I. Einleitung und Exkurs
In meiner Arbeit habe ich mich mit der Kritik zu Reiner Werner Fassbinders Film „Lola“ befasst, der in Deutschland produziert wurde und 1981 in den Kinos lief. Einige Besonderheiten im Film machen ihn zu einem Ausnahmefall in Vergleich zu anderen im Rahmen des Seminars betrachteten Filmen und wirken entsprechend auf die Kritik aus. Wie in verschiedenen seiner Filme 1 beschäftigt sich der Regisseur mit einem literarischen Werk und schafft sich dabei einen persönlichen Zugang zu diesem, dessen er sich als roten Fadens im Prozess der Filmarbeiten bedient. Das Ergebnis: „Lola“ ist keine unmittelbare Verfilmung eines literarischen Werks in Anklang mit den Seminarprämissen für die zu besprechenden Filme. Fassbinder greift zwar auf Sternbergs Film „Der blaue Engel“ 2 und ebenso auf dessen Vorlage, Heinrich Manns „Professor Unrat“ zurück, verändert aber in seinem Spielfilm die Inhalte wesentlich. Bereits der Rahmen der Handlung wird von Fassbinder zeitlich und geographisch verändert: Statt in der Zeit der Weimarer Republik spielt sich die Geschichte in den 50er Jahren, statt Norddeutschland bietet sich die bayerische Stadt Bayreuth als Hintergrund an. Und der Protagonist, ursprünglich ein Gymnasiumslehrer, ist in „Lola“ ein pflichtbewusster Baudezernent, der es mit einem korrupten Stadtrat zu tun hat. Es sind Veränderungen, die nicht nur die äußeren Bedingungen der Handlung prägen, sondern auch auf die Charaktere der Hauptfiguren wirken: Wo der nie gesellschaftsreif gewordener Professor Unrat wie ein kleiner Tyrann in seiner Klasse Furcht und gleichzeitig Verachtung und Spott auf sich zieht, ist der Baudezernent von Bohm (nicht umsonst hat er auch einen anderen Namen) ein einsamer, fortschrittsfreundlicher Beamter, der sich für asiatische Kunst interessiert und Geige spielt. Wo im Buch der Schüler Lohmann den Antagonisten spielt, ist von Bohms offensichtliche Gegenfigur der Bauunternehmer Schuckert. Der außerdem ein Bordell und dessen beste „Unterhalterin“, Lola, besitzt. Diese wirkt nach Fassbinders Fassung pathetisch aber sympathisch, sie ist eine nicht unkorrumpierte Frau, die mit hysterischen Tränen und weiblicher Schlauheit den eigenen Gesellschaftsaufstieg erzielt. Als solche steht sie im Gegensatz zu Heinrich Manns Rosa Fröhlich, welche zwar mit den ähnlichen weiblichen Waffen Männer bezaubert, die aber eine eher positive Figur im Buch darstellt. Sie ist eine einfache Frau, die langsam ein gewisses Selbstbewusstsein entwickelt, indem sie nach 1 Man denke zum Beispiel an die berühmte Literaturverfilmung “Fontane Effi Briest” oder an „Die Reise ins Licht/Despair“ nach Nabokov.
2 Sternberg hatte in den 30er Jahren seine (im Verhältnis) originalgetreuere Verfilmung des selben Mannschen Werks gedreht, allerdings mit einem (nach dem Name des Lokals, in dem sich im Buch die Künstlerin Rosa Fröhlich alias Lola aufführte) neuerfundenen Titel. Von der Distanzierung Fassbinders gegenüber der Vorlage zeugt eben der Filmtitel „Lola“ – eine viel mittelbarere Referenz zur Quelle.
und nach einen feineren, genussorientierten Lebensstil erreicht. Eine Konstellation weiterer Nebenfiguren bringt Fassbinder auf die Leinwand, die kaum Parallelen im Mannschen Werk finden.
Die Hauptthemen des Buchs 3 gehen im Film eine Umwandlung ein: Die Spannung zwischen Tyrannei und Anarchie, die durch die Beziehung Professor Unrat/Schüler Lohmann zum Ausdruck kommt und ein zentrales Thema des Heinrich Manns Werks ist, findet beispielsweise keinen Raum bei Fassbinder. Ein gewisser politischer Hintergrund ist zwar im Film vorhanden, ohne allerdings besonders akzentuiert zu werden. In „Lola“ fällt endgültig auch die Diskussion über die Schule aus, um die zur Zeit des Schriftsteller sehr viel gestritten wurde. Ein wichtiger thematischer Aspekt besteht im Buch in der Betrachtung der Liebe entweder als erotischer Trieb oder als Befreiung vom Laster, Mittel zur geistigen Erhebung. Höchstens geht es Fassbinder in „Lola“ um die Liebe als Mittel der sozialen Erhebung, wobei Einsamkeit und die ihr verbundene Verzweiflung als Folge des Fehlens von Liebe auch als Themen des Films angesehen werden können. Eine nähere Beschäftigung mit dem Charakter ermöglicht es im Buch, Unrats Antriebskräfte in Machtwahn und Liebe zu erkennen, von denen die erstere siegt. Bei von Bohm sind Streben nach Gerechtigkeit und Rachelust (oder verletzte Liebe) die entgegengesetzten Kräfte, die ihn antreiben. Außerdem zeigt Fassbinder mit seinem Film die überallherrschende Korruption der Wiederaufbaujahre in der Bundesrepublik und den hypokritischen bürgerlichen Puritanismus an 4 .
Aufgrund dieser Veränderungen fällt die Möglichkeit eines Vergleiches vom Film mit dem Original aus, der erste hat sich zu deutlich von seiner (nicht mal namentlichen) Vorlage distanziert. Diese Tatsache hat Folgen bei der Auseinandersetzung zum Film seitens der Kritik, die sich mit Fragen über die Umsetzung von der Sprache des literarischen Werks in Bilder nicht beschäftigen muss und kann 5 . Die hier zu besprechende Rezension, Hellmuth Karaseks „Der blauäugige Engel“ 6 , sieht dies ein und gibt nur einen kurzen Hinweis auf die 3 Eckhard Glöckner führt in einem interessanten Aufsatz eine Betrachtung des Buchs, worauf ich mich beziehen werde. Vgl.: Glöckner, Eckhard (Hg.): Heinrich Mann „Professor Unrat“. Klett Verlag, Stuttgart 1981. 4 Fassbinders „politische“ Bezugsnahme könnte also denjenigen Kritikern Recht geben, die den Film eher politisch verstanden haben. Ich komme später zur Rezeption des Films seitens der Presse.
5 Das „Problem“ der „Umsetzung“ einer Geschichte durch verschiedene Medien ist tatsächlich sowohl im literarischen wie auch im publizistischen und Medienforschungsbereich oft besprochen worden. Ein Beispiel der Beschäftigung aus literaturwissenschaftlicher Perspektive mit diesen Fragen bietet Georg Seeßlens Aufsatz „Chaos der Bilder – Ordnung des Textes“ im Reader zum Seminar. Medienforschungsorientiert argumentiert hingegen Gunter Reuss im Aufsatz „Wenn es dunkel wird“, vgl. Ressort: Feuilleton. Kulturjournalismus für Massenmedien. 2te überarbeitete Auflage. Konstanz: UVK Medien 1999. Ich werde an späterer Stelle in der Hausarbeit auf diese Frage eingehen.
6 Artikel wird im Anhang eingereicht. Im Folgenden werde ich bei Zitaten aus der Rezension nur die betroffenen Zeilen/Absätze nennen.
beiden Vorlagen, ohne aber dazu (kritische) Stellung zu nehmen 7 . In anderen Filmkritiken wird es sowohl über die literarische Vorlage wie auch über die erste Verfilmung nicht hingewiesen 8 . Die Filmwahrnehmung schwenkt vom begeisterten Lob wie in „Vorwärts“ (das eine „linke“ Stimme ist), zur reinen Plot-Betrachtung wie in der „Zeit“, bis zum offener Ablehnung wie in der „Welt“, allerdings mit einer relativ ausgeprägten „politischen“ Deutung.
Von den v erschiedenen Rezeptionen seitens der Kritik hinaus scheint eine interessante Frage zu sein, ob und wie sich Fassbinder überhaupt trotz aller bisher beobachteten Veränderungen mit den Vorlagen, besonders dem literarischen Werk, beschäftigt hat 9 . Bei dem Versuch, dieser Frage eine Antwort zu geben, fallen Übereinstimmungen mit dem Buch auf, die seine Auseinandersetzung auf inhaltlicher Ebene des Regisseurs mit dem Stoff beweisen können. So wie im Buch kann sich der Betrachter weder mit dem Protagonisten noch mit den anderen Charakteren identifizieren. Es ist eine Meisterleistung Manns, dass der Leser keine Empathie und nicht einmal Mitleid mit Unrat haben kann, trotzdem die Erzählung so oft in die Perspektive des Professors eintaucht. Dieser bleibt dem Publikum entfernt, er ist unsympathisch und wird nie zu einem „guten“ Protagonist. Gleich geht es dem Filmzuschauer von Bohm gegenüber: Auch dieser scheint weiter entfernt von der eigenen Empfindlichkeit, zu kühl, um seiner Geschichte mit Teilnahme zu folgen. „Leer“, an Geist, Ehre und Gefühle ist der Mannsche Charakter, und erfährt deshalb ein Schicksal von sozialem und moralischem Niedergang. Von Bohm ist leer an Liebe und Leben, er sucht sie in Lola und geht deshalb die Kompromisse ein, die ihn moralisch korrumpieren. Aber Unrats Niedergang führt ihn und seine Frau jenseits der Gesetzlichkeit, ins Gefängnis – während von Bohms nur zu dessen moralischen Verurteilung. Im Allgemeinen kommt der Film den Figuren von einer zu breiten Entfernung nah, ihre Persönlichkeiten werden nicht im Tiefen beobachtet, so dass eine (relative) Einschätzung ihrer Rollen eher durch die Farben ermöglicht wird, deren sie 7 Karasek äußert sich über Fassbinder Umsetzung wie folgend: “Zwar ist die Handlung eher schlampig als recht vom “Blauen Engel” aus dem wilhelminischen Duckmäusertum in die adenauerische Spießwelt der fünfziger Jahre übertragen, wobei der Slalom um den (Heinrich) Mannschen Vorwurf und um den Sternbergschen Film seine leichtsinnigen Kurven auch urheberrechtlichen Rücksichten verdankt.“, vgl. Z. 33-42 im Artikel.
8 Zum Beispiel in “Lola in Rosa” von Norbert Grob, in der “Zeit” v. 28.8.1981 erschienen, oder in „Alles auf Sumpf gebaut“ von Peter W. Jansen für „Vorwärts“ v. 3.9.1981. „Strip in Löschpapier“, die Rezension von Friedrich Luft für „Die Welt“ v. 21.8.1981 geschrieben, weist hingegen nur auf das Mannsche Buch. Auf diese weiteren von mir gefundenen Rezensionen werde ich im Folgenden Bezug nehmen. Es sei allerdings vorgemerkt, dass keine der betroffenen Kritiken aus Fachzeitschriften oder –Publikationen stammen. Das spiegelt sich förmlich an der Stellung des Artikels im ganzen Publikationsumfang und inhaltlich an einer wenig entwickelten Sachanalyse wieder, wie es in Fachbetrachtungen sonst zu erwarten ist.
9 Ich konnte in meiner Recherche keine Beweise finden, dass Fassbinder die beiden kennen würde, allerdings darf hier davon ausgegangen werden, und zwar weil Fassbinders Kino-Kenntnisse sehr vertieft waren, und weil er die Literaturverfilmung zu einer nicht seltenen Tätigkeit seiner Arbeit gemacht hatte, die insofern auch mit entsprechender Kompetenz und Professionalität geübt wurde.
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Elisa Bertuzzo, 2002, Die Filmkritik zu Fassbinders Film Lola, Munich, GRIN Publishing GmbH
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