Gliederung
1. Einleitung 3
2. Die Bedeutung der Aktdarstellung im Gesamtkonzept des Genter Altars 4
3. Die Darstellung von Adam und Eva im Alten Testament 6
4. Die Darstellung des ersten Menschenpaares durch Jan van Eyck. 7
4.1 Darstellung des Adam 7
4.2 Darstellung der Eva 9
5. Die geschlechtsspezifische Darstellung von Adam und Eva. 11
5.1 Anatomische Differenzen 11
5.2 Die Bedeutung der Halblünetten 13
6. Die hylemorphistische Zeugungslehre des Aristoteles. 15
7. Fazit 17
8. Quellen 19
2
1. Einleitung
Der Genter Altar von Jan van Eyck besteht aus 20 Holztafeln und zählt zu den bedeutendsten und komplexesten Werken des Spätmittelalters und gilt als Hauptwerk von Jan van Eyck. Es handelt sich um eine Öl auf Holz Technik, wobei jede der Einzeltafeln 146,5 x 51,4 cm breit ist. Der Genter Polyptychon war eine Auftragsarbeit für den reichen Patrizier Jodocus Vijd und seine Gemahlin. Der Altar soll von Jan van Eycks älteren Bruder Hubert begonnen wurden sein und wurde dann von Jan van Eyck 1432 fertig gestellt. Der Anteil von Hubert van Eyck an der Ausführung des Genter Altars ist in der kunsthistorischen Forschung jedoch sehr umstritten. Heute befindet sich der Altar in der Kirche St. Bavo in Gent und steht in derselben Kapelle, für die der Altar einst bestimmt war. In der Kunstwissenschaft spielt der Genter Altar eine herausragende Rolle. Er gilt aufgrund der naturnahen Darstellung der Figuren und der Gestaltung des Landschaftpanoramas sowie die Imitationen der Skulpturen als herausragend. Durch die starke Licht-Schatten-Modellierung und die Verwendung der Ölmalerei erreicht Jan van Eyck eine neue Form der Plastizität und Dreidimensionalität. 1
In meiner Hausarbeit möchte ich mich jedoch vorrangig mit den Aktbildern von Adam und Eva beschäftigen. Sie befinden sich auf den beiden äußeren Tafeln des Genter Altars und sind die ersten monumentalen Aktdarstellungen nördlich der Alpen. Erstmals seit der Antike ist hier der gesamte nackte, menschliche Körper zum Objekt von Naturstudien geworden und es ist ebenso eines der wenigen noch erhaltenen Aktbilder von Jan van Eyck. An Hand dieser Darstellungen werde ich versuchen mich mit der Frage auseinandersetzen in wie fern die Darstellungen von Adam und Eva geschlechtsdifferente Unterschiede jenseits der biologischen Unterschiede aufweisen. Denn trotz der vielfältigen Literatur zum Genter Altar und vor allem zur altniederländischen Malerei, wurde sich mit dieser Frage nur wenig auseinander gesetzt. Dabei beschäftige ich mich zuerst mit der Gesamtdarstellung des Genter Altars, um die Position der Aktdarstellungen herauszuarbeiten. Danach werde ich kurz den Genesistext der Bibel (insbesondere die zwei Schöpfungsberichte) vorstellen, um auf den ikonographischen Hintergrund näher einzugehen. Im Anschluss daran versuche ich die Darstellung von Adam und Eva im Genter Alter näher zu beschreiben.
1 Pächt, Otto: Van Eyck. Die Begründer der altniederländischen Malerei, München 1989, S.119
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Auf der Grundlage dieser Beschreibung analysiere ich im nächsten Schritt die geschlechtsspezifischen Unterschiede. Abschließend werde ich mit Hilfe der hylemorphistischen Zeugungslehre von Thomas von Aquin versuchen die Geschlechterbilder des Mittelalters näher zu charakterisieren.
2. Die Bedeutung der Aktdarstellung im Gesamtkonzept des Genter Altars
Der Genter Altar ist ein zweigeschossiges Polyptychon mit den Gesamtmaßen von 520cm in der Breite und mit 375cm in der Höhe bei geöffnetem Zustand. 2 Der Aufbau muss dabei unterschieden werden nach einer Außenseite, bei der der Altar geschlossen ist und somit die Werktagsseite zu sehen ist und der Innenseite, wenn der Altar geöffnet ist und die so genannte Festtagsseite zu sehen ist.
Der äußere Teil des Altars fällt dem Betrachtenden sofort durch die geschlossene und einheitliche Gestaltung auf und erinnert an eine mehrgeschossige Kirchenfassade. Dabei sind zwei übereinander liegende Bildzonen zu erkennen. Den oberen Abschluss des Altars bilden drei Lünetten in denen sich in den äußeren Teilen die Propheten Sacharja und Micha befinden. In der mittleren Lünette sind die erythräische und die cumäische Sybille, als heidnische Seherinnen dargestellt. Diese oberste Zone repräsentiert somit die Zeit vor der Inkarnation von Christus. Darunter befindet sich das Geschoss der Verkündigung an Maria und damit gleichzeitig die Erfüllung der oben dargestellten Szene. Die unterste Zone ist in vier Nischen gegliedert, auf der äußersten, linken Tafel befindet sich der Stifter Jodocus Vijd und auf der äußersten, rechten Tafel seine Gemahlin Isabella Borlut. In der Mitte befinden sich zwei gemalte Skulpturen, die Johannes den Täufer und Johannes den Evangelisten darstellen. Im geöffneten Zustand bilden vier Tafeln den Mittelpunkt für den Betrachter: die Anbetung des Lammes und die sogenannte Deesis in der oberen Zone. Der Gottesvater befindet sich dabei zentral in der Mitte, rechts von ihm Maria und links von ihm befindet sich Johannes der Täufer. Die Tafeln der drei Figuren sind fast zwei Meter hoch. Auf den rechten und linken Tafeln von Maria und Johannes dem Täufer, befinden sich verschiedene Engel, die den Himmel preisen und musizieren. Die Darstellung von Adam und Eva befinden sich auf dem äußersten Teil der Innentafel des Genter Altars und bilden ikonographisch eine Verbindung mit der Außenseite.
2 Pächt, Otto: Van Eyck. Die Begründer der altniederländischen Malerei, München 1989, S.120.
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So sind sie zum einen vergleichbar mit dem Stifterpaar. Der interessantere Bezug ergibt sich jedoch zu der Verkündigungsszene. So wird Maria in der typologischen Schriftenauslegung als Antitypus zum Typos Eva gesehen. 3 Betrachtet man die Anordnung der Figuren so fällt auf, dass Eva sich vom Betrachter aus gesehen rechts von Gott befindet. Von dem Standpunkt Gottes aus betrachtet befindet sie sich allerdings auf der linken Seite.
Die Darstellung der Stammeseltern weist jedoch auch weitere Besonderheiten auf. So sind Adam und Eva überlebensgroß, fast monumental dargestellt, mit individuellen und portraithaften Zügen. „Neu und anstößig für die damalige Zeit musste die Herauslösung der Stammeltern aus der Schar der Anbetenden wirken und ihre Platzierung auf fast gleicher Höhe und fast im gleichen Maßstab wie die Deeis.“ 4 Sie befinden sich zwar am äußersten Rand des Altars und bilden damit nicht den Mittelpunkt für den Betrachtenden, jedoch entspricht ihre Größe fast der der Deesis. In der geschlossenen Form deckt sich sogar die Darstellung der Stammeseltern mit dem Gottesvater. Über der Darstellung von Adam und Eva befinden sich in zwei Halblünetten zwei alttestamentliche Szenen. Über der Tafel des Adam ist die Opfergabe von Kain und Abel dargestellt. Über der Tafel von Eva ist Brudermord dargestellt. Auf die Bedeutung dieser zwei Lünetten werde ich im weiteren Text genauer eingehen. Die untere Zone des Altares zeigt die landschaftliche Darstellung des Paradieses. Das Zentrum bildet der Altar mit dem Lamm Gottes, um den sich zahlreiche Engel und die Gemeinschaft der Heiligen versammelt haben. In den vier äußeren Tafeln sind vom Betrachter aus links die Prozessionsgruppen und rechts verschiedene Pilger zu erkennen.
3 Butzkamm, Aloys: Christliche Ikonographie. Zum Verstehen mittelalterlicher Kunst, Paderborn 1997, S.
16.
4 Hammer-Tugendhat, Daniela: Jan van Eyck. Autonomisierung des Aktbildes und Geschlechterdifferenz
in: Hoffmann, Detlef: Der nackte Mensch, Marburg 1989, S.80.
5
3. Die Darstellung von Adam und Eva im Alten Testament
Die Darstellung von Adam und Eva im Alten Testament erfolgt hauptsächlich durch den Genesistext 1,1-4,17 im ersten Buch Mose. Dabei muss zwischen zwei Schöpfungsberichten unterschieden werden. Im ersten Schöpfungsbericht (Die Schöpfung der Welt) erschafft Gott Mann und Frau gleichberechtigt nach seinem Bild am fünften Tag (Gensesistext 1,1-2,4).
In der zweiten Schöpfungsgeschichte jedoch (Eine andere Erzählung von der Schöpfung, das Paradies) erschafft Gott den ersten Menschen aus der Erde des Bodens und haucht ihm dann den Lebensatem ein(Genesistext 2,5-2,25). Erst im nächsten Schritt erschafft Gott aus der Rippe des ersten Menschen ihm eine passende Hilfe. „Diese ist nun endlich Gebein von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleische. Die soll Männin heißen; denn vom Mann ist sie genommen.“ 5 Eva wird somit nur als Gehilfin von Adam erschaffen. Zusammen dürfen sie jedoch beide im Paradies leben. Allerdings ist es ihnen verboten vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen. Als es der Schlange jedoch gelingt Eva zu überzeugen von der Frucht des Baumes zu probieren, und als auch Adam, der die Frucht von Eva gereicht bekommt vom Baum der Erkenntnis isst, erkennen beide, dass sie nackt sind. Gott bestraft Adam und Eva und vertreibt sie aus dem Paradies, und weil Eva auf die Schlange gehört hat und weiterhin Adam verführt hat, wird sie ihm untergeordnet: „Nach deinem Manne wirst du verlangen, er aber soll dein Herr sein.“ 6 Später bekommen Adam und Eva zwei Kinder: Kain und Abel.
Diese zweite Schöpfungsgeschichte zeigt im Gegensatz zum ersten Bericht, in dem Mann und Frau gleich nach Gott geschaffen werden, den fortschreitenden Verlust der Eigenständigkeit von Eva als Frau. Sie gilt durch die Annahme der Frucht von der Schlange als Hauptsünderin und Verführerin. Die Bedeutung der beiden nebeneinander existierenden Schöpfungsberichte ist aber dennoch nicht zu unterschätzen. So konnten diese zu unterschiedlichen Zeiten und Kontexten in verschiedener Weise verwendet werden, um über die Frage der Geschlechterrollen in der Bibel kontrovers zu diskutieren. Für meine Hausarbeit sind diese Schöpfungsgeschichten insofern interessant, da das Alte Testament keine eindeutige Antwort auf die Frage der Erschaffung des Menschen gibt und somit theologische Spekulationen möglich sind.
5 Altes Testament: Genesis 2,22.
6 Altes Testament: Genesis 3,16.
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Arbeit zitieren:
2005, Die geschlechterspezifische Darstellung von Adam und Eva in dem Genter Altar von Jan van Eyck, München, GRIN Verlag GmbH
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