Hausarbeit zum Proseminar „Sozialisationstheorien“
Sommersemester 2002
Institut für Soziologie
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Inhalt
1. Das Phänomen (Serien-)Mord
2. Definition: Serienmörder
3. Berüchtigte Serienmörder
3.1 Jack the Ripper
3.2 Ted Bundy
3.3 David Berkowitz
3.4 Jeffrey Dahmer
4. Erklärungsmodelle
4.1 Soziologische Erklärungsmodelle für Verbrechen
4.1.1 Frühe Erklärungsversuche
4.1.2 Verbrecher: geboren oder geformt?
4.1.3 Neuere Theorien
4.1.4 Entstehung von Gewalt nach Sofsky
4.2 Psychologische Erklärungsmodelle
4.2.1 Definitionen: Aggression, Gewalt
4.2.2 FBI-Studie
4.2.3 Psychoanalytische Erklärung
4.2.4 Der Kreislauf der Gewalt
4.2.5 Die Phantasie
4.2.6 Lerntheorien
4.2.7 Theorie nach Piaget und Kohlberg
4.2.8 Gewalt in den Medien
5. Abschließende Betrachtung
6. Literaturverzeichnis
1. Das Phänomen (Serien-)Mord
Sonntag, 18. August 2002. Auf Pro7 läuft um 23.30 Uhr „Suicide Kings“, danach um 1.25 Uhr „Mörderischer Tausch“, ein Thriller mit Tom Berenger. Am gleichen Abend strahlt Kabel1 „Beim Sterben ist jeder der Erste“ aus, gefolgt von „Infernal Soldiers“ und „Tödliche Ferien“. Bei Vox und RTL2 sieht es nicht anders aus: „Autopsie - Mysteriöse Mordfälle“ und „Normal Life - Tödliche Illusion“ kann man sich dort ansehen. 1 Hinzu kommen noch Filme und Serien, die keinen „mörderischen“ Titel tragen, deren Inhalt jedoch weitestgehend von diesem Thema bestimmt ist.
Mit Gewalt in ihrer vielleicht endgültigsten Form, dem Mord, wird ein ganzes Abendprogramm gefüllt. Nicht nur im Fernsehen. Die Masse an Literatur und Romanen zum Thema „Mord“ steht im umgekehrten Verhältnis zu seiner statistischen Häufigkeit. Dennoch ist das Interesse ungebrochen. Ein spezielles Interesse, nämlich das an Serienmördern, keimte erneut auf, nachdem Kinofilme wie „Das Schweigen der Lämmer“, „From Hell“ oder „Copykill“ zu Kassenschlagern avancierten. Dabei ist das Phänomen alles andere als neu. Bereits 1440, so berichtet Wolfgang Sofsky in seinem „Traktat über die Gewalt“, hat ein Ritter von Stand namens Gilles de Rais bestialische Orgien gefeiert, bei denen viele Kinder zu seiner Belustigung grausam sterben mussten. 2 1435 lebte eine schottische Familie namens Beane, die aus 47 Personen bestand und bis zu 1000 Menschen ermordete und deren Körperteile für den späteren Verzehr räucherte. 3 Das Phänomen Serienmord zieht sich durch die Geschichte bis zum heutigen Tag.
Der Serienmörder ist gleichsam Faktum wie Alptraum, da er die klassischen Vorstellungen von Ursache und Wirkung, von nachvollziehbaren Motiven in Frage stellt. 3 Er ist das Extremste was unsere Gesellschaft zu bieten hat. In Filmen werden in düsterer Atmosphäre die Gewalttaten der Serienmörder erschütternd realistisch nachgestellt, doch die Antwort auf eine uns bewegende Frage bleiben sie meist schuldig: Wie kann es dazu kommen, dass ein Mensch derart extreme Verhaltensweisen zeigt?.
Ich stelle in dieser Hausarbeit die wichtigsten sozialisationstheoretischen Ansätze zur Be-antwortung dieser Frage dar. Um zu wissen warum ein Serienmörder tut was er tut, muss man
1 vgl. Stern tv-magazin im Stern Nr. 34
2 vgl. Sofsky, Traktat über die Gewalt, 1996, S. 45f.
3 vgl. Fink, Immer wieder töten, 2001, S. 6
verstehen was er ist und wie er dazu wurde. „Wenn ihr den Künstler verstehen wollt, müsst ihr euch sein Werk ansehen!“ 4 Deshalb werde ich wie folgt vorgehen. Zunächst definiere ich, was man überhaupt unter einem Serienmörder versteht (hierzu gibt es mehrere Ansätze) und umreiße kurz die Biographien einiger berüchtigter Vertreter. Sodann werde ich theoretische Ansätze erläutern, die sich um eine Klärung der oben stehenden Frage bemühen. Dabei unterscheide ich solche Theorien, die einen eher soziologischen und solche, die einen eher psychologischen Hintergrund haben. In der Schlussbetrachtung fasse ich dann all jenes zusammen, was als wichtige Sozialisationsinstanzen für die Ausbildung des Verhaltens eines Serienmörders gelten kann.
2. Definition: Serienmörder
Der Begriff „Serienmörder“ trat zum ersten Mal durch Bernstorf im Jahre 1950 auf. Der Gerichtsgutachter schrieb in einem Zeitungsartikel über den Wiederholungstäter Rudolf Pleil, der mutmaßlich bis zu neun Frauen ermordet hatte. Es finden sich in der Literatur eine ganze Reihe unterschiedlicher Definitionen, ich möchte an dieser Stelle lediglich die wesentlichen Übereinstimmungen erläutern. 5
Laut Fink gibt es einige Merkmale, die fast immer bei einem Serienmörder auftreten. 6 Sie stammen aus allen Bevölkerungsschichten, Bourgoin zufolge sind sie zu 83 % von weißer Hautfarbe und zu 89 % männlich. Eine Studie des Düsseldorfer Kriminalbeamten Harbort liefert außerdem folgende Ergebnisse: zum Zeitpunkt ihrer ersten Tat waren die Mörder durchschnittlich 27,6 Jahre alt. Die Streubreite reichte von 14 bis 50 Jahren. Außerdem lagen die einzelnen Tatorte in 67,9 % der Fälle nicht weiter als 30km voneinander entfernt. In 80 % der untersuchten Fälle bestand keine Täter-Opfer-Beziehung.
Der typische Serienmörder ist eher unauffällig und gerät nicht völlig außer Kontrolle. Er ist nicht schizophren, der Kontakt zur Wirklichkeit ist vorhanden. Er möchte sich durch den Mythos des Noch-nie-Dagewesenen Geltung und Ansehen verschaffen. Das Hauptproblem des Mörders scheint seine Unfähigkeit zu sein, Gefühle zu haben. Durch die schrecklichen Taten versucht er diesen Mangel zu beseitigen, auch deswegen wird er mit sehr hoher Wahr- 4 vgl.Douglas, Die Seele des Mörders, 1998, S.34
5 Ein Überblick über die Definitionen verschafft: Fink, P., Immer wieder töten, 2001, S. 55f.
6 vgl. Fink, Immer wieder töten, 2001, S. 49f.
scheinlichkeit rückfällig. Die Verbrechen erfolgen solange, bis der Mörder festgenommen wird, stirbt oder sich selbst tötet. 7
Die Morde sind von absoluter Sinnlosigkeit, von Willkür und brutalstem Sadismus geprägt. Die Täter benutzen selten Schusswaffen, da ihnen dieses Tötungsmittel zu unpersönlich ist. Sofsky formuliert es wie folgt: „Wo es irgend geht, verrichtet der Mörder Handarbeit auf kurze Distanz. Er will den Tod arbeiten, will den Körper bluten und der Todesangst ins Auge sehen.“ 8 Der Auftakt der Bluttaten erfolgt meist noch planlos und aus dem Affekt. Aber dann sehen sich die Täter in ihrer Mordgier gefangen, soviel sie auch quälen und töten, sie kommen nie zum erhofften Genuss.
Bei der Frage, inwieweit sexuelle Beweggründe eine Rolle spielen, widerspricht sich Fink. In dem Kapitel über Lustmörder sagt er, dass Serienmörder auch sexuell und triebhaft handeln. Später stellt er jedoch heraus, das sexuelle Elemente keine Bedeutung erfahren. 9 Der Einzelfall ist hierbei genau zu analysieren. Mit weitaus größerer Sicherheit lassen sich politische und finanzielle Gründe für die Taten ausschließen.
Gemein ist Serienmördern außerdem, dass ihre Taten zeit- und ortsunabhängig sind. Zwar finden die einzelnen Morde sehr häufig in einem relativ kleinen Umkreis statt. Dennoch kann sich die Serie über Jahre hinziehen und an den unterschiedlichsten Orten stattfinden. Dies ist nicht zuletzt deshalb so, weil Serienmörder zwischen den einzelnen Taten Ruhepausen machen, sog. „Cooling down phasen“. In diesen Phasen phantasieren sie über bereits begangene oder noch geplante Taten und ergötzen sich nicht selten an mitgenommenen Andenken ihrer Opfer. Die einzelnen Morde werden meist stark ritualisiert, was sich z.B. in dem so genannten „Overkill“, also dem „Übertöten“, zeigen kann. Hier übersteigt die gebrauchte Gewalt bei weitem das Maß, dass zur eigentlichen Tötung erforderlich gewesen wäre. Die Abfolge der zugefügten Verletzungen bleibt bei jeder Tat gleich, der ganze Vorgang wird zum Ritual. Serienmorde sind extrem selten, sie machten 1993 in den USA nur etwa 1-2 % aller Tötungsdelikte aus.
7 vgl. Lane/Gregg, The New Encyclopedia of Serial Killers, 1992, S. 2f. (zit. nach Fink 2001)
8 vgl. Sofsky, Traktat über die Gewalt, 1996, S. 181
9 vgl. Fink, Immer wieder töten, 2001, S. 46 und 50
Arbeit zitieren:
Christof Niemann, 2002, Sozialisation des Serienmörders, München, GRIN Verlag GmbH
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