Inhaltsverzeichnis
Vorwort Seite 3
1. Erlösende Liebe: Jüdisch-christliche Symbolik und religiöse Bildlichkeit Seite 3
2 Die Hoffnung auf eine neue Sprache - Das „schöne Buch“ Seite 5
3. Warum Ivan? Seite 8
Fazit Seite 11
Literaturverzeichnis Seite 13
- 2 -
Liebe versus die zerstörte Welt - Das „Ich“ in Ingeborg Bachmanns „Malina“
Vorwort:
In der hier vorgelegten Hausarbeit soll der Versuch unternommen werden, die Figurenkonstellation in Ingeborg Bachmanns Roman „Malina“ ein Stück weit zu entschlüsseln und Interpretationsversuche im Fokus auf die Beziehung von Ich-Erzählerin und der Figur „Ivan“ vorzunehmen. Dabei sollen der im Roman genutzte Symbolismus untersucht, die Symbiose von Sprache und Welt erläutert und ein psychologischer, an C.G. Jung orientierter Interpretationsansatz verfolgt werden.
1. Erlösende Liebe: Jüdisch-christliche Symbolik und religiöse Bildlichkeit
Im Kapitel „Glücklich mit Ivan“, aber auch in den beiden folgenden, in denen Ivan als männliche Figur immer weiter hinter der Malinas zurücktritt, leidet das Ich an der kranken Welt und erhofft sich Heilung und Erlösung durch eine absolute Liebe zu Ivan, in die die Erzählerin sich fallenlassen kann und von der sie aufgefangen wird. Im Gegensatz hierzu steht das unverbindliche Liebesverständnis Ivans, der sich stets abzugrenzen weiß und sich nie der Gefahr eines Kontrollverlustes aussetzt. Diese unterschiedlichen Selbst- und Liebesverständnisse der Beiden bewirken zusammengenommen eine zermürbende Gespanntheit der Ich-Figur, welche wiederum versucht diesen Missstand durch vermehrte Hingabe an Ivan zu beenden. In diesem Streben und der damit einhergehenden anschwellenden Erkenntnis der Aussichtslosigkeit des Vorhabens sich das ich im Laufe der Geschichte immer mehr in sich zurück, gleitet ab in Todesgedanken und Alpträume und sucht verzweifelt und letztendlich vergebens Schutz und Zuflucht bei Malina. Ivan gleicht -zumindest aus Sicht der Ich-Erzählerin- einem Erlöser, einer Art Christusfigur. Bereits die Szenerie des ersten Zusammentreffens von Ich und Ivan hat etwas stark Mystisches. Gewissermaßen im Vorübergehen wird sie auf einen Strauss Türkenbund bei einem Blumenladen aufmerksam, der „rot und siebenmal röter als rot“ ist. Der vor dem Fenster des Geschäftes stehende Ivan verfügt über eine ganz besondere Aura, die sie dazu bringt, sofort und wie selbstverständlich den weiteren Weg mit ihm zu teilen; schon eine kurze Trennung von ihm beim Besuch des Postamtes wird von ihr als „schmerzhaft“ empfunden. 1 Die literarische Ausführung Bachmanns ist nicht nur an dieser Stelle des Romans geprägt von einer jüdisch-christlichen Erlösungssymbolik. So gilt in der Bibel die Sieben neben der Drei als heilige Zahl. 2 Ein weiteres Symbol der jüdisch-christlichen Mystik ist das des Leuchters, von dem im Roman immer wieder die Rede ist. Der Leuchter steht für Ivan, der Licht in das Lebensdunkel der Ich-Erzählerin zu bringen verheißt. Dieser Leuchter ist ein kostbarer Gegenstand, lebenswichtig für die Ich-Erzählerin, und es gilt ihn somit zu schützen. Dies wird in vielen Szenarien des Romans deutlich: Ivans Kinder Béla und András toben ausgelassen in der Wohnung, die sich Malina und die Erzählerin teilen, bringen allerhand Unordnung, zerkratzen eine Langspielplatte und haben nur Unsinn im Kopf. All dies wird vom „Ich“ ruhig und gelassen, ja sogar amüsiert geduldet; „nur den Leuchter, den András jetzt in Angriff nehmen will“ 3 wird zum Schutz auf eine Vitrine gestellt.
1 Bachmann: Werke S.29, 5
2 Biedermann: Knaurs Lexikon der Symbole
3 Bachmann: Werke S.32ff
- - 1 - -
Die Symbolisierung Ivans sowie der mit ihm im „Ich“ verbundenen Hoffnungen durch das Bild des Leuchters und des Lichts vor allem deutlich in der Folge eines Dialoges zwischen der Ich Erzählerin und Malina, als sie plötzlich erschrickt über die Möglichkeit, Ivans Namen in Malinas Gegenwart ausgesprochen zu haben. Sie sagt zu sich selbst: „Malina macht Licht, Malina bringt das Wasser, die Verstörung lässt nach, die Benommenheit nimmt zu, habe ich etwas zu Malina gesagt, habe ich Ivans Namen genannt? Habe ich Leuchter gesagt?“. 4 In der Abschiedsszene des Liebespaares wird ebenfalls mit der hier angesprochenen Symbolik gespielt. Die Erzählerin weiß um die Chancenlosigkeit ihrer Liebe. Ihr Geliebter Ivan sieht seinerseits keinen Weg, mit Worten einen Schlussstrich zu ziehen. So löscht sie das Licht im Zimmer, in dem sie liegt. Ivan geht in den noch erleuchteten Korridor, schlägt die Tür zu und lässt sie im Dunkel zurück. 5 Gegen Ende des Romans, nach der Trennung von Ivan, als Malina ihre letzte Hoffnung bedeutet, zündet sie beim Frühstück mit Letzterem „den Leuchter an, der sonst nur für Ivan brennt“. 6 Kurz hierauf, nach einem weiteren Dialog in dem Malina den Sprung in der Wand -ein Bild für den Riss in der Welt der Erzählerin- bemerkt und erklärt, er wolle damit nicht leben („Ich brauche weiße Wände, schadlose Wände, ich sehe mich sonst gleich wohnen in Goyas letztem Raum“) 7 erlischt der Leuchter und somit alle Hoffnung auf eine Heilung der Lebenswelt der Erzählerin. 8 Als das „Ich“ am Ende des Romans in dem Wandspalt verschwindet, sich auflöst, räumt Malina den Leuchter endgültig beiseite, 9 und mit ihm die letzte Spur des zerstörten „Ichs“. Nimmt man die mystische Zahl Sieben („siebenmal röter als rot“, s.o.) mit dem Symbol des Leuchters zusammen, so erhält man den Hinweis auf eines der wichtigsten Symbole des Judentums, die „Menora“, die bei der Gründung Israels ins Staatswappen aufgenommen wurde. Sie ist ein siebenarmiger Leuchter, der die „Erleuchtung“ symbolisieren soll. Die sieben Arme stehen neben dem Mittelarm, der den Standpunkt des Leuchters beziehungsweise des Menschen bezeichnet, für die 6 Himmelsrichtungen (Oben, Unten, Norden, Osten, Süden, Westen). Die Zahl Sieben steht im Judentum des weitern für die Weisheit Gottes oder für alles, was mit dieser Weisheit und Gottes Schluss in Einklang steht. 10
Die rote Farbe der Blumen, durch die die Ich-Erzählerin zum Geschäft und somit auch zu Ivan hingezogen wird, steht in der traditionellen christlichen Kunst als Farbe für das Opferblut Christi. 11 Der geliebte Ivan steht in seiner Verbindung mit der Zahl Sieben und dem Leuchter für ein anderes, neues Leben, in das die Ich-Erzählerin eintauchen und den Rest der Welt mit seinen ganzen Anforderungen hinter sich lassen kann: „(…)sie können nie mehr hereinwirken in mein Leben, mit dem ich in ein anderes hineingelaufen bin, auf der Landstraßer Hauptstraße, vor diesem Blumengeschäft, dessen Namen ich noch herausfinden muß“. 12 Sie findet Ivan auch im größten Dunkel, den Weg zu seinem Haus wie von selbst bzw. einer geheimen Macht geführt, mit blindem Vertrauen und Leichtigkeit, in einem „(…) trunkenen Land, in dem bloß zwei Häuser stehen, die man auch im Dunkeln finden kann, bei Sonnen-und Mondfinsternis, und ich weiß auswendig, wie viele Schritte ich machen muß, von mir schräg zu Ivans Haus, ich könnte auch mit verbundenen Augen gehen.“). Ivan
4 Bachmann: Werke: S.197, 4ff
5 ebd. S.324
6 S.330, 1
7 ebd., 12ff
8 S.331, 5f
9 S.336, 9
10 Biedermann: Knaurs Lexikon der Symbole
11 ebd.
12 S.28, 21ff
- - 2 - -
„leuchtet“ ihr gewissermaßen den Weg durchs Dunkel, und er lässt in ihr die Hoffnung auf Heilung von der „(…) weiteren Welt(…)“, in der sie vorher “(…) immer in Panik, mit trocknem Mund mit der Würgspur am Hals(…)“ gelebt hat, aufkommen. Die Ich-Erzählerin erlebt ihre Liebesbeziehung zu Ivan anfangs als universelles Heilmittel, durch das „(…) hier in diesem Umkreis (…) der Schmerz im Abnehmen ist, zwischen der Ungargasse 6 und 9, dass die Unglücke weniger werden, der Krebs und der Tumor, das Asthma und der Infarkt, die Fieber, Infektionen und Zusammenbrüche, sogar die Kopfschmerzen und Wetterfühligkeit(…)“. Ivan, diese Universalmedizin, steht als Gegensatz zur kaputten Welt, der Welt der „universellen Prostitution“; die Erzählerin kann alles was sie zuvor belastete besser ertragen, die Menschen und die Natur, da durch Ivan alles neu wird und ein neues Wesen bekommt, da „(…) alles von der Marke Ivan ist, vom Hause Ivan“(S.30) Dieses „Liebesland“, in dem sich die Ich Erzählerin hier bewegt, scheint nicht angreifbar zu sein, da es sich als „wirkliche Kraft“ 13 der vorher erlebten, bedrohlichen Welt entgegensetzt. Es ist ein geistiger, höherer Ort, eine Utopie, eine Welt im „Ich“, die bisher keinen Ort hatte und nur als Gedanke oder Idee existierte, in dem die Zeit zum Stillstand gekommen ist und die im Empfinden der Ich-Erzählerin zum echten Topos zu werden scheint: „Seit ich diese Nummer wählen kann, nimmt mein Leben endlich keinen Verlauf mehr, ich gerate nicht mehr unter die Räder, ich komme in keine ausweglosen Schwierigkeiten, nicht mehr vorwärts und nicht vom Weg ab, da ich den Atem anhalte, die Zeit aufhalte und telefoniere und rauche und warte“. 14 Auch das schmerzhafte Erinnern an die vorige Welt soll durch Ivan abgelöst und beendet werden: „(…) den mit seinen Blicken muss Ivan erst die Bilder aus meinen Augen waschen, die vor seinem Kommen auf die Netzhaut gefallen sind, und nach vielen Reinigungen taucht dann doch wieder ein finsteres furchtbares Bild auf, beinah nicht zu löschen, und Ivan schiebt mir dann rasch ein lichtes darüber. Damit ich diesen entsetzlichen Blick verliere, von dem ich weiß wieso ich ihn bekommen habe, aber ich erinnre mich nicht, erinnre mich nicht…“. 15 Ivan hat in den Augen der Erzählerin jedoch nicht nur die Macht, sie in der Welt der „universellen Prostitution“ mit all ihren Lasten auf den Schultern zu tragen und ihr eine Oase zu sein, sondern auch die Macht, eben diese zertrümmerte Welt zu verbessern, denn „(…) weil Ivan mich zu heilen anfängt, kann es nicht mehr ganz schlimm sein auf Erden.“ 16 Die Gleichsetzung der Ivanfigur mit dem Christus-Erlöser geschieht in dem Roman an anderen Stellen noch viel direkter. „Er ist gekommen“, heißt es da in Anlehnung an den biblisch-kirchlichen Sprachgebrauch, „(…) um die ersten zerstörten Zusammenhänge wiederherzustellen und die Probleme zu erlösen, und so werde ich kein Jota von ihm abweichen(…)“. 17 Die Schwierigkeiten und traumatischen Erlebnisse, sowie die Angst vor der Zukunft werden der Ich-Erzählerin nach ihrem eigenen Empfinden also nicht durch die rationale Hilfe des Geliebten abgetragen und mit ihm gemeinsam verarbeitet, sondern dieser ganze Komplex des Weltschmerzes soll auf messianische Weise „erheilt“ werden. Die Erzählerin fühlt sich im Namen Ivans gewappnet für das Leben im Jetzt und in der Zukunft, sie sieht ihr zukünftiges Leben als eine Art von Erfolg gekröntem Kreuzzug:
Gegen die Verderbnis und das Reguläre, gegen das Leben und gegen den Tod, gegen den zufälligen Verlauf, all diese Drohungen aus dem Radio, all diese Schlagzeilen der Zeitungen, aus denen die Pest kommt, gegen die einsickernde Perfidie aus den oberen
13 Bachmann: Werke S.29, 20
14 S.30, 3ff
15 S.32,33 ff
16 S.33, 7f
17 S.32, 17ff
- - 3 - -
Und unteren Stockwerken, gegen den langsamen Fraß und gegen das Verschlungenwerden Von draußen, gegen die beleidigte Miene von Frau Breitner jeden Morgen, halte ich hier meine frühe Abendstellung und warte und rauche, immer zuversichtlicher und sicherer, und so lange und so sicher, wie es niemand gegeben ist, denn ich werde siegen in diesem 18 Zeichen.
Das Zimmer in der Wohnung der Ich Erzählerin, in dem sie mit Ivan schläft, wird als eine Art Heiligtum dargestellt, das nicht von jedem betreten werden darf und an dem auch, bspw. durch die Haushälterin Lina, nicht ordnen eingegriffen werden darf: „Auch Lina räumt hier nicht auf, denn niemand hat dieses Zimmer zu betreten, nichts ereignet sich und eignet sich dazu seziert und analysiert zu werden“. 19 Die körperliche Vereinigung ist kein anrüchiger oder beschmutzender Vorgang, sie ist ein Reinigungsprozess, ein sakrales Begängnis und Ritual. Durch dieses Ritual findet eine Läuterung der kranken Liebe in der „Welt der universellen Prostitution“ statt; Liebe und Körperlichkeit werden gereinigten Einheit die sich in der Empfindung einer Gesundung der Erzählerin zeigt: „Endlich gehe ich auch in meinem Fleisch herum, mit dem Körper der mir durch Verachtung fremd geworden ist (…) der lebendige Beweis, der faktische, der auch messbar und bezeichenbar wäre, mit den neuesten Instrumenten der Metaphysik“. 20
Wird zu Beginn ein Hohelied auf Ivan gesungen, auf ihn, der der Erzählerin die einzige Freude ist und mit dem „Injektionen von Wirklichkeit“ 21 gelingen; auf ihn den sie anbetet und er ihr „Mekka und Jerusalem“ 22 zugleich ist, so handelt es sich doch bei dieser vom „Ich“ erlebten Wirklichkeit nicht um eine die real im schlechten Heute verankert ist, sondern um eine Form der Realität, die letztendlich nicht im Jetzt ausgesprochen und damit besiegelt werden kann, auch wenn es in einem der Telefonate zwischen Ich-Erzählerin und Ivan annähernd dazu kommt. Doch das diese Ansätze des Aussprechens und Benennens dieser „neuen Welt“ der Erzählerin geschehen in einer Sprache, die von Ivan nicht verstanden werden kann, in der bangen Voraussicht, sie, die geliebte und gesunde „neue Welt“ würde sonst wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen. 23 Andere Anteile dieser Gefühle werden wiederum überhaupt nicht ausgesprochen: „Daß ich auferstanden bin/ Weil ich den Winter überlebt/ Weil ich also glücklich/ Weil ich den Stadtpark schon seh/ (…) weil Ivan erstanden ist“. 24
Die Ich-Erzählerin weiß, dass sich im Hier und Jetzt nichts von der erlösenden Liebe erfüllen wird. Aus dem Hohelied auf Ivan wird im Laufe des Romans mehr und mehr ein Klagelied, denn stand am Anfang der Geliebte als Personifikation von Christus dem Erlöser im Ganzen, so muss sie nun um dieses Bild am Leben zu erhalten nach und nach selbst zu einem Teil davon werden, der leidende Teil nämlich, der mit dem erlösenden Teil -Ivan- untrennbar verbunden ist. Aus der Liebesgeschichte ist somit eine Passionsgeschichte geworden.
In der Psychologie wird dem Christussymbol seit jeher eine besondere Wichtigkeit beigemessen. Nach C.G. Jung ist es neben der Gestalt des Buddha, vielleicht das am höchsten entwickelte und differenzierte Symbol des Selbst. 25 Christus ist also eine Art Archetypus, in dem sich Menschliches und Göttliches, und in seiner
18 Bachmann: Werke: S.32, 1ff
19 ebd. S.33, 22ff
20 ebd. S.36, 26ff
21 ebd. S.45, 21
22 ebd. S.43, 21
23 ebd. S.60
24 ebd. S.60, 26ff
25 Jung, C.G.: Bewusstes und Unbewusstes
- - 4 - -
Androgynität auch Männliches und Weibliches miteinander vereinigen. Christus ist in seinem Menschsein ganzheitlich. Dieses Ganzsein bleibt der Ich-Erzählerin verwährt und kann auch nicht durch Ivan alleine verkörpert werden.
Trotz allem ist es der Erzählerin nicht wirklich möglich, sich von der Utopie zu lösen; sie hält sie im Geiste aufrecht: „(…) aus meiner und Ivans Vereinigung kommt das Gottgewollte in die Welt: Feuervogel/ Azurrite/ Fauchende Flammen/ Jadetropfen“. 26 Doch im Heute wird es keinen Feuervogel Phoenix geben, der aus der Asche der korrumpierten kaputten Welt der „universalen Prostitution“ in neue Gefilde emporsteigt. Eine Vereinigung von Geist und Schönheit kann nicht gelingen, denn der Geist (Malina) fordert die Tötung der Schönheit (Ivan), er fordert sie symbolträchtig dreimalig: „Töte ihn, töte ihn!“ 27 , „töte sie, töte sie“ 28 und noch mal „Töte ihn! Töte ihn!“ 29 , die Forderungen stehen jeweils in der elften Zeile. So kann es letztendlich nicht zu einer neuen Weltordnung kommen, nicht zu der Erschaffung eines neuen Universums mit neuer Luft, neuer Erde, neuem Wasser und neuem Feuer („Feuervogel“, „Azurrite“, „Jadetropfen“, „Fauchende Flammen“)
2. Die Hoffnung auf eine neue Sprache - Das „schöne Buch“
Zu Beginn der Liebesbeziehung zwischen der Ich-Erzählerin und Ivan steht die Hoffnung auf eine geheilte, bessere und schönere Welt im Vordergrund. Für die Erzählerin, die als Autorin tätig ist, muss dies einhergehen mit der Hoffnung auf eine neue Sprache, denn Sprache bedeutet für sie Handwerkszeug und Spiegel ihres Inneren.
Soll also eine neue Welt entstehen, muss sich auch eine neue Sprache entwickeln; diese neue Sprache erwartet sich das „ich“ von Ivan, er soll „erneuern“: „Denn er ist gekommen, um die Konsonanten wieder fest und fasslich zu machen, um die Vokale wieder zu öffnen, damit sie voll tönen, um mir die Worte wieder über die Lippen kommen zu lassen, um die ersten zerstörten Zusammenhänge wieder herzustellen (…)“. 30 Synonym für die schlechte Sprache, die es abzulösen gilt, ist die Sprache der Zeitung, die „Mordschauplatz“ ist, aus deren Schlagzeilen „die Pest kommt“ 31 ; sie steht als Bildnis für die „Verderbnis und das Reguläre“ und „den zufälligen Verlauf“ 32 . Die Vereinigung von Erzählerin und Ivan, genauer - die Vereinigung ihrer „Namen“ 33 soll den Grundstein legen für einen sprachlichen Neubeginn, so dass beide mit den „ersten Worten dieser Welt wieder die Ehre“ geben können. 34 Die Ich-Erzählerin möchte aus diesem Grund für Ivan ein neues „schönes Buch“ schreiben; hier wird der Leser zwangsläufig an den „Apokryphen“ erinnert, den Malina -so steht es am Beginn des Romans- einstmals verfasst haben soll. Doch im Gegensatz zu diesem Apokryphen soll das neue „schöne Buch“, diese „Gute Nachricht“ die Welt verwandeln und nicht mehr oder weniger ungelesen und unbeachtet vor sich hingammeln.; wen man „dieses Buch liest, wird man sich vor Freude auf den Boden
26 Bachmann: Werke: S.104, 30ff
27 ebd. S.305, 11
28 ebd. S.315, 11
29 ebd. S.317, 11
30 ebd. S.32, 13ff
31 ebd. S.32, 4
32 ebd. S.32, 2
33 ebd. S.32, 22f
34 ebd. S.32, 23f
- - 5 - -
werfen, bloß weil man eine Seite daraus gelesen hat, man wird einen Luftsprung tun und es wird einem geholfen sein“. 35
Nachdem Ivan einige Zettel und Entwürfe bei der Erzählerin gefunden hatte, unter anderem den, auf dem das Wort „Todesarten“ zu lesen war, äußerte er den Wunsch nach diesem besonderen, „schönen Buch“: „Das gefällt mir nicht, ich habe mir schon so etwas Ähnliches gedacht, und alle Bücher, die hier herumstehen in deiner Gruft, die will doch niemand, warum gibt es nur solche Bücher, es muß auch andere geben, die müssen sein wie EXSULTATE JUBILATE (…)“. 36 Außerdem findet er: „Dieses Elend auf den Markt tragen, es noch vermehren auf der Welt, das ist doch widerlich, alle diese Bücher sind widerwärtig“. 37
Eingeschüchtert durch die Vorhaltungen Ivans steigt in der Erzählerin eine Vision über das von ihm geforderte „schöne Buch“ auf, das einen so freudig machen soll, dass man sich in die Hand beißt, „um vor Freude nicht aufschreien zu müssen“ 38 , „den Leuten auf der Strasse Konfetti hinunter“ 39 wirft und schließlich nur noch den Drang verspürt, den anderen Menschen die freudige Nachricht vorzulesen und weiterzugeben. In ihrer Vision hören ihr, der Erzählerin, die von ihrem Fenster aus an alle auf der Strasse die Geschichte verkündet, schließlich alle zu, sogar die soziophobe Kammersängerin schafft, von jetzt auf gleich 50kg leichter den Weg aus ihrem Zimmer ins Treppenhaus und beginnt zu trällern. Durch die Kundgebung wird jeder, der sie hört, mit dem Andern versöhnt.
Problematisch wird das Vorhaben der Ich-Erzählerin dadurch, dass sie im Gegensatz zu Ivan, viele, sehr viele Bücher gelesen hat, die ihr beim Erschaffen dieses Buches nicht nur unnütz sind, sondern sogar im Wege stehen. Wie verheerend das „ich“ die Wirkung der jahrelangen Universitätslektüre empfindet wird besonders plastisch in dem Interview mit dem Herrn Mühlbauer, dem Journalisten der „Wiener
Nachtausgabe“. Da ist von Büchern als Drogenersatz die Rede, 40 von Büchern, die der Ich-Erzählerin „nicht bekommen“. 41 Die Erzählerin erklärt weiter, was von den von ihr gelesenen Büchern letztendlich bei ihr „hängen geblieben“ ist: „(…) die Schocks, die nachhaltigen Ereignisse sind ein einziger Blick auf eine Seite, eine Erinnerung an fünf Worte auf Seite 27 links unten (…) Sind Worte auf einem Plakat, Nummern auf Hausschildern, Titel von Büchern, die ungekauft in einem Schaufenster zurückbleiben, eine Annonce in einer Illustrierten, im Wartezimmer bei einem Arzt entdeckt, eine Inschrift auf einem Denkmal, auf einem Grabstein, mir ins Aug gesprungen: HIER RUHT.“ 42 Wodurch entstehen diese „Schocks“ wenn nicht durch die Tatsache, dass jede Situation, die hier geschildert wird eine Konfrontation mit korrumpierter Sprache bedeutet? Die Grabinschrift „HIER RUHT“, die hier erwähnt wird, verweist auf das in den späteren Traumsequenzen immer wiederkehrende Bild des „Friedhofs der ermordeten Töchter“. Bei den Schilderungen der Friedhofsszenen im Kapitel „Der dritte Mann“ wird deutlich, wie wenig der Begriff der Ruhe mit den hier gesammelten Todesgedanken des „ich“ in Einklang zu bringen ist:
(…) für einen Augenblick stehen mit wehenden Haaren die gestorbenen Töchter auf, ihre Gesichter sind nicht auszumachen, die Haare fallen ihnen bis über die eine Hand, die rechte Hand aller Frauen ist erhoben und im Weißlicht zu sehen,
35 Bachmann: Werke: S.55, 14f
36 ebd. S.54, 11
37 ebd. S.54, 13ff
38 ebd. S.55, 16f
39 ebd. S.55, 18f
40 ebd. S.93, 27f
41 ebd. S.93, 29
42 ebd. S.94, 27ff
- - 6 - -
sie spreizen die wächsernen Hände, es fehlen die Ringe, es fehlt der Ringfinger an jeder Hand. Mein Vater läßt den See über die Ufer treten, damit nichts herauskommt, damit nichts zu sehen ist, damit die Frauen über den Gräbern ertrinken, 43 damit die Gräber ertrinken.
Für das „Ich“ ist der Gedanken an den Tod nicht mit dem Gedanken an Ruhe verbunden, sondern mit dem Gedanken an Unterdrückung, Mord ewiger Qual und Vergessenwerden. Geht man über Friedhöfe und schaut sich die Gräber und ihre Inschriften an, so wird man des Öfteren finden: „Eheleute Hans Mayer“ oder ähnliches. Hier spiegelt sich an gleichem Ort die Auflösung der Identität einer Frau wieder, sie ist verschwunden wie am Ende des Romans die Erzählerin, und mit ihr ihre Geschichte.
„Ich“ ist mit dem Wunsch Ivans nach einem „schönen Buch“ überfordert; dieses Buch kann von ihrem Geist nicht erfunden werden, denn sie ist nicht nur Ivans sondern „auch Malinas Geschöpf“. 44 Zermürbt durch die Gedankenenteignung seitens Malina auf der einen und der Ablehnung ihrer Gedanken durch Ivan auf der anderen Seite, wir die Erzählerin am Ende „ermordet“, obschon sie sich Anfangs der Unausweichlichkeit ihres Todes nicht bewusst wird. Erst später, in einem imaginierten Dialog mit Malina sagt sie:
Gibt es eine geistige Enteignung? Hat ein Enteigneter, falls es die Enteignung gibt ein Recht auf letzte Schwierigkeiten beim Denken? Lohnt es sich noch (…) Wer hat die Schrift erfunden? Was ist die Schrift? Ist sie ein Eigentum? Wer hat die Enteignung zuerst gefordert? Allons-nous á l’ Esprit? Sind wir von minderer Rasse? Gehen wir nach unten? (…) Tiere werde ich anbeten in der Nacht, mich an den heiligsten Bildern vergreifen, mich an alle Lügen halten, vertiert werde ich sein im Traum und mich 45 töten lassen, wie ein Tier.
Nachdem die Erzählerin Ivans „Abschiedsbrief“ während ihres Besuches bei den Altenwyls bekommen hat, ist ihr Vorhaben des Buchschreibens endgültig zum Scheitern verurteilt. Sie, die sich zu Beginn der Beziehung mit Ivan als Erlöste empfand, ist zum Opfer geworden, in der christlichen Symbolik zum Opferlamm. Dieser Prozess wird im Roman dadurch unterstrichen, dass sie auf ihrem Rückweg nach Hause Nietzsches „Ecce homo“ liest. Fortan werden ihre Vaterträume zur einzigen Sprache in der noch eine Äußerung möglich ist. Doch auch in den Träumen selbst geht ihr die Sprachfähigkeit nach und nach verloren. Während sie sich dort ständig gegen die eigene Auslöschung wehrt, dringen häufig nur Wortfetzen aus ihr hervor: „Ich kann ja nichts sagen, weil ich weg von meinem Vater und über die Marmormauer muß, aber in einer anderen Sprache sage ich: Ne! Ne! Ne! Und in vielen Sprachen: No! No! Non! Njet! Njet! No! Nèm! Nèm! Denn auch in unserer Sprache kann ich nur nein sagen, sonst finde ich kein Wort mehr in einer Sprache“. 46 Und auch im Traum scheitert dann der letzte Versuch das „schöne Buch“ fertig zu stellen, denn es gehen für sie „günstige Akten“ verloren und das Schreiben ist ihr verboten. 47
43 Bachmann: Werke. S.219, 22ff
44 ebd. S.104, 4ff 45 ebd. S.128, 28ff
46 ebd. S.176, 30ff
47 ebd. S.229, 2
- - 7 - -
Es bleibt für die Ich-Erzählerin nur die Resignation, denn es gibt keine Liebe für sie, außer einer durch Ivan zum Spiel korrumpierten; es gibt keine neue Sprache und keine neue Welt. Am Ende Stehen Verzweiflung und Tod:
In der Wohnung lege ich mich auf den Boden, ich denke an mein Buch, es ist mir abhanden gekommen, es gibt kein schönes Buch, ich kann das schöne Buch nicht mehr schreiben (…).Kein Tag wird kommen, es wird die Poesie niemals und sie werden niemals, die Menschen werden schwarze, finstere Augen haben, von ihren Händen wird Zerstörung kommen, die Pest wird kommen, es wird diese Pest, die in allen ist, es wird diese Pest, von der sie befallen sind, sie dahinraffen, 48 bald, es wird das Ende sein.
3. Warum Ivan?
Als ich den Roman Malina zum ersten Mal las, konnte ich wie viele andere Leserinnen und Leser auch nicht verstehen aus welchem Grund sich die Ich-Erzählerin so dauerhaft von Ivan angezogen fühlte. Auch dass man die Figur Malina als Anteil der Ich-Erzählerin sehen könnte, war mir noch nicht in den Sinn gekommen. So entstand in mir der Eindruck einer vielbeschriebenen Dreierkonstellation: Die Frau sucht sowohl geschlechtliche Nähe als auch geistige, allerdings nicht in der gleichen Person. Ein Mann, hier Ivan, ist für das Bett zuständig, der andere, Malina, ist der ewig gute Freund. Am Ende haben von der Frau genug und sie steht vor einem Trümmerhaufen.
Abgesehen davon, dass ein derartig intendiertes Schreiben für Ingeborg Bachmann einfach zu flach wäre, wird spätestens beim zweiten Lesen schnell klar, dass die Figurenkonstellation für eine differenziertere Interpretation ergiebig ist. Wenn man nun Ivan nicht ausschließlich als „Hilfsfigur“ verstehen möchte, die gemeinsam mit der Ich-Figur das Verhältnis der phallokratischen Unterjochung der Frau bezeichnen soll, stellt sich die Frage, inwieweit sich die Konstellation, von Ich, Ivan und Malina auf andere Weise gewinnbringend entschlüsseln lässt. Die Figur Malina als Teil des „ich“ aufzulösen ist populär, viel interessanter ist jedoch die Frage ob dies für die Figur „Ivan“ ebenfalls möglich ist. Bejaht wurde dies zuerst durch die Literaturwissenschaftlerin Ellen Summerfield. Sie versteht Ivan zwar durchaus als eigenständige, handelnde Person, jedoch gleichzeitig als Anteil der Ich-Figur. Hierfür mag einiges sprechen; die oben erwähnte Christussymbolik, in der sowohl die Ich-Erzählerin als auch Ivan eine Art Symbiose eingehen oder auch ein Verweis auf die „identischen, hellklingenden Anfangsbuchstaben“. 49
Eine andre interessante Lesart, die hier intensiver besprochen werden soll, knüpft an die Psychologie Carl Gustav Jungs an. ________________
Exkurs: Anima und Animus bei C.G.Jung
Carl Gustav Jung hat in seiner analytischen Psychologie die Begriffe „animus“ und „Anima“ geprägt. Die Anima ist laut Jung eine Qualität des Unterbewussten des Mannes; eine weibliche Seite. Jung geht davon aus, dass jeder Mann von Geburt an ein Frauenbild in sich trägt, als unbewusste aus Urzeiten stammende Erbmasse. Dadurch, dass Mann dazu neigt dieses Urbild nach außen zu projizieren, kommt es
48 Bachmann: Werke 21ff
49 ebd. S.32, 20
- - 8 - -
zu Beziehungsstörungen zu Frauen, da der Mann in einer ihm begegnenden real existierenden Frau die Ebenbildlichkeit eben dieser Anima sieht. Die in Träumen auftretenden Facetten der Anima haben laut Jung eine Vermittlerfunktion zwischen dem „ich“ und dem Unterbewussten. Die jungsche Anima kann in der Vorstellung des Mannes verschiedene Formen annehmen, zwischen Jungfrau Maria und Hure ist alle möglich. Beim Knaben wird diese Anima überlagert vom Archetypus der Mutter; die Trennung von beidem ist Teil des Prozesses zu gesunden Erwachsenwerden. Der „Animus“ meint bei Jung das Gegenstück zur „Anima“. Der Animus meint eine Ansammlung von männlichen Eigenschaften und Potenzialen im Unterbewusstsein der Frau. Der „Animus“ kann in weiblichen Träumen auftreten als undurchschaubarer, faszinierender Liebhaber, aber auch in der Figur des Vaters, des Priesters oder Mönchs, als Prinz, etc. Er hat wie jeder Archetyp sowohl positive als auch negative Potentiale. Negativ ist er eine Kraft, welche die Frau vom Weltlichen wegreißt und abhält. In positiver Form kann er vermittelnd und motivierend wirken. Laut Jung beeinflusst die Anima den Mann durch Stimmungen, die sogenannten „anima-moods“; bei der Frau äußert sich der Animus negativ durch die „animusoptions“, die Animus-Meinungen. Diese manifestieren sich im Verhalten der Frau bspw. dadurch, dass sie gedankenlos Allgemeinplätze -von Vaterfiguren übernommen- wiederholt und nachbetet, als seien es die eigenen Meinungen. Das eigene freie Denken wird hier durch den Animus eingeschränkt. 50 ________________
Diese Verständnisart ist eng verknüpft mit der Idee, den Namen Ivan als Anagramm für das Wort „naiv“ zu lesen. Klar ist, dass bei einer solchen Herangehensweise die Vorstellung, die komplexerstickte Ich-Erzählerin werde von einem Mann (Ivan) zur Befriedigung seiner eigenen Gelüste und Bedürfnisse bewusst und nach Plan ausgenutzt und schließlich fallengelassen, nicht mehr aufrechterhalten werden kann. Wie aber ist die Anagrammtheorie zu rechtfertigen? Worin könnte eine Naivität Ivans bestehen? Ivan ist zwar ein „Macher“; er scheint ein ereignisreiches und ausgefülltes Leben zu führen, ist abends von seinen Tätigkeiten todmüde und fällt gewissermaßen erschöpft ins Bett. Seine Naivität besteht demnach nicht darin, dass er nicht mitten im Leben stünde, sondern vielmehr in der Tatsache, dass er sein Tun und seine Existenz nicht intellektuell hinterfragt durch ein „Warum?“ oder „Wozu?“; er liest nicht und hat keine besonderen intellektuellen Fähigkeiten, die es ihm möglich machen, sich selbst wie von außen zu betrachten. Wie kongruent er mit sich selbst ist wird vor allem an der folgenden Textstelle deutlich: „Malina und ich haben, trotz aller Verschiedenheit, die gleiche Scheu vor unseren Namen, nur Ivan geht ganz und gar in seinen Namen ein, und da ihm sein Name selbstverständlich ist, er sich identifiziert weiß durch ihn, ist es auch für mich ein Genuß, ihn auszusprechen, zu denken, vor mich hinzusagen“. 51 Inwieweit die Konnotate „unschuldig“ und „naiv“ für die Ich-Erzählerin im Roman mit ihrem Bild von Ivan kompatibel sind, zeigt eine andere Textstelle, diesmal wieder in dem fast satirisch anmutenden Interview mit dem Journalisten Mühlbauer: „Eine Schwäche für Analphabeten habe ich allerdings, ich kenne sogar hier jemand, der nicht liest, nicht lesen will; im Zustand der Unschuld zu sein ist begreiflicher für einen Menschen, der dem Laster des Lesens verfallen ist, man sollte gar nicht lesen oder wirklich lesen können…“. 52
Die Naivität Ivans, so könnte man sagen, ist Resultat einer phallokratischen Kultur, in der der Mann rational sein muss und keine Gefühle zulassen darf, er muss mit dem
50 Jung, C.G.: Bewusstes und Unbewusstes
51 Bachmann: Werke: S.86, 11ff
52 ebd. S.94, 19ff
- - 9 - -
Kopf durch die Wand; aber eben aufgrund dieser Rollenzuweisung kann ihm selbst nicht klar werden, dass auch er Opfer ist, denn er hat sich selbst nicht zu hinterfragen. Ivan spielt die Rolle des Herrschenden, als solcher darf er das Objekt Frau nicht in ihrer Subjektivität ernst nehmen. Dabei kommt der in Ivan bestehende Herrschaftsanspruch nicht dadurch zu Tage, dass er kommandiert oder gar körperliche Gewalt anwendet, sondern vielmehr durch Unterlassung und Verweigerung. Die Ich-Figur und auch Ivan sind gleichermaßen den Gesetzen des Patriarchats unterworfen.
Ivan, dem es aufgrund seiner Rollenzuweisung nicht gestattet ist, sich selbst zu hinterfragen, IST einfach - das ist das Naive. Die Ich-Erzählerin hat ihrerseits aufgrund ihrer Zuordnung einen „Doppelcharakter“ aus Ivan und Malina, aus Natur und Geist - Ivan ist im Roman gleichzeitig männliches Gegenüber und „Ich“-Anteil -und bei ihrem Zusammentreffen mit Ivan spielt sie das patriarchale Spiel mit, sie gibt die Unterworfene, die Sich-Fügende, da dies die einzige Möglichkeit ist zum Mann in Bezug zu treten. Hier liegt das besonders Tragische, denn obwohl der Mann im phallokratischen Denken festgelegter ist und in seiner Rolle unflexibler, so hat er doch wenigstens eine und geht in ihr auf, während die Frau in ihrer scheinbaren Flexibilität und aus der Wechselseitigkeit aus Gefühl und geistiger Kraft keine Identität entwickeln kann, aus der es sich leben lässt; ihre Freiheit ist nur Schein, in Wirklichkeit gleicht ihr Zustand in etwas dem des sartreschen „Zur-Freiheit-Verdammt-Seins“, einem Gefühl der Nutzlosigkeit und Selbstauflösung. Und so kommt es auch schließlich zum Verzweifeln der Erzählerin an ihrer eigenen Identitätssuche:“ Manchmal gehe ich in einer Strasse, und kaum sehe ich jemanden, der mir überlegen ist, zieht es mich hinüber, hinunter, aber ist das natürlich oder normal? Bin ich eine Frau oder etwas Dimorphes? Bin ich nicht ganz eine Frau, was bin ich überhaupt?“ 53 ; und später: „Ich war ganz verfälscht, man hat mir falsche Papiere in die Hand gedrückt, hat mich deportiert dahin und dorthin, dann wieder angestellt zum Daneben und zum Zustimmen, wo ich früher nie zugestimmt hätte, zum Bestätigen, zum Rechtgeben“. 54
Wenn man nun zur Animus-Theorie zurückkommt, lässt sich erklären, warum die Ich-Erzählerin Ivan zufallen musste: Ivan könnte als positive Animus-Figur gedeutet werden, d.h. die Erzählerin projiziert auf ihn das Bild eines Mannes mit unverdorbenem Geist, nicht mit dem korrumpierten Geist der patriarchalen Väter-Vernunft; sein Geist ist unverdorben in „unvernünftiger“ Weise. In diesem Sinn verkörpert Ivan Unschuld und ist naiv. Die Erzählerin liebt diesen Animus, der ihr vorbestimmt ist: „eine Inkunabel möchte ich schreiben im Stehen, denn es sind heute zwanzig Jahr her, dass ich Ivan liebe, und es ist ein Jahr und drei Monate und einunddreissig Tage an diesem 31. des Monats, dass ich ihn kenne (…)“. 55
53 Bachmann: Werke: S.278, 1ff
54 ebd. S.297, 17ff
55 ebd. S.62, 17ff
- - 10 - -
Fazit:
Der Roman mag zwar für die literaturwissenschaftliche Diskussion ergiebig sein und auf eine beeindruckende Weise vielfach kodiert eine Menge Interpretationsansätze zulassen, doch egal wie viel sich in dem Roman an literarischen Mitteln findet und explizieren lässt, so hat Ingeborg Bachmann doch eines nicht geschafft: Einen Roman zu schreiben der den Leser oder die Leserin fesselt und unterhält. Ein guter Roman muss sicherlich „über sich hinausweisen“, aber dieser Roman weist nur hinaus und hat keine Geschichte zu bieten.
- - 11 - -
Literaturverzeichnis
Quellen:
Bachmann, Ingeborg: Werke. Dritter Band: Todesarten: Malina und unvollendete Romane. Hrsg. Von Christine Koschel, Inge von Weidenbaum, Clemens Münster. 4.Auflage. Piper (München, Zürich 1993)
Forschungsliteratur:
Biedermann, Hans: Knaurs Lexikon der Symbole. Verlag Droemer Knaur (München 1986)
Freud, Sigmund: Darstellungen der Psychoanalyse. Fischer TB Verlag (Frankfurt a. M. 1980)
Jung, C.G.: Bewusstes und Unbewusstes. Beiträge zur Psychologie. Fischer TB Verlag (Frankfurt a. M. 1990)
Summerfield, Ellen: Ingeborg Bachmann. Die Auflösung der Figur in ihrem Roman „Malina“. In: Studien zur Germanistik, Angliistik und Komparativistik, Hrsg. Von Armin Arnold und Alois M. Haas. Bd. 40. Bouvier Verlag (Bonn 1976)
- - 12 - -
Arbeit zitieren:
Volker Behner, 2007, Liebe versus die zerstörte Welt - Das "Ich" in Ingeborg Bachmanns "Malina", München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die didaktische Analyse als notwendiges Mittel der erfolgsversprechend...
Hausarbeit, 18 Seiten
Kreativer Grammatikunterricht in Theorie und Praxis
Reflexionen über "Sprachr...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Kassandra. Die Rezeption des antiken Mythos bei Christa Wolf
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 20 Seiten
Das "Ich" und Anna O.: Ingeborg Bachmanns "Malina"...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Aspekte der Gewalt in Ingeborg Bachmanns Roman Malina
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 32 Seiten
Lebensbewältigung durch Verdrängung in Ingeborg Bachmanns "Drei W...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 24 Seiten
Volker Behner hat den Text Liebe versus die zerstörte Welt - Das "Ich" in Ingeborg Bachmanns "Malina" veröffentlicht
Volker Behner hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare