1. Inhaltsverzeichnis
1. Inhaltsverzeichnis 2
2. Einleitung 3
3. Mittelalter unterrichten - Möglichkeiten und Herausforderungen 3
3.1. Fremdheit des Mittelalters 4
3.2. Gleichartigkeit des Mittelalters 5
4. Warum das Thema „Stadt im Mittelalter?“ 7
5. Stundenreihe zum Thema „Stadt im Mittelalter“ 10
5.1. Vorstellung der Stundenreihe 10
5.2. Sachanalyse „Kirche und Stadt“: 11
5.2. Didaktische Reduktion 13
5.3. Lerngruppenanalyse 15
5.4. Methodische Vorüberlegungen 16
6. Stundenentwurf 17
7. Literaturverzeichnis 24
8. Anhang: Vorbereitete Unterrichtsmaterialien 25
8.1. Bild zum Stundenbeginn 25
8.2. Bilder zum Thema „Aufgaben der Kirche in der mittelalterlichen Stadt“ 26
8.3 . 5 Arbeitsblätter für die Gruppenarbeit: 28
2
2. Einleitung
Die vorliegende Arbeit wurde als Leistungsnachweis zur fachdidaktischen Veranstaltung „Stadt im Mittelalter“ angefertigt. Zu Beginn der Arbeit möchte ich kurz darstellen, welche didaktische Herausforderung die Behandlung des Themas „Mittelalter“ in der Schule mit sich bringt. Diese liegt meinem Eindruck nach in der allgemeinen Einstellung unserer Gesellschaft zu dieser Epoche, denn den Schülern ist das Mittelalter einerseits oft fremder als andere Epochen, auf der anderen Seite ist es ihnen aber durch den zur Zeit herrschenden „Mittelalter-Boom“ auch wiederum scheinbar vertraut. Das Mittelalter kehrt also im Gewand des
Faszinosums einerseits und der Fremdheit andererseits zu uns zurück. 1 Schüler in diesem Spannungsfeld des „finsteren“ und „glänzenden“ Mittelalters zu einem reflektierten Geschichtsbewusstsein und zu einer kritischen Auseinandersetzung mit kollektiven, kulturellen Geschichtsbildern zu führen, ist Aufgabe des historischen Unterrichts, der sich mit dieser Epoche auseinandersetzt. Diese Aufgabe wird umso mehr erschwert, als dass in den neuen Lehrplänen dem Thema „Mittelalter“ immer weniger Zeit eingeräumt wird. Deshalb ist es nötig, Themenbereiche zu finden, die möglichst viele obligatorische Bereiche der Richtlinien abdecken. Als Beispiel hierfür möchte ich eine fiktive Unterrichtsreihe zum Thema „Stadt im Mittelalter“ kurz vorstellen und aus ihr eine Doppelstunde zur Thematik „Kirche und Stadt“ näher erläutern. Die Stunde ist für eine Lerngruppe der Klasse 7 konzipiert, die ich im Fachpraktikum kennen gelernt habe (wobei anzumerken ist, dass ich in dieser speziellen Lerngruppe selber keinen Unterricht gegeben habe).
3. Mittelalter unterrichten - Möglichkeiten und Herausforderungen
Das Mittelalter ist eine besondere Epoche. Auf der einen Seite erfreut es sich momentan großer Beliebtheit im nicht-wissenschaftlichen Bereich, auf der anderen Seite wird es in den Lehrplänen und dem tatsächlichen Unterricht im Klassenzimmer zunehmend weniger berücksichtigt. Oft wird die Epoche behandelt als unwichtige „Zwischen- oder Mittelzeit“, noch herkommend aus der Tradition der frühen Neuzeit, die sich bewusst in Abgrenzung an das Mittelalter konstituierte. Folgerichtig sind viele Schüler am Mittelalterunterricht nicht besonders interessiert und die konkreten Kenntnisse über diese Zeit sind verglichen mit
anderen Epochen am schlechtesten. 2
Die Gründe für dieses Desinteresse sind vielfältig, liegen aber sicher auch daran, dass das Mittelalter uns postmodernen Menschen in vielem sehr fremd ist. Auf der anderen Seite
1 Seidenfuß 25.
2 Zur ausführlichen Statistik siehe Hasberg 232-5.
3
zeigt aber der „Mittelalter-Boom“ unserer Tage, dass diese Epoche noch immer eine große Faszination ausübt. Oexele spricht daher vom „entzweiten Mittelalter“, das sich in einer positiven und zugleich negativen Auffassung in unserem Denken aktualisiert und sowohl Abstoßung, als auch Aneignung, Verurteilung, als auch Identifikation hervorruft. 3 Wie kann nun dieses Spannungsfeld von Alterität einerseits und Kontinuität andererseits, die der Schüler im Hinblick auf das Mittelalter mitbringt, für den Unterricht verwendet werden? Es muss als Ausgangspunkt für einen Unterricht dienen, durch den er der Schüler eigenes Herkommen zu erfassen lernt, denn nur hierdurch erfolgt, wie Lückerath und Möckel feststellen, eine Verstärkung seines Identitätsgefühls mit der Gegenwart, das wiederum eine wichtige Vorraussetzung für politische Bildung ist. 4
Im Folgenden soll nun sowohl die fremde, als auch die vertraute Seite des Mittelalters dargestellt und aufgezeigt werden, was dies für fachdidaktische Konsequenzen mit sich bringt.
3.1. Fremdheit des Mittelalters
Dass uns das Mittelalter in vielem fremd und unbekannt ist, liegt unter anderem daran, dass die Mediävistik, trotz ihrer Leistungen, in der Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen wird. Man kennt archäologische Ausgrabungen aus der Antike, beachtet die vielen Fernsehsendungen zur jüngsten Neuzeit und denkt unbewusst, dass dies auch die Bereiche sind, in denen in der Geschichtswissenschaft heutzutage noch Forschung betrieben wird. Nicht-Historiker wissen selten, wie viel interessante und erfolgreiche Forschung im Bereich des Mittelalters stattfindet. So verbreitet sich unterbewusst das Bild in der Gesellschaft, dass das Mittelalter eine für uns unwichtige Epoche sei, die auch kein wissenschaftliches Interesse findet. 5
Ein weiterer Grund, warum uns das Mittelalter fremd ist, ist die große Religiosität der damaligen Menschen. Nahezu jede Alltagserscheinung wurde transzendental erklärt und die heute allgegenwärtige Trennung zwischen „Diesseits“ und „Jenseits“, „Wahrheit“ und „Glaube“ gab es nur sehr bedingt. Dies gehört für heutige, säkular aufgewachsene Schülergenerationen zu den am schwersten nachzuempfindenden Charakteristika dieser Zeit. Des weiteren ist es nicht einfach, sich in unserer mediendominierten Welt in die agrarische, weltanschaulich sehr geschlossene Gesellschaft des Mittelalters hineinzuversetzen, die darüber hinaus noch in großen Teilen von fehlender Schriftlichkeit und fehlender Mobilität
3 Oexele 7.
4 Lückerath/Möckel 1974, in Uffelmann, historischer Unterricht 45-6.
5 Uffelmann, achtziger Jahre 109.
4
gekennzeichnet ist. 6 Auch die Einfachheit des täglichen Lebens und die Rückständigkeit im technologischen Bereich erscheinen uns fremd und unverständlich. Auch innerhalb der Epoche selbst begegnen wir dem Begriff der Alterität, wenn wir uns mit den Randgruppen der mittelalterlichen Gesellschaft wie Bettlern, Abdeckern, Prostituierten, Lepra-Kranken etc. beschäftigen oder mittelalterliche Reiseberichte lesen. Diese Fremdheit innerhalb des Mittelalters und der Epoche im Bezug zu uns kann jedoch als didaktische Herausforderung betrachtet werden, denn die Begegnung mit dem Fremden wird in unserer Kultur Bestandteil des täglichen Lebens, nicht zuletzt durch gesteigerte Mobilität, große Migrationsbewegungen und neue Kommunikationstechnologien. Wir können das Fremde nicht mehr ausgrenzen und abwehren. Daher bietet die Beschäftigung mit dieser besonderen Epoche dem Schüler die Chance, Unbekanntem offen zu begegnen und es nicht nur aus seinem eigenen Standpunkt heraus, sondern vor allem aus der Sicht und Welt des jeweils anderen zu verstehen und zu beurteilen. Mittelalterunterricht, der per se einen spezifisch „fremden“ Unterrichtsgegenstand hat, kann zu dieser Fähigkeit einen wesentlichen Beitrag leisten. 7
3.2. Gleichartigkeit des Mittelalters
Trotz aller Fremdheit, die wir als Menschen des 21. Jahrhunderts gegenüber dem Mittelalter empfinden, ist uns diese Zeit aber auch in gewisser Weise sehr vertraut und gleichartig. Zum Beispiel das Thema der Religionskriege, das man sofort mit dem Mittelalter in Verbindung bringt, ist heute aktueller denn je. Des weiteren zeugen die vielen Begegnungen mit Mittelalter im täglichen Leben (zu Beispiel in Gesellschaftsspielen wie Carcassone „Städte, Burgen, Ritter“, Romanen wie „Im Namen der Rose“ oder „Die Säulen der Erde“, Märchen, Burgfestspielen, Mittelaltermärkten, mittelalterliche Kirchen und Burgen etc.), dass das Mittelalter eine bis heute durchaus präsente und lebendige Epoche ist. Da das Mittelalter im Gegensatz zur Antike nicht mehr unterbrochen worden ist, sondern sich unsere Zeitepoche direkt daran anschließt, haben Mediävisten es als das „das nächste Fremde zur Neuzeit“ 8 bezeichnet. Gerade das Mittelalter bietet daher ein wichtiges Erklärungsreservoir für das gegenwärtige wirtschaftliche, soziale und politische System. 9
6 Uffelmann, historischer Unterricht 52.
7 Im wissenschaftlichen Denken kann diese Methode, Geschichtsunterricht an Alterität aufzubauen und jede uns noch so fremde Epoche und Gesellschaft aus sich selbst heraus zu versehen, leicht als historistischer Ansatz gesehen und ihm damit der Vorwurf des Relativismus gemacht werden - eine Gefahr, die durchaus gegeben ist. Deswegen muss es auch Aufgabe des Geschichtsunterrichts sein, dem Schüler auf seiner Suche nach übergeordneten Werten, an denen sich menschliches Handeln unabhängig von der jeweiligen Epoche bewerten lässt, behilflich zu sein.
8 Nach einer bekannten Begriffsprägung von C.Meier.
9 Uffelmann, historischer Unterricht 53.
5
Bei aller Gleichheit und Vertrautheit, die der Schüler dem Mittelalter gegenüber zu empfinden glaubt („Ich weiß, wie die Ritter gelebt haben, ich war schon mal auf einem Burgfesival“), ist er sich aber oft nicht darüber im Klaren, dass sein Geschichtsbewusstsein von unwissenschaftlichen und teilweise falschen Vorstellungen geprägt ist. Grund dafür ist, dass in unserer Gesellschaft bis heute sehr idealisierte, andererseits aber auch primitive Vorstellung über die Lebenswelt des mittelalterlichen Menschen dominieren:
• Das „romantische Mittelalter“:
Diese Vorstellungen hat ihren Ursprung in der Zeit der Romantik und wird bis heute in vielen Bereichen übernommen. Die Welt der Burgfräulein, Ritter, des Minnegesangs und der hohen Tugenden wird dabei verklärt und ohne negative Aspekte dargestellt. Vor allem Schüler unterer Klassen sind von diesem Bild geprägt, ohne sich bewusst zu sein, was es tatsächlich bedeutete, im Mittelalter zu leben.
• Das „finstere Mittelalter“:
In der Kontrastierung zur vorangehenden Epoche wurde zur Zeit von Aufklärung und Renaissance ein Mittealterbild konstruiert, in dem negative Aspekte überwiegen (die Menschen waren alle dumm, alles war dreckig, rückständig, primitiv ...). Dieses Bild beeinflusst unser Geschichtsbewusstsein bis heute.
• Das „simplifizierte Mittelalter“:
Das Mittealter wird nicht in seiner Komplexität dargestellt, sondern es dominieren stark vereinfachte Vorstellungen wie „Mittelalter als Dreieck“, in dem man oben den König und unten die Bauern sieht. Die Komplexität und Dynamik, die es auch in der mittelalterlichen Gesellschaft gab, werden dabei völlig außer Acht gelassen. Auch die Eindimensionalität der mittelalterlichen Gemälde kann zu einem Geschichtsbild über diese Epoche führen, das von Simplizität geprägt ist.
Jede dieser Ansichten vereinfacht lokale und zeitbedingte Unterschiede innerhalb der Epoche, denn der zu behandelnde Zeitraum umfasst immerhin ca. 1000 Jahre und einen kulturell durchaus nicht einheitlichen Raum. Trotz ihrer Unwissenschaftlichkeit können diese vereinfachten Vorstellungen vom Mittelalter aber ihren Wert im Unterricht haben, da sie ja nicht komplett „falsch“ sind, sondern nur jeweils Ausschnitte des Ganzen betonen. Deswegen haben Fachdidaktiker darauf hingewiesen, dass diese gesellschaftlich erlernten Versionen von
6
Geschichte, obwohl sie nicht forschungskonform sind, als Ausgangspunkt für den Anfangsunterricht dienen können und müssen. Damit der Schüler für sich neue, sich mit dem tatsächlichen Mittelalter hoffentlich eher deckende Geschichtsbilder konstruieren kann, muss er sich zuvor seines alten Bildes bewusst werden und dieses dekonstruieren. Bei diesem Prozess der Dekonstruktion und erneuten Konstruktion versucht die Lehrkraft, Hilfestellung anzubieten. Dort, wo das Mittelalter den Schülern nahe und selbstverständlich zu sein scheint, verfremdet sie es und dort, wo es für die Schüler „fremd“ und „finster“ ist, versucht sie, die Epoche verständlich zu machen.
Für diesen umfangreichen Prozess aber gibt es im Schulalltag immer weniger Zeit. Die Richtlinien verlangen, dass relativ viel Ereignisgeschichte, aber auch umfangreiche Themenkomplexe im Mittelalterunterricht abgedeckt werden. Außerdem gehört das Mittelalter nicht mehr zu den abiturrelevanten Themen und wird somit auch in der Oberstufe zunehmend weniger unterrichtet. Dies ist besonders schade, weil das eingehendere Mittelalterstudium nicht nur die Kenntnis der lateinischen Sprache, sondern auch einige Sicherheit im Umgang mit historischen Hilfswissenschaften voraussetzt, was ja in der Mittelstufe noch gar nicht gegeben sein kann. Bei diesen Gegebenheiten wäre es völlig verfehlt zu denken, dass man ein einigermaßen vollständiges Bild dieser Epoche in der Schule überhaupt vermitteln könnte, was aber auch nicht Ziel des Unterrichts sein kann. Vielmehr geht es darum, das Mittelalter an exemplarischen, für das ganze Zeitalter stehenden Beispielen zu behandeln. Dabei muss vor allem der Prozesscharakter der Epoche deutlich werden, denn nur dann können die Schüler nachvollziehen, warum das Mittelalter Teil einer Entwicklung ist, an deren Ende wir heute stehen und es so als Teil ihrer eigenen Genese begreifen. 10
4. Warum das Thema „Stadt im Mittelalter?“
Wie eben dargestellt muss es also im historischen Unterricht des Mittealters darum gehen, Themen zu finden, die möglichst viele Bereiche aus den Richtlinien abdecken, Beispielcharakter besitzen, den Schüler begeistern und ihm gleichzeitig Handlungskompetenzen für die heutige Zeit verleihen. Dies kann meines Erachtens das Unterthema „Stadt im Mittelalter“ durchaus leisten, wie im Folgenden gezeigt werden soll.
An Hand der mittelalterlichen Stadt lässt sich eine Fülle von Unterthemen entwickeln, die die Grundzüge des damaligen Lebens sehr anschaulich verdeutlichen können. Dies sind
10 Uffelmann, achtziger Jahre 107.
7
Quote paper:
Elisabeth Weise, 2006, "Kirche und Stadt" - Entwicklung einer Unterrichtsstunde über das Mittelalter, Munich, GRIN Publishing GmbH
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