2
Inhaltsverzeichnis:
Inhaltsverzeichnis : 2
1. Einleitung: Zum Ziel der Arbeit 3
2. Zur Wortbedeutung. 4
3. Zur Wortfeldtheorie. 6
3.1 Wortfeldmodelle. 6
3.1.1 Trier. 6
3.1.2 Weisgerber. 7
3.1.3 Gipper/Schwarz. 8
3.1.4 Coseriu/Geckeler. 9
3.2 Grundannahmen der Wortfeldtheorie. 10
3. 3 Terminologie 11
4. Bestimmung des Wortfeldes Ärger. 14
5. Das Wortfeld Ärger 15
6. Die Binnenstruktur des Wortfeldes. 16
6. 1 Semantik der Emotionen 16
6. 2 Exkurs: Zur semantischen Dekomposition 18
6.2.1 Semantische Merkmale. 18
6.2.2 Semantische Formeln 20
6.2.3 Anna Wierzbickas Natural Semantic Metalanguage. 21
6.3 Die semantische Analyse von Emotionen nach Wierzbicka. 23
6.4 Analyse der Lexeme des Wortfeldes „Ärger“ 24
6.4.1 Ärger, ärgern, sich ärgern 25
6.4.2 Unzufriedenheit, unzufrieden. 26
6.4.3 Enttäuschung, enttäuscht, enttäuschen. 27
6.4.4 Frustration, frustriert, frustrieren. 28
6.4.5 Verbitterung, verbittert, verbittern. 29
6.4.6 Verdruß, verdrossen, verdrießen 30
6.4.7 Unwille(n), unwillig 31
6.4.8 Erregung, erregt, erregen 32
6.4.9 Ungehaltenheit , ungehalten 33
6.4.10 Wut, wütend. 34
6.4.11 Gereiztheit, gereizt 36
6.4.12 Unmut, unmutig 37
6.4.13 Verärgerung, verärgert, verärgern 38
6.4.14 Erbostheit , erbost, erbosen. 39
6.4.15 Rage. 40
6.4.16 Groll, grollen. 41
6.4.17 Gekränktheit , gekränkt, kränken. 42
6.4.18 beleidigt 43
6.4.19 Entrüstung, entrüstet, entrüsten. 44
6.4.20 Empörung, empört, empören. 45
6.4.21 Zorn, zornig 46
6.4.22 Die reflexiv gebrauchten Verben sich empören, sich entrüsten, sich erbosen, sich
erregen 47
7. Schluß: Ausblick 49
Literaturverzeichnis 50
3
1. Einleitung: Zum Ziel der Arbeit
„Die Zahl derer wächst, die zornig, wütend oder empört sind wegen der Steuer- und Finanzpolitik der Bundesregierung“ 1
„Zorn, Wut und Verbitterung innerhalb der Bevölkerung sind groß.“ 2
„Neben dem unbedingten Einhalten der Nato-Linie sollte alles vermieden werden, was Primakow zusätzlich enttäuschen oder gar hätte ärgern können“ 3
Dies sind einige zufällig ausgewählte Sätze aus authentischen Zeitungsartikeln. Der durchschnittliche deutsche Zeitungsleser wird an ihnen wahrscheinlich keine Schwierigkeit oder Auffälligkeit feststellen, da sie von einem Muttersprachler intuitiv verstanden werden. Doch betrachten wir die Sätze einmal in semantischer Hinsicht: Was genau bezeichnen die Ausdrücke zornig, wütend, empört, Zorn, Wut, Verbitterung, enttäuschen und ärgern? Sie bezeichnen verschiedene “Ärgeremotionen” 4 , wäre eine mögliche Antwort auf diese Frage. Stellt man sich den Wortschatz bildlich vor, so könnte man die betrachteten Wörter als sich gegenseitig überschneidende Elemente eines Feldes um Ärger sehen. Die vorliegende Arbeit ist ein Versuch, dieses Wortfeld genauer zu bestimmen und zu analysieren: Welche lexikalischen Möglichkeiten bietet die deutsche Sprache, Emotionen des Ärgers zu bezeichnen, und welche unterschiedlichen Konzepte verbinden sich mit den einzelnen Ausdrücken?
1 Frankfurter Rundschau, 22.02.1997 [Beleg R97/FEB.13853]
2 Die Presse, 27.04.1992 [Beleg P92/APR.12558]
3 Frankfurter Rundschau, 31.03.1999 [Beleg R99/MÄR.25949]
4 Ulich, S.151
4
2. Zur Wortbedeutung
Bedeutung ist einer der am heftigsten umstrittenen Begriffe der Linguistik 5 , nicht zuletzt deshalb, weil sie durch zahlreiche verschiedene, sich teilweise überschneidende Elemente konstituiert wird. Die Bedeutung einer Aussage wird sowohl durch Morpheme und Lexeme als auch die Verbindungen, die sie eingehen, getragen 6 . Im folgenden soll nur die Wortbedeutung betrachtet werden. Doch auch diese weist verschiedene Ebenen auf. So differenziert beispielsweise Blanke 7 zwischen referentieller 8 , assoziativer 9 , affektiver 10 , situativer 11 , stilistischer 12 und etymologischer 13 Bedeutung. Im Kontext dieser Arbeit soll vor allem die referentielle Bedeutung interessieren, wobei anzumerken ist, daß die verschiedenen Bedeutungsebenen sich gegenseitig überlagern und beeinflussen und somit nicht völlig isoliert betrachtet werden können. Das bekannteste Bedeutungsmodell zur referentiellen Bedeutung ist das von Ogden und Richards 1923 entwickelte semiotische Dreieck 14 :
Das Schema unterscheidet drei Bedeutungskomponenten: Das Wort (symbol) symbolisiert ein gedankliches Konzept (thought or reference), das sich wiederum auf Elemente der
5 z.B. Leech, S.1ff
6 nach Ullmann, S.67f
7 nach Blanke, S.30f
8 denotative Bezüge auf Sachen oder Sachverhalte
9 von individuellen Assoziationen beeinflußte Bedeutungsaspekte
10 direkter oder indirekter Ausdruck seelischer Empfindungen des Sprechers
11 vom außersprachlichen Kontext beeinflußte Bedeutungsaspekte
12 durch die spezifische Art der gewählten Formulierung beeinflußte Bedeutungsaspekte
13 durch die etymologische Herkunft der Lexeme beeinflußte Bedeutungsaspekte
14 nach Ogden, S.16
5
außersprachlichen Realität (referent) bezieht. Zwischen dem Wort und die durch es bezeichnete Sache besteht demnach keine direkte Beziehung. Zahlreiche Linguisten sind Vertreter der Ideationstheorie 15 , die die Bedeutung als eine Dualität von symbol und thought/reference betrachtet. Die Terminologie variiert: so spricht zum Beispiel Saussure von „signifiant” und „signifié” 16 , Weisgerber von „Bedeutendem” und „Bedeutetem” 17 und Ullmann von „name” und „sense“ 18 .
Die Beziehung symbol Ù thought/reference muß in zweifacher Hinsicht erweitert werden 19 . Zunächst ist die Bedeutungsvielfalt zu beachten: Mit einem Konzept können sich mehrere Ausdrücke verbinden und umgekehrt. Im ersten Fall spricht man von Synonymie, im zweiten, also wenn ein Wort mit mehreren Konzepten verbunden ist, von Homonymie oder Polysemie 20 . Letzteres ist beim Substantiv Ärger der Fall: Es hat, wie unter anderem den Bedeutungserklärungen in verschiedenen Wörterbüchern entnommen werden kann 21 , mindestens zwei Verwendungsweisen. In der Hauptbedeutung bezeichnet es eine Emotion, kann in manchen Fällen aber auch einen Auslöser für eine solche Emotion beschreiben, also gleichbedeutend mit Ärgernis verwendet werden. Im folgenden soll nur vom Konzept der Emotion ausgegangen werden 22 . Neben der Bedeutungsvielfalt müssen auch die Verbindungen der Wörter untereinander aufgrund von lautlichen oder semantischen Gemeinsamkeiten berücksichtigt werden. Diese Auffassung der Sprache als gegliedertes Ganzes wurde nach Humboldt 23 erst von Ferdinand de Saussure wieder in die linguistische Diskussion eingebracht. De Saussure verglich die Sprache immer wieder mit einem Schachspiel, bei dem keine Figur hinzugefügt, weggenommen oder gezogen werden kann, ohne daß sich das Systemganze verändert, und in dem jede Figur ihren Wert nur aus ihrer Position auf dem Feld und ihrer Beziehung zu den übrigen Figuren erhält 24 .
15 der Gegenpol zu den Ideationstheorien sind die Referenztheorien, die Bedeutung als Beziehung zwischen symbol und referent betrachten. Nach Lyons, S.8ff
16 Saussure, S.99
17 Weisgerber 1927, S.60
18 Ullmann, S.57
19 nach Ullmann, S. 62ff
20 Man spricht von Homonymie, wenn zwei oder mehrere verschiedene Wörter lautgleich sind, und von Polysemie, wenn ein Wort zwei oder mehrere verschiedene Bedeutungen hat.
21 vgl. die entsprechenden Einträge in Duden Universalwörterbuch, Duden 10, Klappenbach und Wahrig
22 siehe auch § 3.2.5
23 z.B. Humboldt
24 Saussure, S. 43, S.125ff, S. 149, S.153f
6
3. Zur Wortfeldtheorie
3.1 Wortfeldmodelle
3.1.1 Trier
Jost Triers 1931 publizierte Monographie Der deutsche Wortschatz im Sinnbezirk des Verstandes gilt als „der erste ernsthafte Versuch, Saussures Prinzipien in die Semantik einzuführen” 25 . Trier faßt den Wortschatz einer Sprache als System auf, das in Wortfelder gegliedert ist, die sowohl auf einer Stufe nebeneinander als auch in hierarchischer Ordnung untereinander stehen. Trier legt in seiner Habilitationsschrift seine Gedanken zum Wortfeld theoretisch dar und erprobt sie praktisch am Beispiel des Intellektualwortschatzes. Nach Trier steht „kein ausgesprochenes Wort im Bewußtsein des Sprechers und Hörers [..] vereinzelt da” 26 , sondern steht immer in Beziehung zu seinen inhaltlich benachbarten „Begriffsverwandten” 27 , die “unter sich und mit dem ausgesprochenen Wort ein gegliedertes Ganzes, ein Gefüge, das man Wortfeld oder sprachliches Zeichenfeld nennen kann” 28 bilden. Das Wortfeld ist nach Trier einem außersprachlichen Begriffskomplex zugeordnet, den es aufteilt:
Welche Einzelstücke des Blocks als solche herausgehoben und als gesonderte Begriffe mit Worten bezeichnet werden, welche anderen Einzelstücke zu größeren Einheiten zusammengefaßt werden, wie alles untereinander abgegrenzt und in höheren Einheiten gebunden wird, kurz, wie die sprachlichen Trennungen und Verknüpfungen aussehen, welche die Sprachgemeinschaft in dem Komplex vornimmt, das alles ist gegeben in dem gegliederten Nebeneinander der Worte im Feld. 29
Nach Trier empfängt das Einzelwort seine Bedeutung nur aus seiner Beziehung zu seinen Wortfeldnachbarn: „Die Worte im Feld stehen in gegenseitiger inhaltlicher Abhängigkeit voneinander. Vom Gefüge des Ganzen empfängt das Einzelwort seine inhaltliche begriffliche Bestimmtheit.“ 30
Trier wird mit seiner Habilitationsschrift als Begründer der Wortfeldtheorie betrachtet, auch wenn die Idee und der Begriff des sprachlichen Feldes vereinzelt auch schon in
25 Ullmann, S.8 [Deutsche Übersetzung von Susanne Koopmann]
26 Trier 1931. Wortschatz, S.1
27 ebd., S.1
28 ebd., S.1
29 ebd., S.1f
30 Trier 1931. Wortschatz, S.2
7
früheren wissenschaftlichen Arbeiten zu finden sind 31 . In einigen gleichgerichteten Aufsätzen 32 aus den Jahren 1931 bis 1934 resümiert Trier die Ergebnisse seiner Habilitationsschrift, bekräftigt seine Feldkonzeption und grenzt diese zu anderen, praktisch gleichzeitig erschienenen und konkurrierenden Ansätzen zur Wortfeldtheorie ab 33 . Die Triersche Feldtheorie setzte sich gegenüber den anderen Ansätzen, die für die weitere Forschung ohne nennenswerte Wirkung blieben, durch, und wurde in ihren Hauptgedanken in einen Großteil der späteren Feldarbeiten übernommen, wenn Triers Wortfeldmodell auch, teilweise durch Trier selbst, teilweise durch die Arbeiten von Leo Weisgerber, Helmut Gipper und Hans Schwarz, nachträglich modifiziert wurde. So geht Trier noch in seiner Habilitationsschrift von einer „mosaikartigen” 34 Anordnung des Wortschatzes aus, in der die Einzelworte klar voneinander abgrenzbar und in unbedingter Interdependenz zueinander zu einem lückenlosen Ganzen angeordnet sind, eine Auffassung, die in vielfältiger Weise Kritik hervorrief 35 . Trier ersetzt das Bild der Mosaiksteine später durch ein „Miteinander sternförmig ausstrahlender Kerne, die so zueinander liegen, daß die äußersten Strahlenspitzen der benachbarten Kerne eingreifen oder eingreifen können” 36 und spricht von den Bestandteilen des Wortfeldes als „im Rennen liegende Pferde [...], die in Raum und Zeit zum Ziel rennen und zwischen denen die gegenseitigen Stellungsverhältnisse und damit Stellenwerte sich unaufhörlich verschieben” 37 .
3.1.2 Weisgerber
„Weisgerber war ihrem Entstehn hilfreich und hat später mehr als irgendein anderer ihren Ausbau gefördert“ 38 - so beurteilt Jost Trier die Rolle Leo Weisgerbers für die Entwicklung der Wortfeldtheorie. Weisgerber setzte die Triersche Feldauffassung in verschiedenen
31 nach Öhmann, S.72f
32 Trier 1931. „Worte“; Trier 1932. „Klugheit“; Trier 1932. „Felder“; Trier 1934. „Bedeutungsforschung“; Trier 1934. „Feld“; Trier 1938.
33 Trier nimmt bezug auf die Ansätze von Ipsen (1932), Porzig (1934) und Jolles (1934). Während sich der Ipsensche Ansatz (vgl. Ipsen) nicht grundsätzlich, sondern nur in Einzelheiten vom Trierschen unterscheidet, lassen sich zwischen dem Trierschen und dem Porzigschen bzw Jolleschen Feldbegriff grundsätzliche Unterschiede erkennen. So betrachtet Porzig Bedeutungsbeziehungen wie die zwischen Hund und bellen oder Ohr und hören (nach Porzig), Jolles Begriffspaare wie Tag und Nacht oder Vater und Sohn (nach Jolles) als konstitutives Wesensmerkmal des Feldes.
34 Trier 1931. Wortschatz, S.1
35 z.B. Schlaefer, S.101ff
36 Trier 1968, S.460f
37 ebd., S.458f
38 ebd., S.461
8
konkreten Einzelstudien, unter anderem zum Wortfeld veranstalten, stattfinden 39 und Aufhören des Lebens 40 , um.
Durch Weisgerber erfuhr das Triersche Feldmodell außerdem einige Erweiterungen. So bezieht Weisgerber die Wortbildung in das Wortfeld mit ein 41 , was er am Beispiel der Farbadjektive veranschaulicht: Aus einer Grundreihe von Adjektiven wird durch Wortbildung eine gefächertes Spektrum inhaltlicher Varianten gebildet, wie etwa rötlich aus rot. Außerdem versucht Weisgerber eine Typologie von Wortfeldern 42 , welche jedoch eher verschiedene graphische Darstellungsmöglichkeiten für Wortfelder mit der dahinterstehenden sprachlichen Struktur gleichsetzt 43 , und somit für die Forschung nicht von weiterer Relevanz ist. Weiter unterteilt Weisgerber Felder nach dem „Verhältnis ihrer sprachlichen Inhalte zur Wirklichkeit“ 44 in die Bereiche der „Sachkultur“, der „Natur“ und des „Geistigen“ 45 , was für die für die praktische Wortfeldarbeit insofern von Nutzen ist, als das darauf hingewiesen wird, daß einige Wortschatzbereiche eine stärkere Bindung an die bezeichneten außersprachlichen Erscheinungen aufweisen als andere: Während einige Wortfelder, zum Beispiel im technischen Bereich, streng an die außersprachliche Realität gebunden sind, scheinen andere von ihr unabhängiger - die Wortwahl des Sprechers ist hier zugleich eine individuelle Interpretation der Wirklichkeit. Dies ist unter anderem bei dem hier untersuchten Bereich der Emotionen der Fall.
3.1.3 Gipper/Schwarz
Auch Helmut Gipper und Hans Schwarz sehen sich der Tradition des Trierschen Feldbegriffs verpflichtet 46 und setzen die Weisgerberschen Ansätze zur Modifikation des Trierschen Feldmodelles fort. Auch sie fassen “die sprachliche Gliederung [...] innerhalb eines Sinnausschnittes” 47 als Wortfeld auf, betonen jedoch überdies, daß dieser Sinnbezirk einen eher willkürlich gewählten Rahmen darstellt 48 und die Sprachmittel außer über begriffliche Verwandtschaft auch noch über „Aufschluß-, Ausdrucks-, Stil- und
39 Weisgerber 1952
40 Weisgerber 1953, S.141
41 nach Weisgerber 1953, S.174ff
42 nach Weisgerber 1939, S.211ff
43 nach Schläfer, S. 110
44 Weisgerber 1939, S.219
45 ebd.
46 nach Schwarz, S.426
47 Schwarz, S.428
48 ebd., S.429
9
Gefühlswerte“ 49 in Beziehung stehen. Dabei werden „Über-, Unter- und Nebenordnungen sowie Überschneidungen der Begriffskreise bis zu vielfacher Überlagerung” 50 vorgesehen. Das Modell von Gipper und Schwarz erweist sich gegenüber dem Weisgerberschen also insofern als weiterführend, als daß es explizit darauf hinweist, daß neben den begrifflichen Zusammenhängen des Wortfeldes auch, gegenüber diesen unabhängige, spezifisch sprachliche Zusammenhänge bestehen. Auch gehen Gipper und Schwarz nicht mehr von einem geschlossenen homogenen Ganzen, sondern von verschiedenartigen Beziehungen der Elemente auf mehreren Ebenen aus, die dazu führen, daß weder mit trennscharfen Außen- noch Binnengrenzen zu rechnen ist. Während Trier noch die Ansicht vertritt, daß dem Sprecher das Wortfeld, aus dem er ein Wort auswählt „aus der Machtvollkommenheit unseres heutigen, uns gemeinsamen Sprachbesitzes” 51 zu jeder Zeit präsent ist, weisen Gipper und Schwarz explizit darauf hin, daß “der Sprachbesitz [...] keine unmittelbare Einsicht in die Feldstruktur gewährt” 52 , woraus Schwarz die Notwendigkeit einer textbasierenden Feldforschung ableitet 53 .
3.1.4 Coseriu/Geckeler
Im Gegensatz zu den oben besprochenen Ansätzen der Sprachinhaltsforschung steht das von Eugenio Coseriu vertretene Feldmodell, dem sich auch Horst Geckeler anschließt 54 , in der Tradition des Strukturalismus: Die Bedeutung eines Lexems wird, losgelöst von außersprachlichen Sinnbezirken 55 , als eine Struktur von hierarchisch angeordneten semantischen Merkmalen oder Semen betrachtet 56 . Diese Bedeutung eines Wortes bildet durch Übereinstimmungen mit den Bedeutungen anderer Wörter in eben diesen Merkmalen ein Wortfeld. Die in den Bedeutungen aller Wörter eines Feldes enthaltene
Merkmalskombination wird als Archilexem bezeichnet 57 . Die Isolation einer Archieinheit, die Weisgerber in seinen Studien bereits praktisch umsetzt, wird hier also theoretisch fundiert. Coseriu und Geckeler gehen davon aus, daß die hierarchische Beziehung zwischen dem Archilexem und den Lexemen des Wortfeldes auf verschiedenen Ebenen realisiert
49 ebd., S.430
50 ebd., S.431
51 Trier 1934. „Feld“, S.149
52 Schwarz, S.434
53 nach Schwarz, S.434
54 nach Geckeler, S.218
55 Geckeler, S.179ff
56 ebd., S.193
57 ebd., S.193f
10
werden kann, was das folgende Beispiel 58 , in dem die eingetragenen Lexeme jeweils ein Archilexem einer bestimmten hierarchischen Stufe darstellen, veranschaulicht:
Entsprechend dieser Hierarchie wird, unter der Voraussetzung, daß ein Lexem in mehreren Feldern funktionieren kann, eine lückenlose Organisation des Gesamtwortschatzes angenommen 59 . Die Beziehungen zwischen den Wortfeldbestandteilen beruhen auf den Oppositionen verschiedener, über den gemeinsamen Feldwert hinausgehender Merkmale, die auf unterschiedlichen Dimensionsebenen angesiedelt sein können: Coseriu und Geckeler sprechen von einem eindimensionalen Feld, wenn die Oppositionen der beteiligten Lexeme nur auf einer Achse angesiedelt sind, wie etwa beim Feld der Schulnoten. Ein zweidimensionales Feld läge zum Beispiel bei den
Verwandtschaftsbeziehungen vor, Felder mit mehr als zwei derartigen Dimensionen gelten als mehrdimensional. 60 Zentral für den Ansatz von Coseriu und Geckeler ist außerdem die Forderung nach einer “funktionellen Sprache” 61 , also einem in zeitlicher, geographischer, soziologischer und stilistischer Hinsicht homogenen Sprachsystem als Grundlage für Wortfelduntersuchungen. Innerhalb dieser funktionellen Sprache sollen die der „Primärstrukturierung der Erfahrung” 62 dienenden Lexeme, also der appellative Wortschatz unter Ausschluß von Wortbildungen und Konnotationen, betrachtet werden.
3.2 Grundannahmen der Wortfeldtheorie
In der Literatur finden sich neben den oben beschriebenen noch zahlreiche weitere verschiedene Ausprägungen der Feldlehre, die mit unterschiedlichen Auffassungen und Definitionen des Wortfeldes einhergehen. Alle Wortfeldauffassungen teilen jedoch folgende Grundannahmen 63 :
58 nach Schlaefer, S.124
59 nach Coseriu 1971, S.264f
60 nach Coseriu 1964, S.120f
61 nach Coseriu 1973, S. 215f; S.223ff
62 Coseriu 1973, S.194f
63 nach Gloning, S.728ff
11
1. Der Wortschatz ist ein gegliedertes System, wobei das Wortfeld eine wichtige
Gliederungseinheit ist. Ein Wortfeld enthält Ausdrücke mit einer semantischen
Gemeinsamkeit oder einem gemeinsamen Gebrauchsaspekt.
2. Die Elemente des Wortschatzes bestimmen sich gegenseitig, das heißt, die
Bedeutungen der einzelnen Worte sind bestimmt oder mitbestimmt durch
ihre Stellung zu den Feldnachbarn.
3. Die Einzelsprache und die darin vorliegende Gliederung des Wortschatzes
repr äsentiert das Weltbild der entsprechenden Sprachgemeinschaft.
4. Bedeutungswandel ist kein Wandel von einzelnen Wörtern, sondern ein Wandel
eines Gefüges interdependenter Ausdrücke.
5. Sofern Wörter mehrere Verwendungsweisen haben, sind als Mitglieder eines
Wortfeldes nicht die Wörter mit ihrem gesamten Spektrum an
Verwendungsweisen anzusehen, sondern einzelne Verwendungsweisen der
W örter.
6. Die Bedeutung eines Wortes läßt sich als geordnete Konstellation semantischer
Aspekte auffassen, die Aspekte der Organisation des Wortschatzes sind und deren
Abgleichung Grundlage für die Beurteilung semantischer Ähnlichkeiten
und Unterschiede ist.
3. 3 Terminologie
Trier weist bereits 1934 auf eine drohende babylonische Sprachverwirrung 64 im
Hinblick auf die Wortfeldterminologie hin. Allein im Titel und der Einleitung zu seiner
Habilitationsschrift finden sich neun verschiedene Termini 65 , denen keine eindeutigen
Differenzierungen zugeschrieben werden. Durch die Vielzahl verschiedener Beiträge zur
Feldtheorie ergibt sich eine kaum überschaubare Fülle an Feldtermini 66 Für diese Arbeit
wird die von Bergenholtz vorgeschlagene Terminologie 67 verwendet:
64 Trier 1934. „Feld“, S.133
65 Begriffsbezirk, Begriffsfeld, sprachliches Feld, Sinnbezirk, Wortdecke, Wortfeld, Wortmantel,
sprachliches Zeichenfeld, Zeichenmantel
66 dazu u.a. Bergenholtz 1975
67 nach Bergenholtz 1975, S 282ff
Arbeit zitieren:
Judith Rothe, 2006, Das Wortfeld "Ärger" in der deutschen Gegenwartssprache - Eine semantische Analyse nach Anna Wierzbicka, München, GRIN Verlag GmbH
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