Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung 1
2. Aufbau 2
3. Antijüdische Argumente, Bewertungen und Stereotype 2
im Kontext des Dekalogs
3.1. Bewertungen im Rahmen des ersten Gebots - Un- 3
glauben und Blindheit
3.2. Begründungen aus dem Bereich des fünften Gebots - 4
Christenhass und Mordlust
3.3. Argumente im Kontext des achten Gebots - Diebstahl 6
durch Wucher
4. Linguistische Stilanalyse des Wortschatzes 7
4.1. Handlungsappelle und wertende Wörter als Mittel der 7
Beeinflussung
4.2. Lexikalische Stilelemente 7
4.2.1. Affektive Wortreihen 7
4.2.2. Antonymische Wendungen 8
4.2.3. Figurationen der Ironie 8
4.2.4. Metaphern 9
5. Zusammenfassung 10
6. Literaturverzeichnis S 11
1. Einleitung
"...Daß man ihre Synagoga oder Schule mit Feuer anstecke und, was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, daß kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich... ," 1 forderte nicht etwa Josef Goebbels bei einer seiner Hetzreden gegen die Juden, sondern kein geringerer als Martin Luther, der Begründer der evangelischen Kirche.
Julius Streicher, "einer der fanatischsten und zügellosesten Propagandisten des Antisemitismus" 2 sagte bei seinem Prozess in Nürnberg 1946: würde er noch leben, so säße Luther an seiner Stelle auf der Anklagebank. 3 Die Nazis beriefen sich in ihrem antisemitischen Weltbild unter Anderem auf judenfeindliche Äußerungen Martin Luthers, genauer gesagt auf Inhalte seiner Schrift: "Von den Jüden und ihren Lügen" von 1543, aus der auch obiges Zitat stammt. Diese Schrift ist geradezu durchsetzt mit antijüdischen Aussagen und gekennzeichnet von einer scharfen Polemik. Sie mündet in Appelle an die Christen, aktiv gegen die Juden vorzugehen. 4 Zu beachten ist, dass diese Schrift trotz aller Beleidigungen keine Schmähschrift darstellt, sondern von seiner Motivation her ein theologisches Traktat, das im Rahmen von Luthers Theologie zu sehen ist. 5 Die Einstellung Luthers zu den Juden, die in der Forschung kontrovers diskutiert wird 6 , ist nun nicht der Gegenstand dieser Arbeit, sondern es geht vielmehr darum, die spezifisch judenfeindliche Sprache seiner angeführten Schrift vom linguistischen Standpunkt aus zu betrachten. Dabei steht das Hervorheben der antijüdischen Bewertungskomponenten und der zeittypischen antijüdischen
1 W. Maurer, Die Zeit der Reformation, in: Kirche und Synagoge. Handbuch zur Geschichte von Christen und Juden (Bd. 1), hrsg. von K. H. Rengstorf und S. von Kortzfleisch, Stuttgart 1968, S. 419ff.
2 Meyers Grosses Taschenlexikon (Bd. 21) - 4., vollständig überarbeitete Ausgabe, hrsg. und bearbeitet von Meyers Lexikonredaktion, Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 1992, S. 174.
3 D. Bering, Gibt es bei Luther einen antisemitischen Wortschatz? Zur Widerlegung einer politischen Legende, in: Zeitschrift für Germanistische Linguistik (Bd. 17), hrsg. von H. Henne u.a., Berlin 1989, S. 140.
4 vgl. D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe), Bd. 53. -Weimar: Böhlaus Nachfolger 1966 (= Nachdruck der Ausgabe Weimar 1920), S. 417-552.
5 H. Wellmann, Linguistik der Diskriminierung. Über die Agitation gegen Juden in Flugblättern der Frühen Neuzeit, in: Judengemeinden in Schwaben im Kontext des Alten Reiches (Colloqia Augustana, Bd. 2), hrsg. von R. Kießling, Berlin 1995, S. 184.
6 Dominiert wird die Debatte von der Frage nach Konstanz oder Bruch in Luthers Einstellung, die herrührt aus der Gegenüberstellung von Luthers Spätschrift: "Von den Jüden und ihren Lügen" und seiner frühen Schrift:"Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei", in der er einen wesentlich freundlicheren Ton gegenüber den Juden anschlägt. Während für die ältere Forschung dabei ein klarer Bruch in Luthers Einstellung zu erkennen war, gilt für E.L. Ehrlich aus theologischer Perspektive ihre Einheitlichkeit und Bruchlosigkeit bereits als wissenschaftlicher Konsens, vgl. E.L. Ehrlich, Luther und die Juden, in: Die Juden und Martin Luther-Martin Luther und die Juden, hrsg. von H. Kremers, Neukirchen-Vluyn 1987, S. 112ff.. Diese Auffassung teilen auch H. Obermas, der die Frage in einen heilsgeschichtlichen Kontext gebettet sieht, vgl. H. Obermas, Die Juden in Luthers Sicht, in: Die Juden und Martin Luther-Martin Luther und die Juden, hrsg. von H. Kremers, Neukirchen-Vluyn 1987, S. 136-162, und A. Späth, der in diesem Zusammenhang eine gleichbleibende Einstufung der Juden als Ketzer erkennt, vgl. A. Späth, Luther und die Juden, München 2001. Eine weitere Sichtweise zu Luthers Einstellung gegenüber den Juden wäre die von D. Bering, der darlegt, dass Luther sich deswegen so entschieden gegen die Juden wendete, weil seine theologische Position dem jüdischen Glauben so nahe stand, vgl. D. Bering, Eine Tragödie der Nähe? Luther und die Juden, in: Architectura Poetica, hrsg. von U. Ernst und B. Sowinski, Köln, Wien 1990 (Kölner Germanistische Studien, Bd. 30), S. 327-344.
Stereotype, sowie die lexikalische Stilanalyse des antijüdischen Wortschatzes im Mittelpunkt, also die Frage welche Inhalte wie transportiert werden. Davor soll kurz auf den Aufbau des Traktats eingegangen werden.
2. Aufbau
Luthers Schrift: "Von den Jüden und ihren Lügen" ist im Wesentlichen in vier Teile gegliedert, wobei der erste Teil, eine Einleitung ist, in der Luther den Anlass seiner Schrift und deren Programm nennt. Konkret sei seine Absicht, die Torheit des jüdischen Glaubens darzustellen, um den christlichen Glauben zu stärken. 7 Im zweiten Teil beschäftigt er sich mit dem jüdischen Auserwählten-Status, den er anhand von vier Kernaspekten: Abstammung, Beschneidung, mosaischem Gesetz und Besitz des Landes Kanaan ausführt, verspottet und zu widerlegen sucht. 8 Im dritten Teil geht es dann um die Nichtanerkennung des Messias seitens der Juden, die er anhand von sechs Passagen aus dem Alten Testament verspottet und als Verleumdung hinstellt. 9 Im vierten Teil, der auch als das Kernstück der Schrift gesehen werden kann der und die gröbsten judenfeindlichen Ausbrüche beinhaltet, will Luther darstellen, wie die Juden mit ihren Lügen Jesus und alle Christen verhöhnen. Desweiteren gibt er darin seine praktischen Anweisungen, wie die Christen mit den Juden zu verfahren hätten, nämlich unter anderem, dass man ihre Häuser und Synagogen in Brand stecken solle, und legt zum Schluss noch Mal den Unterschied der beiden Religionen dar. 10
3. Antijüdische Argumente, Bewertungen, Stereotype im Kontext des Dekalogs
N. Hortzitz stellt in ihrer linguistischen Abhandlung über die Sprache der Judenfeindschaft in der Frühen Neuzeit heraus, dass antijüdische Bewertungen und Begründungen in Texten dieser Zeit ausnahmslos religiös beziehungsweise theologisch sind. Als Bezugssystem fungieren dabei die zehn Gebote. Desweiteren hält sie fest, dass der Dekalog dabei besonders für Luther eine große Rolle spielte, da er der erste war, der ihn als einzige Grundlage der christlichen Moral sah. 11 Dass die antijüdischen Argumente und Bewertungen in "Von den Jüden und ihren Lügen" im Bezugsrahmen der zehn Gebote zu sehen sind und auch die verwendeten antijüdischen Stereotype mit diesen in Zusammenhang stehen, soll nun exemplarisch an drei Geboten gezeigt werden.
7 vgl. D. Martin Luthers Werke, S. 417-419.
8 vgl. ebd., S. 419-448.
9 vgl. ebd., S. 449-512.
10 vgl. ebd., S. 512-552.
11 N. Hortzitz, Die Sprache der Judenfeindschaft in der frühen Neuzeit (1450-1700). Untersuchungen zu Wortschatz, Text und Argumentation, Heidelberg 2005, S. 287f.
3.1. Bewertungen im Rahmen des ersten Gebots - Unglaube und Blindheit
Im kleinen Katechismus gibt Luther das erste Gebot in folgendem Wortlaut wieder: Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst nicht andere Götter haben neben mir. ... In seinen Erläuterungen dazu ist unter Anderem zu finden, dass Gott mit diesem Gebot Abgötterei und Götzendienst verbiete und fordere, dass die Menschen ihn über alle Dinge fürchten und lieben sollen. 12 In seiner antijüdischen Schrift finden sich zahlreiche negative Bewertungen der Juden, die sich daraus ableiten. Im Wesentlichen ist die Schrift sogar insgesamt darauf ausgerichtet, zu zeigen, dass die Juden nicht den rechten, wahren Glauben besitzen. In der konkreten Aussage: Solchs sage ich zu ehren und stercke unsers Glaubens, Und zur Schande dem verstockten unglauben der ... Jüden 13 wird ihr Unglauben dabei explizit genannt, an anderer Stelle: Denn sie sinds, die alle wege Gottlos wesen, abgötterey, falsche Lehre getrieben haben 14 mit den Begriffen Abgötterei, Gottlosigkeit und falscher Lehre umschrieben. Der Hauptaspekt ihres Unglaubens liegt für Luther dabei darin, dass die Juden Jesus nicht als Messias anerkennen wollen, was im Übrigen seit Beginn des Christentums der grundlegende Konflikt zwischen beiden Religionen ist. 15
Dass sie diese christliche Wahrheit nicht annehmen wollen, obwohl sie sie eigentlich selbst in ihren Schriften erkennen müssten, macht sie für Luther blind, taub und verstockt. Das Motiv der Blindheit/Taubheit/Verstocktheit taucht dabei an vielen Stellen des Textes auf. Das blind hertz der Jüden 16 , die blinden, verstockten Jüden 17 oder die Umschreibung, mit einem Juden zu reden wäre so als wenn du mit einem klotz oder stein redest, seien an dieser Stelle exemplarisch genannt. Verbunden mit dem Vorwurf des Unglaubens ist das antijüdische Stereotyp der "Teufelskinder", das bereits im Johannes-Evangelium auftritt 18 und von Luther aufgegriffen wird. Die Beziehung zwischen den Juden und dem Teufel tritt in seiner Schrift besonders deutlich hervor. Sie seien nicht Abrahams, sondern des Teufels Kinder 19 heißt es in diesem Zusammenhang, an anderer Stelle: Der Teufel hat dis Volck ...besessen 20 . Mit seiner Aussage: die Teufel wissen viel besser, denn die Jüden, das ein Gott sey 21 geht Luther sogar noch einen Schritt weiter, da er damit die Juden nicht nur im Bunde mit dem Teufel sieht, sondern ihren Glauben noch unter teuflisches Niveau stellt. Die
12 Dr. Martin Luthers kleiner Katechismus mit Erklärung, hrsg. von H. Korinth, Hamburg 1982, S. 50ff.
13 D. Martin Luthers Werke, S. 471.
14 ebd., S. 433.
15 D. Bering, Eine Tragödie der Nähe ? Luther und die Juden, S. 343.
16 D. Martin Luthers Werke, S. 419.
17 ebd., S. 444.
18 B.-Z. Degani, Die Formulierung und Propagierung des jüdischen Stereotyps in der Zeit vor der Reformation und sein Einfluss auf den jungen Luther, in: Die Juden und Martin Luther-Martin Luther und die Juden, hg. v. H. Kremers, Neukirchen-Vluyn 1987, S.18ff.
19 D. Martin Luthers Werke, S. 420.
20 ebd., S. 447.
21 ebd., S. 442.
Arbeit zitieren:
Andreas Mayrock, 2007, "Von den Jüden und ihren Lügen" - eine Untersuchung der judenfeindlichen Schrift von Martin Luther bezüglich antijüdischer Bewertungskomponenten und Stilelemente, München, GRIN Verlag GmbH
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