Inhaltsverzeichnis
Die Rekrutierung der politischen Elite in Frankreich 3
Selektion mit Tradition - Die Grandes écoles 4
Die Illusion der Chancengleichheit -
Die Zusammensetzung der ENA-Schüler 7
La république des fonctionnaires -
Die Zusammensetzung der politischen Elite 10
Enarchie statt Demokratie? -
Auswirkungen der französischen Elitenrekrutierung 13
Et en Allemagne? - Ein Fazit 17
Literaturverzeichnis. 19
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Die Rekrutierung der politischen Elite in Frankreich
Seit einigen Jahren wird auch in Deutschland über Elitehochschulen diskutiert. Eine dabei oft geäußerte Überlegung lautet: Gegen eine exklusive Ausbildung für Eliten sei nichts einzuwenden, solange die Frage, wer denn in den Genuss dieser Ausbildung kommen dürfe, in einem offenen Verfahren aufgrund von Leistungskriterien bewertet werde - und die Auswahl nicht aufgrund finanzieller Möglichkeiten, des sozialen Hintergrundes oder familiärer Einbindung in undurchsichtige Netzwerke geschehe.
Diese Überlegung ist für einen Franzosen nicht gerade neu. Sie stand im 19. Jahrhundert am Anfang eines Mechanismus zur Selektion gesellschaftlicher Eliten, der bis heute funktioniert. Die politische, administrative, wirtschaftliche und kulturelle Elite rekrutiert sich in Frankreich größtenteils aus den Abgängern einer Handvoll von Elitehochschulen: der Grandes écoles. Der Zugang zu diesen Hochschulen beruht auf knallharten Auswahlverfahren, die sich auschließlich an den Leistungen der Prüflinge orientieren. Grundsätzlich kann an den berühmtberüchtigten concours jeder teilnehmen, der die Hochschulreife, das Baccalauréat, besitzt - in Frankreich immerhin fast 80Prozent eines Jahrgangs. So sollen die besten eines Jahrganges ausgewählt und auf künftige Führungspositionen vorbereitet werden, ohne Ansehen von Geschlecht, Herkunft und sozioökonomischem Hintergrund.
Frankreich setzt also im Prinzip seit über einem Jahrhundert das um, was jetzt auch deutsche Bildungspolitiker anstreben. Doch es empfiehlt sich, einen
1 Sartre 1992: 182
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genaueren Blick auf unser Nachbarland zu werfen, bevor man auch diesseits des Rheins mit dem Aufbau von Elitebildungseinrichtungen mit Aufnahmeverfahren beginnt, die vermeintlich gleiche Chancen für alle bergen. Denn am
französischen Modell sind erhebliche Fragezeichen angebracht: Reproduziert nicht auch gerade das französische Verfahren mit concours und Grandes écoles soziale Ungleichheiten? Und welche Auswirkungen hat dieses
Selektionsverfahren, wenn es auf die politische Elite angewandt wird, wenn also der Abschluss an einer Elitehochschule das entscheidende Kriterium für einen Aufstieg in die politische Elite darstellt?
Selektion mit Tradition - Die Grandes écoles
Frankreich ist historisch durch einen starken Zentralstaat geprägt. Ein starker Zentralstaat braucht eine starke Verwaltung, eine mächtige Bürokratie, die die Entscheidungen aus Paris in der Fläche umsetzt. Im 19. Jahrhundert rekrutierten sich die Mitglieder dieser Bürokratie ausschließlich aus dem Großbürgertum, das die Posten unter sich verteilte. Die Bürokratie war bereits institutionalisiert und professionalisiert, als in der III. Republik langsam die Herausbildung einer professionellen politischen Klasse begann. Die Beamten waren loyale Diener des Königs oder Kaisers gewesen und standen der III. Republik skeptisch bis feindselig gegenüber. Um den Anti-Republikanismus der Verwaltung zu brechen und die undurchsichtige Ämterverteilung zu beenden, kam es zu zwei Reformen, die die Elitenrekrutierung in Frankreich bis heute prägen: Erstens wurde die Vergabe der Spitzenämter in der Verwaltung an Auswahlverfahren geknüpft, die allen offen standen. Diese concours sollten sicherstellen, dass die Fähigsten zum Zuge kamen und Posten nicht mehr in den reaktionären Netzwerken der alten Bürokraten-Elite verteilt wurden 2 . Beginnend mit den Conseil d’Etat 1872 3 führten nach und nach alle Grands corps solche Auswahlverfahren ein. Die Grands corps d’Etat stellen die höchste Stufe im Verwaltungsaufbau dar und umfassen u.a. den Staatsrat (Conseil d’Etat), den
2 Kreuzer/Stephan 2003: 124
3 Bock 1999: 387
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Rechnungshof (Cour des comptes), die Finanzinspektion (Inspection des finances) und das Corps der Vertreter der Zentralregierung in den Départements, das Corps préfectoral.
Zweitens wurde ebenfalls 1872 mit der Gründung der Ecole Libre des Sciences Politiques eine Einrichtung geschaffen, die die Verwaltungsspitzen auf ihre Aufgaben vorbereiten sollte. Ihr Besuch verbesserte die Chancen im Auswahlverfahren für die Grands corps erheblich: Zwischen 1900 und 1935 waren unter 117 in den Conseil d’Etat Aufgenommenen 113 Schüler von Sciences Po, wie die Schule umgangssprachlich genannt wurde. Bei der Inspection des finances lag der Anteil bei 202 von 211, beim Cour des comptes bei 82 von 92 4 . Sciences Po verfügte über ein de-facto-Monopol in der Ausbildung der Spitzenverwaltung. Doch da es sich um eine Privatschule mit hohen Studiengebühren handelte, blieb das gehobene Bürgertum weiter unter sich. Um die höchsten Verwaltungsposten tatsächlich für die Geeignetsten aus allen Schichten zu öffnen, wurde Sciences Po unter dem Namen Institut d’Etudes Politiques de Paris 1945 verstaatlicht, behielt aber ein hohes Maß an Autonomie 5 . Gleichzeitig betrieb Charles de Gaulle die Gründung der ENA, der Ecole nationale d’ administration, die die Ausbildung der Verwaltungseliten übernehmen sollte 6 . An der ENA sind keine Studiengebühren zu zahlen, im Gegenteil: Mit der Aufnahme werden die Studenten Beamte und erhalten ein Gehalt von 1220 Euro 7 .
Die ENA hat die Aufgabe, die administrative Elite auszubilden. Daneben existieren ähnliche Schulen für andere gesellschaftliche Bereiche: Die Ecole Polytechnique für die technische, die Ecole de St-Cyr für die militärische, die Ecole des hautes etudes commerciales für die wirtschaftliche und die Ecoles normales
4 Bock 1999: 392
5 Sciences Po stellt in seiner komplizierten rechtlichen Struktur bis heute einen
Ausnahmefall unter Frankreichs Schulen dar: Die Schule ist Teil der Fondation nationale
des Sciences Politiques, einer privatrechtlichen, formell vom Staat unabhängigen
Stiftung. Gleichzeitig zählt sie jedoch als öffentliche Bildungseinrichtung. Vgl.
Wikipedia.fr 2005. 6 Bock 1999: 393 7 Hartmann 2004: 110
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supérieures für die intelektuelle Elite. Zusammenfassend werden diese und ähnliche Hochschulen als Grandes écoles bezeichnet.
Die Grandes écoles stellen eine Besonderheit des französischen Hochschulsystems dar: Die Anzahl der Studienplätze ist gering, die Ausstattung dafür überdurchschnittlich gut. Daneben existieren die Universitäten, die den Löwenanteil der Hochschulausbildung bestreiten - dort sind 2,1 Millionen Studierende eingeschrieben, an allen Grandes écoles zusammen nur 100 000 8 . Denn an der université gibt es keine gesonderten Zulassungsverfahren: Dort kann jeder und jede studieren, der oder die über die Hochschulreife, ein Baccalauréat des entsprechenden Typs, verfügt. Anders hingegen an den Grandes écoles: Zur Aufnahme muss der concours bestanden werden. An der ENA gelang dies 2005 rund 8 Prozent der Bewerber 9 , die sich darauf meist in 2-jährigen Kursen (classes préparatoires) vorbereitet hatten.
Wer die ENA erfolgreich absolviert, kann sich einen Platz in einem der Grands corps aussuchen - je besser die Abschlussnote, desto länger die Liste der Posten, aus denen der frisch gebackene Enarque wählen kann. Der Anteil der ENA-Absolventen an den Grands corps wächst beständig. Lag er 1963 noch bei 60 Prozent im Conseil d’Etat, so sind es 1993 80 Prozent. In der Inspection des finances wuchs der Anteil von 55 auf 66, an der Cour des comptes sogar von 51 auf 72 Prozent 10 .
8 In den letzten vierzig Jahren hat sich die Studierendenzahl damit verzehnfacht - von
dieser Bildungsexpansion sind die Grandes Ecoles faktisch unberührt geblieben,
Hartmann 2004: 110
9 Eigene Berechnungen nach ENA 2005a. Legt man nicht die Zahl derjenigen zugrunde,
die beim concours erscheinen, sondern alle, die sich beworben haben, erhält man sogar
nur einen Wert von 5 Prozent! 10 Bock 1999: 394
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Arbeit zitieren:
Lutz Weischer, 2005, „Junger Pariser, männlich, aus gutem Hause sucht…“ - Zur Rekrutierung der politische Elite in Frankreich, München, GRIN Verlag GmbH
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