- 1 -
Gliederung
Gliederung - 1 -
1. Abstrakt - 2 -
2. Einleitung - 2 -
2.1 Fragestellung - 2 -
2.2 Untersuchungsinstrumentarium. - 3 -
2.3 Begriffsklärung. - 5 -
3. Die Quelle. - 6 -
3.1 Betrachtung. - 6 -
3.2 Kritik. - 6 -
3.3 Einordnung - 8 -
4. Die Angaben zu „Erholungen und Vergnügungen - 8 -
4.1 Mediennutzung - 8 -
4.2 „Erholungen“ - 9 -
5. Die freie Zeit des Arbeiters in Deutschland - 10 -
6. Das Pressewesen im Neckarkreis - 12 -
6.1 Zur Quantität und Periodizität - 12 -
6.2 Die Pressestruktur. - 13 -
7. Schlussfolgerungen zur Zeitungsnutzung. - 14 -
7.1 Die Zeitungen - 14 -
7.2 Wo und wann wurde gelesen. - 15 -
8. Inhaltsanalyse - 16 -
9. Die Lektüre im Fragebogen. - 18 -
9.1 Die „Schwäbische Tagwacht“ - 18 -
9.2 Die Generalanzeiger - 20 -
9.3 Die „Gartenlaube“ - 21 -
9.4 Die Arbeiterbibliotheken - 22 -
10. Zusammenfassung - 24 -
Bibliografie............................................................................................................ - 26 -
- 2 - 1. Abstrakt
In der Untersuchung wird gezeigt, dass der Medienkonsum von Arbeitern im Kaiserreich eine in zwei Richtungen zielende Kommunikationsleistung darstellte. Die eine war eine nach außen gerichtete: Das Gefühl, der Klasse des Proletariats anzugehören und der Wunsch nach Eingebundenheit in dieses soziokulturelle Umfeld führte zu dem Drang, durch die bewusst kommunizierte Rezeption von an das Proletariat gerichteten Medien sich in dieses Umfeld zu integrieren. Da diese „proletarischen“ Medien bestimmte Rezeptionsbedürfnisse nur mangelhaft erfüllten, ergab sich die Notwendigkeit, zusätzlich andere Medien zu rezipieren. Hierbei wiederum handelte es sich um eine nach innen gerichtete Kommunikationsleistung, die vor allem der Information und der Unterhaltung diente. Es soll in der Arbeit die Diskrepanz zwischen beiden Kommunikationsleistungen dargestellt werden. Auf der einen Seite das von der proletarischen und sozialdemokratischen Elite geforderte und sozial erwünschte Rezeptionsverhalten, das vor allem zum Bekenntnis zu proletarischen Medien seitens der Arbeiterschaft führte. Auf der anderen Seite die von den Arbeitern massenhaft konsumiertem unterhaltenden und über den Alltag informierenden Medien, deren Rezeption aber kaum nach außen kommuniziert wurde, eben weil es im soziokulturellen Umfeld als dem Proletarier nicht angemessenes Rezeptionsverhalten bewertet werden konnte. Die Diskrepanz ergibt sich aus der Tatsache, dass die Medien, die von den Arbeitern am häufigsten rezipiert wurden, in der Kommunikationsleistung nach außen nur eine geringe Rolle spielten, während die, die offensichtlich weniger Bedeutung für das eigene Rezeptionsverhalten hatten, verstärkt nach außen dargestellt wurden.
2. Einleitung
2.1 Fragestellung
Ich unterstelle, dass im Untersuchungszeitraum bestimmte gesellschaftliche Gruppen bestimmte Rezeptionsansprüche hatten. Diese Vermutung wird unterstützt von Otto Groth, der sich mit der süddeutschen Presse um 1910 beschäftigte. „Die Zeitung ist nicht bloß der mechanische Abdruck der Zeitereignisse, sondern sie empfängt, wählt und formt sie nach ihrem Charakter, der bestimmt ist durch ihre Geschichte und Tradition, ihre politischen, wirtschaftlichen und ästhetischen Ziele, ihren Leserkreis“. 1
1 Groth 1915, S. 137.
- 3 -Auch Nipperdey beschreibt die Presse im Kaiserreich als „Ausdruck und Ferment der geschlossenen sozial-moralischen Milieus, der Subkulturen“ 2 . Im vorliegenden Fall handelt es sich bei den Rezipienten um 173 Arbeiter der Daimler-Motoren-Gesellschaft, ihre Angaben zur Mediennutzung sollen Aussagen zur
Mediennutzung der Arbeiter im Kaiserreich ermöglichen. Es wird gefragt, welche Medien Arbeiter der Daimler-Motoren-Gesellschaft um 1909 nutzten, warum sie das taten und welche Satifikationsansprüche an die Medien sich daraus für Arbeiter im frühen 20. Jahrhundert ableiten lassen?
2.2 Untersuchungsinstrumentarium
Schon die Frage, welche „Satifikationsansprüche“ der Mediennutzung von Arbeitern zugrunde lagen, weist in Richtung der „uses-and-gratifications-Forschung“, konkreter: der Erwartungs-Wert-Theorie. Rosengren sagt, dass sie „die kognitiven Erwartungen der Mediennutzer gegenüber den Medieninhalten mit ihren Bewertungen dieser Inhalte und deren Nützlichkeit [verknüpft], um die Mediennutzung und ihre Folgen vorherzusagen und insbesondere zu bestimmen, welche gesuchten und welche erhaltenen Gratifikationen die Mediennutzung beeinflussen“ 3 . Menschen nutzen also Medien, weil sie durch die Nutzung Satifikation erfahren. Doch welche Bedürfnisse will der Rezipient befriedigt wissen? Dazu lohnt sich ein Blick auf eine Aufstellung McQuails, laut der vier Grundbedürfnisse die Auswahl von Medien bestimmen, d.h. sich „nicht nur in der eigentlichen Phase der Informationsverarbeitung aus[wirken], sondern auch schon vorher, in der präkommunikativen Phase, wie auch nachher, postkommunikativ“ 4 . Im nächsten Absatz sollen die angesprochenen Grundbedürfnisse umrissen werden.
Das Informationsbedürfnis diene der „Orientierung über relevante Ereignisse in der unmittelbaren Umwelt, in der Gesellschaft und in der Welt, [der] Ratsuche zu praktischen Fragen, Meinungen, Entscheidungsalternativen, [der] Befriedigung von Neugier und allgemeinem Interesse, [dem] Lernen [und dem] Streben nach Sicherheit“ 5 . Außerdem habe der Rezipient ein Bedürfnis nach persönlicher Identität, d.h. er erfährt durch die Mediennutzung eine „Bestärkung der persönlichen Werthaltungen, […]
2 Nipperdey 1994, S. 801.
3 Rosengren 1996, S. 19.
4 Noelle-Neumann 1994, S. 165.
5 Ebd., S. 164.
- 4 -Identifikation mit anderen (in den Medien), [und] Selbstfindung“ und sucht damit nach Verhaltensmodellen. 6 Weiterhin leite ihn bei seiner Auswahl das Bedürfnis nach Integration und sozialer Interaktion: Er möchte sich in die Lebensumstände anderer versetzen (soziale Empathie), sich mit anderen identifizieren, ein Gefühl der Zugehörigkeit haben, eine Grundlage für Gespräche und soziale Interaktion erhalten, einen Ersatz für fehlende Geselligkeit oder Partnerschaft finden, Hilfe bei der Annahme sozialer Rollen bekommen und den Kontakt zur Familie, zu Freunden und zur Gesellschaft finden. 7 Der letzte aber sicher nicht unwesentlichste Punkt ist in bei McQuail schließlich das Unterhaltungsbedürfnis. Mediennutzung zur Unterhaltung sei alles, was der Wirklichkeitsflucht, Ablenkung von Problemen, Entspannung, der kulturellen oder ästhetischen Erbauung dient, Zeit füllt und emotionale Entlastung oder sexuelle Stimulation ermöglicht. 8
Ist es legitim, auf der Grundlage von 173 Angaben von Arbeitern Rückschlüsse auf das Rezeptionsverhalten eines Großteils der Arbeiterschaft im Kaiserreich zu ziehen? Betont Rosengren nicht mit Recht die „internationalen Trends der individuellen Mediennutzungsforschung, die […] das Individuum in den Mittelpunkt stellen“ 9 ? Wollte ich Aussagen über die heutige Mediennutzung „der Arbeiterschaft“ machen, träfe das sicher zu. Doch möchte ich für die vorliegende Untersuchung unterstellen, dass im Untersuchungszeitraum eine hohe Korrelation von strukturellen, positionellen und individuellen Merkmalen in der Arbeiterschaft auftraten und damit auch soziale Handlungsmuster, die als typisch für diese gesellschaftliche Gruppe angesehen werden dürfen. Als Stichworte seien genannt das sich zu dieser Zeit entwickelnde Klassenbewusstsein und die dafür ursächliche breite Pauperisierung der Arbeiterschicht, die nur wenig Gelegenheit für individuelle Verwirklichung hatte. In der folgenden Untersuchung werde ich auf Grundlage einer Literaturrecherche darstellen, welche Medien Arbeiter im Untersuchungszeitraum im Neckarkreis rezipiert haben. Es wird dabei ein anderes Bild gezeichnet werden, als es die Ergebnisse von Schumanns Umfrage zeitigen. Diese Diskrepanz lässt sich durch die Erwartungs-Wert-Theorie begründen. Plakativ: Das Bedürfnis nach Integration lässt die Arbeiter zu sozialdemokratischer Presse greifen und das auch in ihrer Umgebung kommunizieren, der Wunsch nach Unterhaltung und Informationen führt zur Rezeption von
6 Ebd., S. 164f.
7 Ebd., S. 165.
8 Ebd., S. 165.
9 Rosengren 1996, S. 22.
- 5 -Generalanzeigern. Das sozial erwünschte Lesen der Gesinnungspresse geben sie im Fragebogen an, das sozial unerwünschte verschweigen sie - ein Verhalten, das habitualisiert ist. Eine umfassende Darstellung sozialdemokratischer Presse und der des Generalanzeigertypus wird zeigen, warum die sozialdemokratische Presse nicht geeignet war, alle Satifikationsansprüche der Arbeiter zu befriedigen. Ergänzend werden die Literatur-Lesegewohnheiten deutscher Arbeiter den Angaben im Fragebogen gegenübergestellt, auch hier zeichnet sich eine Diskrepanz ab, mit ähnlichen Ursachen wie eben dargestellt. Zunächst allerdings sollen die Angaben der Arbeiter in den Kontext gestellt werden, in dem diese Angaben gemacht wurden. Dazu dient die Quellenanalyse und -kritik.
2.3 Begriffsklärung
Als Medien sind in dieser Untersuchung alle Quellen zu verstehen, die Information gleich welcher Art enthalten und geeignet sind, die oben genannten vier Grundbedürfnisse zu befriedigen. Wie bereits deutlich wurde, werde ich mich in der Untersuchung jedoch auf Zeitungen konzentrieren, ferner Zeitschriften und Literatur. Ein Medium mit unterhaltendem Charakter ist auch das Kino. Leider wird in der Quelle nicht nach Kinobesuchen gefragt, es wird aber auch nicht als Freizeitvergnügen angegeben. Hier muss die Frage nach der sozialen Unerwünschtheit gestellt werden -und sogleich geantwortet werden, dass diese Frage in der Untersuchung nicht beantwortet werden wird. Dass das Kino eine weit größere Rolle für die Freizeit der Arbeiter gespielt hat, als sie an- oder zugaben, soll deshalb hier nur als Vermutung formuliert, aber nicht weiter verifiziert werden.
- 6 - 3. Die Quelle
3.1 Betrachtung
Fritz Schumann handelte im Auftrag des „Vereins für Sozialpolitik“ und führte seine Untersuchung 1909 und 1910 in der Daimler-Motoren-Gesellschaft in Stuttgart-Untertürkheim durch. Ziel war es unter anderem, „die Umstände, die auf die Verdienstmöglichkeiten der Arbeiter von Einfluß sind, also besonders ihre Lage innerhalb der Fabrik“ 10 zu untersuchen. Zu Beginn seiner Recherchen richtete sich Schumann an die Direktion der Fabrik, die aber nicht zuließ, dass er persönlich mit den Arbeitern in Kontakt trat. Laut Schumann befürchteten die Direktionsmitglieder, dass durch einen solchen Kontakt die Produktivität sinken könnte. Die Direktion hielt im Lohnbüro Material über die Arbeiter bereit, aus dem Schumann das Alter, die Herkunft, die Dauer der Tätigkeit in der Fabrik, die Höhe des Arbeitslohnes und die Zahl der Arbeitstage aller Arbeiter erfuhr. Die beiden letzten Angaben stammten aus dem Jahr 1908. Aus dem Arbeitermeldebüro, das seit dem 1. März 1908 eingerichtet war, erhielt Schumann noch Angaben über 450 Arbeiter, die nach der Gründung des Büros in die Fabrik eingetreten waren. Es handelte sich um Auskünfte über deren beruflichen Stellungen, teilweise auch über die konfessionellen und familiären Verhältnisse. Die Fragebögen, aus denen ein Großteil der Angaben, die für meine Untersuchung relevant sind, stammt, wurden über Vertrauensleute des „Deutschen Metallarbeiterverbandes“ an die Arbeiter verteilt. Anscheinend begegneten die Arbeiter Schumann und dem Fragebogen mit großem Desinteresse: Von 1800 verteilten Fragebögen kamen schließlich nur 173 ausgefüllt zurück, also nicht ganz zehn Prozent.
3.2 Kritik
Mit Kenntnis heutiger Standards empirischer Forschung scheint die Herangehensweise Schumanns freilich zweifelhaft, die Kritik ergibt sich schon aus der Beschreibung der Recherche. Ob Schumann wirklich keine Möglichkeit hatte, persönlich mit den Arbeitern zu sprechen, sei dahingestellt. Dass der Verzicht auf persönliche Kontakte und das offensichtliche Zusammenarbeiten mit der Direktion aber auf keinen Fall produktiv war, ist sicher. Es spricht viel dafür, dass die Arbeiter 1909 wenig Vertrauen
10 Schumann 1911, S. 5.
Arbeit zitieren:
Thomas Trappe, 2006, Der doppelte Nutzen: Das Rezeptionsverhalten deutscher Arbeiter in der Endphase des Kaiserreichs., München, GRIN Verlag GmbH
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