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1. Einleitung
Platon, ein Philosoph, der seit mehr als zweitausend Jahren mit seinen Ideen durch das alte Europa „geistert“ und als einer der Großen das Denken, die Anschauung über die Welt, mitgeprägt hat, war als solcher ein politischer Philosoph wie auch und vor allem Philosoph an sich, denn wahre Erkenntnis ist das Gesamte zu schauen. Bewunderung und Ehrfurcht wurden seinem Ideenreichtum zu Teil, wie er auch Kritiker fand ob seinem konsequent gedachten, anti-pluralistischen Staatsentwurf und immer wieder wird er als erster, oder aber zweiter, hinter Sokrates, Philosoph der westlichen Denktradition genannt. Für ihn hätte die Trennung der Philosophie in politische und anthropologische wahrscheinlich keinen Sinn gemacht, so selbstverständlich vertritt er die Auffassung, daß die Erfüllung des Menschlichen in der Gesellschaft zu finden ist und daß nur durch sie, sich der Mensch zu seiner edlen, die Tierwelt überragenden Natur erheben kann, um dann hinab zusteigen ins Dunkel und seine Mitmenschen zu leiten und zu erhellen.
Anhand des Begriffs der Herrschaftskunst, welcher als einheitlich zusammengesetzt aus Herrschaft und Kunst aufgefasst wird und der als Leitfaden dient, soll hier der Versuch unternommen werden, einen Teil zum Gesamtbild platonischem Denkens zu liefern. Es soll bestimmt werden, was den Herrscher zum Herrscher macht, welche Voraussetzungen damit verbunden sind und welche Mittel sich Platon erdenkt, diesen zu formen. Explizit findet sich der Begriff der Herrschaftskunst bei Platon nicht. Was sich aber finden läßt, ist der Begriff der politischen Kunst (techne politike), der aber zu weit gefasst scheint und auch nicht den Vorteil des intuitiven Schluß' auf seine Teile bietet. Die Fülle und Vielschichtigkeit des Themas ist, wenn man es genau nimmt, ausufernd. Von daher wurde sich aus Effizienzgründen hauptsächlich am „Staat“, als Hauptwerk, orientiert. Weitere, interessante Literatur zu diesem Thema findet sich im mindesten in der „Apologie“, dem „Gorgias“, dem „Kritias“, den „Nomoi“, dem „Politikos“ und dem „Protagoras“. Die Gesamtansicht erschließt sich, gerade bei Platon, allerdings nur über das Gesamtwerk. Das Vorgehen orientiert sich anfangs an den Begriffen der Kunst und der Herrschaft, versucht diese hinreichend zu bestimmen und zu erläutern, sowie Konsequenzen abzuleiten. Später wird darauf eingegangen werden, wie die Herrschaftskunst in die Seele des Herrschers gesät werden soll und was ein solcher als Bedingungen zur Erfüllung seiner Aufgabe mitbringen muß, um den besten aller Staaten zu dienen.
Die in eckigen Klammern gefassten Textverweise beziehen sich auf die Stephanus-Ausgabe, nach der jeder Platontext zitiert wird.
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2. Über die Kunstfertigkeit
Was ist es also, was einen Herrscher nach Platon zu einem Herrscher befähigt und nicht nur zu irgendeinem sondern zum besten denkbaren, da er ihn doch anhand des besten denkbaren Staates erörtert? Nun zum einen soll er sein Handwerk verstehen, er soll also die Kunst des Herrschens verstehen.
Unter Kunst soll im folgenden ein Ideal einer Kunst verstanden werden, wie es sich bei Platon finden läßt. Drei grundlegende Aspekte sollen hier beleuchtet werden. Erstens ist eine Kunst ein Vermögen, welches einen befähigt in seinem Fachgebiet konstruktiv zu arbeiten (der Mathematiker kann rechnen, der Arzt heilen usw.). Der Kunstfertige ist ein echter Fachmann, denn er irrt, so Platon, in seinem Gebiet nie. „Wir sagen das, denke ich, nur so leicht hin: Der Arzt hat geirrt, der Mathematiker, der Lehrer. Keiner von ihnen irrt jemals, insoweit er das ist, als was wir ihn ansprechen. Genau genommen,..., irrt kein Fachmann. Wo sein Fachwissen ausläßt, dort irrt der Irrende, worin er also nicht Fachmann ist.“ [340d/e]. Warum sind diese Fachmänner in ihren Künsten so unfehlbar? Sie besitzen ein Fachwissen, welches Platon entschieden vom bloßen Meinen oder gar Vermuten abgrenzt [477c ff]. Dieses Fachwissen ist wahres Wissen um die Natur der Dinge und ihrem Nutzen. Aus diesem Wissen um das Wesen der Dinge entspringt sein Können. „Mit anderen Worten: wer auf Grund seiner Beschäftigung mit bestimmten Phänomenen zur Kenntnis von sich gleichbleibenden Wirkungen bestimmter Maßnahmen oder eines bestimmten Verhaltens gelangt ist, wird auch in der Lage sein, diese Wirkungen in analogen Fällen im Voraus zu bestimmen. Seine ´Wissenschaft´ (zunächst im ganz allgemeinem Sinne) ist eine Kunst, τεχηνε, er selbst ein Erfahrener, εµπειρος (einer der Versuche angestellt hat), ein Sachverständiger.“ (Uchtenhagen, 1963:11-12), Vielmehr ist sie als richtige Kunst ohne Fehl und Tadel, solange freilich sie genau und ganz ihr Wesen wahrt.“ [342b]
Zweitens kommt dem Fachmann ein weiteres Wissen zu, das ihm ermöglicht nicht zu den Irrenden zu gehören: Er weiß, was er weiß. Ein Fachmann ist also jemand der „in seinem Fach das Durchführbare vom Undurchführbaren genau“ [360e] auseinander zu halten vermag. Eine Kunst befähigt demnach, Situationen korrekt einzuschätzen und daraus die richtigen Entscheidungen zu treffen. Platon wird an dieser Stelle nicht explizit, aber es ist zu vermuten, daß die Äußerungen noch ein weiteres Element enthalten und zwar ein charakterliches. Der Fachmann scheint implizit als charakterlich edler Mensch, insofern man ihn Fachmann
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nennen soll. Warum? vielleicht ist ein Beispiel an dieser Stelle am klarsten. Nehmen wir an, der Kunstfertige würde mit einer Situation konfrontiert, in der er über etwas entscheiden soll, von dem er nicht weiß, was die Konsequenzen sind, sprich er kennt sich in diesem Gebiet oder der konkreten Sachlage nicht aus. Er wäre kein Fachmann, würde er von sich behaupten, er wisse was zu tun sei. Wenn wir dieses Beispiel überspitzt darstellen und annehmen, er würde gezwungen eine Entscheidung zu treffen, sein Leben könnte z. Bsp. bedroht werden, und er würde dennoch sagen: er könne keine Entscheidung treffen, da er davon nichts verstehe, so zeugt das zum einen von Besonnenheit, da er sich nicht dazu hinreißen läßt zu lügen oder gar zu prahlen und zum anderen von Mut, da er ja mit dem Leben bedroht wird. Diese zwei Charaktereigenschaften oder besser wie Platon sagt: Teile der Seele, scheinen auf den ersten Blick nichts mit dem Begriff der Kunstfertigkeit zu tun zu haben, bilden aber, wie gezeigt wurde, implizit die unabdingbare Basis für einen wahrhaft Kunstfertigen. Gerade auch in Hinblick auf den später eingeführten Mythos von der Klassengesellschaft [415a ff] und den Ausführungen über den gerechten Menschen [348 ff] oder auch den Philosophenherrscher [543a] macht diese Interpretation Sinn. Damit kommen die drei wichtigsten Seelenteile für einen wahrhaft gerechten Menschen in den Kunstfertigen bereits vor (die Weisheit findet sich hier in Form des Fachwissens welches ebenfalls Grundlage für die Handlungen bildet) [443c-444a].
Der dritte Aspekt betrifft ihren Wirkungsbereich. Die echte Kunst existiert nie um des Fachmanns Willen. Sie ist immer und ausschließlich auf den Nutzen ihrer Objekte ausgelegt. „Somit forscht und befiehlt keine Kunst oder Wissenschaft nach dem Vorteil des Stärkeren, [d] sondern dem des Schwächeren, von ihr Beherrschten?“ [342c-d]. Platon macht das am Beispiel der Heilkunst explizit. Die Heilkunst, als solche, verschafft dem Arzt die Fähigkeit Krankheiten zu diagnostizieren und sie zu heilen. Oft wird es auch vorkommen, daß Ärzte viel Geld verdienen. Dieser Reichtum entspringt aber nicht der Heilkunst sondern einer weiteren Kunst der Geschäftstüchtigkeit, denn würde ein Arzt nicht arbeiten, so wäre er nicht weniger Fachmann, aber eben nicht reich. Daraus kann man schließen, daß eine Heilkunst ein Mittel zum Zweck darstellen kann, um reich zu werden, aber eben keine hinreichende Bedingung für wirtschaftlichen Erfolg ist. Außerdem ist eine Kunst auch immer nur auf einen Zweck ausgerichtet. Die Argumentation verläuft ungefähr so: Wäre sie nicht nur auf eine Sache ausgerichtet, so könnte man sie weiter begrifflich unterteilen und sie wäre Vielgeschäftigkeit. Sie würde also keine Einheit bilden und somit dem Prinzip der Arbeitsteilung und Spezialisierung zu widerlaufen, in welchem aber die einzige Möglichkeit
Arbeit zitieren:
Peter Meißner, 2005, Herrschaftskunst als „ Kunst zu Herrschen“ bei Platon, München, GRIN Verlag GmbH
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