Inhaltsverzeichnis:
Einleitung I. 2
Die „Zauberkraft“ der Worte II. 3
1. Die Sprache als Schlüssel zum Unbewussten
in der Analyse 3
2. Die Macht der Sprache 5
III. Freud und die Literatur 7
1. Der Dichter als Bündnispartner 8
2. Der Dichter und das -realitätsferne- Phantasieren 9
IV. Schlussbemerkung 11
Literaturverzeichnis 13
1
I. Einleitung
Diese beiden Zitate, die hier exemplarisch vorangestellt sind, spiegeln in nuce bereits Freuds Stellung zur Sprache und deren Beziehung zu seinem Arbeitsfeld wider. Freud war einerseits immer ein strikter und engagierter Verteidiger wissenschaftlicher Rationalität. Andererseits aber ist Freud in seiner Wissenschaft von Anfang an auf die Strukturen und Funktionen der Sprache verwiesen. Die Bezeichnung seiner - von der Patientin Anna O. so genannten - talking cure zeigt nicht nur an, was in dieser Behandlung vor sich geht, sondern enthält auch gleichzeitig ihr einziges Heilmittel: es ist im wahrsten Sinne eine Sprechkur, eine Kur durch Sprechen, bei der Symptome be-handelt werden, die selbst nur auf dem Wege der Sprache aufgedeckt werden können, sich in der Sprache der Analysanden ausdrücken: „Ob sie sich als Instrument der Heilung [...] oder der Tiefeninterpretation versteht, die Psychoanalyse hat nur ein Medium: das Sprechen des Patienten.“ 3 Sucht man nach einer Textbasis, um sich Freuds Verhältnis zur Sprache anzunähern, so unterliegt die Suche schnell einem Domino-Effekt, der beinahe keinen seiner Texte auslässt, so verwoben ist seine Arbeit mit den Phänomenen der Sprache. Da an dieser Stelle allerdings der Untersuchung enge Grenzen gesetzt sind, müssen viele der Freudschen Texte ausgeschlossen werden. Nur an einigen besonders relevanten Texten sollen hier die verschiedenen Aspekte und auch (zeitlichen) Stufen von Freuds Verhältnis zur Sprache näher betrachtet werden. Mit Freuds Verhältnis zur Sprache ist gleichzeitig sein Verhältnis zur Literatur angesprochen, das hier ebenfalls - allerdings nicht weniger den Grenzen dieser Arbeit unterworfen - untersucht werden soll, spielt sich doch Freuds Verhältnis zur Literatur nicht nur vor dem Hintergrund ab, dass er ein äußerster Kenner und auch Liebhaber derselben war, sondern reflektiert auch immer die Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Arbeitsfelder - das des Literaten und das des Psychoanalytikers und Theoretikers des Seelenlebens -, die so eng mit Sprache verbunden sind.
1 Zit. nach: Johannes Fehr: Das Unbewusste und die Struktur der Sprache, Studien zu Freuds frühen Schriften. Universität Zürich, Philosophische Fakultät 1, Diss. 1987, S. 1.
2 Sigmund Freud: „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“ [1916/1917], in: Ders.: Studienausgabe, hg. von Alexander Mitscherlich et al., Band I: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse Und Neue Folge, Frankfurt am Main: Fischer 2000, S. 33-445, hier: S. 59.
3 Jacques Lacan: „Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse“ (Bericht auf dem Kongreß in Rom am 26. und 27. September 1953 im Istituto di Psicologia della Univerità di Roma), in: Ders.: Schriften I, hg. und übers. von Norbert Haas, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1975, S. 71-169, hier: S. 84.
2
II. Die „Zauberkraft“ der Worte
In einer seiner ersten Veröffentlichungen weist der junge Freud, dessen ‚Erziehung‘ „bei Lokaldiagnosen und Elektroprognostik“ also gerade erst beendet ist, auf eine mögliche Skepsis des Laien seiner Methode gegenüber hin, die nicht zuletzt auch seine eigenen Bedenken widerspiegeln dürfte:
Psychische Behandlung will [...] besagen: Behandlung von der Seele aus, Behandlung - seelischer und körperlicher Störungen - mit Mitteln, welche zunächst und unmittelbar auf das Seelische des Menschen einwirken. Ein solches Mittel ist vor allem das Wort, und Worte sind auch das wesentliche Handwerkszeug der Seelenbe-handlung. Der Laie wird es wohl schwer begreiflich finden, daß krankhafte Störungen des Leibes und der Seele durch „bloße“ Worte des Arztes beseitigt werden sollen. Er wird meinen, man mute ihm zu, an Zauberei zu glauben. Er hat damit nicht so unrecht; die Worte unserer täglichen Reden sind nichts anderes als abgeblaßter Zauber. Es wird aber notwendig sein, einen weiteren Umweg einzuschlagen, um verständlich zu machen, wie die Wissenschaft es anstellt, dem Worte wenigstens einen Teil seiner früheren Zauberkraft wiederzugeben. 4 Wie aber steht diese Äußerung, aus der noch „das schlechte Gewissen des Analytikers angesichts des Wunders, das er durch sein Sprechen wirkt“ 5 , spricht, zu Freuds System, über das sich mit nur wenig Übertreibung sagen lässt, dass es „auf militante Weise rationalistisch ist“ 6 ? Zwei Aspekte dieser Frage stehen im Folgenden im Vordergrund: Wie verhält es sich einerseits mit der „Zauberkraft“ der Worte in der psychoanalytischen Behandlungstechnik und, andererseits, wie ragt das System der Sprache selbst in Freuds Vorstellung der menschlichen Psyche?
1. Die Sprache als Schlüssel zum Unbewussten in der Analyse
Die Entwicklung der psychoanalytischen Technik, die mit Freuds und Breuers „Studien über Hysterie“ ihren Anfang nimmt, setzt in der Tat damit ein, dass die beiden Ärzte beginnen, „ihre Ohren auf eine ganz neue Weise aufzumachen, nämlich ihren [...] Patientinnen in der Überzeugung zuzuhören, daß diese über ihr Leiden, den Sinn ihrer Symptome, wenngleich noch nicht verfügbar, grundsätzlich mehr wüßten als ihre Behandler.“ 7 Die Schwierigkeit besteht aber eben darin, in diese verschlossene „Dimension des Semantischen“ 8 vorzudringen, denn im Subjekt regt sich Widerstand gegen die Analyse. Nachdem er die Hypnose als wenig praktikabel zurückgewiesen hat, da sich nicht alle Patienten in diese versetzen lassen - auch das eine Abwehrleistung 9 wendet Freud einen neuen „Kniff, das abwehrlustige Ich für eine Weile zu überrumpeln“ 10 an: Die „Druckprozedur“, bei der er den Patienten, indem er einen Druck auf dessen Stirn ausübt, „von seinem bewußten Suchen und Nachdenken“ 11 ablenkt und somit den Widerstand des Ich
4 Sigmund Freud: „Psychische Behandlung (Seelenbehandlung)“ [1890], in: Ders.: Studienausgabe, hg. von Alexander Mitscherlich et al., Ergänzungsband: Schriften zur Behandlungstechnik, Frankfurt am Main: Fischer 2000, S. 13-35, hier: S. 17.
5 Lacan: „Funktion und Feld“, S. 151.
6 Lionel Trilling: „Freud und die Literatur“, in: Ders.: Kunst, Wille und Notwendigkeit. Literaturkritische und kulturphilosophische Essays, hg. und übers. von Hans-Horst Henschen, München/Wien: Hanser 1990, S. 217-243, hier: S. 224.
7 Ilse Grubrich-Simitis: „Über Freud als Sprachforscher und Schriftsteller“, in: Neue Rundschau 117.1 (2006), S. 50-66, hier: S. 51f.
8 Ebenda, S. 52.
9 Vgl: Sigmund Freud: „Zur Psychotherapie der Hysterie“ [1895], in: Ders.: Studienausgabe, hg. von Alexander Mitscherlich et al., Ergänzungsband: Schriften zur Behandlungstechnik, Frankfurt am Main: Fischer 2000, S. 37-97, hier: S. 77.
10 Ebenda, S. 72.
11 Ebenda, S. 65.
3
umgeht. Ziel dieser Prozedur ist es - und das wird auch in der Entwicklung hin zur freien Assoziation das Zentrale bleiben - ein verdrängtes Erlebnis wieder zu Bewusstsein kommen zu lassen. Die Verdrängung hält die Vorstellung im Unbewussten und widersetzt sich der sprachlichen Formulierung. Es wird hier die zentrale Rolle, die der Versprachlichung zukommt, deutlich, die Freud explizit erst in der 1915 veröffentlichten Schrift „Das Unbewußte“ benennt: „Die nicht in Worte gefaßte Vorstellung oder der nicht übersetzbare psychische Akt bleibt dann im Ubw als verdrängt zurück.“ 12 Er spricht hier eine der wesentlichen Erkenntnisse der Psychoanalyse so deutlich aus, wie wahrscheinlich an keiner anderen Stelle: „daß das Bewußtsein eines Erlebnisses an seinem sprachlichen Ausdruck hängt“ 13 . Und doch ist das Wissen darum schon in der frühen psychoanalytischen Praxis enthalten, auf die Freud in der „Traumdeutung“ noch einmal verweist, wenn er wiederholt, dass für sie „Auflösung und Lösung in eines zusammenfällt.“ 14 Nichts anderes ist damit gemeint als die Erkenntnis, dass eine zum Krankheitssymptom führende unbewusste Vorstellung dieses durch Verbalisierung zum Verlöschen bringen kann: „Der Kranke trägt es gleichsam ab, indem er es in Worte umsetzt.“ 15
Diese Konzeption - wie sie in „Das Unbewußte“ expliziert wird, der älteren „kathartischen“ Be-handlungsmethode allerdings schon implizit zu Grunde liegt, dass nämlich eine Vorstellung einen sprachlichen und einen nicht-sprachlichen Anteil besitzt - ist indes in einer Schrift Freuds verankert, die, mit wenigen Ausnahmen bis heute, als eine ‚vorpsychoanalytische‘ ein „absolutes Schattendasein“ 16 geführt hat. Für unsere Untersuchung ist überdies bemerkenswert und kaum als Zufall zu verstehen, dass Freud sich gerade in der Zeit, als er beginnt, sich von der Neurologie abzuwenden und erste psychoanalytische Theoreme entwickelt, ausgerechnet eine Schrift über Sprachstörungen veröffentlicht. In seiner „kritischen Studie“ „Zur Auffassung der Aphasien“ untersucht Freud diese Phänomene und versucht, die „bequeme und ansprechende“ 17 Theorie seiner Vorgänger zu erschüttern, die versuchten, die Sprache in Nervenfasern, die als „Vorrathsstätten“ 18 für die Wort- und Klangbilder dienen, zu lokalisieren. Freud entwirft in dieser Schrift einen neuen, funktionellen Ansatz, die Aphasien zu verstehen, der den verschiedenen Formen des Umgangs mit Sprache angepasst ist:
Das Wort ist also eine komplexe, aus den angeführten Bildern [Lese-, Schrift-, Klang- und Bewegungsbild; R.K.] bestehende Vorstellung, oder anders ausgedrückt, dem Wort entspricht ein verwickelter Assoziationsvorgang, den die aufgeführten Elemente visueller, akustischer und kinästhetischer Herkunft miteinander eingehen. 19
12 Sigmund Freud: „Das Unbewußte“ [1915], in: Studienausgabe, hg. von Alexander Mitscherlich et al., Band III: Psychologie des Unbewußten, Frankfurt am Main: Fischer 2000, S. 119-173, hier: S. 160 (Hervorhebung i.O.).
13 Gemma Jappe: Über Wort und Sprache in der Psychoanalyse, Frankfurt am Main: Fischer 1971, S. 68.
14 Sigmund Freud: „Die Traumdeutung“ [1900], in: Ders.: Studienausgabe, hg. von Alexander Mitscherlich et al., Band II: Die Traumdeutung, Frankfurt am Main: Fischer 2000, S. 120.
15 Freud: „Zur Psychotherapie der Hysterie“, S. 74 (Hervorhebung i.O.).
16 Hans-Dieter Gondek: Angst Einbildungskraft Sprache. Ein verbindender Aufriß zwischen Freud - Kant - Lacan. München: Boer 1990, S. 14f.
17 Sigmund Freud: Zur Auffassung der Aphasien. Eine kritische Studie [1891], hg. von Paul Vogel, Frankfurt am Main: Fischer 1992, S. 149.
18 Ebenda, S. 41.
19 Ebenda, S. 121f.
4
Arbeit zitieren:
Roman Kuhn, 2007, Die "Zauberkraft" der Worte - Zu Freuds ambivalentem Verhältnis zu Sprache und Literatur, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Zur Funktion des Gedächtnisses bei Henri Bergson
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Seminararbeit, 15 Seiten
Generation Hip Hop? - Jugendkultur als generationsstiftendes Merkmal
Soziologie - Kinder und Jugend
Hausarbeit, 29 Seiten
Wortneubildungen im Bereich der deutschen Hip-Hop-Kultur
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Die Traumdeutung nach Sigmund Freud - Einführung in die Psychoanalyse
Psychologie - Persönlichkeitspsychologie
Seminararbeit, 20 Seiten
Die Sprache und Multimodalität im Rap anhand des Beispiels 'Like t...
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Charakteristika der HipHop-Sprache am Beispiel von Raptexten
Hausarbeit, 174 Seiten
Roman Kuhn hat den Text Die "Zauberkraft" der Worte - Zu Freuds ambivalentem Verhältnis zu Sprache und Literatur veröffentlicht
Roman Kuhn hat einen neuen Text hochgeladen
Handbuch Französisch: Sprache - Literatur - Kultur - Gesellschaft
Für Studium, Lehre, Praxis
Ingo Kolboom, Thomas Kotschi, Edward Reichel
Early Freud and Late Freud: Reading Anew Studies on Hysteria and Moses...
Ilse Grubrich-Simitis
Freud's Library / Freuds Bibliothek
A Comprehensive Catalogue / Vo...
Sigmund Freud, J. Keith Davies, Gerhard Fichtner
0 Kommentare