Inhaltsverzeichnis
Abkürzungs und Akronymverzeichnis 2
Einleitung 3
1 Begriffserklärungen 5
1.1 Zum Kulturbegriff in der Psychologie Pädagogik und Soziologie 5
1.2 Esskultur 7
2 Entwicklungslinien der Esskultur im Zeitverlauf 9
2.1 Entwicklung der Esskultur seit Ende des 2 Weltkriegs bis in die Gegenwart 9
2.2 Entwicklung der Tischsitten als Teil der Esskultur 14
2.3 Fast Food und Slow Food als Entwicklungslinien der Esskultur 15
2.3.1 Fast Food 16
2.3.1.1 Imbissgastronomie 17
2.3.1.2 Systemgastronomie 18
2.3.1.3 Kritische Betrachtung von Fast Food 20
2.3.2 Slow Food 21
3 Probleme durch die veränderte Esskultur am Beispiel von Essstörungen 24
3.1 Essstörungen aus historischer und soziokultureller Sicht 25
3.2 Anorexia nervosa (Magersucht) 27
3.2.1 Krankheitsbild und Diagnose 27
3.2.2 Soziokulturelle Ursachen 29
3.3 Bulimia nervosa (Bulimie) 32
3.3.1 Krankheitsbild und Diagnose 32
3.3.2 Soziokulturelle Ursachen 35
3.4 Adipositas (Fettsucht) 38
3.4.1 Krankheitsbild und Diagnose 38
3.4.2 Soziokulturelle Ursachen 39
4 Präventions und Interventionsmöglichkeiten der Institution Schule im Bezug
auf das Essverhalten der Schülerinnen und Schüler unter Berücksichtigung
der veränderten Mahlzeitensituation innerhalb der Familie 41
4.1 Soziale Funktion der alltäglichen Mahlzeiten innerhalb der Familie 41
4.1.1 Gemeinsam eingenommene Mahlzeiten 42
4.1.2 Getrennt eingenommene Mahlzeiten 44
4.2 Präventions und Interventionsmöglichkeiten der Institution Schule 45
4.2.1 Präventionsmöglichkeiten 46
4.2.2 Interventionsmöglichkeiten 49
Fazit 51
Literaturverzeichnis 52
2
Abkürzungs- und Akronymverzeichnis
Bd. Band
BMI Body-Mass-Index
bzw. beziehungsweise
Dr. Doktor
DSM-IV Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen der
American Psychiatric Association
etc. et cetera
f folgende
GHR Grund-, Haupt- und Realschule
Hrsg. Herausgeber
kg Kilogramm
m Meter
mm Millimeter
Nr. Nummer
NRW Nordrhein-Westfalen
o. ohne
Prof. Professor
S. Seite
u.a. und andere
URL Uniform Resource Locator
vgl. vergleiche
vs. versus
zit. zitiert
z.B. zum Beispiel
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Einleitung
Der Mensch muss essen, um überleben zu können. Deshalb ist Essen seit jeher ein fundamentales Element des täglichen menschlichen Denkens und Handelns und stellt somit ein Grundbedürfnis dar. Diente Essen und damit das Stillen von Hunger in früherer Zeit ausschließlich einem Selbst- zweck, so stellt sich dieses Thema heute weitaus komplexer dar. Der Grund dafür liegt in Mittel- europa wie in weiten Teilen der westlichen Welt im Überangebot von Nahrungsmitteln. Dadurch stehen Menschen vor der Entscheidung ‚was, wo und wie’ sie essen.
Für die Darstellung des ‚was, wo und wie’ bietet sich der Begriff der Esskultur an. Mit Hilfe des Begriffs Esskultur lassen sich nicht nur Entwicklungen im Zeitverlauf hinsichtlich des Essverhal- tens einer Gesellschaft darstellen, sondern auch Vergleiche zu anderen Gesellschaften ziehen. Der Fokus der vorliegenden Arbeit liegt in diesem Zusammenhang auf den Entwicklungslinien der Esskultur im Zeitverlauf sowie deren Auswirkungen.
Auswirkungen einer veränderten Esskultur in Mitteleuropa zeigen sich beispielsweise in der Ent- stehung und Ausbreitung von Essstörungen. Essstörungen sind in diesem Zusammenhang verur- sacht durch ein komplexes Ursachenbündel, unter anderem bestehend aus dem Widerspruch zwi- schen dem beschriebenen Überangebot von Nahrungsmitteln, einem ständig vor Augen geführten Schönheitsideal sowie individuellen Bedürfnissen jedes einzelnen Menschen.
Insbesondere Kinder und Jugendliche sehen sich diesbezüglich einer besonderen Herausforde- rung gegenüber. Ihr erlerntes Essverhalten und somit die zukünftige Esskultur sind in erster Linie abhängig vom Elternhaus. Offenbaren sich bei den Eltern Orientierungsprobleme hinsichtlich des ‚was, wo und wie’ des Essens, überträgt sich dieser Zustand auf das Essverhalten von Kindern und Jugendlichen und begünstigt Essstörungen.
Die Folgen eines unangemessenen Essverhaltens durch die sich verändernde Esskultur sind gra- vierend. So waren bereits im Jahr 2003 über 15 % der Kinder in Mitteleuropa übergewichtig. Der Anteil der bereits fettsüchtigen Kinder lag zu dieser Zeit mit steigender Tendenz bei 5 %. Doch nicht nur Übergewicht und Fettsucht gelten mittlerweile als großes Problem. Aktuelle Veröffent- lichungen dokumentieren die Zunahme von Essstörungen wie Magersucht und Bulimie bei im- mer jüngeren Kindern bereits im Grundschulalter. Galten Essstörungen bisher als typisch für Mädchen in der Pubertät und junge Frauen, so lässt sich jetzt feststellen, dass mittlerweile immer mehr jüngere Kinder betroffen sind. (vgl. KESELING 2007: o. S.)
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An dieser Stelle ergibt sich die Fragestellung, welchen Beitrag die Schule als Institution leisten kann, um dieser Problematik zu begegnen. Im Verlauf der vorliegenden Arbeit wird erarbeitet, wie insbesondere in der Grundschule mit Hilfe von Präventions- und Interventionsmaßnahmen das Essverhalten der Schülerinnen und Schüler 1 gezielt ausgebildet werden kann, damit sie be- wusste Entscheidungen bezüglich des ‚was, wo und wie’ des Essens treffen können und der Ent- stehung von Essstörungen vorgebeugt wird.
Aus den beschriebenen Gründen habe ich mich in der vorliegenden Arbeit mit der Entwicklung der mitteleuropäischen Esskultur seit Beendigung des zweiten Weltkriegs beschäftigt. Im ersten Kapitel werde ich zunächst den Kulturbegriff aus pädagogischer, psychologischer und soziologi- scher Perspektive erklären, um in Anlehnung daran die Bezeichnung Esskultur zu beschreiben. Im zweiten Kapitel werden die Entwicklungslinien der Esskultur seit Mitte des 20. Jahrhundert und die Entwicklung der mitteleuropäischen Tischsitten dargestellt. Die Entwicklungslinien, auf die ich gezielter eingehe, sind Fast Food und dessen Gegenbewegung Slow Food.
Das dritte Kapitel befasst sich mit den Problemen von Essstörungen, die durch die veränderte Esskultur in der modernen Überflussgesellschaft entstehen können. Hier gehe ich gezielt auf drei weit verbreitete Essstörungen ein: Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und Adipositas. Ich beschreibe die jeweiligen Krankheitsbilder sowie mögliche soziokulturelle Ursa- chen.
Im letzten Kapitel stelle ich dar, wie sich die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen auf die Mahlzeitensituation innerhalb der Familie ausgewirkt haben. Dort beziehe ich mich auf die ver- änderten Bedingungen für Kinder. Im Anschluss daran gehe ich auf die Frage ein, welche Prä- ventions- und Interventionsmaßnahmen die Institution Schule und insbesondere ich als Lehrer leisten kann, um bei den Schülern ein gesundes Essverhalten zu fördern.
1 Im Folgenden wird zur besseren Lesbarkeit nur die männliche Form verwendet. Ich weise darauf hin, dass dabei
auch die weibliche Form der jeweiligen Personengruppe angesprochen wird.
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1 Begriffserklärungen
In diesen beiden Abschnitten werden die grundlegenden Begriffe der Arbeit erläutert. Einleitend beschreibe ich den Begriff Kultur im Allgemeinen, der bereits erste Verweise zum Begriff der Esskultur gibt, bevor ich im Speziellen auf die Esskultur eingehe.
1.1 Zum Kulturbegriff in der Psychologie, Pädagogik und Soziologie Im Folgenden wird zunächst mit Hilfe von Fachlexika der Begriff Kultur geklärt, da es für die Esskultur keine einheitliche Erläuterung gibt, welche sie in ihrer Vollständigkeit erfasst. Aus die- sem Grund werde ich mit Hilfe des allgemeinen Kulturbegriffs eine Begriffserklärung herleiten. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit ist eine Kurzbetrachtung aus den folgenden drei Perspekti- ven sinnvoll:
• psychologische Perspektive
• pädagogische Perspektive
• soziologische Perspektive In diesem Zusammenhang ist festzustellen, dass der Begriff Kultur durch diese drei Perspektiven natürlich keinesfalls erschöpfend erläutert werden kann. Vielmehr ist der im Folgenden darge- stellte Kulturbegriff als ein Rahmen für den speziellen Begriff der Esskultur zu interpretieren und fokussiert somit stark.
Kultur aus psychologischer Perspektive bedeutet ein, für eine bestimmte Gesellschaft sehr typi- sches, Orientierungssystem. Es wird als universelles Phänomen beschrieben, „da es keine menschliche Gemeinschaft auf der Welt gegeben hat, gibt und geben wird, die keine Kultur aus- gebildet hat.“ („KULTUR“ 2001: 404) Im Bezug auf den zu klärenden Begriff der Esskultur lässt sich feststellen, dass dieser deshalb existiert, weil Gemeinschaften in unterschiedlichen Ländern und Regionen ein für sie typisches Essverhalten, welches als typisches Orientierungssystem ver- standen werden kann, entwickelt haben. Es gibt keine Gemeinschaft, in der sie nicht ausgebildet ist. Dieses Orientierungssystem hat Einfluss auf die Individuen, die in der jeweiligen Gesellschaft leben und sich mit dieser verbunden fühlen. Somit beschreibt der allgemeine Kulturbegriff die Zugehörigkeit des Einzelnen zu seiner jeweiligen Gemeinschaft. (vgl. „KULTUR“ 2001: 404) „Kultur als Orientierungssystem ist kein statisches Gebilde, sondern in Entwicklung begriffen. Jedes
Individuum ist vom kulturspezifischen Orientierungssystem abhängig, ist zugleich auch aktiv an der
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Entwicklung und Gestaltung von Kultur beteiligt. Kultur als Orientierungssystem strukturiert ein sich der sozialen Gemeinschaft (Nation, Organisation, Gruppe etc.) zugehörig fühlenden Individuen spezi- fisches Handlungsfeld und schafft somit die Voraussetzung zur Entwicklung eigenständiger Formen der Umweltbewältigung (Distanzminimierung vs. Distanzdifferenzierung).“ („KULTUR“ 2001: 404) In diesem Zitat wird deutlich, dass Kultur, und somit auch Esskultur, einem ständigen Verände- rungsprozess unterworfen sind und auf die beteiligten Individuen einwirken. Es ist wichtig zu erwähnen, dass der beschriebene Veränderungsprozess sich nicht einseitig vollzieht, sondern dass jedes Individuum selbst aktiv beteiligt ist.
Kultur aus pädagogischer Perspektive wird unter anderem als eine Ganzheit von Verhaltensmus- tern beschrieben. Diese Verhaltensmuster regeln den Umgang und das Zusammenleben in Ge- meinschaften. Beispiele hierfür sind Sitten und Gebräuche einer Kultur, wozu auch die Esssitten und -gebräuche zählen. Des Weiteren beschreibt die Pädagogik, dass Kultur eine für den Men- schen spezifische Anpassungsweise darstellt, mit deren Hilfe er versucht seine Bedürfnisse zu befriedigen.
Die Entwicklung der Kultur kommt in der Pädagogik durch den Begriff des Kulturwandels zum Ausdruck. „Anstöße zum K.wandel ergeben sich durch geschichtliche oder natürliche Ursachen wie Seuchen und Kriege, Übernahmen fremden K.guts oder Erfindungen, Spannungen im K.gefüge sowie den Widerstand der nachwachsenden Generation gegen den Assimilations- druck 2 .“(SCHMIDT 1970: 127) Die genannten Gründe für einen Wandel der Kultur im Allgemeinen gelten auch für den Esskul- turbegriff im Speziellen. Ähnlich wie die Psychologie sieht auch die Pädagogik die Tatsache, dass menschliche Antriebs-, Gefühls- und Denkstrukturen durch seine Kultur geprägt sind und Kultur damit Einfluss auf die Individuen hat.
Kultur aus soziologischer Perspektive beschreibt das gesamte soziale Erbe, welches die Entwick- lung von Traditionen ermöglicht. Dieses soziale Erbe besteht neben dem Wissen, den Glaubens- vorstellungen und den Fertigkeiten, die ein Mitglied einer Gesellschaft übernimmt auch aus Sit- ten und Gebräuchen. (vgl. „KULTUR“ 2000: 375). Weiterhin beschreibt die Soziologie Kultur als spezifisch menschliche Gemeinschaftsleistung in der Auseinandersetzung mit der jeweiligen Umwelt. Kultur wird dem Individuum im Laufe seines Sozialisationsprozesses vermittelt und hilft diesem somit, sich in seiner Gesellschaft zurechtzufinden. (vgl. REIMANN 2000: 383) Somit dient Kultur unter anderem der Ausbildung eines Gemeinschaftsgefühls.
2 Als Definition für den Begriff der Assimilation gilt unter anderem, dass ein Individuums sich an andere anpasst, indem es Einstellungen, Normen oder Verhaltensmustern von diesen übernimmt. (vgl. „ASSIMILATION“ 2000: 36)
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1.2 Esskultur Mit den gewonnenen Informationen zum allgemeinen Kulturbegriff wird im Folgenden der Beg- riff der Esskultur beschrieben, der in seiner Bezeichnung seit etwa 27 Jahren verwendet wird. Esskultur befasst sich mit dem kulturellen Umfeld der Ernährung.
Esskultur lässt sich als eine Art von Orientierungssystem in einer bestimmten Gesellschaft dar- stellen und beschreibt die Zugehörigkeit der einzelnen Individuen zu dieser. Eine Esskultur ist in jeder Gesellschaft ausgebildet und kann sich von niederer bis zur gehobenen Esskultur erstre- cken. Sie unterscheidet sich je nach Nation insbesondere nach dem was, wie und wo gegessen wird und ist somit ein Teil der kulturellen und regionalen Identität. „So unterschiedlich wie die Sprachen der Nationen und Völker, so unterschiedlich sind ihre Speisen und Eßgewohnheiten.“ (PUDEL 1995: 21) Esskultur schafft jedoch nicht nur kulturelle und regionale Identität, sondern damit verbunden auch eine für jeden Menschen persönliche Identität. Somit steht die Bildung der eigenen Identität unter anderem auch stets in Zusammenhang mit den übermittelten Traditionen und sozialen Normen der Esskultur.
Der Begriff der Esskultur beschreibt die Ganzheit von Essverhaltensmustern wie Esssitten und Essgebräuchen sowie traditioneller Nahrungszubereitung. Den wichtigsten Bereich der Esskultur bildet die Küche, als Zubereitungsort der Speisen. Hinzu kommen unter anderem die Mahlzeiten als soziale Situationen des Essens sowie Tischsitten, bestimmte Rituale und Regeln oder die De- koration des Esstisches. Diese Essverhaltensmuster werden häufig traditionsgemäß weitergege- ben und fortgeführt. Nach Diedrichsen übernimmt das einzelne Individuum im Laufe seiner Sozi- alisierung und Erziehung die Esskultur seiner Gesellschaft und das gemeinsame Ess- und Trink- verhalten sowie die Tischsitten bilden die Esskultur einer Gesellschaft heraus. (vgl. DIEDRICHSEN 1990: 26) Die Zubereitungsarten und Tischsitten stellen unter anderem gesellschaftliche, histo- risch wandelbare Übereinkünfte dar. Auch die Unterscheidung in essbar oder nicht-essbar ist das Ergebnis sozialer Codierungen, die die Auswahl der Nahrung in jeder Kultur verbindlich werden lässt. (vgl. PRAHL/ SETZWEIN 1999: 89) Auch Glaubensvorstellungen sind von Bedeutung, da bestimmte Lebensmittel und Speisen in be- stimmten Religionen nicht verzehrt werden dürfen. So gibt es beispielsweise das religiös begrün- dete Verbot für Moslems und Juden, Schweinefleisch zu essen. Bei den Hindus gilt ebenfalls aus religiösen Gründen das Verbot, Rindfleisch zu essen oder Rinder und Kühe zu schlachten.
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Esskultur ist stets einem Veränderungsprozess unterworfen und kann unter Umständen zu Prob- lemen führen. Das Importieren von Speisen aus anderen Ländern sowie die Verbreitung von Fast Food können den Eindruck erwecken, dass die regionale Esskultur verdrängt wird. Auch die Ent- stehung von Essstörungen kann die Folge einer veränderten, gewandelten Esskultur sein.
Wierlacher fordert, das Essen bzw. die Ernährung als den ganzen Menschen betreffendes Kultur- phänomen zu betrachten. Er vertritt die Ansicht, dass nur durch einen solchen Ansatz auch die heutigen Probleme der Mangel- und Fehlernährung nachzuvollziehen sind. (vgl. WIERLACHER 1993: 2) Das bedeutet, dass der Mensch, da er essen muss, gezwungen ist, sich mit dem Thema Essen auseinanderzusetzen. Es ist sein individueller aber auch kollektiver Handlungsbereich, der sehr eng mit dem täglichen Kommunikationssystem zusammenhängt. Essen wird dadurch zu ei- nem täglichen Lebensinhalt, aus dem auch Probleme resultieren können, da sowohl die eigenen Bedürfnisse befriedigt als auch die Erwartungen der Gemeinschaft erfüllt werden wollen.
Weiterhin gehe ich an dieser Stelle kurz auf den von mir betrachteten Zeitraum und auf die geo- graphische Lage ein. Der Titel der Arbeit beschreibt den Zeitraum von Mitte des 20. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit. Meine Ausführungen beginnen mit der Nachkriegszeit des zweiten Welt- kriegs. Die Bezeichnung Mitteleuropa beinhaltet die drei Länder Deutschland, Österreich und die Schweiz, wobei ich mich schwerpunktmäßig auf Deutschland beziehe. Die Deutsche Demokrati- sche Republik werde ich in meinen Ausführungen nicht berücksichtigen.
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2 Entwicklungslinien der Esskultur im Zeitverlauf
In den Abschnitten dieses Kapitels zeige ich, welchen Wandel die mitteleuropäische Esskultur seit Mitte des 20. Jahrhunderts durchlaufen hat. Des Weiteren beschreibe ich die Entwicklung der mitteleuropäischen Tischsitten und den Einfluss, den die Fast Food Gastronomie auf die heutige Esskultur hat. Abschließend gehe ich auf die Gegenbewegung zum schnellen Essen, dem Slow Food, ein.
Wie die Beschreibung des Kultur- und Esskulturbegriffs andeutet, ist die Esskultur im Laufe der Zeit einem ständigen Veränderungsprozess unterworfen. Esskultur und das entsprechende Ernäh- rungsverhalten sind abhängig von den erlernten sozialen Normen und Werten, die ein Individuum im Laufe seines Lebens durchlebt.
Interessant ist die Aussage von Bodenstedt, dass diese erlernten und sozialen Normen und Werte sogar von größerer Bedeutung sind, als die biologisch-natürlichen Aspekte oder Funktionen des Körpers. (vgl. Bodenstedt, zit. nach WIERLACHER 1993: 2) Mit dieser Aussage wird deutlich, dass sich, bei einem allgemeinen kulturellen Wandel, die Esskultur als eine der letzten Faktoren verändert, weil der Mensch sein gelerntes, sich angewöhntes Essverhalten nicht sofort aufgeben will.
2.1 Entwicklung der Esskultur seit Ende des 2. Weltkriegs bis in die Gegenwart Bedingt durch die beiden Weltkriege war die erste Hälfte des 20. Jahrhundert von einem Mangel an Lebensmitteln gekennzeichnet. Hunger war zu dieser Zeit eine alltägliche Erfahrung und hat das Essverhalten der Menschen nachhaltig geprägt. Insbesondere die Nachkriegszeit des zweiten Weltkriegs verbrachten die Menschen mit der Suche nach der täglichen Nahrung. Sie mussten mit den wenigen zur Verfügung stehenden Lebensmitteln, die tatsächlich als Mittel zum Leben oder auch zum Überleben galten, haushalten. Erst gegen Ende der vierziger Jahre, zum Einen nach der Währungsreform von 1948 und zum Anderen mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949, konnte eine leichte Verbesserung der Versorgungslage festgestellt werden. Auch zu Beginn der fünfziger Jahre musste noch immer etwa die Hälfte des Haushaltseinkom- mens für Nahrungsmittel ausgegeben werden. Somit blieb den Familien nichts anderes übrig als weiterhin mit geringen Mengen zu haushalten. Weiterhin bestand die Angst der Bevölkerung er-
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neut in Notzeiten zu geraten, so dass die Kriegs- und Nachkriegszeitgeneration zum Teil bis in die heutige Zeit mit den ihnen zur Verfügung stehenden Lebensmitteln sehr sparsam wirtschaf- ten.
Von der heute gerne als ‚Fresswelle’ gesprochenen Zeit konnte in diesem Zusammenhang nach Wildt demnach erst einige Zeit später die Rede sein, da Produkte wie Butter, Sahne oder Fleisch für den Großteil der Bevölkerung noch nicht erschwinglich waren. (vgl. WILDT 1993: 217) Je- doch gab es seit Beginn der fünfziger Jahre einen rasanten Anstieg der Kalorienversorgung und eine Verschiebung der Nachfrage nach Lebensmitteln. Die Menschen bevorzugten Lebensmittel, die sie zu Kriegszeiten entbehren mussten. Es „standen die Lebensmittel […] ganz oben, denen eine höhere kulturelle Wertigkeit zugesprochen wurde und die den Geschmacksidealen entspra- chen.“ (HIRSCHFELDER 2005: 241) Hierzu zählten beispielsweise die bereits erwähnten Produkte. Im weiteren Verlauf der fünfziger Jahre lassen sich, am Beispiel des Pro-Kopf-Verbrauchs an Schweinefleisch, die quantitativen Ausmaße der tatsächlichen ‚Fresswelle’ belegen. Der Verbrauch an Schweinefleisch nahm in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1950 und 1960 von 19 auf knapp 30 Kilogramm zu. Auch der Verbrauch von Eiern und Geflügel nahm in diesem Zeitraum deutlich zu, wohingegen der Kartoffelkonsum von 184 auf 132 Kilogramm ab- nahm. (vgl. HIRSCHFELDER 2005: 242) Dieser Rückgang ist mit dem hohen Kartoffelkonsum in Kriegszeiten zu begründen, denen dadurch eine niedere kulturelle Wertigkeit zugesprochen wur- de.
Obwohl ein wachsender Konsum in den fünfziger Jahren zu verzeichnen war, „blieben viele an- dere Bereiche der Nahrungskultur weitgehend unverändert.“ (HIRSCHFELDER 2005: 242) So ver- änderte sich die bestehende Esskultur zunächst genauso wenig wie das kulturelle System der Kü- che. Es wurden die bekannten Normen und Sitten, die beispielsweise gemeinsame Mahlzeiten betrafen, beibehalten. Hier spiegelt sich erneut die Aussage von Bodenstedt wieder, dass sich die Esskultur auch bei bereits gewandelten Bedingungen zuletzt ändert.
Durch den Wirtschaftsaufschwung in den sechziger Jahren ging die noch bestehende Unsicher- heit der Menschen langsam zurück und auch die Ausgaben für Lebensmittel reduzierten sich in diesen Jahren im Verhältnis zum Einkommen stetig. Diese Tatsache hatte auch einen deutlichen Einfluss auf die Esskultur, da aus technischen Fortschritten Neuerungen für den Küchenbereich resultierten. Neben der Entwicklung von Küchenmaschinen, die das Hausfrauenleben erleichtern sollten, ist besonders die weite Verbreitung des Haushaltskühlschranks zu nennen.
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Nicole Peters, 2007, Die Entwicklung der mitteleuropäischen Esskultur seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts unter Einbeziehung von Essstörungen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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