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Inhalt
Seite
Einleitung 4
1 Die Ehedebatte 8
1.1 Vorüberlegungen - Die Begriffe Debatte, Streitgespräch
und Diskussion in Bezug auf Wittenwilers Ehedebatte 8
1.2 Einführende Erläuterungen zur Ehedebatte 10
1.3 Die Hinführungsszene 13
1.4 Aufbau der Ehedebatte 17
1.4.1 Neutrale Aussagen zur Ehe und Auftakt - Die Beiträge
Farindkuos , Gumposts, Rüerenmosts und Fesafögilis 17
1.4.2 Rededuelle der Männer und Frauen -
Pro und Contra Ehe 19
1.4.2.1 Sieben Rededuelle -
Erster Abschnitt der Debatte 19
1.4.2.2 Disputation zwischen Berchta Laichdenman und
Colman - Zweiter Abschnitt der Debatte 25
1.5 Inhalt der Ehedebatte 29
1.5.1 Themenfolge 30
1.5.2 Argumente und Quellen der Diskussion 40
1.5.3 Eheauffassungen in der Diskussion 44
1.5.4 Hinweise zur richtigen Debattierweise 51
1.6 Das Urteil 54
2 Bräutigamsexamina und -unterricht 58
2.1 Einführende Gesamtdarstellung 58
2.2 Die Gesundheitslehre 62
2.2.1 Überleitende Szene zwischen Laiendoktrinal und
Gesundheitslehre 62
2.2.2 Aufbau und Inhalt der Lehre 63
2.2.3 Quellen der Lehre 66
2.3 Form der Didaxe des Bräutigamsunterrichts unter
besonderer Berücksichtigung der Gesundheitslehre 75
3 Die Eheschließung 78
3.1 Einführende Gesamtdarstellung 78
3.2 Das Hochzeitsmahl 83
3.2.1 Aufbau des Hochzeitsmahls 83
3.2.2 Inhalt des Hochzeitsmahls 90
3.2.2.1 Die Tischzuchtregeln 90
3.2.2.2 Die Reihenfolge der Speisen 93
3.2.3 Das Hochzeitsmahl als Didaxe ex negativo? 96
Fazit 101
Anhang 104
Abbildungsverzeichnis 113 Abkürzungsverzeichnis 114
Literatur 115
Einleitung
Der Ring Heinrich Wittenwilers 1 wurde und wird in der Forschung immer wieder als ein Unikum der deutschen Literaturgeschichte beschrieben. Er ist ein deutsches Kulturgut ersten Ranges 2 und gilt:
„[…] bei den Fachleuten schon seit längerer Zeit als [ein] erstaunlich[es] und überwältigend[es] Erzählwerk […], als ein Gipfelwerk des deutschen Spätmittelalters, dessen literarischer Rang in seiner Epoche sonst nur noch vom Ackermann aus Böhmen des Johannes von Tepl und den Liedern Oswalds von Wolkenstein erreicht wird.“ 3
Die Datierung des didaktisch-komischen Epos ist „ein höchst schwieriges und sehr umstrittenes Problem“ 4 , jedoch kann die Entstehungszeit wahrscheinlich auf die Jahre 1408/1410 festgelegt werden. 5 Der Ring ist in einer einzigen Handschrift überliefert, die seit dem Jahr 2003 in der Bayerischen Staatsbibliothek München aufbewahrt wird. 6 Die unikale Überlieferung der Handschrift umfasst 9699 Verse auf 57 Blättern. 7
1 Heinrich Wittenwiler: Der Ring. Frühneuhochdeutsch/ Neuhochdeutsch. Nach dem Text von Edmund WIESSNER ins Nhdt. übers. u. hg. v. Horst BRUNNER [mit einem Anhang: „Meier Betz“ und „Metzen hochzit“]. Stuttgart 1991, durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe 1999. (= Reclams Universalbibliothek, Nr. 8749). Im Folgenden zitiere ich nach dieser Ausgabe.
2 Vgl.: Bayrische Staatsbibliothek München (Hrsg.): Deutsche Literatur des Mittelalters. Handschriften aus dem Bestand der Bayrischen Staatsbibliothek München mit Heinrich Wittenwilers „Ring“ als kostbarer Neuerwerbung. München 2003. S. 9.
3 BRUNNER, Horst: Vorwort zu Heinrich Wittenwilers Ring. S. 3.
4 RIHA, Ortrun: Die Forschung zu Heinrich Wittenwilers „Ring“ 1851-1988. Würzburg 1990. (= Würzburger Beiträge zur deutschen Philologie, Bd. 4). S. 33.
5 Vgl.: BRUNNER: Im Vorwort. S. 3.
6 Vgl.: Deutsche Literatur des Mittelalters. Im Vorwort. S. 9.
7 Zur visuellen Veranschaulichung ist die Prologseite und die letzte Seite aus dem Pergamentcodex im Anhang abgebildet.
8 Die nebenstehende Abbildung stammt von der Prologseite der Handschrift. Vgl. die Abbildung im Anhang dieser Arbeit. In der Initiale D erscheint das Bild des Autors. Er hält zur Verbildlichung seines Werks einen großen Ring in der linken Hand, mit der rechten Hand weist er auf ihn hin. Darunter ist das Wappen der Familie Wittenwiler abgebildet.
Erläuterungen zu Inhalt, Anordnung und Zweck der Dichtung (V. 15-31): Der Ring ist in drei Bereiche gegliedert, wobei der erste Teil über das richtige Werben eines Mannes um eine Frau informiert (V. 17-20). Der zweite Teil, dessen Bedeutsamkeit hervorgehoben wird, beinhaltet Belehrungen zum Umgang mit Leib und Seele sowie zum richtigen Verhalten gegenüber der Welt (V. 21-24). Daraufhin folgt im dritten Teil die Unterweisung über das Verhalten in Kriegszeiten (V. 25-28). Nach der Aufklärung über Inhalt und Anlage des Werks schildert Wittenwiler sein didaktisches Verfahren: Für den Rezipienten könnte es nach Meinung des Dichters ermüdent sein, ununterbrochen von ernstleich sach (V. 34) zu hören. Darum mischt er das gpauren gschrai (V. 35) unter die Belehrungen. Zur Unterscheidung der beiden Bereiche verweist Wittenwiler auf eine Farblinie, welche die Anfangsbuchstaben der Verse durchzieht. Die rote Linie sei dem ernst gemain (V. 40), die grüne Linie zeige das törpelleben (V. 41) an. 9
insbesondere die Geschichte um das Paar Bertschi Triefnas und Mätzli Rüerenzumph, bildet die Grundlage der epischen Handlung des Rings. 11 Im ersten Teil wirbt der junge Bauer Bertschi nach aller Kunst, beispielsweise mit Turnieren und Stechen, um seine Angebetete Mätzli. Im Mittelpunkt des zweiten Teils steht die Hochzeit des Paares. Nach den Beratungen der jeweiligen Familien und zahlreichen Belehrungen für den Bräutigam wird die Ehe geschlossen. Das Hochzeitsfest mit Mahl und Tanz mündet schließlich in einer Prügelei, die im dritten Teil zu einem Krieg ausartet. Am Ende steht der Untergang Lappenhausens und Bertschis Eremitage in den Schwarzwald.
9 Die farbliche Markierung der Verse gibt der Forschung erhebliche Probleme auf. Die Trennung der beiden Bereiche Lehre und Bauernhandlung lässt sich nicht eindeutig vollziehen. Vielfach sind sie miteinander verquickt. Vgl. zur Problematik RIHA: Forschung zum Ring. S. 207 ff.
1 0 Wittenwiler hat das Erzählgerüst der Ring-Handlung dem Bauernschwank Mätzen hochzit entlehnt. Vgl.: BRUNNER: Im Nachwort. S. 666. Während der Schwank sich auf die Schilderung einer Bauernhochzeit beschränkt, schmückt der Ring-Dichter seine Handlung überdies noch weitschweifig aus.
1 1 Die nebenstehende Abbildung zeigt Bertschi und Mätzli. Die Federzeichnung stammt von dem Prologblatt der Handschrift. Vgl. die Abbildung im Anhang dieser Arbeit. Zur Dar- stellung der Figuren siehe RIHA: Forschung zum Ring. S. 100 ff.
Die vorliegende Arbeit hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich mit dem Mittelteil des Rings auseinanderzusetzen. Aufgrund seines ausgeprägt lehrhaften Charakters, ist er von zentraler didaktischer Bedeutung für das Werk. Wittenwiler selbst betont die besondere Stellung dieses Teils:
Daz ander kan uns sagen wol,
Wie man sich halten schol An sel und leib und gen der welt: (V. 21-24) Daz hab dïr für daz best gezelt.
Es liegt demnach nahe, die Lehren des Mittelteils in das Zentrum der Auseinandersetzung zu stellen. Da eine Bearbeitung aller Belehrungen des zweiten Teils des Rings aufgrund der Fülle der Didaxe und dem begrenzten Umfang dieser Arbeit nicht möglich ist, werden aus den über-geordneten Bereichen: Beratungsszenen der Familien, Bräutigamsexamina und -unterricht sowie Eheschließung exemplarisch die drei Lehren Ehedebatte der Sippe Bertschis, Gesundheitslehre und Hochzeitsmahl ausgewählt.
Im Vordergrund steht dabei die genaue Analyse dieser Lehren, gemäß der Absicht, ihren Aufbau, ihren Inhalt sowie ihre Darstellung und Bedeutung zu untersuchen. Ziel der Überlegungen ist eine intensive Aus-einandersetzung mit den ausgewählten Belehrungen und der dazugehörigen Forschungslage. Ausgehend vom Text sollen die unterschiedlichen Formen der Didaxe erarbeitet werden, derer sich Wittenwiler zur Vermittlung seiner Lehren bedient. Die Auswahl der drei Lehren resultiert daher vornehmlich aus ihren unterschiedlichen Diskursformen. Eine Feststellung BRUNNERS legitimiert darüber hinaus den soeben vorgestellten Gegenstand der vorliegenden Arbeit:
„Die Didaktik im Ring ist, auch hinsichtlich Darstellungsweisen und Quellen, bisher nur sehr unbefriedigend erforscht.“ 12
Zunächst befasst sich die Arbeit mit der Ehedebatte der Sippe Bertschis - ein Streitgespräch über die Frage: Ist die Ehe gut oder schlecht zu bewerten bzw. Soll „Mann“ heiraten? Neben der Analyse des Aufbaus der Debatte, die Wittenwilers großes kompositorisches Können aufzeigt, sind die Aussagen der Beteiligten von besonderem Interesse. Welche Argumente bemühen sie? Wie gehen sie strategisch vor? Und schließlich: Welche Bedeutung kommt der Ehedebatte zu?
1 2 BRUNNER: Im Nachwort. S. 663. Fußnote 15.
Auf die Untersuchungen zur Ehedebatte folgt im zweiten Kapitel der Arbeit das analytische Erarbeiten der Gesundheitslehre. Sie ist exemplarisch dem Komplex des Bräutigamsunterrichts entnommen, welcher in der Forschung auch als Kern der Didaxe im Ring bezeichnet wird. Um seiner Bedeutung für das Werk gerecht werden zu können, wird er in einer zusammenfassenden Darstellung insgesamt betrachtet. Für die Ge-sundheitslehre steht ebenso wie im ersten Kapitel der Aufbau und Inhalt der Lehre im Mittelpunkt des Interesses. Wo liegen die Besonderheiten? Außerdem wird eine intensive Auseinandersetzung zur Frage der Quellenlage der Gesundheitslehre erfolgen.
Das Hochzeitsmahl gehört dem Bereich der Eheschließung an und bildet den Gegenstand des dritten und damit letzten Kapitels. Es muss der Frage nachgegangen werden, welche Intention Wittenwiler bei der Gestaltung des Mahls verfolgte, denn in der orgiastischen Szene scheint das epische Handlungsgeschehen im Vordergrund zu stehen. Ziel der Analyse dieses Abschnittes des Rings ist dennoch die Herausarbeitung der didaktischen Inhalte. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei der Vermitt-lungsform der Didaxe gewidmet.
Das grundsätzliche Anliegen der Arbeit ist dementsprechend die umfassende Analyse der drei genannten Belehrungen. Auf eine separate Betrachtung der Lehren, das heißt getrennt von der Bauernhandlung, wurde dabei jedoch verzichtet. Im Verlaufe der Untersuchung zeigt sich, dass die von Wittenwiler angekündigte Trennung von ernstleich sach (V. 34) und schimpfes sag (V. 34) nicht konsequent vollzogen wird. Daher sind die einzelnen Lehren teilweise eng mit der epischen Handlung verbunden. Somit muss die Bauernhandlung in der Bearbeitung berücksichtigt werden. Die Lehren sind in das Erzählgeschehen eingebettet und lassen sich nicht ohne bedeutenden Sinnverslust davon abgrenzen. Aus diesem Grund orientiert sich auch die vorliegende Arbeit am Handlungsgeschehen.
1 Die Ehedebatte
Ein umfangreiches Streitgespräch, dessen Inhalt das Pro und Kontra der Ehe thematisiert, eröffnet den zweiten Teil des Rings. Wittenwilers Protagonisten des Abschnitts diskutieren an dieser Stelle die Vorzüge und Nachteile der Ehe.
Um der literaturwissenschaftlichen Betrachtung der Ehedebatte eine fundierte Grundlage zu geben, bedarf es zunächst folgender Vorüberlegungen.
1.1 Vorüberlegungen - Die Begriffe Debatte, Streitgespräch und Diskussion in Bezug auf Wittenwilers Ehedebatte
Vorab gilt es, die Begrifflichkeiten zu klären, um den Gegenstand des folgenden Kapitels genauer zu definieren. Ebenso sollen die in diesem Kapitel verwendeten Arbeitstermini festgelegt werden. Dementsprechend stellt sich die Frage: Was ist unter dem Begriff Debatte zu verstehen? Die geläufigen Definitionen von „Debatte“ lauten:
a) lebhafte Diskussion, Auseinandersetzung, Streitgespräch 13
b) „Erörterung, Aussprache, die zu einem bestimmten, festgelegten Thema geführt wird, wobei die verschiedenen Meinungen dargelegt, die Gründe des Für und Wider vorgebracht werden.“ 14
Für die Ehedebatte Wittenwilers ist dieser Begriff anwendbar, da eine Auseinandersetzung mit dem Thema Ehe stattfindet, in der verschiedene Meinungen ausgetauscht werden sowie das Für und Wider der Problematik dargelegt wird.
Weitere Aspekte präzisieren die allgemeine Definition von „Debatte“. Es handelt sich um eine:
„[…] Form sprachlicher Auseinandersetzung, die auf einem antagonischen Grundschema beruht. Dabei steht die Auseinandersetzung mit dem Ziel gedanklicher Virtuosität und sprachlicher Vollendung in Konkurrenz mit der Auseinandersetzung um den sachlichen Gehalt.“ 15
Eine Debatte muss folglich neben der Auseinandersetzung mit einem Sachverhalt auch ästhetische Ansprüche durch gedankliche Virtuosität
1 3 DUDEN. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in 10 Bänden. Studienausgabe Bd.2. 3., völlig neu bearb. und erw. Auflage. Hg. v. Wissenschaftlichen Rat der Dudenredaktion. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 1999. S. 762, mittlere Spalte. 1 4 DUDEN. Das große Fremdwörterbuch: Herkunft und Bedeutung der Fremdwörter. 3., überarb. Auflage. Hg. u. bearb. v. Wissenschaftlichen Rat der Dudenredaktion. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 2003. S. 297, linke Spalte.
1 5 SCHILD, H.J.: Debatte. In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Hg. v. Gert Ueding. Mitbegründet v. Walter Jens. Bd. 2: Bie-Eul. Darmstadt 1994. S. 413-423. hier S. 413.
und sprachliche Vollendung erfüllen. Als weitere Merkmale einer Debatte werden folgende Punkte angeführt:
1) die gesellschaftliche Anerkennung von Redegewandtheit,
2) die Ebenbürtigkeit bzw. Gleichwertigkeit der Gegner zu Beginn einer Diskussion,
3) das Interesse an der Gegensätzlichkeit der Standpunkte, die neben dem formalen Gegensatz auch als Ausdruck für die Interessen sozialer Gruppen oder Typen gelten kann,
4) die Erkenntnis und Anerkennung von sprachlichen Ambivalenzen und Meinungsunterschieden je nach Standpunkt und Kontext. 16
Fragt man nach Bedeutung und Form der Debatte im Spätmittelalter, also im Entstehungszeitraum des Rings, ergeben sich weitere Gesichtspunkte. Bereits in der Antike wurden Debatten unter einem bestimmten Ordnungsschema geführt 17 , womit die Form der klassischen Debatte durch Überlieferungen den mittelalterlichen Debatten als Modell diente. 18 Von besonderem Interesse ist die pädagogische Funktion der Debatte: Sie diente als rhetorische Übung in mittelalterlichen Klosterschulen. Lernstoffe konnten durch sie eingeübt und vertieft werden, gleichzeitig wurden die sprachlichen Fähigkeiten und geistigen Möglichkeiten geschult. 19 Ausgehend von den Klosterschulen wurde die Debatte als sprachliche Kommunikationsform in die Öffentlichkeit getragen. Aufgegriffen durch Vaganten und zu einer eigenständigen Gattung, dem Streitlied weiterentwickelt, bot sie eine angemessene Form sprachlichen Ausdrucks für die widerstreitenden Umstände der Zeit. 20 Dementsprechend löst sich die Form der Debatte allmählich von ihren engeren theologischen Zwecksetzungen. Im weiteren Zeitverlauf gewinnt sie ein urbanes und höfisches Publikum. „Debattieren [wird] zu einem sozialen, oft höfischen Ereignis […].“ 21
Auch in Hinblick auf Wittenwilers Ehedebatte spielen die soeben dargestellten eigentümlichen Merkmale und Eigenschaften der Debatte eine wichtige Rolle. Die pädagogische Funktion nutzt Wittenwiler, denn dem Dichter des Rings geht es primär um die didaktische Vermittlung von Wissen. Zudem ist die Fragestellung um die Ehe eine wirklichkeitsnahe,
1 6 Vgl.: SCHILD: Debatte. S. 413.
1 7 Vgl.: SCHILD: Debatte. S. 413 f. 1 8 Vgl.: SCHILD: Debatte. S. 416.
1 9 Vgl.: ebd. Siehe auch: KASTEN, Ingrid: Studien zu Thematik und Form des mittelhochdeutschen Streitgedichts. [Diss.] Hamburg 1973. S. 18. u. 20. 2 0 So behauptet es eine Säkularisierungsthese, Vgl.: SCHILD: Debatte. S. 416. 2 1 SCHILD: Debatte. S. 418.
aktuelle Zeitfrage. Wittenwiler bot sich demzufolge in der Form der Debatte die Gelegenheit, eine aktuelle Fragestellung durch Für und Wider näher zu beleuchten. Hinzu kommt die Möglichkeit, sein rhetorisches Können sowie seine sprachliche Gewandtheit zu präsentieren und weiterzuvermitteln.
In der folgenden Darstellung werden die Bezeichnungen Diskussion und Streitgespräch synonym mit Debatte verwendet. Als Berechtigung für dieses Vorgehen, und um auf die bestehende Sinnverwandtschaft hinzuweisen, dienen erneut die geläufigen Definitionen der Begriffe.
a) [unter der Führung eines Diskussionsleiters stattfindendes, in bestimmter Form ablaufendes] Gespräch, Aussprache, Austausch von Meinungen mehrerer Personen über ein bestimmtes Thema;
b) Auseinandersetzung zwischen einzelnen Personen über bestimmte, sie angehende Fragen. 22
Das Streitgespräch ist definiert als „längeres, kontrovers geführtes Gespräch; Diskussion um ein strittiges Thema; Disput“. 23 In diesem Sinne dienen die drei Begriffe Debatte, Diskussion und Streitgespräch als Arbeitstermini zur Bearbeitung des Textes. Diese Termini sind in der genannten Bedeutung zu verstehen und werden sinngleich angewandt.
1.2 Einführende Erläuterungen zur Ehedebatte
Zur Ehedebatte werden im Allgemeinen die Verse 2623-3524 gezählt. 24 Diese Begrenzung schließt die Hinführung zur Ehedebatte ein, welche jedoch noch nicht Bestandteil derselben ist. 25 Das Urteil bzw. Ergebnis der Diskussion hingegen wird ausgeschlossen. Da die eigentliche Debatte erst mit Vers 2668, also dem ersten Redebeitrag des Gesprächsteilnehmers Farindkuo beginnt, sowie das Urteil als Ergebnis der Diskussion hinzuzuziehen ist, muss der Umfang der Ehedebatte auf die Verse 2668-3524 plus die 11 Zeilen des in Prosa gehaltenen Urteils festgelegt werden. 26
Auch die farblichen Markierungen in der Handschrift unterstützen die Textabgrenzung. Sie stimmen mit der soeben festgelegten Extensität der
2 2 DUDEN. Das große Wörterbuch. Studienausgabe Bd.2. S. 829, linke Spalte. 2 3 DUDEN. Das große Wörterbuch. Studienausgabe Bd.8. S. 2 4 Vgl.: RIHA: Forschung zum Ring. S. 127.
2 5 Die Bedeutung der Hinführungsszene wird im nachfolgenden Kapitel ausführlich erläutert. Es wird dargelegt werden, in welchem Verhältnis sie zur Debatte steht. 2 6 Vgl.: BRUNNER: Anmerkungen. S. 570.
Ehedebatte überein: Die Hinführungsszene, welche die Verse 2623-2667 umfasst, ist mit einer grünen Farblinie markiert. Erst mit Beginn der Diskussion, also mit dem ersten Redner, wechselt die Farbgebung auf rot (ab V. 2668). Nach dem Urteilsspruch Nabelraibers sind die Verse wieder mit einer grünen Markierung versehen (ab V. 3526). Somit bildet die Ehedebatte mit insgesamt 869 rot markierten Versen den zweitlängsten zusammenhängend rot signierten Abschnitt in der Handschrift. 27 Daraus lässt sich nicht nur folgern, dass „Wittenwiler […] die Ehedebatte […] als didaktisch relevante Einheit angesehen [hat]“ 28 , sondern dass die Thematik der Ehe im Allgemeinen sowie die Darlegung der fürsprechenden und ablehnenden Argumente im Speziellen für den Dichter des Rings als auch für die Rezipienten des Textes von besonderem Interesse gewesen sein muss. Folgt man den Ausführungen SCHLAFFKES, ist die Diskussion um die Ehe im Entstehungszeitraum des Rings tatsächlich ein Thema von großer Aktualität 29 :
„Damit greift er [Heinrich Wittenwiler, d.V.]ein höchst aktuelles Thema auf, das nach dem gewaltigen Aufschwung der asketischen Orden der Katharer und Waldenser zu einer wichtigen Lebensfrage des mittelalterlichen Menschen geworden war […].“ 30
In der Bewertung der Ehe, aufgefasst als gesellschaftliche Institution, manifestiert sich die Umbruchstimmung des Spätmittelalters. Da das Spätmittelalter durch Wandlungen und Umbrüche in kultureller, sozialer und politischer Hinsicht geprägt ist 31 , und eine Vielzahl weitgehend oder partiell widersprüchlicher Muster und Systeme die Diskussion um
2 7 Vgl.: Tabellarischer Überblick der Farbverteilung bei FUNKE, Helmut: Die graphischen Hinweise Heinrich Wittenwilers für das Verständnis seiner Dichtung „Der Ring“. [Diss.] Münster 1973. S. 151. 2 8 So FUNKE: Graphische Hinweise. S. 75.
2 9 Vgl. auch: SOWINSKI, Bernhard: Der Sinn des „Realismus“ in Heinrich Wittenwilers „Ring“. [Diss.] Köln 1960. S. 48.
3 0 SCHLAFFKE, Winfried: Heinrich Wittenwilers Ring, Komposition und Gehalt. Berlin 1969. (= Philologische Studien und Quellen, Heft 50). S. 50. Die sektiererische Gruppe der Katharer vertritt eine streng asketische Lebensweise. Frauen werden von ihnen als sündhaft verurteilt, wobei Eva als Leitbild dient. Vgl.: HELFENBEIN, Rainer: Zur Auffassung der Ehe in Heinrich Wittenwilers „Ring“. [Diss.] Bochum 1976. S. 25. In diesem Zusammenhang ist von Bedeutung, dass die Katharer Sexualität und Fortpflanzung in Gänze ablehnen. Vgl.: BORST, Otto: Alltagsleben im Mittelalter. Frankfurt am Main 1983. S 406. Somit entbehrt der Ehezweck, einen institutionellen Raum für die Fortpflanzung zu schaffen, jeglicher Grundlage. Folglich wird die Ehe von den Sektierern generell abgelehnt.
3 1 Vgl.: LUTZ, Bernd: Grundzüge der Literatur des Spätmittelalters. In: Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hg. von Wolfgang Beutin, Klaus Ehlert, Wolfgang Emmerich u.a. 5. überarb. Aufl. Stuttgart, Weimar 1994. S. 40-50. hier S. 40 ff.
eine verbindliche Ordnung der Gesellschaft beherrschen 32 , wird auch die Ehe, als kleinste Einheit der Gesellschaft von den Veränderungen erfasst: Ursprüngliche Paradigmen, Riten und Auffassungen befinden sich in einem Prozess des Wandels. 33 Für die Menschen des Spätmittelalters bedeutete dies zwangsläufig eine intensive Auseinandersetzung mit der Thematik Ehe. Wittenwiler geht mit der Ehedebatte dementsprechend auf eine, die Menschen bewegende Problematik ein. Aus diesem Zusammenhang heraus erklärt DALLAPIAZZA:
„Die Absicht Wittenwilers ist es, eine Lehre zu entwerfen, die den Menschen als soziales Wesen begreift, das innerhalb einer bestimmten Ordnung handelt und seinen gesellschaftlichen wie privaten Spielraum zu definieren versucht […].“ 34
GAIER vertritt den Standpunkt, dass für Wittenwiler der zentrale Zweck des Rings in der Ehe liege, da sich seiner Meinung nach alle Lehren auf sie ausrichten. 35
Die Ehedebatte kann somit als ein Kernstück des Rings angesehen werden. Ihr kommt auf Grund des großen Umfangs und der Kennzeichnung durch den Dichter als ernst gemeinte Lehre 36 , ihrer zentralen Position und Bedeutung im Werk sowie der Aktualitätsbezogenheit zur spätmittelalterlichen Diskussion um die Ehe ein besonders hoher Stellenwert innerhalb des Werkes zu.
Um die Form und den Inhalt der Debatte genau zu untersuchen, wird sie im Folgenden in mehrere Abschnitte gegliedert. Auf diese Weise können einzelne relevante Aspekte näher betrachtet werden.
3 2 Vgl.: DALLAPIAZZA, Michael: Minne, hûsêre und das ehlich leben. Zur Konstitution bürgerlicher Lebensmuster in spätmittelalterlichen und frühhumanistischen Didaktiken. [Diss.] Frankfurt am Main 1981. S. 29.
3 3 Vgl.: MITTLER, Elmar: Das Recht in Heinrich Wittenwilers „Ring“. Freiburg im Breisgau 1967. (= Forschungen zur oberrheinischen Landesgeschichte, Bd. 10) S. 60. Nach HEL-FENBEIN sind es vor allen Dingen klerikale Eingriffe, die die Umgestaltungen bewirken. So erklärt er, dass es „inhaltlich gesehen, […] der Komplex der kirchlichen Eheanschauungen [ist], der sich als innerlich widerspruchsvoll erweist, äußerlich betrachtet ist es die Form der Eheschließung, die sich in einem Wandlungsprozess befindet.“ HELFENBEIN: Auffassung der Ehe im „Ring“. S. 6.
3 4 DALLAPIAZZA: Minne, hûsêre und das ehlich leben. S. 111. Vgl. auch: DALLAPIAZZA, Michael: Spätmittelalterliche Ehedidaktik. In: Liebe - Ehe - Ehebruch in der Literatur des Mittelalters. Vorträge des Symposiums vom 13. bis 16. Juni 1983 am Institut für deutsche Sprache und mittelalterliche Literatur der Justus Liebig Universität Giessen. Hg. von Xenja von Ertzdorff und Marianne Wynn. Giessen 1984. (= Beiträge zur deutschen Philologie, Bd. 58) S. 161-172. hier S. 169.
3 5 Vgl.: GAIER, Ulrich: Satire. Studien zu Neidhart, Wittenwiler, Brant und zur satirischen Schreibart. Tübingen 1967. S. 179.
3 6 Die Kennzeichnung erfolgt durch die rote Linie im Text. Die farblichen Markierungen gelten in der Forschung insgesamt als sehr umstritten. Vgl.: RIHA: Forschung zum Ring. S. 207ff. Dennoch beziehe ich mich an dieser Stelle auf den Autor selbst, der deutlich aussagt: die rot die ist dem ernst gemein (V. 40).
1.3 Die Hinführungsszene
Die Hinführung zur Ehedebatte soll zwar an dieser Stelle als ein separater Abschnitt verstanden und dementsprechend untersucht werden. Sie ist aber in ihrem Aufbau und Inhalt nicht von der Ehedebatte selbst trennbar. Die Szene umfasst die Verse 2623-2667, die mit einer grünen Farblinie gekennzeichnet sind. Dies resultiere nach FUNKE daraus, dass dieser Abschnitt noch nicht von didaktischer Relevanz sei. 37 Jedoch ist die Hinführung nicht bloße Überleitung zur Ehedebatte, wie FUNKE annimmt. 38 Es handelt sich vielmehr um einen Abschnitt, der durch einen strengen systematischen Aufbau und wichtige vorausdeutende inhaltliche Hinweise von großer kompositorischer sowie erzählstrategischer Bedeutung für den Verlauf der Ehedebatte und der weiteren Handlung im Ring ist. Ihre vorausdeutende Qualität erstreckt sich sogar bis in den dritten Teil des Rings.
Besonders auffallend in der Szene ist die Aussage Bertschis, für den schon vor der Debatte, ja bereits zu Beginn der Hinführung die Entscheidung in der Frage, ob er Mätzli heiraten solle oder nicht, unumstößlich feststeht:
Ich wil und muoss sei haben,
Hietz mir all mein freunt erschlagen. Wie ich mag, sei muoss mir werden, (V. 2625-2628) Scholt ein gantzes land verderben.
Das Gleiche vollzieht sich erneut am Ende der Hinführungsszene. Denn bevor es zum Streitgespräch zwischen den Männern und Frauen kommt, drückt Bertschi erneut sein unbändiges Verlangen nach Mätzli aus:
Ich mag nicht lenger sein an weib,
Scholtz mich chosten meinen leib. Ich han mir eineu ausderkorn, Die mir ze sälden ist geporn. Ich muoss sei han, es tuot mir not: (V. 2659-2664) Anders ich würd ligen tot.
Angesichts dieser dramatischen Aufrufe erscheint es verwunderlich, wozu eine Beratung für oder gegen die Ehe überhaupt notwendig ist. Bertschi, so kann es der Rezipient deutlich erkennen, hat ja seine Wahl
3 7 Vgl.: FUNKE: Graphische Hinweise. S. 74.
3 8 Vgl.: ebd.
bereits getroffen und die Entscheidung für Mätzli ist längst gefallen. 39
Warum also greift der Ring-Dichter dem Ergebnis der Ehedebatte auf diese Weise vor? - Wittenwiler platzierte die Entscheidung Bertschis für die Ehe mit Mätzli aus kompositorischen und erzählstrategischen Gründen schon vor die eigentliche Debatte. Wie SCHLAFFKE feststellt, tragen die Aussagen Bertschis in der Hinführungsszene zu einer „dramatisch gespannten Atmosphäre“ 40 bei: Das drängende Bedürfnis Bertschis, Mätzli unter allen Umständen und mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen zu ehelichen, weist den Rezipienten bereits an dieser Stelle auf den weiteren Verlauf der Handlung, vor allem im dritten Teil des Rings hin. 41 Schließlich sind die Worte des künftigen Bräutigams deutlich: Er kann nicht auf Mätzli verzichten, sollte in der Konsequenz auch das ganze Land zu Grunde gehen:
Wie ich mag, sei muoss mir werden,
(V. 2627-2628) Scholt ein gantzes land verderben.
Der Hinweis auf den Untergang Lappenhausens und deren Einwohner in der Hinführung zur Ehedebatte deutet zweifelsfrei darauf hin, dass eine Heirat mit Mätzli ein katastrophales Ende nehmen wird. Dennoch: Bertschi spricht es selbst aus - er hält an Mätzli fest. 42
Obwohl sich für Bertschi die Frage für oder gegen die Ehe offensichtlich nicht stellt, ruft er seine Verwandtschaft zusammen, damit sie ihm mit Rat und Hilfe in der Angelegenheit beisteht. 43 Sogleich wird der Rezipient des Textes mit den Protagonisten der Ehedebatte bekannt gemacht. SCHLAFFKE stellt in diesem Zusammenhang fest:
3 9 Vgl.: WIESSNER, Edmund: Kommentar zu Heinrich Wittenwilers Ring. Leipzig 1936. (= Reihe Realistik des Spätmittelalters, Erg.Bd.) S. 111, BABENDREIER, Jürgen: Studien zur Erzählweise in Heinrich Wittenwilers „Ring“. [Diss.]. Kiel 1973. S. 16, KASTEN: Streitgedicht. S. 186 und GRUCHOT, Christoph: Heinrich Wittenwilers „Ring“. Konzept und Konstruktion eines Lehrbuches. Göppingen 1988. (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik, Nr. 475) S. 130.
4 0 Vgl.: SCHLAFFKE: Komposition und Gehalt. S. 52.
4 1 Vgl.: ebd., SOWINSKI: Realismus. S. 48 und LUTZ, Eckart Conrad: Spiritualis fornicatio. Heinrich Wittenwiler, seine Welt und sein „Ring“. Sigmaringen 1990. (= Konstanzer Geschichts- und Rechtsquellen, Bd. 32) S. 353 f.
4 2 Vgl. hierzu auch BABENDREIER, der in seiner Untersuchung die voreilige Entscheidung Bertschis als „geistiges Fehlverhalten“ und „falsches Weltverhalten“ deutet. Vgl.: BABENDREIER: Erzählweise. S. 16 ff. Dagegen spricht sich RIHA aus. Vgl. : RIHA: Forschung zum Ring. S. 132.
4 3 MITTLER verweist in diesem Zusammenhang auf den Bezug zum realen Eheschließungsvorgang im Mittelalter, der eine Angelegenheit beider betroffener Familien war. Vgl.: MITTLER: Recht. S. 35.
„[…] in der folgenden Auseinandersetzung kämpfen die stets zu Streitereien und Prügeleien aufgelegten Bauern […] mit Zungenfertigkeit und Scharfsinn. Diese geistige Auseinandersetzung kann der Dichter aber nicht unter denselben Tölpeln stattfinden lassen, die sich vorher im Turnier so töricht gezeigt haben. Ein neuer Personenkreis muss also eingeführt werden […].“ 44
Dementsprechend werden in einem langen Namenkatalog alle Personen, die an der Debatte beteiligt sind, vorgestellt. Wie bereits SCHLAFFKE konstatiert, werden die Namen in zwei getrennten Kolonnen aufgezählt. 45 Zunächst also die männlichen Vertreter:
Engelmaren Farindkuo
Und seinen vetter Gumpost, Herman den Rüerenmost, Niggeln Fesafögellin, Jänseln Snellagödellin, Hafenschleken, Nagenfleken, Schlinddenspek und Ofensteken Und den alten Colman […] Nabelraibern mit dem Stil (V. 2630-2640) Und andrer erbrer leuten vil
Daraufhin wird der Rezipient auch mit der weiblichen Verwandtschaft, Bertschis Muhmen bekannt gemacht:
Jützin Scheissindpluomen
Und Elsbethen Völlipruoch, Engeldrauden Erenfluoch, Snatereinen, Töreleinen Juncfrawn Feinen […] (V. 2641-2649) Und die alte Laichdenman
11 Männer und 7 Frauen sind folglich an der Debatte beteiligt 46 , wobei die männlichen Vertreter eindeutig in der Mehrzahl sind. 47 Hervorzuheben ist, dass die Reihenfolge der Aufzählung der Namen auch der Reihenfolge des Redebeitrages der jeweiligen Person in der Debatte entspricht. 48
Im Folgenden richtet sich Bertschi mit seiner Bitte an sie:
Hört, ir frawen und auch man!
4 4 SCHLAFFKE: Komposition und Gehalt. S. 52.
4 5 Vgl.: SCHLAFFKE: Komposition und Gehalt. S. 52 f.
4 6 Zur Bedeutung der Zahlen bzw. numerischen Aufzählungen im Ring und zur besonderen Bedeutung der Figur Nabelraiber siehe: LUTZ: Spiritualis fornicatio. S. 361 ff. 4 7 Unklar bleibt, wie MITTLER feststellt, warum Bertschis Eltern nicht an der Debatte teilnehmen, obwohl sein Vater in V. 227 indirekt erwähnt wird. Als Bertschi im Turnier stürzt, wird ihm durch seines vatters chnecht wieder aufgeholfen. Vgl.: MITLLER: Recht. S. 35.
4 8 Vgl.: WIESSNER: Kommentar. S. 111, SCHLAFFKE: Komposition und Gehalt. S. 53 und HEL- FENBEIN: Auffassung der Ehe im „Ring“. S. 167.
Lieben freunt, vernempt mich eben Und geruocht mir rat ze geben! (V. 2656-2659) Ich mag nicht lenger sein an weib, […]
Daz ist ein dink, daz ich euch bitt, Und trauw, ir sait mir treuleich mit (V. 2665-2667) An rat und auch an hilf dar zuo.
Die Hinführungsszene dient dementsprechend der Einleitung bzw. Überleitung zur Debatte, in dem sie die Vorstellung des Diskussionsgegens-tandes und der Diskutanten beinhaltet. Betrachtet man den Aufbau der Hinführungsszene jedoch eingehend, ist eine formale Systematik zu erkennen: Die Aussagen Bertschis zu Beginn und am Ende der Szene schließen sich gleichsam einer Klammer um den neu eingeführten Personenkreis. Die Teilnehmer an der Diskussion werden in zwei Blöcken, nach Geschlecht getrennt, vorgestellt. Durch die Aufzählung der Namen ist die Ehedebatte in ihrem Verlauf konkret vorgezeichnet, da jede der genannten Personen in gleicher Reihenfolge das Wort in der Diskussion ergreift. Die Hinführungsszene gibt somit den Aufbau der ihr folgenden Debatte vor, sie besitzt in dieser Hinsicht vorausdeutende Qualität. Zusätzlich zum formalen systematischen Aufbau, der den Ablauf der Debatte vorzeichnet, ist auch der inhaltliche Gehalt in vorausdeutender Hinsicht bedeutsam: Bertschis dramatische Äußerungen zu Beginn und am Ende der Hinführung weisen wie dargelegt wurde auf die Katastrophe am Ende des Rings hin, und zwar auf den Untergang Lappenhausens. In diesem Zusammenhang erweist sich die Tatsache, dass sich beide Aussagen kompositorisch um die vorgestellten Diskussionsteilnehmer schließen, als ein möglicher dramaturgischer Hinweis Wittenwilers. Denn diese Personen führen auf der Erzähl- bzw. Handlungsebene zur Entscheidung, genauer gesagt zur Befürwortung der Ehe zwischen Bertschi und Mätzli. Erst dadurch kann sich die Handlung weiterentwickeln und letztlich im Streit zwischen den Hochzeitsgästen münden. Es scheint demzufolge nicht nur in den Worten Bertschis Unheil zu liegen. Sie bilden vielmehr einen „Würgegriff“, der bildlich gesprochen alle Redner umfasst. Somit wird bereits an dieser Stelle deutlich, dass die gesamte Debatte unter einem schlechten Vorzeichen steht. 49 Die Hinführungsszene ist, wie dargestellt werden konnte, von Wittenwiler derart gestaltet worden, dass ihrer Form und ihrem Inhalt eine
4 9 Dieses Argument bezieht sich auf den Handlungsstrang der Erzählebene des Werks. Denn ob Wittenwiler selbst die Ehe befürwortet oder ablehnt, sie positiv oder negativ bewertet, ist in der Forschung weitgehend umstritten. Vgl.: RIHA: Forschung zum Ring. S. 127 ff.
abschnittsübergreifende Reichweite zukommt. Sie ist folglich von großer kompositorischer und erzählstrategischer Bedeutung für die Ehedebatte.
1.4 Aufbau der Ehedebatte
1.4.1 Neutrale Aussagen zur Ehe und Auftakt - Die Beiträge Farindkuos, Gumposts, Rüerenmosts und Fesafögilis
Nachdem in der Hinführung zur Ehedebatte alle Redner vorgestellt wurden und Bertschi sein Anliegen vorgetragen hat, beginnt nun die Diskussion um die Ehe. 50
Farindkuo ist der erste, der zu Bertschis Bitte um Rat und Hilfe für sein Vorhaben spontan Stellung bezieht 51 :
Tuo ein dink, daz wesen muoss,
Und aht nicht umb einr hennen fuoss, (V. 2671-2673) Was man sing und was man sag!
Der Beitrag Farindkuos enthält keinen wertenden Tenor in Bezug zum Thema Ehe, und ist aus diesem Grund als neutral zu bewerten. Für Bertschi ist die Rede nicht zufrieden stellend. Er wendet sich Hilfe suchend an Gumpost, der jedoch jeden Ratschlag ablehnt 52 :
Dreu ding man vindet guot von art,
Zuo den nie guot ze raten wart Durch der grossen flüechen wegen, (V. 2689-2692) Die man geit den rategeben
Darunter fällt nun auch einmal die Ehe. Somit ist für Bertschi diese Aussage ebenfalls bedeutungslos und mit einem dringenden Appell ihm zu helfen, erbittet er von Rüerenmost einen rat von chluoger witz (V. 2704). Dessen Hinweis ist jedoch ebenso wenig hilfreich wie die vorherigen, denn auch Rüerenmost trifft keine eindeutige Entscheidung, sondern stellt beide Alternativen, das Ledigsein und den Ehestand, negativ dar 53 :
Dein dink daz ist gestalt also,
Daz du jo reuwich muost beleiben, (V. 2706-2708) Welchen weg du dich wilt scheiben
5 0 Vgl.: WIESSNER: Kommentar. S. 111.
5 1 Vgl.: HELFENBEIN: Auffassung der Ehe im „Ring“. S. 168. 5 2 Vgl.: ebd. 5 3 Vgl.: ebd.
Verzweifelt über die scheinbare Aussichtslosigkeit seines Vorhabens spricht Bertschi Fesafögili an, der als Vierter in der Runde endlich eine konkrete Empfehlung äußert:
Daz ist, du scholt also beliben,
(V. 2729-2730) An ein weib dein zeit vertriben!
Betrachtet man den Abschnitt der vier vorgestellten Aussagen genau, ist von wesentlicher Bedeutung, dass abgesehen von Farindkuo jeder Redebeitrag durch Bertschi direkt angeregt wird. Auch HELFENBEIN stellt dies fest, jedoch bezieht er sich lediglich auf die ersten zwei Redner und schließt somit die durch Bertschi initiierte Aussage Fesafögilis aus:
„Wesentlich ist zunächst, dass zwei der ersten drei Redner, Gumpost und Rüerenmost, nicht von sich aus, d.h. spontan das Wort ergreifen, sondern durch Bertschi zum Sprechen aufgefordert werden.“ 54
Aus der vorangegangenen Überlegung zum ersten Abschnitt der Ehedebatte ergibt sich jedoch folgender Ablauf der Redner:
Bertschi Farindkuo Æ
(Initiator in der Hinführungsszene)
(Initiator)
(Initiator)
(Initiator).
Dies lässt die Schlussfolgerung zu, dass die Redebeiträge in der ersten Phase der Ehedebatte, abgesehen von Fesafögilis Aussage, zunächst keine Diskussion darstellen, da kein antagonistisches Grundschema vorliegt und keine Argumente Für oder Wider die Ehe vorgebracht werden. Die Äußerungen Bertschis wechseln sich lediglich mit den Gesprächsbeiträgen der ersten drei Redner ab. 56 Dementsprechend kann hier noch nicht von einer Debatte im eigentlichen Sinn die Rede sein. Des Weiteren sind die Aussagen Farindkuos, Gumposts und Rüerenmosts als neutral zu bewerten, da sie zu keiner Entscheidungsfindung in der Frage Pro oder Contra Ehe beitragen. Erst Fesafögili findet sich be-
54 Ebd.
5 5 In ähnlicher Weise auch ebd.
5 6 Vgl.: ebd. Bertschis fortgesetztes Fragen nach der Reihe entspricht der Form, die vom Schöffengericht bekannt ist. Vgl.: MITTLER: Recht. S. 36. KASTEN verweist auf das kompositorische Gewicht dieser Passage, die Aussagen deuten den Ausgang der Debatte voraus oder stecken ihren Rahmen ab. Vgl.: KASTEN: Streitgedicht. S. 195 f.
reit, Bertschi einen engagierten Rat zu geben und dieser richtet sich gegen den Ehestand. Nur durch seine konkrete Stellungnahme kann nun die Debatte in Gang kommen 57 , denn mit der eheablehnenden Aussage ist die Grundlage gegeben, um die Thematik durch Für und Wider abzuwägen. Folglich tritt der ehefeindlichen Aussage Fesafögilis sogleich die e-hefreundliche Seite entgegen.
1.4.2 Rededuelle der Männer und Frauen - Pro und Contra Ehe
Herausgefordert durch Fesafögilis ablehnende Haltung zur Ehe tritt Scheissindpluomen als erste Frau in der Debatte auf. Damit ist Fesafögili Initiant des sich im Folgenden entwickelnden Streitgesprächs, welches sich aus Pro und Contra Argumenten für oder gegen die Ehe zusammensetzt. 58
Wie in den vorangegangenen Ausführungen zur Hinführungsszene bereits angedeutet werden konnte, gestaltet Wittenwiler den Aufbau der Ehedebatte streng systematisch. 59 Die Teilnehmer an der Diskussion sind in zwei Lager gespalten. Die gesonderte Aufzählung der Männer und Frauen in der Hinführungsszene bezieht sich indessen nicht nur auf ihr Geschlecht, sondern lässt auch auf ihre Einstellung zum Thema Ehe schließen. Die Diskussionsteilnehmer vertreten entsprechend ihrer getrennten Auflistung zwei unterschiedliche Meinungen: Die Männer, die ausschließlich gegen die Ehe argumentieren sowie die Frauen als deren Kontrahenten, die dementsprechend die Gegenposition pro Ehe beziehen. 60
1.4.2.1 Sieben Rededuelle - Erster Abschnitt der Debatte
Die Ehedebatte ist derart aufgebaut, dass sich die Positionen im Wechsel gegenübertreten. Dadurch ergibt sich für den ersten Abschnitt der Diskussion der folgende systematische Ablauf:
Fesafögili
(7 Verse)
Snellagödili
(31 Verse) 5 7 Vgl.: CLIFTON-EVEREST, John Michael: Wittenwiler’s Marriage debate. In: MLN 90 (1975). S. 629-642. hier S. 633. Ebenso SCHLAFFKE: Komposition und Gehalt. S. 53. 5 8 Vgl.: WIESSNER: Kommentar. S. 111. 5 9 Vgl.: SCHLAFFKE: Komposition und Gehalt. S. 53. 6 0 Vgl.: ebd., BABENDREIER: Erzählweise. S. 21, CLIFTON-EVEREST: Marriage debate. S. 630, HELFENBEIN: Auffassung der Ehe im „Ring“. S. 167, DALLAPIAZZA: Minne, hûsêre und das ehlich leben. S. 111 und GRUCHOT: Konzept und Konstruktion. S. 130.
Havenschlek Erenfluoch Æ (13 Verse) (10 Verse) Nagenflek Snattereina Æ (7 Verse) (9 Verse) Schlinddenspek Töreleina Æ (13 Verse) (72 Verse) Ofenstek Juncfraw Fina Æ (29 Verse) (31 Verse) Ofenstek Juncfraw Fina Æ (7 Verse) (19 Verse)
Insgesamt nimmt der Schlagabtausch der sechs Paare in den sieben Rededuellen 304 Verse ein, wobei die quantitative Überlegenheit der Frauen festzustellen ist, denn der weiblichen Partei wird mit 179 Versen deutlich mehr Spielraum für ihre Argumentation eingeräumt, als der Position, die durch die männlichen Teilnehmer vertreten wird. Wittenwiler bringt ihre Argumente in lediglich 107 Versen unter.
In der Auseinandersetzung um die Ehe steht sich immer ein Paar gegenüber, zusammengesetzt aus der negativen Position eines Mannes sowie der gegenteiligen Auffassung einer Frau. 61 Auf die Argumente der männlichen Diskussionsteilnehmer folgen Gegenargumente der weiblichen Partei und „unvereinbare Gegensätze und Widersprüche in Lehre und Anschauung werden in der Debatte ohne Werturteil gleichberechtigt neben-einander gestellt“ 62 . SCHLAFFKE stellt in dieser Hinsicht fest, dass:
„Wittenweiler in dieser aus Spruch und Widerspruch bestehenden Debatte sein kompositorisches Prinzip des Parallelismus und des Gegensatzes voll zur Geltung bringen kann.“ 63
Demzufolge wendet SCHLAFFKE das Argumentationsprinzip des Spruchs und Widerspruchs pauschal für alle Diskussionspaare an. Hingegen möchte GAIER, folgt man seinen Ausführungen, einen Teil der Argumentationstechnik anders betrachtet sehen. Seiner Meinung nach wählte Wittenwiler für die Paare Snellagödili - Follipruoch, Havenschlek - Erenfluoch und Nagenflek - Snattereina ein anderes Verfahren. Demnach beziehe sich:
„Jedes folgende Argument […] auf das vorhergehende, verwandelt es jedoch inhaltlich so, dass es widerlegbar wird; meist geschieht das
6 1 Die Diskussion wird dementsprechend aus der jeweiligen teilperspektivischen Sicht geführt. Vgl.: SOWINSKI: Realismus. S. 49. Siehe auch: BABENDREIER: Erzählweise. S. 27.
6 2 SCHLAFFKE: Komposition und Gehalt. S. 53. 6 3 SCHLAFFKE: Komposition und Gehalt. S. 54.
durch Einschränkung des Argumentbereichs auf einen spezifischen Fall oder Ausschnitt.“ 64
HELFENBEIN stellt diese These jedoch in Frage und konstatiert, dass auch in diesem Abschnitt der Debatte den Argumenten nicht immer „begrenztere“ Gegenargumente folgen. 65 Auch eine „echte“ Widerlegung der Argumente erkennt er nicht, in Wittenwilers Argumentationsprinzip stehe immer „Topos gegen Topos […], These gegen These“. 66 In gleicher Weise beurteilt BABENDREIER den Aufbau der Diskussion, woraus er die dualistische Grundstruktur der Ehedebatte erschließt. 67 Damit einher geht KASTEN, die die Diskussionstechnik als geregelte Zweigleisigkeit wahrnimmt, welche durch den Wechsel von Tadel und Lob der Frau entsteht. Kennzeichnend für die Argumentationsweise sei die Alternativstruktur des Dialogs. 68
Die somit festgestellte formale Struktur und Systematik des ersten Bereichs der Debatte setzt sich darüber hinaus auch in den einzelnen Aussagen der Diskussionsteilnehmer fort.
So sind stets die Diskussionsteilnehmerinnen gefordert, die Behauptungen der männlichen Partei zu widerlegen. Daraus ergibt sich, dass die Frauen Bezug auf die Argumente der Männer nehmen bzw. die Argumente aufgreifen, um sie ins Positive zu verkehren. 69 In diesem Teil der Ehedebatte wird besonders deutlich, dass die Männer eine agierende Position bekleiden, während die Frauen stets reagieren müssen. In diesem Sinne liefern sich Schlinddenspek und Töreleina sowie Ofenstek und Juncfraw Fina einen hervorragenden Schlagabtausch von Rede und Gegenrede bzw. Argument und Gegenargument. In der Argumentationstechnik dieser beiden Paare tritt Wittenwilers kompositorisches und sprachliches Können in besonderem Maße hervor: Beide Rededuelle bestechen durch einen symmetrischen Aufbau. So werden Schlinddenspeks Behauptungen von Töreleina Punkt für Punkt aufgenommen und widerlegt. 70 Dies
6 4 GAIER: Satire. S. 156.
6 5 Vgl.: HELFENBEIN: Auffassung der Ehe im „Ring“. S. 203. 6 6 Vgl.: HELFENBEIN: Auffassung der Ehe im „Ring“. S. 204. 6 7 Vgl.: BABENDREIER: Erzählweise. S. 22 und 24. 6 8 Vgl.: KASTEN: Streitgedicht. S. 187. 6 9 Vgl.: SCHLAFFKE: Komposition und Gehalt. S. 54. 7 0 Vgl.: GAIER: Satire. S. 157.
geschieht fast ausschließlich in je zwei Reimpaarversen. 71 Schlinddenspek hebt an:
Haben muost du so zehant
(V. 2855-2856) Gelt und reiches pettgewant
Außerdem müsse unter anderem für Speisen wie wein und visch (V. 2859) gesorgt sein. Töreleina antwortet nach Beendigung der Rede Schlinddenspeks:
Sag mir, wie tet Adam,
Der dhain phenning nie gewan Und lebt neun hundert jar und me (V. 2873-2876) Mit eren in der alten e?
Auf den Vorwurf des reichen pettgewant antwortet sie:
War zuo ist daz bette guot?
Sichst nit, wie ein Unger tuot, Der nie kain vedergwand gesach (V. 2877-2880) Und schaft im dannocht guot gemach?
Auch die Behauptung, die Ehefrau stelle besondere Anforderungen an die Mahlzeiten, wie z.B. Wein und Fisch, weist Töreleina ab:
Mag er dan nicht wein gehaben,
So schol er sich mit wasser laben Sam ein man von Preussenland, (V. 2898-2900) Dem chain weinreb ist derkant! Du retst umb visch? Du bist nicht weis. Wiss, es ist ein herren speis! Der wein und pfeffer nicht enhab, (V. 2905-2908) Der tuo sich aller vischen ab!
So verhält es sich mit jedem einzelnen Punkt dieses Rededuells. Die folgende schematische Darstellung zeigt, dass Töreleina zwar von der Reihenfolge Schlinddenspeks in einigen Punkten abweicht, jedoch greift sie jede einzelne Behauptung auf, entkräftet sie oder wandelt sie ins Positive um 72 :
Wein Brot Fleisch Fisch Haus 7 1 Vgl.: WIESSNER: Kommentar. S. 117 und SCHLAFFKE: Komposition und Gehalt. S. 54. 7 2 Vgl.: WIESSNER: Kommentar. S. 117.
Knecht Vieh Acker Acker/Wiesen Brot In der Auseinandersetzung zwischen Ofenstek und Juncfraw Fina sind Argument und Gegenargument ebenso symmetrisch angeordnet. 73 Die Gegensatzpaare Schönheit und Jugend sowie Hässlichkeit und Alter unterteilen sich im Diskussionsbeitrag Ofensteks in zwei ebenmäßige, äquivalente Teile. 74 Auch die Verwandtschaft der Ehefrau wird als ablehnender Grund zu seiner Argumentation hinzugezogen. Fina nimmt sich der Vorlage an und stellt die negativen Ansichten in exakter Reihenfolge aus positiver Sicht dar. An dieser Stelle kann durch die genaue Übereinstimmung in der Abfolge von Rede und Gegenrede von einer vertikalen Symmetrie gesprochen werden. 75 Auch einen spontanen Einwand Ofensteks kann Fina sofort parieren. Ihre Antwort besticht dabei durch aktive Lebenshilfe, indem sie Ofenstek dienliche Ratschläge erteilt. Die vorangegangenen Ausführungen können allerdings den Anschein erwecken, dass die Rededuelle der jeweiligen Paare in diesem Teil der Debatte ohne Bezug zu- bzw. nebeneinander stehen. Um diesem Eindruck zu entgehen, soll ein Blick auf die Redebeiträge die Verknüpfungspunkte veranschaulichen.
Eine Verbindung ist an den Anfangsversen (Apostrophe) der Redner zu erkennen. So bezieht sich beispielsweise Scheissindpluomen direkt auf ihren Vorredner Niggel Fesafögili: Her Niggel, wisset das! (V. 2734). Follipruoch schließt an die Rede Snellagödilis an: Mich zimt, du seist der weiben fluoch (V. 2784). Erenfluoch antwortet auf Havenschleks Beitrag mit den Worten: Her Hafenschlek, ir seitz ein chnecht (V. 2823). Und Juncfraw Fina ist in ihrer Wortwahl im Anschluss an Ofensteks Rede ebenso wenig feinfühlig: Ofenstech, noch bist ein gpaur (V. 2971). Gleichwohl knüpfen auch die Männer mit ihrer Rede an die Aussagen der Diskussionsteilnehmerinnen an. Dies geht beispielsweise aus den Äußerungen Havenschleks: Siha wunder, was die chlaft! (V. 2807), Nagenfleks: Die hat gelernt nach irm versehen / Der siben chünste vierzehen (V. 2835-2836) oder Ofensteks: Was sei der sophistrei waiss (V. 3000) Der tiefel dichs geleret hat (V. 3002) hervor.
7 3 Vgl.: WIESSNER: Kommentar. S. 120.
7 4 Vgl.: SCHLAFFKE: Komposition und Gehalt. S. 53.
7 5 BABENDREIER bezeichnet dieses Vorgehen als einfachen parallelen Rückgang. Vgl.: BA- BENDREIER: Erzählweise. S. 37.
Der Umstand der gegenseitigen Bezugnahme macht die Debatte zu einem Streitgespräch und verhindert, dass die einzelnen Paare beziehungslos nebeneinander stehen. 76
Überdies präzisiert BABENDREIER in seinen Ausführungen die vorangegangene Überlegung:
„Durch diese jeweils auf den Vorredner zurückweisende Rederichtung fügen sich die einzelnen Parteireden zu einer eng geschlossenen, fortlaufenden Redekette zusammen.“ 77
Aus diesem Grund werde von den Paaren keine Diskussion geführt, sondern Wechselreden in Form eines Reihumgespräches. 78 Der statischen Aussagestruktur 79 stehe deshalb eine dynamische, sich fortlaufend reihum bewegende Aktstruktur gegenüber. Diese Bewegung charakterisiert BA-BENDREIER jedoch als „Pendelbewegung“, die immer wieder an ihren Ausgangspunkt zurückkehre und aus einem ständigen und ewig wiederholbaren Hin und Her zwischen Ja und Nein bestehe, weshalb sie letzten Endes ebenso statische Bewegung sei. 80
Wie dargestellt werden konnte, gestaltet Wittenwiler den Aufbau der Debatte sowie die einzelnen Rededuelle nach einer strengen Systematik. Es deutete sich zudem an, dass sein kompositorisches Geschick bis in die einzelnen Beiträge der Diskutanten sichtbar wird. In den Ausführungen zu Töreleinas Rede konnte bereits darauf hingewiesen werden. Zur Verdeutlichung der Systematik in den Redebeiträgen dient Snellagödilis Aussage 81 : Seine Rede teilt sich in fünf ebenmäßige Abschnitte auf, die sich nach inhaltlichen Gesichtspunkten gliedern lassen. Daraus ergibt sich eine Interdependenz zwischen Form und Inhalt: Der erste Abschnitt besteht aus zwei Reimpaarversen, in denen eine Einleitung zur Gesamtproblematik formuliert wird. Daran schließt sich ein Part mit drei Reimpaarversen an. An dieser Stelle drückt Snellagö- 76 In ähnlicher Weise auch bei SOWINSKI : Realismus. S. 49.
7 7 BABENDREIER: Erzählweise. S. 26.
7 8 Vgl.: BABENDREIER: Erzählweise. S. 26. KNÜHL verweist in diesem Zusammenhang auf die Nähe zu Reihenspielen. Vgl.: KNÜHL, Birgit: Die Komik in Heinrich Wittenwilers „Ring“ im Vergleich zu den Fastnachtspielen des 15. Jahrhunderts. Göppingen 1981. (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik, Nr. 332) S. 302.
7 9 Unter statischer Aussagestruktur versteht BABENDREIER die Struktur der Ehedebatte, und zwar ihr dualistisches Baugesetz, welches sich seiner Ansicht nach aus Meinung gegen Meinung und Aussage gegen Aussage zusammensetzt. Vgl.: BABENDREIER: Erzählweise. S. 28.
8 0 Vgl.: ebd. Diese Bewegung nennt er auch kurzgeschlossene Kreis- oder et-cetera-Bewegung.
8 1 Zur besseren Veranschaulichung siehe die visuelle Darstellung im Anhang dieser Arbeit. Vgl. auch KASTEN: Streitgedicht. S. 187.
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