Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
2. Theoretischer Teil zur Alterität - Klärung des Alteritätsbegriffs 6
2.1 Kulturelle Alterität. 7
2.2 Die Alterität des anderen Geschlechts in einer patriarchalischen Kultur 10
3. Hintergründe zu Shakespeares Tragödie Antony and Cleopatra - Gender,
Rasse und Sexualität 11
3.1 Die Auseinandersetzung mit dem Thema der Alterität zu Shakes-peares Zeit 13
4. Zwei Kulturen im Vergleich in Shakespeares Antony and Cleopatra -
Die Ägyptische Kultur und ihre Andersheit 16
4.1 Die Auswirkungen des Geistes des Übermaßes auf die ägyptische Sprache -
Roms „soft and gentle speech“-. 22
4.2 Der Exotismus des Orients. 26
5. Die römische Welt als Vorbild 27
5.1 Das Ägyptenbild der Römer: Stereotype und Klischees 30
5.2 Roms Xenophobie: Cleopatra, eine fremde Frau als Roms größter Feind 32
6. Cleopatra als die Verkörperung des Anderen- Darstellung ihrerWeiblichkeit 39
6.1 Cleopatras Charakterzüge als Betonung ihrer Andersartigkeit 41
6.2 Cleopatras Art zu Lieben und zu Verführen 50
6.3 Untersuchung des Selbstmordmotivs Cleopatras 52
7. Antony vor seinem Aufenthalt in Ägypten. 55
8. Zwischen Ägypten und Rom - Die Begegnung mit der fremden Kultur
Ägyptens 57
9. Der Einfluss von Cleopatras Andersheit auf Antonys Verhalten 59
9.1 Das feminin Andere in Antony 67
9.2 Identitätskonflikt 70
10. Schluss 75
11. Literaturverzeichnis 80
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1. Einleitung
Shakespeare beschäftigt sich in seinen Stücken mit unterschiedlichen Themen, die seinen Werken einen abwechslungsreichen Unterhaltungswert schenken. Seine Römertragödie Antony and Cleopatra weist eine Themenvielfalt auf, die sie zu einem sehr eindrucksvollen Stück macht. Das Interesse für die Geschichte und die Kultur des römischen Reiches ist zu Shakespeares Zeit sehr verbreitet gewesen, denn das elisabethanische Zeitalter hat das antike Rom als die großartigste Metropole der Weltgeschichte betrachtet. Es ist also selbstverständlich, dass Englands wichtigster Bühnenschriftsteller diese Begeisterung ausnutzt und in seinen Stücken berühmte Ereignisse der römischen Geschichte darstellt. Durch Shakespeares Römertragödien wie Julius Caesar, Coriolanus und natürlich auch Antony and Cleopatra ist es den Zuschauern möglich gewesen, einen Überblick über die gesellschaftliche und politische Situation des antiken Roms zu erlangen und Parallelen zu dem eigenen politischen System zu ziehen. (vgl. Siegel 1986: 100-135) Allerdings behandelt Shakespeare in Antony and Cleopatra nicht nur politische Themen - natürlich spielt Politik eine außerordentliche Rolle in dieser Tragödie - doch andere wichtige Aspekte charakterisieren dieses Stück zusätzlich. Die Gegenüberstellung Roms und Ägyptens, dieser zwei geographisch entfernten und kulturell verschiedenen Welten, ist in Antony and Cleopatra sehr zentral. Zu Shakespeares Zeit entwickelt sich ein zunehmendes Verlangen fremde, bis dahin noch unbekannte Kulturen und Völker näher kennen zu lernen, welches vielleicht durch den allmählich sich entwickelnden Kolonialismus oder durch die ersten literarischen Reiseberichte bedingt ist. Das elisabethanische Publikum ist somit nicht nur an der Darstellung der römischen Kultur und ihrer Geschichte, sondern auch an Schilderungen, die den Orient näher beschreiben, interessiert. Im Laufe des Stücks treten Merkmale auf, die die Kultur und den Lebensstil der beiden Reiche kennzeichnen. Dadurch wird ein sehr kontrastreiches Bild dieser zwei Welten geliefert. Die Begegnung dieser einflussreichen Kulturen verläuft nicht ohne Schwierigkeiten, die den großen Unterschieden zwischen ihnen zuzuschreiben sind. Für die Römer repräsentiert der Orient das Fremde, das Andere und deshalb auch das Bedrohliche, dass es zu vermeiden gilt.
In dieser Arbeit wird die Andersheit Ägyptens untersucht werden, um herausfinden zu können, ob die kulturelle Differenz wirklich eine Bedrohung für das römische Reich darstellt, oder ob der wahre Grund in Roms xenophobischer Haltung gegenüber dem Anderen zu suchen ist. Durch einen detaillierten Vergleich beider Kulturen soll die Funktion der
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kulturellen Alterität Ägyptens in Bezug auf die römische Welt untersucht werden. Eine Gegenüberstellung einiger Sprachmerkmale des Westens mit der des Ostens soll zeigen, dass Rom und der Orient sich sogar im sprachlichen Gebrauch von einander unterscheiden. Ägyptens Sprachregister ist durch die Verwendung von versteckten sexuellen Anspielungen gekennzeichnet, dass die Römer als eine zusätzliche Darstellung des Anderen empfinden. Anschließend erweist sich eine Untersuchung der Exotik des Orients als hilfreich, um Roms Auffassung gegenüber seiner Kultur besser verstehen zukönnen. Eine Präsentation der auffallendsten Aspekte der westlichen Welt soll Roms Selbstbild preisgeben. Außerdem wird dadurch verdeutlicht werden, inwiefern die Lebensform und die Denkweise des Westens als vorbildlich betrachtet werden kann. Danach soll überprüft werden in welchem Ausmaß das römische Ägyptenbild von Stereotypen und Klischees versehen ist. Im Vergleich der Kulturen ist es unvermeidlich, dass das Augenmerk nicht nur auf das jeweilige Volk gerichtet wird, sondern vor allem auch auf dessen Herrscher. Die Römer beobachten Cleopatra, die Königin von Ägypten sehr genau und versuchen all ihre Handlungen zu interpretieren. In ihren Augen spiegelt Cleopatras Person alle Eigenschaften und Merkmale ihres Reiches Ägyptens wider, darum wird die Königin als eine Bedrohung für das römische Reich angesehen. Ihre ausgeprägte Andersheit spielt dabei eine entscheidende Rolle, deshalb wird die Aufmerksamkeit speziell auf Ägyptens Königin Cleopatra gerichtet werden, da sie nicht nur die weibliche Titelfigur der Tragödie ist, sondern als die Verkörperung der Andersartigkeit gilt. Durch die Darstellung ihrer Weiblichkeit und ihres Charakters soll ein Überblick über ihren erstaunlichen Ausmaß an Andersheit entstehen, denn diese ist in fast all ihren Handlungen und Aussagen zu beobachten. Cleopatras Art zu lieben und zu verführen wird ebenfalls als eine weitere Form ihrer Andersartigkeit betrachtet, die ihren Alteritätsgrad zusätzlich erhöht. Doch nicht nur Cleopatras kulturelle Alterität repräsentiert eine Gefahr für die Römer, sondern vor allem auch ihre geschlechtliche Alterität. Die patriarchalische Ideologie des römischen Reiches erlaubt den Frauen wenig politische Macht. Sie würde eine weibliche Herrscherin im römischen Reich niemals dulden. Cleopatras Andersheit wird deshalb von den Römern als radikal empfunden, da sie sogar mehrfach vertreten ist. All diese genannten Formen des Anderen, die im Stück anzutreffen sind, werden vom zweiten Protagonisten der Tragödie, dem römischen Triumvir Antony, am stärksten erlebt. Durch seine Beziehung zu der ägyptischen Königin begegnet der römische Soldat nicht nur einer fremden Kultur, sondern auch einer fremden Frau. Er erfährt die Alterität Cleopatras und Ägyptens aus der Nähe, deshalb ist es interessant den Einfluss dieser Be-
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gegnung auf Antonys Person genauer zu untersuchen. Eine Darstellung von Antonys Persönlichkeit vor seinem Aufenthalt in Ägypten wird von Nutzen sein, um zu verstehen inwiefern sich der Römer durch die Alterität Cleopatras und ihrem Reich hat verändern lassen. Welche Rolle spielt Antonys Liebesbeziehung zur Königin Ägyptens für seinen Entschluss sich das Leben zu nehmen? Hat sein eigenes Selbstbild einen Wandel erlebt, oder sieht sich Antony durch den Kontakt mit dem Anderen nicht in seiner Identität beeinflusst? Durch die Klärung dieser Fragen wird sich herausstellen, welche Funktion die verschiedenen Formen der Alterität, die in der Tragödie dargestellt sind, für das Leben des Protagonisten Antony haben.
Ziel dieser Arbeit ist es also wichtige Darstellungen des Anderen in Shakespeares Antony and Cleopatra zu analysieren, um ihre Funktionen für das gesamte Stück und für seinen Ausgang zu erkennen. Bevor ich mit der Untersuchung der Alterität in Antony and Cleopatra beginne, werde ich zunächst eine wissenschaftliche Erklärung des Alteritätsbegriffs formulieren, um eine Einführung in das Thema zu bieten. Dabei sollen einige Begriffe, von denen ich im Laufe der Arbeit Gebrauch machen werde und die zum semantischen Wortfeld des Anderen gehören, erläutert werden. Die wissenschaftlichen Disziplinen beschäftigen sich mit unterschiedlichen Aspekten der Alterität, die jeweils für ihr Fach von Bedeutung sind. Die Literaturwissenschaft widmet sich hauptsächlich der Untersuchung der kulturellen und der geschlechtlichen Alterität. Es wird außerdem erwähnt werden warum der Alteritätsdiskurs in unserer Zeit zunehmend an Relevanz gewinnt und sehr häufig in der Literatur der Moderne vertreten ist. Diesem theoretischen Teil zur Alterität folgt ein kurzes Kapitel, in dem einige Hintergründe zu Shakespeares Tragödie Antony and Cleopatra genannt werden. Gegenstand dieses Kapitels ist die Auseinandersetzung mit dem Thema des Anderen, während der Frühen Englischen Neuzeit und in Shakespeares Werken. Außerdem werden Aspekte des Genders, der Rasse und der Sexualität zu dieser Zeit, ebenfalls analysiert werden. Nach diesem einführenden Teil wird sich die Arbeit auf das Werk konzentrieren und mit dem Vergleich der Kulturen des Westens und des Ostens beginne, um auf Formen und Funktionen der Alterität hinzuweisen. Danach folgen zwei Kapitel, die die beiden Protagonisten Antony und Cleopatra im Mittelpunkt der Alteritätsfrage sehen. Diese Arbeit schließt mit einer Interpretation des Selbstmordaktes der Zentralfigur Antony, dabei wird die Rolle der Alterität für diese Entscheidung nochmals aufgegriffen werden.
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2. Theoretischer Teil zur Alterität - Klärung des Alteritätsbegriffs
Der Begriff Alterität ist durch seine Synonymie geprägt, seine Verwendung kann somit Unklarheiten verursachen. Die Ausdrücke „Andersheit“, „ das Andere“, „Differenz“, und „Fremdheit“ werden zu den am häufigsten verwendeten Synonymen dieses Begriffes gezählt. Dabei werden kaum Unterscheidungen zwischen dem Ausdruck der Alterität und seinen Synonymen gemacht. Norbert Mecklenburg präzisiert beispielsweise, dass „fremd“ zwei Hauptbedeutungsrichtungen hat: „[…] (a) unbekannt (unvertraut, unverständlich), (b) nicht zugehörig, (einem) andern eigen […].“ (Mecklenburg 1990: 80) Weiter erwähnt er mögliche und sinnvolle Unterscheidungen von „fremd“ in: das kognitiv Fremde und das normativ Fremde. Mecklenburg zu Folge kann der Begriff der Fremdheit als Interpretament von Andersheit und Differenz definiert werden. Wierlacher führt diesen Gedanken weiter aus und erklärt warum die Begriffe Andersheit und Fremdheit problemlos in einem synonymen Verhältnis zueinander stehen können: Es [das Fremde] besitzt eine mehrwertige Valenz, insofern es um die Andersheit und deren im Fremdheitsprofil der Wahrnehmung erscheinendes Sosein, um Assimilationen zwischen dem Fremden und dem Eigenen sowie darum geht, dass sich beide mit ihrer differenzierenden, Reiz und Spannung setzenden Interrelation (Wahrnehmung, Auffassung) selbst konstituieren und charakterisieren, so dass die Begriffe Andersheit und Fremdheit ihre Stellung wechseln können. (Wierlacher 1993: 62)
Wie Mecklenburg betont, ist Alterität ein purer Relationsbegriff, d.h. er steht in einem engem Verhältnis zu anderen Begriffen. Zwischen Alterität und Identität besteht beispielsweise eine solche Relation, die ihre Abhängigkeit zueinander darstellt. Das Fremde und das Eigene werden oft als Kontrastphänomene aufgefasst, doch auch hier besteht ein relationaler Bezug. Im folgenden Kapitel werden diese Relationen genauer untersucht werden, um auf diese Weise den Alteritätsbegriff zu verdeutlichen. Die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen weisen unterschiedliche Konzepte von Alterität auf. In der Literaturwissenschaft, gilt die kulturelle Alterität als eine der wichtigsten Fremdheitsaspekte. (vgl. Mecklenburg 1990: 82) Erkenntnistheoretische, theologische, sozialphänomenoligische sowie soziologische Entwürfe von Alterität, um einige Bespiele zu nennen, können durchaus auch in der Literatur eine Rolle spielen. Da in letzter Zeit die feministische Kulturtheorie an Bedeutung zugenommen hat, wird die Alte-
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rität des anderen Geschlechts in der Literatur zunehmend in Betracht gezogen. Letztere sowie die kulturelle Alterität werden für die Verfassung dieser Arbeit entscheidend sein.
2.1 Kulturelle Alterität
Die Gestalt des Anderen und des Fremden hat im Laufe der Jahrhunderte angesichts kennzeichnender historischer Ereignisse an Relevanz gewonnen. Die Eroberung der Neuen Welt durch die Europäer gilt dabei als eine der wichtigsten Begegnungen mit einer fremden Kultur in der Geschichte Europas. Verschiedene Lebensweisen und Traditionen werden durch ein solches Zusammentreffen von Kulturen miteinander konfrontiert. Ein Alteritätsprozess beginnt somit seinen Lauf, dabei kann es zu positiven aber auch zu negativen Darstellungen des Anderen kommen. Fremdheitserfahrungen können also als Gefahren und als Chancen für die eigene Kultur angesehen werden. Die Überzeugung, dass fremde Kulturen oder fremde Rassen eine Bedrohung des eigenen Lebens darstellen, hat sich im Gegensatz zu positiveren Empfindungen gegenüber Fremdheitserfahrungen, stärker durchgesetzt. Die Alterität anderer Völker als Bereicherung der eigenen Kultur anzusehen, erfordert die Überwindung des Nationalstolzes und die Bereitschaft Traditionen sowie nützliche Eigenschaften anderer Kulturen anzunehmen. Im 21. Jahrhundert hat die Auseinandersetzung mit der Andersheit und Fremdheit anderer Völker eine große Bedeutung angenommen. Das globale Zusammenleben von unterschiedlichen Kulturen setzt eine Bereitschaft zur Anerkennung der kulturellen Alterität voraus. Dabei ist es wichtig, dass die erkannte Differenz des Anderen nicht diskriminiert oder verdrängt wird, es sollte ihr dagegen Respekt zugeteilt werden. Die Xenologie (gr. xénos: >fremd<, >Fremder<), oder Fremdheits-forschung betont die Selbstverständlichkeit, dass es zwischen Kulturen zu Entlehnungen, Annexionen und Abstoßungen sowie zu Nachahmungen und Anpassungen kommen kann. (vgl. Nünning 2002: 281) Eine Interdependenz des Eigenen und des Fremden ist deshalb einer Opposition der Kulturen vorzuziehen. Das was als Eigenes empfunden wird, ist also selten frei von Fremdeinflüssen. Eine radikale Alterität ist demnach zumindest in unserem Jahrhundert fast unvorstellbar geworden. Der zentrale Gegenstandsbereich der Fremdheits-forschung besteht darin, die Bedeutung von kultureller Alterität für den einzelnen Menschen sowie für die Entstehung von Kulturen zu ergründen. (vgl. S.282) Der Xenologie zu Folge, erfährt das Individuum durch die Begegnung mit dem Anderen eine Veränderung in seiner Identität, die je nach Alteritätsgrad irrelevant oder schwerwiegend sein kann. (vgl. S.283) Alfred Schütz betont, dass das Verstehen unserer Identität, d.h. das Verstehen unseres Selbst, auf das Verstehen Anderer beruht. Nur durch die Kommunikation mit anderen
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ist die Entfaltung des Menschen möglich, d.h. die Identität basiert auf die Anerkennung durch den Anderen. (vgl. Schütz 2004: 233) Julia Kristeva erklärt, dass der Fremde in uns selbst ist:
Er ist die verborgene Seite unserer Identität, der Raum, der unsere Bleibe zunichte macht, die Zeit, in der das Einverständnis und die Sympathie zugrunde gehen. Wenn wir ihn in uns erkennen, verhindern wir, dass wir ihn selbst verabscheuen. (Kristeva 1994: 11)
Diese Erkenntnis führt nach Kristevas Meinung dazu, dass das Individuum sich seiner eigenen Differenz bewusst wird und somit aufhört den Anderen als Fremden zu betrachten. Dieses Phänomen trifft jedoch selten zu, denn der Mensch gibt ungern die eigene Andersheit zu.
Die Konjunktur des Fremdheitsthemas in unserer Gesellschaft hat zur Folge, dass die Literaturforschung ebenfalls ein zunehmendes Interesse für die Alteritätsfrage entwickelt hat, deshalb bemüht sie sich eine Antwort auf die Fremdheitsfragen zu finden. Die Beschäftigung mit dem Fremden setzt eine Untersuchung seiner Kultur und seiner Lebensweise voraus. Eine übergreifende Zusammenarbeit beider Disziplinen ist also unvermeidlich, da die Literatur den Fremden hauptsächlich durch die Darstellung seiner Kultur definiert. Allerdings wird nicht nur das Ausländische oder das Nichtzugehörige als anders betrachtet, sondern unterschiedliche Formen der Alterität sind ebenfalls möglich: die Zugehörigkeit zu einer anderen Rasse sowie Religion aber auch die Alterität des Geschlechts gehören dazu. Andersheit kann demnach viele Gestalten annehmen und eine ambivalente Wirkung hervorrufen, die Faszination oder Bedrohung verursachen können. Das Fremde kann in seiner Unbekanntheit nicht nur als feindlich, sondern auch auf positiver Weise beurteilt werden.
Die Alterität dient der kulturellen Entwicklung, da sie ein Wechselverhältnis von Fremdem und Eigenem in Gang setzt, welches zu der Konfrontation mit einer fremden Kultur führt. Werden die Eigenschaften der anderen Kultur als Bereicherung angesehen, kann durch diese Gegenüberstellung ein Lernprozess aktiviert werden. Trifft das Gegenteil ein, kommt es eher zu einer Abgrenzung zwischen den Kulturen. (vgl. Wierlacher 2003: 56) Alois Wierlacher erklärt:
[…] die Isolation einer Kultur von anderen Kulturen hat sich schließlich in der Geschichte nie durchhalten lassen. Menschliches Leben einschließlich der Wissenschaften war immer schon auf wechselseitige Impulse von außen angewiesen und hat immer schon lebenswichtige Anregungen durch fremde Kulturen und deren Angehörige gesucht und erhalten. (S. 60 )
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Es kann also behauptet werden, dass die Kenntnisnahme der Alterität anderer Kulturen oder anderer Menschen ein besseres Verstehen der eigenen und der fremden Kultur bewirkt, sowie der eigenen Identität. Es findet eine Selbstaufklärung und Selbstdistanzierung statt. (vgl. S. 61)
Der Ethnozentrismus, d.h. die Überlegenheitsbewertung der eigenen Kultur, könnte somit durch die Wahrnehmung der Wichtigkeit einer anderen Kultur abnehmen oder ganz beseitigt werden. Anders als der Ethnozentrismus übt der Exotismus durch die idealisierte Darstellung fremder Kulturen eine indirekte Kritik der eigenen Gesellschaft aus. Formen von Exotismus treten bereits im 15. Jahrhundert durch die Entdeckung ferner Länder durch die Europäer auf. Schon damals ist mittels einer ruhmvollen Beschreibung fremder Lebenswelten auf Mängel in der eigenen Gesellschaft hingewiesen worden. Allerdings sind fremde Länder und Kulturen nicht nur positiv dargestellt worden, oft ist absichtlich ein negatives Bild von ihnen geliefert worden, um eigene Schandtaten zu rechtfertigen. Die Präsenz von Phänomenen wie Ethnozentrismus und Exotismus in einer Gesellschaft zeigen, dass die Alterität anderer Kulturen nicht immer respektiert und geschätzt wird. Oft wird die Meinung über eine fremde Kultur durch Stereotype und Vorurteilen geprägt, die nur mit großer Schwierigkeit endgültig überwunden werden können, da sie im Unterbewusstsein des Menschen tief verankert sind. Die Verwendung von Stereotypen, die sich auf andere Nationen oder Kulturen beziehen, können durchaus destruktive Folgen für diese haben. Allerdings präzisiert Anton Zijderveld in seinem Aufsatz über die Funktionen von Stereotypen und Klischees, dass diese oft mehr über diejenigen, die sie entwickeln und benutzen, aussagen als über die Zielgruppe an die sie gerichtet sind: „Racist stereotypes about the Jews in Hitler Germany said much about the Nazis - about their fears and anxieties, their insecurity and their hatred - and very little about the Jews.“ (Zijderveld 1987: 27) Neben solchen zu Diskriminierungen führenden Stereotypen gibt es selten auch solche die positiv markiert sind. Stereotypisierungen einer Kultur oder einer Nation können auch von wissenschaftlichen Diskursen verursacht werden, wie in Edward Saids Orientalismus gezeigt wird. Seine kritische Studie über die abendländische Kenntnis des Orients bringt negative Auswirkungen ans Licht, die hauptsächlich durch die Arbeit der Orientalisten herbeigeführt worden sind. Said will zeigen, dass der abendländische Diskurs über den Orient eigentlich ein sehr vages Bild über ihn liefert, da er von typischen Stereotypen Gebrauch macht: „ […] the eternal and unchanging East, the sexually insatiable Arab, the feminine exotic, the teeming marketplace, corrupt despotism, mystical religiosity.“(zitiert
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aus Clifford 1988: 258) Die authentischen Merkmale des Orients gehen hierbei unter. Dies hat zur Folge, dass falsche Vorstellungen, die durch die Wiederholung der oben erwähnten Stereotypen über das Morgenland, sich in Studien oder Berichten durchsetzen. Die kulturelle Alterität des Orients wird nicht wirklich wahrgenommen, denn sie wird nur durch den Filter der westlichen Kultur gesehen. Um ein wahrheitsgetreues Orientbild zu bekommen, wäre es angebrachter, sich völlig unvoreingenommen seiner kulturellen Alterität zu nähern.
Zusammenfassend kann behauptet werden, dass die Beschäftigung mit dem Thema der Alterität gezeigt hat, wie zahlreich die Phänomene, die das Kulturenbild beeinflussen können, sind. Die Rücksichtsnahme der kulturellen Alterität eines anderen Landes oder einer anderen Gruppe ist sehr schwer einzuhalten, da die Bereitschaft fehlt, die Gleichwertigkeit einer anderen Kultur anzuerkennen. Zu viele Behinderungen erschweren die totale Akzeptanz der Alterität anderer Kulturen. Das Erkennen der Andersheit eines anderen Volkes sollte nicht Angst und Abwehr erzeugen, sondern vielmehr die Neugier und das Interesse wecken. Die anerkannte Fremdheit sollte allerdings nicht verdinglicht oder angeeignet werden, vielmehr wäre es angebracht diese nur vorsichtig zu berühren. (vgl. Kristeva 1994:12) Eine Bekehrung in der Mentalität der Menschen in Bezug auf die Erkennung der positiven Aspekte der Andersheit anderer Völker und Kulturen, könnte durch eine systematische Konfrontation mit dem Thema der Alterität erreicht werden.
2.2 Die Alterität des anderen Geschlechts in einer patriarchalischen Kultur
Neben der kulturellen Alterität gilt die Differenz der Geschlechter als ein Fremdheitsproblem, welches sowohl in der Vergangenheit als auch in der heutigen Zeit, das Verhältnis zwischen Mann und Frau geprägt hat und fortwährend prägen wird. Die Geschlechterforschung ist sogar zu einem wissenschaftlichen Thema geworden, zentrale Fragestellungen wie die gesellschaftliche Gleichstellung von Frauen und Männern werden sind Gegenstand dieser Studien. Ein hierarchisches Verhältnis der Geschlechter ist in der Geschichte der Menschheit fast immer präsent gewesen. Im Laufe der Jahrhunderte hat der Mann im Vergleich zu der Frau seine Stellung in der Gesellschaft sowie im Familienleben stärker durchgesetzt. Aufgrund welcher Kriterien hat sich diese benachteiligte Position der Frau im Gesellschaftsleben gebildet? Gründe für eine solche Entwicklung sind lange Zeit der körperlichen Schwäche der Frau zugeschrieben worden. Daher ist die Hierarchie der Geschlechter als naturgegebene Eigenschaft zwischen Männer und Frauen betrachtet worden.
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Zuschreibungen solcher Art und noch viele mehr (auf die ich hier nicht näher eingehen möchte) sind dem Geschlecht der Frauen verhängnisvoll zugeteilt worden. Allerdings ist inzwischen belegt worden, dass die meisten angeblichen Unterschiede zwischen Mann und Frau nicht biologisch, sondern kulturell bedingt sind. Auf eine strukturale Analogie zwischen Frauen und Fremde wird durch Studien wie die Geschlechterforschung hingewiesen und genauer eingegangen. (vgl. Nünning 2002: 331)
Freuds Vergleich der Frau mit einem „dunklen Kontinent“ soll als Beispiel der wahrgenommenen Alterität des weiblichen Geschlechts dienen. (vgl. S. 331) Die Andersheit der Frau wird oft mit der Andersheit des Fremden in Verbindung gebracht. Sie gilt als Verkörperung des Anderen und wird daher als Faszination zu der man sich angezogen fühlt oder als Bedrohung (zum Beispiel als Bedrohung der eigenen Männlichkeit) angesehen. Durch die Abgrenzung zum anderen Geschlecht erkennen Mann oder Frau ihre eigene Identität, d. h. sie definieren sich selbst durch die Existenz des anderen Geschlechts. In der Literatur ist die Alterität der Frau, ein oft behandeltes Thema, da die Beziehung zwischen den Geschlechtern nie an Aktualität verloren hat. Literarische Werke der Vergangenheit sowie neuzeitliche literarische Erscheinungen konfrontieren das Leserpublikum mit der Alterität der Geschlechter und weisen auf ihre Folgen hin. Dabei wird das Bedürfnis einer Auseinandersetzung mit dieser Angelegenheit geweckt.
3. Hintergründe zu Shakespeares Tragödie Antony and Cleopatra - Gender, Rasse und Sexualität
Zahlreiche soziale und wirtschaftliche Veränderungen im 16. und 17. Jahrhundert haben die englische Gesellschaft erheblich beeinflusst. Das Bevölkerungswachstum und die größer werdende Kluft zwischen arm und reich haben zu einem sozialen Wandel geführt, dass eine Krise der sozialen Ordnung ausgelöst hat:
The effect of this social flux was a widespread perception of a “crisis of order“, a major feature of which was a perceived threat to the patriarchal structures of the time - or specifically, to “natural“distinctions between gender roles. (Singh 1989: 102)
Die englische Gesellschaft hat festgelegte Identitäten befürwortet, die vor allem das Ziel hatten, die Rolle der Frau im sozialen Leben zu bestimmen und einzuschränken. Eine pat-
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riarchalische Gesellschaft sollte Unordnung vermeiden, um somit das Wohl der Gemeinschaft besser sichern zu können. Eine Mitbestimmung von Frauen in den sozialen Angelegenheiten ist im England dieser Zeit als subversiv und bedrohlich angesehen worden. Die Festlegung von Geschlechterrollen sollte demnach vermeiden, dass die Frau, Aufgaben die den Männern zugeteilt waren, durchführt hat.
Schriftsteller des 16.Jahrhunderts wie Northbrooke, Gosson und Rankins haben die Darstellung von Effemination und Weiblichkeit sowie von Transvestismus auf der englischen Bühne kritisiert, da diese die männlichen Schauspieler, aber auch die Zuschauer verweiblichen könnten und somit zu einem Verlust ihrer Männlichkeit führen würden. Doch Jyotsna Singh betont, dass eine ganz andere Befürchtung dahinter gesteckt hat:
But in a more insidious sense, their criticism of the stage, I believe, reflects a dread of an unrestrained femininity disrupting the conventional boundaries of sexual difference crucial to the preservation of the patriarchal culture of the time. (S.103)
Identitätsunterscheidungen sind auf der elisabethanischen Bühne durcheinander gebracht und vermischt worden. Dies hat also eine Bedrohung für die Identität des Mannes dargestellt und somit auch für die englische Gesellschaft. Die Frau und ihre Weiblichkeit sind als Gefahr betrachtet worden. Diese ist als lüsterne Verführerin angesehen worden, die die Männer in ihrer Männlichkeit schwächen und deswegen die Grenzen zwischen den Geschlechtern verwischen könnte. Die Erhaltung der patriarchalischen Ordnung ist in der Meinung der Elisabethaner nur dann möglich, wenn Frauen aus den gesellschaftlichen Angelegenheiten herausgehalten werden. Die patriarchalische Gesellschaft hat den Frauen Falschheit und Wankelmut zugeschrieben. Ihrer Meinung nach ist die Unbeständigkeit der Frauen gefährlich gewesen, deshalb sollten diese den Männern unterworfen bleiben, um auf diese Weise Probleme zu vermeiden.
Ania Loomba weist daraufhin, dass Königin Elisabeth I. sowie Cleopatra aus Shakespeares Tragödie, im Zeitalter der Renaissance typische Ängste vor einer Frauenregierung evoziert haben. (vgl. Loomba 1992: 76) Elisabeth, erklärt Loomba, hat ihre Weiblichkeit leugnen müssen, um ihre Herrschaft zu sichern: „I know I have the body of a weak and feeble woman, but I have the heart and stomach of a king, and of a king of England too.” (zitiert ebd.) Königin Elisabeth war gezwungen ein zwitterhaftes Dasein in Keuschheit zu führen, um sich in der patriarchalischen Gesellschaft behaupten zu können. Shakespeares Cleopatra dagegen hat mit ihrer offenen Sexualität das damalige England beängstigt. Loomba ergänzt:
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Since women as lovers function as the private lives of men, their trespass into the public world of politics implies a dual identity, a changeability which also contributes to Cleopatra’s construction as an inconstant and shifting being. (S.77)
Europa hat in Shakespeares Tagen begonnen ein Interesse für den ausländischen Markt und für Kolonien zu zeigen. Sklaven sind nach England importiert worden und andere Ausländer sind wiederum aus dem Land verwiesen worden. Loomba veranschaulicht Englands Empfindungen:
They became increasingly aware of the power, wealth, and learning of other peoples, of the precise histories and geographies of worlds beyond Europe, and yet this awareness often only intensified expressions of European and Christian superiority. (Loomba 2002: 4)
Der Kontakt zu Ausländern ist attraktiver geworden, jedoch hat er zugleich auch bedrohlich gewirkt. Kulturelle und religiöse Debatten sowie die Auseinandersetzung mit den Unterschieden der menschlichen Körper sind während dieser Zeit immer häufiger gewesen und haben allmählich das Rassenbewusstsein geschaffen. (vgl. ebd.) Durch die Entdeckung der Neuen Welt haben sich neue Vorstellungen des „Anderen“ gebildet, entweder als edler oder grausamer Wilder. Über Englands Begegnung mit der afrikanischen Kultur präzisiert Loomba folgendes: „The newer contact with Africa made this picture even more complex, playing upon medieval notions of blackness but aligning them with the newer colonial promise of wealth and slaves.”(S.6) In Bezug auf die Geschlechterrolle haben sich die Rassenunterschiede in Form einer Umkehrung des sexuellen Verhaltens und der üblichen Merkmale der Geschlechter manifestiert: „[…] Jewish men were said to menstruate, Muslim men to be sodomites, Egyptian women to stand up while urinating, and witches and Amazons to be kin to cannibals.” (S.7) Man kann also durchaus behaupten, dass die Ungleichheit des Geschlechts in der patriarchalischen Gesellschaft zu der Bildung einer Rassenhierarchie beigetragen hat.
3.1 Die Auseinandersetzung mit dem Thema der Alterität zu Shakes-peares Zeit
In Shakespeares Stücken sind ausländische Schauplätze und Charaktere keine Seltenheit, was das Interesse und die Beschäftigung des Dramatikers mit fremden Völkern und Kultu-
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ren zeigt. Es ist allerdings schwer, Shakespeares eigene Perspektive des Anderen herauszufinden. Eine Unterscheidung zwischen den persönlichen Vorurteilen des Dramatikers ist nicht möglich, da nicht klar wird, ob er von ihren Gebrauch macht, um dramatische Effekte zu kreieren. Felicia Hardison Londré weist darauf hin, dass Shakespeares Einstellung, Fremden gegenüber sich von der elisabethanischen Gesellschaft abhebt: Shakespeare often demonstrates a more sophisticated international outlook than what we know to have been the popular Elizabethan sense of the differences between the English and other peoples. (Londré 1997: 325) Die Kritikerin berichtet von der xenophobischen Haltung der meisten Elisabethaner gegenüber dem hohen Ausländerzustrom im 16. Jahrhundert. Die Streitigkeiten zwischen Ausländern und Mitgliedern der Mittel- und Unterschicht sind zu dieser Zeit nicht ungewohnt gewesen.
Im Gegensatz zu ihrem Volk hat Königin Elisabeth I. große Bewunderung für die französische Kultur und ihre Sprache empfunden. In Kreisen der Aristokratie hat der Kulturenaustausch als Bereicherung gegolten und einen unterhaltsamen Zeitvertreib repräsentiert. Das Frankreichbild der damaligen Zeit scheint auf jeden Fall positiver als das Spanien- oder Russlandbild gewesen zu sein:
With respect to Spaniards and Russians, there seems to have been less divergence between the aristocrat’s and the commoner’s view of the “other”: Spain was the arch-enemy, and the Russians could be regarded as figures of fun. (S.327)
Durch Berichte über ihr erbarmungsloses Verhalten gegenüber den unschuldigen Eingeborenen der Neuen Welt, sind die Spanier als ein grausames und blutdurstiges Volk stereotypisiert worden. Die elisabethanische Gesellschaft hat sich durch ethnische Stereotype und Vorurteile leicht in ihrem Fremdenbild beeinflussen lassen. Ania Loomba erklärt, dass The Globe, Shakespeares Theater, einen sehr großen Einfluss auf die öffentliche Meinung der Engländer über die restliche Welt gehabt hat. Die Wissenschaftlerin zählt einige, in Shakespeares Stücken, als Außenseiter auftretenden Gruppen auf: „Indians, gypsies, Jews, Ethiopians, Moroccans, Turks, Moors, ‘savages’, the ‘wild Irish’, ‘the uncivil Tartars’, as well as non-English Europeans […]“(Loomba 2002: 8) In Stücken wie Othello, The Merchant of Venice, The Jew of Malta und Antony and Cleopatra nehmen Außenseiter sogar zentrale Positionen ein. Loomba erklärt, dass durch diese Figuren ein guter Einblick in das Fremdenbild der Engländer entsteht:
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But, in fact, they help us scrutinize the very boundary between European and non-European, and see how it is constructed at a time when Europe’s interactions with other worlds were becoming increasingly complicated. (ebd.) Durch Shakespeares Darstellung der Fremden hat sich unter den Elisabethanern die Verbreitung von stereotypisierten Verhaltensweisen und Charakterzügen, der in den Stücken präsentierten Ausländer, erhöht. Denn diese sind als amüsant empfunden worden und haben aus diesem Grund mehr Publikum angezogen. Andererseits erwähnt Felicia Hardison Londré, dass Shakespeare seine Stücke nicht nur zum Vergnügen seiner Zuschauer verfasst hat:
The inescapable conclusion is that while Shakespeare may not have been averse to having public playhouse audience find humour in broad ethnic and national stereoptypes, he was primarly writing for the more refined sensibilities of a coterie audience. (Londré 1997: 337)
Shakespeares Darstellung der römischen und ägyptischen Kultur in Antony and Cleopatra ist für das elisabethanische Publikum sehr unterhaltsam und lehrreich gewesen. Im England der frühen Moderne ist Ägypten besonders für die antiken Philosophien, Religionen sowie für seine Bildung bekannt gewesen. (vgl. Loomba 2002: 114) Der Enthusiasmus für die römische Kultur hat im elisabethanischen Zeitalter eine Renaissance durchlaufen. Allerdings ist die Begeisterung der Elisabethaner für Rom ein Grund gewesen, sich gegen die ägyptische Kultur, die in Shakespeares Stück dargestellt wird, zu stellen. Das Ägyptenbild von Antony and Cleopatra ist also negativ geprägt gewesen, weil die römische Welt und ihre Geschichte in England als Ideal galten. Loomba erklärt, dass zu Shakespeares Zeit, Ägypten als ein rassisch gemischtes und dunkelhäutiges Volk betrachtet wurde: „The effect of this confusion was to resurrect a central division between East and West which had been a feature of classical Roman and Greek literatures.” (S.115-116) In Shakespeares Antony and Cleopatra, wird Cleopatra also nicht nur als Ägypterin bezeichnet, sondern auch als Zigeunerin, außerdem ist der Dichotomie zwischen Westen und Osten eine wichtige Rolle im Stück zugesprochen worden. (vgl. ebd.) Überdies ist zu Shakespeares Zeit das Ägyptenbild durch die Geschlechterinversion geprägt gewesen. (vgl. Archer 1994: 23) Im damaligen Europa ist Cleopatras Image von der Andersartigkeit ihrer Sexualität besonders gekennzeichnet gewesen. (vgl. Hughes-Hallett 1990: 149) Zusammenfassend kann man sagen, dass die Elisabethaner sich kaum mit dem Thema der Alterität auseinandergesetzt haben. Sie haben sich in der Begegnung mit dem
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Anderen von typischen Stereotypen beeinflussen lassen und das Hinterfragen nach dessen Korrektheit ganz unterlassen. Zwar ist ein Interesse fremde Nationen und ihre Traditionen kennen zu lernen, bestehend gewesen, doch nur zur Ablenkung vom Alltag. Die fremde Kultur ist selten mit der eigenen verglichen worden, die als überlegen und deshalb als unantastbar angesehen worden ist. Doch Ania Loomba weist darauf hin, dass das damalige Selbstbild der Europäer sowie das der Engländer von ihrer Konstruktion des Fremdbildes abhängig gewesen ist:
Europe’s self-definition as the most superior civilization of the world depended in part upon the construction of an ‘Orient’ as different from itself, as an irrational, backward, lazy, sensuous, and deviant region. (S.9) Der Orient ist im Vergleich zu Europa als das „Andere“ angesehen worden, diese Tatsache hat zum Selbstbild der Europäer entscheidend beigetragen. Der Nationalstolz der Engländer ist durch die Erscheinung des Anderen von Neuem entdeckt worden und hat die Feindlichkeit gegenüber dem Fremden erhöht. Diese Einteilung in Eigenes und Anderes hat also bereits in Shakespeares Zeit zu einer Aufspaltung zwischen Osten und Westen geführt. Die Vorteile die eine vorurteilsfreie Beobachtung der Gewohnheiten und Bräuche von fremden Kulturen, für die eigene haben würde, sind also nicht in Betrachtung gezogen worden. Das Andere als Bereicherung des Eigenen zu interpretieren, ist also undenkbar für das damalige England gewesen.
4. Zwei Kulturen im Vergleich in Shakespeares Antony and Cleopatra -Die Ägyptische Kultur und ihre Andersheit
Die Handlung der Tragödie Antony and Cleopatra konfrontiert den Zuschauer mit zwei verschiedenen Welten: die römische und die ägyptische Welt. Im Laufe des Stücks wird sich zeigen, dass diese zwei mächtigen Reiche über komplett entgegengesetzten Weltanschauungen verfügen. Viele wichtige Merkmale der kulturellen Differenz Ägyptens gegenüber der römischen Welt werden in Antony and Cleopatra deutlich. Im Stück wird Ägypten als ein Ort der offenen Sexualität dargestellt, wie die vielen Dialogen zwischen Cleopatra und ihren Hofdamen zeigen. Ihre Unterhaltungen sind selten frei von sexuellen Anspielungen, was die Bedeutung der Sexualität für die orientalische Welt betont. Sogar hinter der Präsenz der Eunuchen versteckten sich erotische Phantasien:
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Mardian: What’s your highness’ pleasure? Cleopatra:
Mardian:
Yes, gracious madam. Cleopatra: Indeed? Mardian:
Das Luftzufächeln, das in den Bühnenanweisungen genannt wird, kann als eine weitere Andeutung auf das niemals abkühlende sexuelle Bedürfnis Cleopatras und ihrer Hofdamen interpretiert werden. Ungebundene Geschlechtsbeziehungen sind in Ägypten eine Selbstverständlichkeit, die sexuellen Triebe dieses orientalischen Volkes können mit denen von Tieren verglichen werden. Eine derartig offene Auslebung der Sexualität ist den Römern fremd, deshalb wird sie von ihnen als eine Form von Ägyptens Andersheit empfunden. Dabei spielt Phantasie eine wichtige Rolle, denn der Geschlechtsakt ist oft durch erotische Spielchen begleitet. Der Rollentausch zwischen Mann und Frau scheint das sexuelle Leben der Ägypter besonders zu kennzeichnen.
Außerdem wird das Ägyptenbild im Laufe der Tragödie durch die Weiblichkeit dieses Landes geprägt. Die Tatsache, dass ein Reich von einer Frau regiert wird, ist zur damaligen Zeit eher eine Seltenheit gewesen. In Ägypten jedoch nicht, denn hier wird Cleopatras Herrschaft als eine Selbstverständlichkeit betrachtet. Das Fehlen von Männern in Cleopatras Hof symbolisiert deren passive Rolle im gesellschaftlichen Leben. Cleopatra ist nur von Dienerinnen umgeben oder von Eunuchen, dies beeinflusst die Atmosphäre, die in ihrem Palast herrscht. Im Orient ist die Kluft zwischen den Geschlechtern nicht vorhanden. Es wird offen über Gefühle gesprochen ohne irgendwelche Hemmungen dabei zu verspüren. Dies weist auch auf die eher freundschaftliche Beziehung zwischen Cleopatra und ihren Untertanen hin.
Die ersten Eindrücke des östlichen Reiches dienen als Einführung eines Ortes welches sich als hedonistisch und leidenschaftlich entpuppen wird. Ägyptens endloses Feiern und Vergnügen sowie der unglaubliche Luxus dieses Reiches tragen zu seiner starken Anziehungskraft bei. In Ägypten herrscht eine freundliche Stimmung, die die herzliche Ge-
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Arbeit zitieren:
Francesca Cangeri, 2007, Formen und Funktionen des "Anderen" in Shakespeares "Antony und Cleopatra", München, GRIN Verlag GmbH
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