3
01 EINLEITUNG
Die zweite Wiener Türkenbelagerung dauerte von Juli bis September des Jahres 1683. Für die Türken war Wien ein wichtiges strategisches Ziel, das Tor nach Westeuropa. Wien liegt an der Kreuzung zweier wichtiger Handelswege: Die Donau und die Bernsteinstrasse, welche Länder zwischen der Ostsee und dem Mittelmeer durchläuft. Natürlich war Wien für die Türken auch ein Symbol der Christenheit.
Die Volkslieder die ich zur Analyse ausgesucht habe, stammen aus dem Jahr 1683, einem Jahr in dem die Expansionspolitik des Osmanischen Reiches unter der Führung von Großwesir Kara Mustafa ihren Höhepunkt erreichte. Der Gegner - das Heilige Römische Reich der Deutschen Nation war zu diesem Zeitpunkt durch die Religionskriege, den Dreißigjährigen Krieg und den Konflikt mit Frankreich geschwächt. Vier Jahre zuvor brach in Wien die letzte bekannte schwere Pestepidemie aus. Nichtsdestotrotz haben die alliierten christlichen Truppen die Türken am 12. September 1683 in der Schlacht am Kahlenberg geschlagen und in die Flucht getrieben.
Mir persönlich gefällt der Gedanke, dass die Volkslieder, die zu der Zeit entstanden sind und gesungen worden sein, eine Rolle dabei gespielt haben könnten, dass die alliierten christlichen Truppen den Krieg gewonnen haben, obwohl die Feinde in dreifacher Überzahl waren. Dieses ungleiche Verhältnis an Kräften und der überraschende Ausgang dieses Konfliktes ließen mich folgende Schlüsse ziehen: Die Motivation der Christen den Krieg zu gewinnen war sehr stark und die Opferbereitschaft sehr groß. Nicht nur der Glaube, auch die Wut und der Hass auf den Feind müssen groß gewesen sein. Beweise dafür findet man reichlich in den Volksliedern aus dem Jahr 1683.
Das Volkslied ist ein Spiegel der Wahrnehmungsgeschichte. Die Lieder, die ich für die Analyse gewählt habe, sind das Resultat der historischen Ereignisse. Die Darstellungen in den Volksliedern allgemein sind meist nicht objektiv, sondern subjektiv, und oft anekdotenhaft, aber sie entsprechen den Vorstellungen der Zeit. Sie beschreiben die geschilderten Ereignisse für den
4
Geschmack des Volkes, sie sind also auf das Publikum ausgerichtet, parteiisch und notwendigerweise einseitig. Das Positive daran ist, dass sie für die Nachwelt den „Geschmack des Volkes“ wieder geben. Diese Lieder werden vom Volk unreflektiert aufgenommen und gesungen. Es ist zu beachten, dass Verspotten eines der Merkmale des Genres ist.
Um mich mit der Wahrnehmung des Fremden und ihrem Ausdruck beschäftigen zu können, musste ich mich erst mit der Definition der „sozialen Wahrnehmung“ - des „Fremden“ -auseinandersetzen, beides Begriffe aus dem Fach Soziologie.
Die soziale Wahrnehmung wird durch mehrere Faktoren bestimmt: Durch die Persönlichkeitsstruktur des Wahrnehmenden zum einen und durch die entsprechende Vorprägungen des Individuums zum anderen; das heißt durch Einstellung, Vorurteile und ideologische „Befangenheit“, durch das Gefüge der „institutionalisierter“ Orientierungsschemata wie Symbole, Werte, Stereotype und Denk-Modelle. Diese kulturelle, traditionelle Muster und grundlegende Werte prägen vor allem auch die Wahrnehmung des Fremden, dem Unbekannten.
Die Türken waren für die Christen das, was man in der Soziologie eine „Fremdgruppe“ nennt: „[…] Die Gruppe deren Wertmassstäbe und Verhaltensnormen für einen Angehörigen einer anderen Gruppe oder für die andere Gruppe insgesamt verhaltensorientierend sind, und zwar entweder als negatives und darum zu bekämpfendes Beispiel, oder als Vorbild und damit als Wunsch erweckend, in die Fremdgruppe integriert zu werden. Dementsprechend entwickeln sich die sozialen Distanzen und Konfliktlagen oder die Integrationsprozesse zwischen Fremdgruppe und Eigengruppe. […] Diese Polarisierungstendenz führt zu Vorurteilen und Diskriminierung gegen Außenstehenden, insbesondere dann, wenn zur Stabilisierung und Konsolidierung der Eigengruppe innere Konflikte dadurch „gelöst“ werden […].“
Festzustellen ist die Tatsache, dass das Bild der Türken in Deutschland und in ganz Europa gar nicht positiv hätte sein können, denn die Türken waren die
5
Angreifer, und sie waren der Glaubensfeind. Sie waren eine reale Gefahr die, die Existenz der Christen bedrohte.
02 DIE AUTOREN, DIE LIEDER UND DIE
REZEPTIONSGESCHICHTE
Das Jahr 1683 brachte in ganz Europa eine Menge literarischer Erzeugnisse verschiedener Art hervor: Epische Dichtungen, Lob- und Dankgebete, satirische Gedichte, Opern und Lieder.
Die beiden Lieder, die ich im Folgenden analysieren werde, entstanden im Laufe dieses Jahres. Die Türkenlieder aus jenem Jahr wurden sehr kurzfristig aus unmittelbarem Anlass gedichtet und gerieten genauso schnell wieder in Vergessenheit. Aus diesem Grund eignen sie sich besonders gut zur Analyse, weil sie ein Zeugnis der Zeitstimmung sind.
Es wurden selten neue Melodien für diese Lieder geschrieben, meistens verwendete man bekannte und verbreitete Melodien, die man einfach mit dem neuen Text belegte. Es gibt keine Zeugnisse darüber, dass die Türkenlieder zensiert wurden, da die Grundstimmung in der deutschen Bevölkerung entschieden gegen die ungläubigen Angreifer war.
Die Autoren blieben meistens unbekannt. Allgemein geht man in der Forschung davon aus, dass an mehreren Orten aufgefundene Drucke auf eine gewisse Verbreitung und den hohen Bekanntheitsgrad der Lieder deuten. Über die Rezeptionsgeschichte der einzelnen Lieder lassen sich nur Vermutungen anstellen.
Türkenlieder können in zwei große Gruppen aufgeteilt werden: Weltliche und geistliche Lieder. Geistliche Lieder wurden meistens von den Angehörigen der Kirche verfasst und auch in den Kirchen gesungen; diese Lieder sollten die Menschen auf die „Türkengefahr“ aufmerksam machen.
6
Die weltlichen Lieder wurden meist von den Landknechten geschrieben, die an den Kämpfen teilgenommen hatten. Es handelt sich um die Schilderung kriegerischer Ereignisse, im dem die eigenen Empfindungen gegen den Glaubensfeind zum Ausdruck gebracht werden. Diese Gesänge gehören zu den erzählenden Liedern und sind zugleich größtenteils historische Ereignislieder. Blütezeit der Türkenlieder ist im 16. und 17. Jahrhundert anzusiedeln. Das Jahr 1683 ist nicht nur in der Geschichte ein bedeutender Wendepunkt, es ist auch die Geburtsstunde des Spottliedes. Diese Liederart, die den Türken als eine Spottfigur darstellen dominieren bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Dann halten die Lieder über die neu gewonnenen Feinde Einzug.
Der Autor vom ersten Lied ist bekannt - Otto Gall von Stubenberg (1630 -1688) war ein protestantischer Dichter und Kunstsammler. Er verfasste viele volkstümliche Gesänge mit überwiegend religiösem Inhalt, die im Jahr 1686, also zwei Jahre vor seinem Tod, in einem Sammelwerk
„Himmelsdurchdringende Herzensseufzer oder Neue Geistliche Lieder. Nürnberg 1686“ veröffentlicht wurden.
Er komponierte keine eigene Musik zu seinen Liedertexten, sondern verwendete die Melodien der protestantischen Klagelieder aus der Reformationszeit. Die Melodie von diesem Lied ähnelt Wolfgang Dachsteins Lied über den 137. Psalm “An Wasserflüssen Babylon…“, welches erstmals im Jahr 1525 erschien.
Dieses Lied habe ich aus mehreren Gründen gewählt. Einer der Gründe ist die Tatsache, dass der Autor wegen seiner Krankheit, wie es im Lied heißt, nicht selbst an dem Krieg teilnehmen konnte. Vermutlich stammen seine Kenntnisse oder besser gesagt Vorstellungen von Türken aus den Überlieferungen der anderen. Ich nehme an, dass gerade dieses Bild, das der Autor zeichnet, den allgemeinen Vorstellungen im Volk entsprach. Ein anderer Grund für meine Entscheidung waren die unterschiedlichen Interpretationen der “Türkengefahr“ in dem Lied selbst und verschiedene Interpretationen des Krieges mit den Türken - dazu später in der Analyse.
Arbeit zitieren:
Anastasia Korablev, 2006, Die Wahrnehmung des Fremden und ihr Ausdruck im Türkenlied, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Anastasia Korablev hat den Text Die Wahrnehmung des Fremden und ihr Ausdruck im Türkenlied veröffentlicht
Anastasia Korablev hat einen neuen Text hochgeladen
Götterbilder und Götzendiener in der frühen Neuzeit - Europas Blick au...
Eine Ausstellung der Universit...
Maria Effinger, Cornelia Logemann, Ulrich Pfisterer
Repräsentationen der islamischen Welt im Europa der Frühen Neuzeit
Gabriele Haug-Moritz, Ludolf Pelizaeus
Deutsche Fachliteratur der Artes in Mittelalter und Früher Neuzeit
Bernhard Dietrich Haage, Wolfgang Wegner
Antijesuitische Bildpublizistik in der Frühen Neuzeit
Geschichte, Ikonographie und I...
Michael Niemetz, Günther Heß, Julius Oswald, Ruprecht Wimmer, Reinhard Wittmann
0 Kommentare