Universität Essen, WS 1999/2000
Seminar: Das Verhältnis von Kirche und Staat im Mittelalter
Friedrich II. und die Kurie
von
Tobias Kurth
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Die Kindheit Friedrichs II. 4
3 Das Profil Innozenz III. 5
3.1 Exkurs - Die Zwei-Schwerter-Lehre 6
4 Der deutsche Thronfolgestreit 8
5 König Friedrich II. 15
6 Friedrich II. in Deutschland 18
7 Kaiser Friedrich II. 20
8 Papst Gregor IX. 23
9 Der Kreuzzug Friedrichs II. 24
10 Friedrich II. auf dem Gipfel seiner Macht 27
11 Aufstand König Heinrichs (VII.) 29
12 Weiterer Aufenthalt in Deutschland 31
13 Der Kampf beginnt 33
14 Innozenz IV. 36
15 Der Entscheidungskampf zwischen Kaiser und Kurie 37
16 Stupor Mundi 41
Literaturverzeichnis 44
1 Einleitung
Das Verhältnis von Kaiser Friedrich II. zur Kurie war - genau genommen - zeit seines Lebens eigentlich immer bestimmt durch sein Verhältnis zum jeweilig amtierenden Papst.
Jedoch war letztendlich ein Konflikt zwischen Pontifikat und Kaisertum unausweichlich, da sich sowohl die politischen Interessen, als auch das Selbstverständnis beider Mächte grundsätzlich nicht miteinander vereinbaren ließen. So wird es in den nachfolgenden Betrachtungen darum gehen, dieses unauflösliche Missverhältnis zwischen Friedrich II. und den wechselnden Päpsten aufzuzeigen und darzulegen, dass der Konflikt, der, zunächst vom Papsttum, dann auch vom Kaiser selbst, religiös begründet wurde, im Prinzip ein Streit zwischen zwei Instanzen war, deren politische Interessen und Machtansprüche die Existenz einer zweiten, gleichgroßen Kraft nicht akzeptieren konnten. Letzteres trifft anfangs sicherlich eher auf die Kurie zu als auf Friedrich II., wobei sich seine Einstellung mit zunehmender Heftigkeit der Angriffe von seitens der Kirche dann aber auch sichtlich in die oben genannte Richtung ändert und schließlich angleicht.
2 Die Kindheit Friedrichs II.
Am 26. Dezember 1194 schenkte Konstanze, die Ehefrau von Heinrich VI.(1190-1197), in Iesi, einer kleinen Bergstadt in der Mark Ancona, einem Sohn das Leben: Friedrich II.
Er verbrachte seine ersten Lebensjahre in Foligno, und Ende 1196 wurde er von den deutschen Fürsten in Frankfurt zum König gewählt.1 Kaiser Heinrich VI. starb am 28. September 1197 in Messina nach kurzer Krankheit. Doch durch außerordentliche staatsmännische Weitsicht hatte er noch kurz vor seinem Tode angeordnet, der Kurie weitgehende Zugeständnisse zu machen, um somit die Anerkennung Friedrichs als Kaiser und König von Sizilien zu erreichen.2 In weiten Teilen der Apenninhalbinsel brachen, unmittelbar nach Heinrichs VI. Tod, Aufstände gegen die deutsche Herrschaft aus, was die nun regierende Kaiserin Konstanze dazu veranlasste, die Verbindung Siziliens mit dem Reich zu lösen und ihren kleinen Sohn Friedrich nach Palermo zu bringen, wo er am Pfingstsonntag, dem 17. Mai 1198, zum König von Sizilien gekrönt wurde.3 Bald nach dem Tode Heinrichs VI. bestieg Graf Lothar von Segni den Stuhl Petri und nannte sich Innozenz III. An dieser Stelle empfiehlt es sich, die Perspektive zu wechseln und einen genaueren Blick auf diesen Papst zu werfen, der zu den größten der Weltgeschichte zählt.
3 Das Profil Innozenz III.
Lothar von Segni war mit seinen 37 Jahren der jüngste der Kardinäle, als er zum Papst gewählt wurde.4 Schon das spricht für seine überragende Bedeutung. Er bekleidete das höchste Amt der Christenheit von 1198 bis zu seinem Tod im Jahr 1216. Sein Leben und die Ausübung seines Amtes waren geprägt durch persönliche Bedürfnislosigkeit und ungeheure Anstrengungen, die er seinem Körper zumutete, wodurch allmählich seine Gesundheit in Mitleidenschaft gezogen wurde.5 Aber, "wie der Vogel zum Fliegen, so meinte er, sei der Mensch dazu geschaffen, Mühsal zu ertragen."6 Er war ein guter Christ, durch und durch. Innozenz III. hatte sich die scholastische Universitätsbildung seiner Zeit in seltener Vollkommenheit zu eigen gemacht, und durch seine dialektischen und rhetorischen Fähigkeiten beeindruckte er seine Zeitgenossen stark, so dass ihm bald Titel wie "Abraham des Glaubens" oder auch "Der andere Salomo" zugesetzt wurden. Er war es gewöhnt, dass man ihm einen unmittelbaren Verkehr mit Gott zuschrieb. Es gibt eine Anekdote, zurückgehend auf den Geschichtsschreiber Salimbene de Adam (1221- 1288/89), die davon berichtet, wie Innozenz III. einmal das ungenähte Gewandt Christi, das im Lateran verwahrt wurde, anlegte, um zu sehen, ob Jesus nicht vielleicht kleiner gewesen sei als er selbst.7
Diese Geschichte, ob wahr oder nicht, zeigt, in etwas übertriebener Form, treffend die Ansprüche dieses Papstes. Er nimmt Bezug auf den alten Priesterkönig Melchisedek, so dass dem Vater der Kirche, gleich diesem Priester und König des Alten Testamentes, das Recht zum Eingriff in die irdischen Machtbereiche zukommt und er, wenn er auch das eine Schwert der zwei, die ihm übertragen wurden, an die weltlichen Herrscher weiter verliehen hat, dennoch in besonderen Fällen die Könige unter sein Gebot stellen kann.8
3.1 Exkurs - Die Zwei-Schwerter-Lehre
Die Lehre der zwei Schwerter entstand durch typologisch-allegorische Exegese der entsprechenden Stelle des Alten Testaments (Lk 22, 28), in der frühen Phase des Investiturstreits. Die Jünger sagen in der Bibel zu Jesus: "Siehe, hier sind zwei Schwerter", und er antwortet: "Das ist genug". Ein Autor der königlichen Kanzlei Heinrichs IV. (Gottschalk von Aachen) folgerte daraus, dass Gott die Existenz zweier höchster Gewalten auf Erden in friedlichem Einvernehmen miteinander gewollt habe, was dann auch propangandistisch verbreitet wurde. Diese Auslegung des Passionsberichtes wandte sich gezielt gegen die These der prinzipiellen und wesensmäßigen Unterordnung des Kaisertums (regnum) unter das Papsttum (sacerdotium).
Genauso wurde aber auch dieses Bildnis von der römischen Kurie zu ihren Zwecken umgedeutet. So zum Beispiel durch Bernhard von Clairvaux unter Bezug auf Mt 26, 51: Seine Interpretation besagt, dass Jesus damit ausdrücklich bejaht habe, dass die Apostel über beide Schwerter verfügen sollten. Damit besitze also auch der Papst als Nachfolger Petri beide Schwerter und überlasse den gladius materialis, das weltliche Schwert, dem Kaisertum auf Widerruf.
Die Zwei-Schwerter-Lehre war also ein wesentliches Element, auf das die jeweiligen Machtansprüche und das entsprechende Selbstverständnis von Papst- und Kaisertum fußten. Eine Einigung über diesen Punkt war durch die hermeneutischen Möglichkeiten zugunsten beider Seiten somit nicht möglich, und die divergente Auffassung des Verhältnisses zwischen Kurie und Kaiser blieb immer ein Hindernis zur gegenseitigen Annäherung.9
Nach Ansicht Innozenz III. standen sich Kirche und Reich wohl abgegrenzt und unterschieden gegenüber. Nach Würde und Wert war das Priestertum der königlichen Gewalt überlegen. Jede der beiden Seiten konnte in ihrer Sphäre durchaus selbständig ihre Entscheidungen treffen. Daraus ergab sich ein dualistisches Bild, in dem beide Mächte in göttlicher Anordnung nebeneinander existierten.
Doch dem Papst blieb dennoch die größere Kompetenz: Bei der Kaiserkrönung konnte er sein Prüfungsrecht beanspruchen, was dazu führte, dass im Konfliktfall die Entscheidungen der weltlichen Organe dem Urteil der kirchlichen Spitze unterworfen wurden. Das Oberhaupt der Kirche konnte weiterhin, aufgrund sündhaften Verhaltens (ratione peccati) und unter Berücksichtigung der besonderen Gründe (certis causis inspectis) - was auch immer das für welche sein mochten - seine priesterliche Zuständigkeit auch gegenüber der königlichen Gewalt auf deren eigenem Gebiet geltend machen.
Nun ging der neue Papst mit allem Ernst an die Durchsetzung dieser Ansprüche. Dabei kam ihm die Gunst der allgemeinen Lage entgegen.
4 Der deutsche Thronfolgestreit
[...]
1 Vgl. Schaller, Hans Martin: Kaiser Friedrich II. − Verwandler der Welt, S. 11.
2 A. a. O., S. 12.
3 Vgl. ebd.
4 Vgl. Hampe, Karl: Deutsche Kaisergeschichte in der Zeit der Salier und Staufer, S. 234.
5 A. a. O., S. 235.
6 Ebd.
7 Vgl. gesamten Absatz mit Hampe, Karl: Deutsche Kaisergeschichte in der Zeit der Salier und Staufer, S.235ff.
8 A. a. O., S.236.
9 Vgl. Lexikon des Mittelalters, Bd. IX, S. 725.
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Tobias Kurth, 2000, Friedrich II. und die Kurie, Munich, GRIN Publishing GmbH
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