wichtiger Bedeutung Harald Neumann mit seinem Buch: „Carl Ludwig Sand. Theologiestudent und Attentäter“, sowie auch Harry Wilde, auch wenn dieser wie zuvor beschrieben, nur bedingt nutzbar war. Zum Thema „Das Attentat auf August von Kotzebue“ gibt es eine erschöpfende Literaturlage auch dank der Burschenschaften. Diese ließen es sich nicht nehmen, durch z. B. Peter Kaupp, Aufsätze zu verfassen oder auch Dokumente zur Verfügung zu stellen. Auch das Internet bot hierzu ausreichend Material. Es konnte in dieser Arbeit z. B. für die Bereitstellung einiger Bilder genutzt werden. Trotz der hinreichenden Literaturlage ist erkennbar geworden, dass viele Autoren Karl Alexander von Müller nicht nur zitierten, sondern auch seine Gedanken als die Ihrigen verkauften.
4 Müller, Karl Alexander von: Carl Ludwig Sand. München 1924.
3
3. Opfer und Täter - Ein biographischer Abriss
Im Nachfolgenden werden die Biographien von Carl Ludwig Sand und August von Kotzebue näher beleuchtet. Es soll anhand beider sehr ausführlich dargestellten Biographien der unterschiedliche Lebensweg der beiden Personen aufgezeigt werden. Welche häuslichen Ausgangsbedingungen hatte August Friedrich Ferdinand von Kotzebue? Dieses soll eine Frage sein, die sich nach der Betrachtung der Biographie geklärt haben sollte. Auch die Biographie von Carl Ludwig Sand wird nachfolgend sehr detailliert dargestellt. Es wurde eine Unterteilung vorgenommen, da die Kindheit und Jugend sehr prägend für den späteren Attentäter waren. Es wird weiterhin eine intensive Darstellung seines Elternhauses vorgenommen und auch soll geklärt werden, welchen Einfluss die Erziehung der Mutter von Sand auf den späteren Lebensweg hatte. Gleichzeitig ist es von besonderer Relevanz, wie sich sein späterer Hauslehrer Saalfrank um ihn kümmerte. War es evtl. ein Fehler den jungen Sand so früh aus dem Elternhaus zu geben? All dies soll im ersten Teil des biographischen Abrisses von Sand dezidiert erläutert werden.
3.1 Biographie von August Friedrich Ferdinand von Kotzebue
Am 3. Mai 1761 wurde August Friedrich Ferdinand von Kotzebue in Weimar geboren. Dort besuchte er bis zu seinem sechzehnten Lebensjahr das Gymnasium. Nachdem er in Jena noch ein Jahr lang intensive Sprachstudien betrieben und das Studium der Rechtswissenschaften begonnen hatte, ging er im Jahr 1778 an die Duisburger Universität um seine Ausbildung fortzusetzen und 1780 abzuschließen. Er ließ sich als Advokat in Weimar nieder. Seinem Beruf widmete er sich ebenso wenig ernsthaft, wie er sein Studium betrieben hatte. Er übte sich lieber in schriftstellerischen Versuchen und machte nie einen Hehl aus seiner Liebe zum Theater. Bereits in Duisburg gründete er deshalb mit Studenten eine Liebhaberbühne. Im Jahre 1781 verließ er dann seine Heimatstadt Weimar und ging nach Russland.
Wie viele Ereignisse in Kotzebues Leben, so ist auch sein Eintritt in die russischen Dienste sehr umstritten gewesen. „[...] Nach authentischen Zeugnissen soll Kotzebue wegen mehrerer Verwirrungen und Ergüsse der Satyre in einen Prozess verwickelt worden sein, der seine Entfernung aus Weimar wünschenswert machte.“ 5 Kotzebue erhielt die Stelle eines
5 Bortenschlager, Wilhelm: Kotzebue als Erzähler. Phil. Diss. Wien 1935. S. 16; siehe hierzu auch: Koch, Max:
Kotzebue August Friedrich Ferdinand von. In: Ersch, J.S., Gruber, J.G.: Allgemeine Encyklopädie der
Wissenschaften der Künste in alphabetischer Folge von genannten Schriftstellern bearbeitet. Zweite Section. H-N. (Abbruch mit „Ligatur“). Leipzig 1827-89. S. 180-189. Hier: S. 181.
4
Privatsekretärs des Generalingenieurs Bawr in Petersburg, wo er ebenfalls die Direktion des deutschen Theaters übernahm. Sein Vorgesetzter starb 1783, empfahl ihn aber in seinem Testament der Zarin Katharina, die ihm eine Stelle am Gericht in Reval übertrug. Dort gründete Kotzebue 1784 erneut ein Liebhabertheater; weiterhin gab er eine Zeitschrift heraus, schrieb mehrere Erzählungen und Dramen. Im selben Jahr wurde Friederike von Essen seine erste Frau. Zum Präsidenten des Gouvernementsmagistrates der Provinz Estland wurde er 1787 ernannt und die Zarin erhob ihn anschließend in den Adelsstand. In dasselbe Jahr fiel für ihn ein einjähriger Aufenthalt in Pyrmont. Dieser Kur unterzog er sich auf Anraten seines Arztes Johann Georg Zimmermann, mit dem er sich anfreundete. Im Jahr des Ausbruchs der Französischen Revolution (1789) eröffnete Kotzebue mit „Menschenhaß und Reue“ den Reigen seiner beliebten Schauspiele, die ihn berühmt machen sollten. „Die Indianer in England“ (1790), „Die Sonnenjungfrau“ (1791), „Das Kind der Liebe“ (1791) und „Bruder Moritz, der Sonderling“ (1791) 6 festigten seinen Ruf als begabter Bühnenautor sehr schnell.
1790 brachte seine Frau in Weimar eine Tochter zur Welt und starb an den Folgen der Geburt, noch vor ihrem Tod reiste Kotzebue nach Paris um dort in der Theater- und Halbwelt 7 seine Sorgen zu vergessen. Im Jahr 1791 erschien in Leipzig der Bericht über diese Reise und seine Erlebnisse in Paris unter dem Titel: „Meine Flucht nach Paris im Wintermonath 1790, für bekannte und unbekannte Freunde geschrieben“. 1790 verfasste Kotzebue anonym sein Pamphlet „Doctor Bahrdt mit der eisernen Stirn“ 8 , eine geschmacklose Schrift zur angeblichen Verteidigung seines Hausarztes und Busenfreundes Zimmermann, die Kotzebues Ruf lange Zeit schadete. Erst 1792 bekannte er sich zu seiner Autorschaft in der Schrift: „An das Publikum“ und bat öffentlich um Verzeihung. Im selben Jahr, in dem Frankreich Republik wurde (1792), schrieb er sein Werk „Vom Adel. Bruchstücke eines grösseren historischphilosophischen Werkes über Ehre und Schande, Ruhm und Nachruhm aller Völker, aller Jahrhunderte“, das von einer sehr konservativen Gesinnung zeugte. Kotzebue kehrte ebenfalls im gleichen Jahr nach Russland zurück, wo er die zweite Ehe mit Christel Krusenstjern einging. 9 1795 schied er aus dem russischen Staatsdienst aus und lebte bis 1797 auf seinem Gut Friedenthal.
6 Vgl. Reden-Esbeck, S. Friedrich Johann Freiherr von: Deutsches Bühnen-Lexikon. Das Leben und Wirken
aller hervorragenden deutschen Bühnen-Leiter und Künstler von Beginn der Schauspielkunst bis zur
Gegenwart. Erster Band. Eichstätt und Stuttgart 1879. S. 353-355.
7 Vgl. Stock, Frithjof: Kotzebue im literarischen Leben der Goethezeit. Polemik-Kritik-Publikum. Düsseldorf
1971. S. 85.
8 Maurer, Doris: August von Kotzebue. Ursachen seines Erfolges. Konstante Elemente der unterhaltenden
Dramatik. Bonn 1979. S. 26-34. Hier: S. 26.
9 Ebenda, S. 28.
5
In dieser Zeit erschienen u. a. das Schauspiel „Armuth und Edelsinn“ (1795) und das Pamphlet „Fragmente über Recensenten - Unfug - Eine Beylage zu der Jenaer Literaturzeitung“ 10 (1797). 1798 wurde Kotzebue als Direktor an das Wiener Hoftheater berufen. Diese Stellung bereitete ihm nur Ärger und nach vielen Intrigen und Skandalen legte er sein Amt bereits 1798 11 nieder. Er wurde daraufhin Wiener Theaterdichter und berichtete 1799 seinem Publikum mit seiner Rechtfertigungsschrift „Ueber meinen Aufenthalt in Wien und meine erbetene Dienstentlassung“ über die Umstände, die zu seiner Entlassung führten. Weiterhin hielt er sich 1799 für kurze Zeit in Weimar auf und machte sich dann Anfang 1800 mit seiner Familie auf den Weg nach Russland. An der russischen Grenze wurde er verhaftet und in die sibirische Verbannung geschickt. „Der Grund der Verhaftung war nach jetzt allgemein übereinstimmender Ansicht eine politische Verdächtigung K.s; daß der Zar solchen Einflüsterungen umso leichter Gehör lieh, ist umso verständlicher, als er von vornherein einen Argwohn gegen Schriftsteller hatte.“ 12
Kotzebues folgendes Drama „Der alte Leibkutscher Peters III.“ führte dann rasch zu seiner Entlassung, denn Zar Paul, dem das Schauspiel in russischer Übersetzung vorgelegt wurde, „[...] ward von dem Stück so entzückt, daß er auf der Stelle Befehl gab, den Verf. aus seiner Verbannung zurückzuholen [...]“. 13 Der Zar schenkte Kotzebue zur Entschädigung ein Gut, ernannte ihn zum Hofrat und übertrug ihm die Leitung des Petersburger Theaters. Über sein sibirisches Abenteuer schrieb Kotzebue 1801 den romanhaften Bericht „Das merkwürdigste Jahr meines Lebens“. 14 Der Aufenthalt in Weimar in den Jahren 1801/02 blieb ihm in schlechter Erinnerung ob der Streitigkeiten mit Johann Wolfgang von Goethe wegen des Stücks „Die Deutschen Kleinstädter“. Goethe wollte bei der Bühnenbearbeitung Anspielungen auf die Gebrüder Schlegel streichen. Kotzebue war damit natürlich nicht einverstanden und sagte daraufhin die Vorstellung ab. Die Streitigkeiten mündeten in der geplatzten Geburtstagsfeier für Friedrich von Schiller die Goethe organisieren sollte. Goethe wurde beschuldigt verhindert zu haben, dass der Saal und die Büste Schillers zur Verfügung
10 Ausführlicher zu diesen Ereignissen: Vgl. Gregor, Joseph: Weltgeschichte des Theaters. Band II. Wien/ Zürich
1933. S. 511-512. Siehe hierzu ebenfalls: Devrient, Eduard: Geschichte der deutschen Schauspielkunst.
Zweiter Band. Berlin 1905. S. 10-13.
11 Gregor, S. 512.
12 Bortenschlager, S. 20.
13 Blum, R.; Herloßsohn, K; Marggraff, H. (Hrsg.): Allgemeines Theater-Lexikon oder Encyklopädie alles
Wissenswerthen für Bühnenkünstler, Dilettanten und Theaterfreunde. Neue Ausgabe. Band 5. Altenburg und
Leipzig 1846. S. 44.
14 Vgl. das Nachwort in: Promies, Wolfgang (Hrsg.): Das merkwürdigste Jahr meines Lebens. München 1965. S.
307.
6
gestellt wurden. 15 Ersichtlich wird Kotzebues Erfolg in Mannheim anhand der nachfolgenden Aufführungsverhältnisse von ihm und Schiller.
(Quelle: http://www.augustvonkotzebue.de/)
Hieraus wird ersichtlich, dass Kotzebue es verstand sein Publikum zu unterhalten und mitzureißen. Auch am Dresdner Theater konnte Kotzebue große Erfolge aufweisen. Hier stehen in einem vergleichbaren Zeitraum, 1789 bis 1813, einem Goethe-Drama 55 Aufführungen Kotzebues gegenüber. Fast 23 Prozent sämtlicher Aufführungen wurden von Kotzebue bestritten. Goethe, Lessing und Schiller kamen zusammen nur auf 4 Prozent.
(Quelle: http://www.augustvonkotzebue.de/)
15 Bortenschlager, S. 21.
7
1803 starb Kotzebues 2. Ehefrau, woraufhin er erneut zur Ablenkung nach Paris fuhr und u. a. auch Napoleon vorgestellt wurde, der 1802 Konsul geworden war. 1804 heiratete Kotzebue ein 3. Mal, diesmal eine Cousine seiner zweiten Gemahlin. Ab 1803 gab er in Berlin den „Freimüthigen“ heraus. „[...] [er, C.T.] verband sich mit Garlieb Merkel, bildete eine Partei gegen Goethe und dessen Anhänger August Wilhelm und Friedrich Schlegel und begann nun einen ebenso unverschämten als ergötzlichen Krieg gegen die Genannten in dem neu gegründeten Journal [...]“. 16
Nach der Schlacht von Jena und Auerstedt im Jahre 1806, in der Napoleon Russen und Preußen besiegte, floh Kotzebue mit seiner neuen Familie vor den Franzosen auf seine Güter nach Estland. Von Estland aus gab Kotzebue auch die gegen Napoleon agitierende Zeitung „Die Biene“ (1808/09) heraus, die fast überall in den von den Franzosen besetzten, deutschen Gebieten verboten wurde. 1811/12 setzte er dieses Blatt unter dem Namen „Die Grille“ fort. 1813, nachdem Napoleon in der Schlacht bei Leipzig geschlagen worden war, ernannte Zar Alexander Kotzebue zum Generalkonsul in Preußen. Nebenbei war er auch noch Theaterleiter in Königsberg.
Als 1814 Napoleon in die Verbannung nach Elba geschickt worden war und der Wiener Kongress begann, änderte sich auch die Stimmung in Deutschland. Besonders die studentische Jugend, die sich bis dahin zahlreich an den Freiheitskriegen beteiligt hatte, war über die Ergebnisse des Wiener Kongresses enttäuscht.
„Diese Enttäuschung war das Grunderlebnis, das zur Politisierung des Studententums führte; [...]“. 17 In den Turnerbünden und in den Burschenschaften schlossen sich die Studenten zusammen. Die Gründung der Jenaer Burschenschaft im Juni 1815 war eines der wichtigsten Ereignisse dieser Jahre. 18
Im Jahr 1816 als Karl August von Weimar seinem Land eine Verfassung gab, erhielt Kotzebue den Auftrag Berichte über deutsche und französische Literatur und Wissenschaft nach Russland zu senden. Wilhelm Bortenschlager schrieb 1935 in seiner Dissertation darüber, das Kotzebue sich dieses Amt selbst ausgesucht und es auf Vermittlung seines Vorgesetzten, des Grafen Nesselrode, erhalten hatte. „Am 20. April 1817 reiste K., dem von der russischen Regierung empfohlen worden war, ein moralisches und christliches Ziel zu verfolgen, nach Weimar ab, wohin zu kommen ihm Karl August gestattet hatte. Schon am 17. Juli sandte er den ersten Bericht, der über hundert Werke zensierte.“ 19 Dieses Amt brachte
16 Blum, R.; Herloßsohn, K.; Marggraff, M. (Hrsg.), S. 45. Vgl. ebenfalls: Maurer, Doris, S. 30.
17 Grundmann, Herbert; Gebhardt, Bruno (Hrsg.): Handbuch der deutschen Geschichte. Band 3. Stuttgart 1965.
S. 97-220. Hier: S. 109.
18 Rassow, Peter (Hrsg.): Deutsche Geschichte im Überblick. Ein Handbuch. Stuttgart 1973. S. 401-402.
19 Bortenschlager, S. 26.
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B. A. Catharina Trost, 2007, Das Attentat auf August Friedrich Ferdinand von Kotzebue , München, GRIN Verlag GmbH
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