- 1 -
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis - 1 -
1. Vorwort - 2 -
2. Einleitung - 3 -
2.1 Fragestellung und These. - 3 -
2.2 Untersuchungsmethode. - 3 -
2.3 Begriffsdefinition - 4 -
2.3.1 Israelische Identität. - 4 -
2.3.3 Israelische Grenzen. - 4 -
3. Die Geschichte der Juden - eine Geschichte ohne Grenzen. - 5 -
4. Die Entwicklung des Zionismus. - 6 -
4.1 Eine Grenze wider dem Antisemitismus und der „Atomisierung“ - 6 -
4.2 Theodor Herzl - der geistige Vater Israels - 8 -
5. Die jüdische Identität vor der Grenzziehung - 10 -
5.1 Darf nur Gott Zionist sein? - 10 -
5.2 Zionismus und der „Neue Jude“ - 11 -
6. Die Luhmannsche Perspektive - 14 -
7. Differenzierungsprozesse in der jüdisch-israelischen Gesellschaft. -
16 -
7.1 Differenzierung in Israel - 16 -
7.1.1 „Holocaust-Syndrom“, „Kontinuitätsthese“ und das
„Einsamkeitsgefühl“ - 16 -
7.1.2 Der jüdische „Andere“ - 18 -
7.1.3 Der Konflikt zwischen Säkularen und Religiösen. - 20 -
7.2 Differenzierung gegenüber den arabischen Nachbarn - 21 -
7.2.1 Das Bedrohungsszenario - 21 -
7.2.2 Israel in der Identitäts-Paralyse - 21 -
8. Schluss - 23 -
8.1 Zusammenfassung - 23 -
8.2 Ausblick - 24 -
Bibliografie .............................................................................................................................- 26 -
- 2 - 1.Vorwort
Dieser Tage konzentriert sich die Aufmerksamkeit der Welt und der politischen Eliten auf den Nahen Osten: Israel befindet sich im Krieg mit der im Libanon kämpfenden Hisbollah-Miliz. In dem vielschichtigen Konflikt ist die Bedeutung der Grenze dominant. Die Hisbollah agiert, weil es die Grenze nicht anerkennt, Israel, weil es die Grenze verteidigen und sichern will. Die Grenze wird zur Front und damit zudem, was ihr in den meisten Sprachen etymologisch inhärent ist. 1
Doch lässt sich der arabisch-israelische Konflikt - von dem der Libanon-Konflikt ja ein Ausläufer ist - nicht eindeutig an der israelischen Grenze verorten. Palästinensische Attentäter sprengen sich in Beerscheba in die Luft, israelische Raketen treffen im Gaza-Streifen oder eben auch in Beirut. Diese Angriffe sind Resultate eines Konflikts, der durch bestehende Grenzen ausgelöst wurde. Es manifestiert sich hier der Konflikt verschiedener Systeme, die ein gleiches Territorium für sich in Anspruch nehmen (Palästinenser vs. Israel) oder die Anwesenheit eines Systems in der Umwelt nicht als legal anerkennen wollen (Hisbollah). Ein räumlicher Konflikt also, in dem nicht nur die Grenzen mit Gewalt in Frage gestellt werden - sondern eben auch das Schicksal der Menschen, die von diesen Grenzen umschlossen oder geschützt sind, je nach Standpunkt.
Dass Grenzen Auswirkungen auf das Lebensgefühl der Einwohner haben, lässt sich am Beispiel Israel nur allzu gut demonstrieren. Sind die Grenzen gesichert, bedeutet das zumeist einen Sicherheitsgewinn für die Israelis. Sind die Grenzen schlecht verteidigt, kann sich das unmittelbar auf das eigene Leben auswirken. Israelis kann deshalb ein existenzielles Interesse daran unterstellt werden, dass ihre Grenzen gut verteidigt sindein Gefühl, das in Europa sicher nur mit viel Empathie nachzuvollziehen ist. Die Idee zu dieser Untersuchung entstand vor dem aktuellen Gewaltausbruch in Nahen Osten - aus dem Interesse heraus, das Spannungsfeld in dieser Region dadurch begreifbarer werden zu lassen, indem die historisch gewachsenen gesellschaftlichen Strukturen eines Hauptakteurs, Israel, sichtbar gemacht werden. Der Libanon-Konflikt gibt der Arbeit unerhoffte Aktualität, sie könnte damit auch für das Verständnis aktueller Tagespolitik relevant sein.
1 Vgl.: Ladis Kristof 1959, S. 269f.
- 3 - 2.Einleitung
2.1 Fragestellung und These
Juden lebten seit ihrer Vertreibung aus dem „Gelobten Land“ in der Diaspora 2 , waren staatenlos. Erst 1948 konnten sie wieder in einem Staat leben, in dem sie nicht eine Minderheit darstellten. Wie sich die Erfahrung Jahrhunderte langer Staatenlosigkeit auf das „nation building“ in Israel auswirkte und wie sich durch diese Grenzen die jüdischisraelische Identität entwickelte, steht als Erkenntnisinteresse im Mittelpunkt dieser Arbeit. Bereits die Fragestellung impliziert, dass ich die israelische Staatsgründung 1948 als eine Zeitenwende betrachte. Als ein Ereignis, in dem sich eine zionistische Identität räumlich manifestierte, was wiederum nach 1948 maßgeblich die Identitätsbildung der jüdischen Israelis beeinflusste. In meiner Untersuchung unterstelle ich, dass in den Jahrhunderten der Diaspora und der weltweiten Verstreuung das Bewusstsein der jüdischen Herkunft bei den Nachfahren der aus dem „Heiligen Land“ Vertriebenen immer Bestand hatte und so eine gemeinsame Identität die Juden weltweit verband. Als Grundthese liegt dieser Arbeit die Annahme zugrunde, dass für die Gründung Israels vor allem das Gefühl von Ausgrenzung ausschlaggebend war und dass erst die Staatsgründung den jüdischen Israelis die Möglichkeit gab, ihre kollektive Identität zu differenzieren und damit weiterzuentwickeln.^
2.2 Untersuchungsmethode
Am Beginn dieser Untersuchung wird ein kurzer Abriss der jüdischen Geschichte stehen, anhand derer ich darlegen möchte, wie sich die kollektive Identität der Juden in der Diaspora im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt haben muss. Vordergründig soll damit gezeigt werden, welche Faktoren der israelischen Realität während der Diaspora den Wunsch nach eigenem Territorium mit eigenen Grenzenalso den Zionismus - befördert haben. Ich werde mich dazu des Luhmannschen Aufsatzes von „Territorial borders as system borders“ bedienen.
Um zu hinterfragen, welche Auswirkungen die Grenzen auf die Identität der seit 1948 im eigenen Staat lebenden Juden hatten, möchte ich die mit diesem Zeitpunkt einsetzenden Differenzierungsprozesse nach innen und außen darstellen.
2 gr.: „Zerstreuung“, eine konfessionelle Minderheit (Duden 1997, S. 188).
- 4 -Am Ende der Arbeit soll die Erkenntnis stehen, ob es sich bei der von mir formulierten These um eine verifizierbare Annahme handelt oder um ein Vorurteil.
2.3 Begriffsdefinition
2.3.1 Israelische Identität
In dieser Arbeit wird von einer kollektiven Identität, zunächst der jüdischen, später der jüdisch-israelischen, ausgegangen. Dabei soll nicht unterstellt werden, dass die Identität aller Juden identisch ist und die jüdische Herkunft das Selbstbild der jüdischen Individuen vollkommen determiniert. Vielmehr ist hier die Rede von der „Ich-Identität“, wie sie Erikson verwendet, die auch von gesellschaftlichen und historischen Entwicklungen beeinflusst wird. 3 „’Ich-Identität’ bedeutet für Erikson […], einem kollektiven Gemeinschaftsgefühl zugehörig zu sein, sich dabei aber zugleich als Individuum aufzufassen.“ 4 Somit kann „Entwicklung von Identität auch unter dem Aspekt der Ergänzung zwischen individueller Lebensgeschichte und Historie betrachtet werden“ 5 . Im Falle der jüdischen Identität ist also vor allem die kollektive Erinnerung an Vertreibung und die kollektive Erfahrung von Ausgrenzung identitätsstiftend.
2.3.2 Zionismus
Unter Zionismus ist die sich im 19. Jahrhundert in Europa entwickelnde jüdische Nationalbewegung zu verstehen. Ihr vordergründiges Ziel ist, den durch die Diaspora in alle Welt verteilten Menschen jüdischen Glaubens eine „nationale Heimstätte“ zu geben. Der Zionismus wollte damit einerseits der Auflösung und Aufteilung jüdischer Kultur durch Assimilation entgegenwirken; außerdem sollte damit ein Ausweg aus dem erfahrenen Leid durch den weltweit grassierenden Antisemitismus gefunden werden.
2.3.3 Israelische Grenzen
Die Grenzen Israels sind alles andere als manifestiert oder klar. 6 Für die vorliegende Untersuchung ist dies aber auch nicht relevant: Es soll hier darum gehen, welche
3 Vgl: Erikson 1968.
4 Nocke 1998, S. 17.
5 ebd., S. 17f.
6 Vgl.: UNO-Resolution 242 vom 22. November 1967.
- 5 -Einflüsse die Grenze auf die israelische Identität haben. Dafür ist nur von Bedeutung, dass die Grenzen existieren und eben nicht, mit welcher internationaler Anerkennung sie beschwert sind. Es soll darum gehen, dass in Israel ein geschlossenes System gesellschaftlicher Identität vorzufinden ist. Dass die territoriale Ausbreitung - in sehr engen Grenzen - noch variabel ist, kann dabei vernachlässigt werden.
3. Die Geschichte der Juden - eine Geschichte ohne Grenzen
„Zion“ wurde ursprünglich als Synonym für den Tempelberg in Jerusalem verwendetlöst also fast zwingend eine Assoziation mit dem 70 n. Chr. von den Römern zerstörten Nationalheiligtum des Landes Israel aus. „Im Kampf gegen die Großmacht Rom hatte Israel sein Nationalheiligtum, den Tempel in Jerusalem, verloren, seinen geistigen Mittelpunkt. […] Es folgte der Verlust des Landes, der physischen Basis seiner nationalen Existenz.“ 7 Dem „Zionismus“ liegt damit schon im Wortsinne die Erinnerung an die Zerstörung der Heimstätte der Juden inne. Den Namen Palästina (Land der Philister) erhielt das Land von den Römern, „um anzuzeigen, dass dieses Land aufgehört habe, Judäa, Judenland, zu sein.“ 8 Schon zu dieser Zeit war die Existenz von Davids Königreich Israel für die Juden nicht mehr als eine kollektive biblische Erinnerung, schon damals lebten viele Juden in der Diaspora. Die folgenden Jahrhunderte waren für die Juden geprägt von Fremdherrschaft, Verfolgung und Entrechtung. Eine erste Massenflucht setzte ein, als die christlich-byzantinischen Herrscher gegen Ende ihrer Herrschaft versuchten, Juden mit Zwang zu bekehren. Die sich anschließende Herrschaft der Araber dauerte vier Jahrhunderte und „war verglichen mit der Intoleranz in Europa weniger streng, wies jedoch Christen und Juden eine Minderheitsrolle zu, aus der nicht auszubrechen war“ 9 . Dramatisch verschlimmerte sich die Situation schließlich mit der Ankunft der Kreuzfahrer 1099, die den größten Teil der Urbevölkerung, Moslems und Juden töteten. Laut Krupp blieben am Ende der Kreuzfahrerherrschaft nur noch 1000 jüdische Familien in Palästina übrig. Die Kreuzfahrer wichen später der Sklavendynastie der Mamlukken, die wiederum 1517 von den Türken aus dem inzwischen heruntergewirtschafteten Jerusalem vertrieben
7 Krupp 2001, S. 9.
8 ebd., S. 10.
9 ebd., S. 10.
- 6 -wurden. Erstmals seit Jahrhunderten wurden in dieser Zeit wieder Juden ins Land geholt, vor allem kamen sie von der Iberischen Halbinsel, wo sie zu dieser Zeit verfolgt wurden. Palästina erlebte einen Aufschwung, wirtschaftlich, kulturell und religiös. In diese Zeit fällt auch die Niederschreibung des „Schulchan Aruch“, in dem die gesamten jüdischen Religionsgesetze zusammengefasst sind: Hier ist die himmlische Entsprechung von Volk und Land Israel (Schechina) festgehalten, die Gebundenheit der israelischen Identität an das Land Israel.
Im 17. Jahrhundert schlug sich laut Krupp der Glaube an die Schechina in „messianischer Schwärmerei“ nieder. 1666 erklärte sich Schabtei Zwi in Israel zum „Messias“. „Er brachte wie kein anderer die gesamte jüdische Welt […] zum Gären. Mit ‚gepackten Koffern’ warteten viele Juden auf den Aufbruchbefehl nach Palästina.“ 10 Am Ende verhafteten die Türken Schabtai Zwi zwar, doch konnten damit nicht verhindern, dass vielerorts sich der „Schabtaiismus“ bis in die Gegenwart hält und Wurzel für weitere messianische Bewegungen wurde, die die israelische Identität im „Gelobten Land“ verorteten. Dem Rückgang der Bevölkerung dort konnte all das nicht entgegenwirken: Mit dem Zerfall der türkischen Herrschaft verringerte sich die Zahl der Juden in Palästina immer mehr, gegen Anfang des 19. Jahrhunderts lebten laut Krupp nur noch 5000 Juden in Palästina, weniger als in Damaskus.
4. Die Entwicklung des Zionismus
4.1 Eine Grenze wider dem Antisemitismus und der „Atomisierung“
Die zionistische Idee wurde durch zwei Entwicklungen der Weltgeschichte besonders befördert. Da waren auf der einen Seite die Nationalisierungstendenzen, das „nation building“, vor allem in Europa. Weiterhin wurde der Wunsch nach einem eigenen Staat - dem längst nicht alle Juden anhingen - durch den zunehmenden Antisemitismus befördert. „Die moderne Palästinaidee war die Antwort auf den furchtbaren Atomisierungsprozeß. Eine Generation, die vom europäischen Bildungserlebnis erfüllt war, fing an zu begreifen, daß die Amalgamierung mit den Wirtsvölkern sich als unmöglich erwiesen hatte. Das lag nicht nur am Widerstand der anderen, sondernmindestens ebenso kausal - am eigenen starken, lange unbewusst gewesenen jüdischen
10 ebd., S. 14.
Arbeit zitieren:
Thomas Trappe, 2006, Wodurch der Zionismus und damit die israelische Grenzbildung befördert wurde und diese Grenze die israelische Identität nach der Staatsgründung beeinflusste, München, GRIN Verlag GmbH
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