Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung 1
2. Überlieferung und Forschungslage 1
3. Der Text nach C 3
4. Analyse und Interpretation 5
4.1. Strophe I 5
4.2. Strophe II 7
4.3. Strophe III 8
4.4. Strophe IV 9
4.5. Strophe V 10
5. Fazit 11
6. Literaturverzeichnis 14
1. Einleitung
Walther von der Vogelweide wird gerne in einem Atemzug mit Goethe oder Schiller genannt, denn er gehört nach Meinung vieler zu den bedeutendsten deutschen Dichtern. Darüber lässt sich streiten. Klar hingegen ist, dass Walther die mittelhochdeutsche Minnelyrik und Sangspruchdichtung entscheidend geprägt hat und in beiden Genres gewichtige Neuerungen eingeführt hat. 1 Ein innovativer Eingriff in die zeitgenössische Lyrik war zum Beispiel die Aufnahme der Politik in das inhaltliche Spektrum der Sangspruchdichtung. 2 In der Minnelyrik setzte er dem klagenden Werber Reinmars ein neues Prinzip der gegenseitigen Minne entgegen. Das in dieser Arbeit untersuchte Lied Walthers L 53,25: Si wúnder wol gemachet wîp steht ebenfalls für revolutionär Neues in der mittelhochdeutschen Minnelyrik. Der Sänger, den Walther auftreten lässt, hat etwas Unerhörtes, Verbotenes zu sagen. 3 Er bricht ein Tabu, indem er erotische Anspielungen macht. In der Forschung wird gestritten, was es mit diesem Tabubruch auf sich hat. Zudem wird darüber debattiert, ob das Lied eher als Loblied und descriptio, als Minnelied oder etwa als Synthese von Minne- und Vagantenlyrik konzipiert ist. Diese beiden Aspekte sollen auch die Leitfragen meiner Untersuchung sein.
Dabei wird zunächst kurz auf die aktuelle Forschungslage zum Lied und dessen Überlieferung eingegangen. Anschließend wird das Lied Strophe für Strophe analysiert und interpretiert. Dies mündet dann in eine Zusammenfassung, die die wichtigsten Ergebnisse festhält, die eingangs formulierten Leitfragen zu beantworten sucht und die Arbeit abrundet.
2. Überlieferung und Forschungslage
Das Lied: Si wúnder wol gemachet wîp ist uns in den vier verschiedenen Handschriften A, C, D und N überliefert. Alle vier Varianten weisen die gleiche Strophenanzahl auf, aber drei unterschiedliche Strophenfolgen: C: 1-2-3-4-5; A: 1-4-5-3-2; DN: 1-2-4-5-3. 4
Dabei stimmen nur N und D in der Strophenfolge und überdies auch in inhaltlichen Aspekten überein, wobei eine direkte Interdependenz beider Handschriften auszuschließen ist. Bei Handschrift N ist zudem davon auszugehen, dass ihr Verfasser das Lied nur gesungen gehört hat, da mehrere Unstimmigkeiten auftreten. 5
1 M.G. Scholz, Walther von der Vogelweide, Stuttgart 2005, S. 18.
2 ebd., S. 41.
3 A. Wolf, Überbieten und Umkreisen. Überlegungen zu mittelalterlichen Schaffensweisen am Beispiel des Minnesangs, in: Gotes und der werlde hulde. Literatur in Mittelalter und Neuzeit, hrsg. von R. Schnell, Bern 1989, S. 20.
4 Walther von der Vogelweide, Werke. Gesamtausgabe. Bd. 2: Liedlyrik. Mhd./Nhd., hrsg., übers. und komm. von G. Schweikle, Stuttgart 1998, S. 590.
5 T. Hennings, Mündlich tradierte volkssprachliche Lyrik und klerikale Aufzeichnung. 5 Minnelieder in den lateinischen Handschriften Clm 4660, CC 248 und CC 127-mit einem Ausblick auf die Romania, in: Vom vielfachen Schriftsinn im Mittelalter, hrsg. von F. Löser u.a., Hamburg 2005, S. 150ff.
In der Forschung zeichnen sich im Wesentlichen zwei verschiedene Interpretationsmodelle ab. Das eine orientiert sich an Fassung C, das andere an Fassung DN.
Das Modell, das DN als Grundlage sieht, nimmt an, dass es in L 53,25 in erster Linie um die Beschreibung und das Lob der Schönheit einer Frau geht, also dass die laudativen Elemente im Vordergrund stehen. Im Bezug auf eine solche Beschreibung gab es im Mittelalter verbindliche rhetorische Regeln, wonach die Frau vom "Scheitel bis zur Sohle", von oben nach unten, beschrieben werden sollte. 6 Die intimen Körperteile mussten mit dem Diskretionstopos belegt werden. Diese verbindliche Technik wird als descriptio pulchritudinis bezeichnet. Ihre Wurzeln sind in der Antike und in mittellateinischen Rhetoriken zu finden. 7 Die ältere Forschung, und in neuerer Zeit besonders H. Tervooren, gehen davon aus, dass dieses rhetorische Regelwerk Walther bekannt war und ihm als Vorlage für sein Lied diente, weshalb sie Fassung DN, deren Strophenabfolge den rhetorischen Regeln folgt, bevorzugen. 8 Tervooren sieht L 53,25 zudem außerhalb der Gattungsgrenzen des Minnesangs. 9 Weitere wichtige Interpretationsvorschläge, die der Anordnung von DN folgen, wären zunächst die von Sayce, die die beschriebene Frau in L 53,25 als Göttin Venus gestaltet sieht und davon ausgeht, dass Walther ein Idealbild der Frauenschönheit entwirft. 10 Ihre These wird auch von Fritsch vertreten. 11 Desweiteren der Ansatz von Wolf, der das gesamte Lied 53,25 als konkrete Überbietung Reinmars zum Thema Frauenpreis deutet. 12 Hübner und Schweikle hingegen folgen einem Modell das sich an C orientiert. Sie sehen beide Fassung C als gerechtfertigte Vortragsfassung, schließen jedoch DN nicht kategorisch aus. Es ist eher die Rede von zwei Alternativen. 13 Für Hübner ist Fassung C insofern gerechtfertigt, da sie für ihn genau trifft, dass das Lied nicht primär von der laudativen Rede bestimmt ist, sondern von den Kanzonenelementen des Minnesangs. 14 Wenn man die Prämissen so verschiebt, zeigt die Strophenfolge von C in der Tat einen logischeren Aufbau. Schweikle favorisiert ebenfalls den Aufbau von C aus anderen Gründen. Er sieht ihn dadurch legitimiert, dass er an den exponierten Stellen (Mitte, Ende) die Strophen mit den tabubrechenden, erotischen Anspielungen platziert. Dies ergibt für Schweikle Sinn, da er Ehrismann folgt, der in L 53,25 eine kunstvolle Synthese aus höfischem Minne- und volkssprachlichem Vagantenlied sieht. 15
6 H. Tervooren, Schoeniu wort mit süezeme sange. Philologische Schriften, Berlin 2000 (Philologische Studien und Quellen, H. 159), S. 102.
7 Walther von der Vogelweide, Werke, S. 591f.
8 ebd., S. 591f.
9 H. Tervooren, Schoniu wort mit süezeme sange, S. 101ff.
10 vgl. O. Sayce, Si wunderwol gemachet wîp (L53,25ff.): A Variation on the Theme of Ideal Beauty, in: OGS 13 (1982), S. 104-114.
11 vgl. S. Fritsch, Vom Umkreisen und Einkreisen-Geschlechterdiskurse in der Minnelyrik. Eine Skizze, in: Edition und Interpretation, hrsg. von J. Spicker u.a., Stuttgart 2000, S. 107-109.
12 vgl. A. Wolf, Überbieten und Umkreisen, S. 18-21.
13 G. Hübner, Frauenpreis. Studie zur Funktion der laudativen Rede in der mittelhochdeutschen Minnekanzone, Baden-Baden 1996 (Saecula Spiritalis, Bd. 34), S. 237 und Walther von der Vogelweide, Werke, S. 592.
14 ebd., S. 236.
15 Walther von der Vogelweide, Werke, S. 592f.
Die anschließende Untersuchung versucht das Lied auch, wie Schweikle und Hübner, nach C zu interpretieren. Der Text dieser Fassung ist im Folgenden abgedruckt.
3. Text nach C
I Si wúnder wol gemachet wîp, daz mir noch werde ir habedanc! ich setze ir minneclîchen lîp vil hôhe in mînen werden sanc. gérne ich allen dienen sol, doch hân ich mir díse ûz erkorn. ein ander weiz die sînen wol, die lob er âne mînen zorn. hab im wîse únde wort mit mír gemeine: lob ich hie, sô lob er dort!
II Ir huobet ist sô wunnen rîch, als ez mîn himel welle sîn. wem möhte ez anders sîn gelîch? ez hat ouch himeleschen schîn. dâ liuhtent zwêne sternen abe, dâ müeze ich mich noch inne ersehen, daz si mirs alsô nahe habe! sô mac ein wunder wol geschehen: ich junge, unde tuot si daz, und wirt mir gernden siechen seneder sühte baz.
III Ir kel, ir hende, ietwéder fuoz, daz ist ze wunsche wol getân. ob ích dâ enzwíschen loben muoz, ich waene, ich mê beschowet hân. ich hete ungerne 'decke blôz!' geruofet, dô ich si náckent sach. si sach mich niht, swie si mich schôz, daz mich noch stichet als ez stach,
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Andreas Mayrock, 2007, 'Si wunder wol gemachet wip" - eine Interpretation, Munich, GRIN Publishing GmbH
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