1 Einleitung 1
1.1 Überblick 3
2 Theoretische Positionierung 5
2.1 Eine soziologische Wertedefinition 6
2.1.1 Die individuelle und die gesellschaftliche Dimension von Werten 7
2.1.1.a Individuelle und gesellschaftliche Werte 8
2.1.1.b Gesellschaftliche Werte und Normen 10
2.1.2 Werte und Integration - Perfekte Integration und Formen der Desintegration 11
2.1.3 Werte im historischen Wandel 13
2.2 Universalität von Werten 15
2.2.1 Das 10-dimensionale Wertemodell nach Shalom H. Schwartz 16
2.2.2 Argumente gegen universelle Werte 18
3 Emergente Phänomene 20
3.1 Zwei Ebenen 22
3.2 Eins plus eins gleich drei 22
3.3 Ein qualitativer Unterschied 23
3.4 Neue Eigenschaften 24
3.5 Ein Zuwachs an Bedeutung 25
3.6 Die Verknüpfung der Elemente 26
3.7 Der begrenzende Charakter der Ganzheit 27
3.8 Die relativ beständige Ganzheit 29
3.9 Kreative Selbstgestaltung der Elemente 29
3.10 Kontingenz und Komplexität der Verknüpfungen 30
3.11 Die Abspaltung der Ganzheit 32
3.12 Downward causation 34
3.13 Der zeitliche Aspekt 37
3.16 Kulturelle Werte 40
3.17 Schlussfolgerungen des theoretischen Teils 41
4 Hypothesen 43
4.1 Hypothese 1 43
4.2 Hypothese 2 44
4.3 Praktische Umsetzung 45
5 Der European Social Survey 47
5.1 Die Regionen des European Social Surveys 48
5.2 Die Human Value Scale 50
5.3 Fehlerquellen kulturvergleichender Studien 52
5.3.1 Die Äquivalenz der Antwortskala 53
5.3.2 Die Äquivalenz des theoretischen Konzepts 57
6 Hypothesenprüfung 61
6.1 Hypothese 1 61
6.1.1 Multidimensionale Skalierung 61
6.1.1.a Technische Spezifikationen der Multidimensionalen Skalierung 62
6.1.1.b Ergebnisse (1): Beschreibung der Lage der Regionen 68
6.1.1.c Ergebnisse (2): Beschreibung der Europakarte 70
6.2 Hypothese 2 73
6.2.1 Boxplots 73
6.2.2 Varianzanalyse 75
6.2.2.a Technische Spezifikationen der Varianzanalyse 75
6.2.2.b Ergebnisse der Varianzanalyse 76
6.3 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen des empirischen Teils 78
6.4 Schlussfolgerungen 80
7 Ausblick 81
ii
Literaturverzeichnis
Verzeichnis der Internetseiten
Abbildungsanhang
Tabellenanhang VIII
Syntaxanhang
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Elemente des soziologischen Wertbegriffs
Abbildung 2: Die 10 Wertedimensionen nach Schwartz, theoretisches Modell
Abbildung 3: Neuen kleine Illustrationen
Abbildungen 4a, 4b: Der Zuwachs an Bedeutung, bildlich betrachtet
Abbildung 5: Hypothetische Konfiguration der Persönlichkeitswerte nach Gesellschaften
Abbildung 6: Differenzierung zwischen gesellschaftlichen und individuellen Persönlichkeitswerten.
Abbildung 7: Teilnehmende Regionen
Abbildung 8: Auswirkungen des Befragungsinstruments
Abbildung 9: Kulturelle Unterschiede in der Nutzung der Antwortskala
Abbildung 10: Die interkulturelle Vergleichbarkeit nach Zentrierung der Mittelwerte
Abbildung 11: Äquivalenz des theoretischen Konzepts in 19 Sprachen, MDS
Abbildung 12: Dreidimensionale Skalierung, Dimensionen 1 auf 2
Abbildung 13: Dreidimensionale Skalierung, Dimensionen 1 auf 3
Abbildung 14: Dreidimensionale Skalierung, Dimensionen 2 auf 3
Abbildung 15: Grobe Partitionierung der Länder
Abbildung 16: Vergleich der Lage der Regionen Irlands und Großbritanniens
Abbildung 17: Belgien
Abbildung 18: Europakarte mit den Farbwerten der Dreidimensionalen Skalierung
Abbildung 19: Boxplots der Items der Human Value Scale 2002/2003 und 2004/2005
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Ordnung der Items der Human Value Scale nach theoretischen Dimensionen
Tabelle 2: Die Antwortskala der Items zur HVS
Tabelle 3: Tests der Zwischensubjekteffekte
iii
Abbildungsanhang
Abbildungsanhang 1:
Wertetheorien nach Inglehart, Hellevik, Parsons und Schwartz V
Abbildungsanhang 2: Karte der europäischen Regionen. Abbildungsanhang 3: Cartogram (Ausschnitt) VII
Tabellenanhang
Tabellenanhang 1:
Gruppierte Regionen mit Häufigkeiten 2002/2003 und 2004/2005 VIII
Tabellenanhang 2: Feldzeiten des ESS 2002/2003 und 2004/2005 Tabellenanhang 3: Befragte mit Angaben zur Human Value Scale 2002/2003 und 2004/2005 Tabellenanhang 4: Items der Human Value Scale, englischsprachiger Quelltext XXI
Syntaxanhang
Schritt 1:
Zusammenfügen der beiden Runden zu einem Datenfile XXV
Schritt 2: Löschen nicht benötigter Variablen
Schritt 3: Herstellen einer numerischen Variable für Runde 1 und Runde 2 (2002, 2004) Schritt 4: Umkodieren der Regionen in eine gemeinsame Variable für beide Runden Schritt 5: Vergabe von Variablenlabeln an die Regionen Schritt 6: Umbenennung der 21 Werteitems Schritt 7: Erstellen der Gewichtungsvariable
Schritt 8: Gewichtung der Fälle mit 'Design Weight * Population Weight' Schritt 9: Mittelwerte der 21 Items der HVS nach Ländern und Befragungsrunde Schritt 10: Berechnen des arithmetischen Mittels pro Fall Schritt 11: Zentrieren der Items der HVS
Schritt 12: Aggregieren der Datei, Mittelwerte der Regionen sind neue Fälle Schritt 13: Transponieren der Fälle (Regionen) in Variablen Schritt 14: Umbenennen der neuen Variablen Schritt 15: Dreidimensionale MDS der Regionen Schritt 16: Die MDS der 10 Wertedimensionen Schritt 17: Herstellen einer numerischen Variablen „Land“. Schritt 18: Auswahl der Länder, die in beiden Runden Daten der HVS liefern. Schritt 19: Varianzanalyse nach Ländern und Befragungsrunden. Schritt 20: Boxplots der Items der Human Value Scale. Schritt 21: t-Tests der Items der Human Value Scale. XXXIII
Diese Arbeit wurde in Microsoft Word 2002 mit dem Monotype-Schriftsatz „Bembo Book“ verfasst.
Die Berechnungen erfolgten mit SPSS 12 und Microsoft Excel 2002. Grafiken wurden mit SPSS 12 und Adobe Illustrator erstellt.
iv
1 Einleitung
Der Horizont des einzelnen erweitert sich beständig durch ein immer größer werdendes Bildungs- und Mobilitätsangebot zu einem Nebeneinander und Miteinander unterschiedlicher Wertewelten. Es bildeten sich hybride Lebensformen aus, die durch immer neue Schlagwörter 1 beschrieben werden. Wie sehr kann man angesichts dieser Gegenwelten überhaupt noch von einer gesellschaftlichen Wertegemeinschaft sprechen?
In wieweit haben die traditionellen gesellschaftlichen Werte heute Geltung und in welcher Relation stehen sie zu Werten des (moralischen) Individualismus? Wie erfolgreich kann eine Gesellschaft heute die Individuen dazu führen, ihre Werte gemeinsam und im Einklang mit gesellschaftlichen Normen zu leben? Wie viele Gesellschaften ähnlicher Wertepräferenzen gibt es in Europa? Wie kleinteilig sind die regionalen Besonderheiten bezüglich der Werte eines Europas, das durch Jahrhunderte hindurch zerstritten war, das aus dem Zweiten Weltkrieg geteilt hervorging? Mit der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft begann Mitte des 20. Jahrhunderts nach und nach ein Prozess des Zusammenwachsens, der nun in einer europäischen Verfassung gipfeln soll. Hinsichtlich dieser historischen Entwicklung stellt sich die Frage, wie einheitlich sich die europäischen Werte heute präsentieren.
Die Schweiz ist in vier unterschiedliche Landessprachen geteilt, in Spanien gibt es regionale Minder- heiten mit eigenen Sprachen, die sich teilweise vehement gegen eine kulturelle Gleichsetzung wehren. In ganz Europa gibt es regional und historisch gewachsene Traditionen. Deshalb stellt sich die Frage, ob es empirisch messbare, eine Gesellschaft ausmachende Gemeinsamkeiten gibt, die eine Nation als distinkt von anderen erscheinen lässt. Andererseits, welche Werte sind für regionale Differenzen verantwortlich?
1 “Collapsing power of Reason, crumbling of big narrations, liquidity, flexiblization, multiple belonging, transnational life constellations; God’s death, sectarianism, occultism, new-age and islamization; migrations, multiethnicity and integralism, terrorism, apolidism; mcdonaldization, disneyfication, no-global movements, glocalism, the revival of local traditions, informalism, consumism, prosumerism, infortainment, edutainment, cultural hybridation and holism; de-signification, informatization, presentification, nowaness, smaterialization, disembedding and re-embedding; disenchanting and re-enchanting; sustainability, ecology, genetic manipulations and environmental risks; aesthetization, controlled-uncontrol of passions, raising of fluid emotive tribes, the revaluation of nonrational and not only cognitive forms of existence… point out the radical moral, ethic, cultural, social,… changes taking place in post-modern society.” (Cattaneo 2004:1)
1
Titel dieser Arbeit ist „Konfiguration und Präferenz kultureller Werte in Europa“. Der Titel der Arbeit nennt dabei schon einen Sachverhalt, den diese Arbeit theoretisch herleiten und empirisch nachweisen möchte: Ist die Präferenz von Persönlichkeitswerten kulturell bedingt? Unterscheiden sich die Regionen Europas in ihrer Wertepräferenz systematisch? Kann man von kulturellen Moderatoren sprechen, die die Konfiguration der Werte in eine regionale und nationale Abhängigkeit bringen?
Diese Arbeit schafft im emergenztheoretischen Rahmen eine Wertedefinition, die Persönlichkeitswerte in individuelle und gesellschaftliche Aspekte zerlegt. Sie untersucht Persönlichkeitswerte in 25 europäischen Ländern - man könnte meinen, Persönlichkeitswerte seien zufällig und individuell variierende Einstellungen. Im theoretischen und später im empirischen Teil der Arbeit wird aber nach und nach immer wichtiger, dass die Persönlichkeitswerte latent auch gesellschaftliche Werte und Normen abfragen. Werden diese Werte über Gesellschaften hinweg miteinander verglichen, dann werden kulturelle Unterschiede zu bedeutenden Moderatoren der Persönlichkeitswerte. Die zunächst individuellen Persönlichkeitswerte bilden also bedingt durch gesellschaftliche und kulturelle Moderatoren zu einem gewissen Anteil auch gesellschaftliche und kulturelle Werte ab. Der Titel nimmt diesen in der Arbeit erst nach und nach klarer hervortretenden Sachverhalt vorweg.
2
1.1 Überblick
Zuerst rezipiert die Arbeit den Stand der sozialwissenschaftlichen Werteforschung. Sie definiert den Wertebegriff als gegliedert in die Aspekte des Individuellen und des Gesellschaftlichen sowie des Internen und des Externen. Für ein tieferes Verständnis von Werten werden die Utopien einer integrierten und einer disintegrierten Gesellschaft durchdacht; die Werte der modernen Gesellschaft werden aus ihrer historischen Entwicklung heraus beschrieben. Das theoretische Konzept des 10-dimensionalen Werteraums nach Schwartz wird vorgestellt. Kritik wird am Postulat universeller Werte geübt (Kapitel 2).
Im theoretischen Kernstück werden dann emergenztheoretische Argumente auf die Werteforschung angewendet. Normen werden als emergente Phänomene der gesellschaftlichen Ebene charakterisiert, die auf die individuelle Ebene einwirken und die Werteeinstellungen der Individuen beeinflussen (Kapitel 3).
Im Anschluss an den theoretischen Teil werden zwei Arbeitshypothesen formuliert, die theoretische Kernaussagen anwenden und für die empirische Prüfung aufbereiten. Es wird vermutet, dass Persönlichkeitswerte aufgrund kultureller Moderatoren der gesellschaftlichen Ebene zwischen den Gesellschaften systematisch variieren. Die schon in Kapitel 2 vorgenommene Teilung des Wertbegriffs in den individuellen und den gesellschaftlichen Aspekt mündet in Hypothese 2, dass hauptsächlich der gesellschaftliche Aspekt des Werteraums von Schwartz für die zwischengesellschaftliche Variation der Persönlichkeitswerte verantwortlich ist (Kapitel 4). Die Hypothesen leiten den Ablauf des empirischen Teils der Arbeit an.
Der European Social Survey und die Variablen (die Human Value Scale - eine Itembatterie, die sich an den 10 Wertedimensionen nach Schwartz orientiert und Persönlichkeitswerte abfragt - und die europäischen Regionen) werden vorgestellt. Der Datensatz wird für die Analyse vorbereitet: Die interkulturelle Äquivalenz der Antwortskala und des theoretischen Konzepts wird überprüft. (Kapitel 5). Die in Kapitel 4 aufgestellten Hypothesen werden in Form der Sekundäranalyse des European Social Surveys analytisch geprüft. In vergleichender Analyse werden europäische Regionen auf ihre Wertepräferenzen untersucht. Die Hypothesenprüfung vollzieht sich anhand von Multidimensionalen Skalierungen, deskriptiven Boxplots, Mittelwertvergleichen sowie einer mehrdimensionalen Varianzanalyse. (Kapitel 6).
Kapitel 7 schließt die Arbeit mit einem Ausblick auf Anknüpfungsmöglichkeiten weiterer Forschung ab.
Diese Arbeit begrenzt sich bezüglich der Frage der gesellschaftlichen Determiniertheit von Werten auf die nationale und regionale Determiniertheit. Vermutlich gibt es weitere gesellschaftliche Faktoren, die die Persönlichkeitswerte der Individuen mitbestimmen. Diese recht umfangreichen Faktoren können im Rahmen dieser Arbeit jedoch nicht behandelt werden.
3
Die Arbeit untersucht ein aus der Psychologie stammendes Konzept der Persönlichkeitswerte (Schwartz 1992) aus einem soziologischen Blickwinkel. Die Einzigartigkeit dieser Arbeit ist der in dieser Form neue theoretische Entwurf - eine auf das Thema individueller, gesellschaftlicher beziehungsweise kultureller Persönlichkeitswerte bezogene Theorie der Emergenz.
Andererseits bietet der European Social Survey die Möglichkeit, die gesellschaftliche beziehungsweise kulturelle Bedingtheit von Persönlichkeitswerten auf europäischer Ebene nachzuweisen. Der European Social Survey hat eine ausreichende Stichprobengröße um Persönlichkeitswerte in Europa auf der subnationalen, der regionalen Ebene zu untersuchen. Diese Möglichkeit der Analyse war bisher nicht gegeben oder wurde nicht umgesetzt: “It is surprising how little use of this possibility has been made so far” (Haller 2002: 154).
4
2 Theoretische Positionierung
Der Wissenschaftler verpflichtet sich, Aussagen nicht von seinen eigenen Wünschen und Zielen beinflussen zu lassen. Diese für ein wissenschaftlich neutrales Vorgehen wichtige Askese führte unglücklicherweise dazu, dass viele Soziologen dazu tendieren, auch die Kraft des Normativen als Forschungsfeld zu vernachlässigen (Sayer 2005: 949) 2 . Objektivisten akzeptieren nur einen positivistischen Zugang. 3 Subjektivisten hingegen erkennen die Bedeutung interner Zustände an 4 . Nach Hechters Auffassung sei dies darauf zurückzuführen, dass Objektivisten interne Zustände als nur extrem schwer messbar wahrnehmen (Hechter 1999: 405).
Auch Parsons ging auf diese Kluft zwischen objektiven Situationsfaktoren und ideellen Vorstellungsinhalten ein. In seinem Werk The Structure Of Social Action (Parsons 1968) stellt Parsons den Positivismus, der alle Faktoren auf objektive Bedingungen des Handelns reduziert, dem Idealismus gegenüber, der objektive Konditionen auf subjektive Vorstellungen zurückführt (Jensen 1980: 41). Parsons wollte die aus beiden Positionen entstehenden Widersprüche durch eine vermittelnde Position aufheben, die sowohl die empirisch-konditionale Bedingungen als auch normativ-ideelle Komponenten berücksichtigt. Er argumentiert für eine Integration beider Theoriestränge, weil auch philosophische und unwissen- 2 “With partial exeptions [feministische Theorien], modern social scientists are trained to bracket out the normative matters and adopt an exclusively positive (descriptive and explanatory) approach to the world, rather than what is good or bad about it. This had two unfortunate effects; first, that unless they also happen to have had some training in political and moral philosophy, social scientists lack expertise in normative thinking; and secondly that in their positive studies, they often overlook the normative character of everyday experience. […] We are normative beings, in the sense that we are concerned about the world and the well-being of what we value in it, including ourselves.” (Sayer 2005: 949)
3 Als ein prominenter Vertreter dieser Strömung sei die utilitaristische Sozialtheorie genannt, ein theoretisches Handlungssystem, das durch Atomismus (Individualismus), Rationalität, Empirizismus und zufällige Verteilung der Ziele der Handelnden (randomness of ends) gekennzeichnet ist (vgl. Parsons 1968: 60). 4 Als prominente Vertreter dieser Strömung seien Vilfredo Pareto, Emile Durkheim und Max Weber genannt (vgl. Parsons 1968). Durkheim gilt in seiner frühen Schaffensphase als Vertreter des Idealismus dualistischer Prägung, der entgegengesetzt der Position der Objektivisten die Wichtigkeit von Ideen und Idealen betont: „Against this reductionism, idealists and dualists of varying convictions maintained that thought or spirit composes, above the physical world, a moral, an intellectual, an aesthetic, a religious world, which is, nevertheless, real. Science deals only with facts; reason or spirit, with a realm that cannot be reduced to, or explained by, material elements or biological evolution.” (Wallwork 1972: 10-11) Auch die Komplexitätstheorie ist dieser Auffassung. Byrne betont, wie wichtig das Verstehen der Bedeutungen von Einstellungen für die Analyse ist: „Max Weber’s assertion of the necessity for an social scientist to engage in a process of verstehen, of interpretative understanding, was directed just as much at ensuring that the explanations were adequate at the level of cause as at achieving adequacy at the level of meaning. […] We must examine meanings because we think structures of meaning are causal to social actions and social structures.“ (Byrne 2002: 2)
5
schaftliche Ideen zur alltäglichen Lebenswelt der Menschen gehörten. Menschen gäben ihren Handlungen subjektive Motive - Gefühle und Ideen (Parsons 1968: 26). 5 Die Soziologie könne eine Betrachtung und Analyse der Werte ebenso wenig vermeiden wie die Betrachtung „physischer“ Fakten (Parsons 1968: 764 6 , Parsons 1968: 82 7 ). Deshalb sei Handlung nur als gemeinsames Resultat objektiver und subjektiver Faktoren zu verstehen (Parsons 1968: 253) 8 . Parsons entgegnet der Sichtweise der Objektivisten, dass die Ethik - obwohl sie der subjektiven Sphäre zuzurechnen sei - in einer soziologischen Studie durch gewissenhaft operationalisierte, rationale Kategorien „objektiviert“ werden könne (Davydova 2003: 360) 9 .
Durkheim betrachtet die subjektiven Fakten als Phänomene wie alle anderen auch. Sie bestünden aus Verhaltensregeln, die man an bestimmten Merkmalen erkennen kann. So müsse es möglich sein, sie zu beobachten, sie zu beschreiben, sie zu klassifizieren und Gesetze zu suchen, die sie erklären (Durkheim 1991: 307).
Die vorliegende Arbeit setzt sich für eine Integration subjektiver Faktoren ein. Sie lässt sich auf eine soziologische Wertforschung ein; begründet und untersucht die gesellschaftliche beziehungsweise kulturelle Bedingtheit von Persönlichkeitswerten.
2.1 Eine soziologische Wertedefinition
In der wissenschaftlichen Literatur existiert kaum Konsens über die Definition von Werten (Hechter 2005: 103) 10 . Nichtsdestotrotz sind ihre Definition betreffend Übereinstimmungen zu entdecken. Ge- 5 „Men subjective motives to their actions. If asked why they do a given thing, they will reply with a reference to a ‚motive’. It is a fact that they manifest the subjective feelings, ideas, motives, associated with their actions by means of linguistic symbols as well as in other ways. […] It is also a fact beyond dispute that men entertain and express philosophical, i.e., non-scientific ‘ideas’. This fact also raises basic problems for the sciences of human action. For it is, further, a fact that men subjectively associate these ideas in the closest way with the motives they assign to their actions. It is important to know what relation the fact that men entertain such ideas, and that in any specific case the ideas are what they are, bears to the equally definite facts that they act, or have acted, as they do.” (Parsons 1968: 26)
6 “The sciences of action can no more avoid concern with them than they can with ‘physical’ facts.” (Parsons 1968: 764) und: “Besides the conditions of the environment there must be factors determining social forms other than random variations.” (Parsons 1968: 220)
7 „The question naturally arises whether this use of the subjective point of view is merely a methodological device or is essential to our scientific understanding by means of the action schema of the phenomena being studied. One conclusion of this study will be that it is more than a methodological device and that certain of the fundamental elements involved in human behaviour in society are not capable of systematic theoretical fromulation without reference to subjective categories unless a totally different conceptual scheme is used.“ (Parsons 1968: 82) 8 “Action should be thought of as a resultant of [psychology, biology, environment] and the normative factors together.” (Parsons 1968: 253)
9 Davydova fasste Parsons Auffassung treffend und knapp zusammen: “Although morality belongs to the subjective sphere, it can, however, be objectified’ in a sociological study through carefully constructed rational categories.” (Davydova 2003: 360)
10 “There is little consensus about the definition of values in the scholarly literature.” (Hechter 2005: 103)
6
meinsam ist vielen Theorien, dass Werte als Präferenzstrukturen betrachtet werden, die die Wahl von Handlungsoptionen bedingen (Hofstede 1994: 8 11 , Roßteutscher 2004: 409, Sayer 2005: 947 12 , Regenbogen 1998: 31 13 ). Werte beruhten auf Dispositionen, auf eine bestimmte Art zu handeln - das heißt, auf eine voreingenommene Art und Weise zu handeln (Hechter et al. 2005: 91) 14 . Werte manifestierten sich in Einstellungen - Einstellungen seien eine Ansammlung geordneter Überzeugungen, die sich auf ein bestimmtes Objekt oder eine Situation beziehen. Aufgrund dieser Einstellungen neigten wir dazu, in einer bevorzugten Art und Weise zu handeln. (Davydova 2003: 361) 15 Werte sind nur dann handlungsanleitend und hilfreich, wenn sie in eine Hierarchie des wichtigerunwichtiger, besser-schlechter gebracht werden. Werte sind teilweise in Relation zueinander unvereinbar. (Roßteutscher 2004: 428)
2.1.1 Die individuelle und die gesellschaftliche Dimension von Werten
Die Wissenschaftler unterscheiden übereinstimmend zwischen zwei Dimensionen des Wertebegriffs: der individuellen (psychologischen) und der gesellschaftlichen (sozialen) Dimension. Rokeach (1968: 160) definiert Werte als die Überzeugung, dass eine Handlung oder ein Handlungsziel persönlich oder sozial gegenüber anderen Handlungen oder Handlungszielen vorzuziehen ist. Auch Durkheim bezeichnet Werte (Ethiken) als jene Regeln, die sich auf das Verhältnis des Individuums einerseits zu sich selbst (psychologische Repräsentationen) und andererseits zu seinem alter ego und zur Gesellschaft (kollektive Repräsentationen) beziehen (Durkheim 1991: 64). Durkheim beschreibt den sozialen Aspekt als Kollektivbewusstsein und trennt ihn so von den individuellen Bewusstseinen (Durkheim in Parsons 1968: 358) 16 . Représentations collectives sind all die Vorstellungen, die das Individuum von der sozialen Umwelt besitzt, die das Wissen des Individuums über die Phänomene seiner Umwelt ausmachen, im Gegensatz zu den représentations individuelles, die unabhängig von der Existenz von sozialen Beziehungen sind, also Phänomene des Körpers und der nichtmenschlichen Umwelt. (vgl. Parsons 1968: 360-361)
Hechter führt dieser Unterscheidung noch einen dritten Zweig hinzu. Er unterscheidet gesellschaftliche Normen, gesellschaftliche Werte, und persönliche Präferenzen (Hechter 2005: 91-92). Gesell-
11 “Broad 12 “Moral sentiments are viewed as evaluative judgements on how behaviour affects well-being.” (Sayer 2005: 947) 13 „’Wert’ bezeichnen wir in der Umfrageforschung als eine Zielvorstellung oder einen Maßstab für individuelles und kollektives Handeln.“ (Regenbogen 1998: 31)
14 „Values are one of a class of hypothetical constructs of psychological tendencies or dispositions, to act in particular (that is, biased) ways.” (Hechter et al. 2005: 91)
15 “Springing from Parsons’ theory’s attempts to operationalise ‘values’ (so that a distribution of ‘value orientations’ among members of society can be presented quantitatively) are associated with Rokeach (1968) who defined value as a ‘belief that a specific mode of conduct or end-state of existence is personally or socially preferable to alternative modes of conduct or end-states of existence. Once a value is internalised it becomes, consciously or unconsciously, a standard or criterion for guiding action, for developing and maintaining attitudes toward relevant objects and situations […] for morally judging self and others, and for comparing self with others’. (Rokeach 1968: 160)” (Davydova 2003: 361)
16 „The social is present in so far as human action is determined by the conscience collective by contrast with the conscience individuelle.“ (Durkheim in Parsons 1968: 358)
7
schaftliche Normen böten externe Kriterien der Evaluation, gesellschaftliche Werte seien generelle, relativ stabile und anhaltende interne Kriterien der Evaluation und individuelle Präferenzen seien hingegen spezifischer und relativ vergänglich. Hechter nennt Normen erst dann „Werte“, wenn diese vom Individuum internalisiert wurden (Hechter 2005: 91-92) 17 . Werte würden somit auf dem Hintergrund von Reflexivität und Bewusstsein gewonnen (Elias in Byrne 1998: 49-50). Sind Werte internalisiert, so werden sie auch unbewusst Kriterien des Handelns.
Damit sind zwei Begriffspaare im Spiel, welche den Wertbegriff umschreiben: gesellschaftlich - individuell und extern - intern (Abbildung 1).
Diese Begriffspaare beschreiben die verschiedenen Gattungen von Werten, die das Individuum leiten. Wichtig ist der Aspekt, dass die gesellschaftlichen Werte sowohl dem sozialen Bereich zugehörig sind und gleichzeitig vom Individuum internalisiert wurden.
Abbildung 1: Elemente des soziologischen Wertbegriffs
Eigene Grafik, eigene Herleitung.
Außer den beiden Begriffspaaren gesellschaftlich vs. individuell und extern vs. intern geben die Eigenschaften gesellschaftlicher und individueller Werte auch weitere Gegensätze ab: generell versus spezifisch und relativ stabil versus relativ vergänglich.
2.1.1.a Individuelle und gesellschaftliche Werte
Individuelle (psychologische) Werte des Individuums sind ein das Handeln leitendes Kriterium, sind Entscheidungshilfe bei der Entwicklung und Beibehaltung von Einstellungen gegenüber Personen und Situationen (Rokeach 1968: 160).
Individuelle Werte sind Persönlichkeitswerte, die aus egoistischem Selbstinteresse heraus in Relation zum Individuum selbst oder zu anderen stehen. Sie stehen in Kontrast zu moralischen Werten; sie haben keinen moralischen Charakter (Durkheim in Giddens 1978: 66-67) 18 .
Durkheim differenziert Typen von Werten, die im Individuum verankert sind: (1) Ideen, welche die externe Umwelt repräsentieren, (2) Ideen, welche die Zustände des biologischen Organismus und des
17 „‘Internalized norms’ are considered to be values.” (Hechter 2005: 91-92)
18 “Can acts which are purely egoistic, i.e., oriented wholly to the self, have a moral character? Durkheim argued that they cannot; self-interest is logically distinct from moral conduct. […] Morality derives from a source which goes beyond individual interests.” (Giddens 1978: 66)
8
Selbst repräsentieren und Ideen, welche andere repräsentieren (Wallwork 1972: 31). 19 Den (2). betreffenden Unterschied zwischen den Persönlichkeitswerten des biologischen Organismus und der geistigen Persönlichkeit beschreibt Durkheim als Dualität, die jener des homo duplex gleiche. Auch hier findet sich die Differenzierung nach individuellen und gesellschaftlichen Persönlichkeitswerten (vgl. Abbildung 1) wieder:
Gefühle, welche aus dem biologischen Organismus herrühren, und solche, welche sich auf Dinge beziehen, die außerhalb unseres Körpers liegen. Das erste Wesen beziehe alles auf sich selbst und auf betrachte alles auf seine Weise. Dies sind die psychologischen, individuellen Persönlichkeitswerte. Das zweite Wesen kenne die Dinge sub specie aeternitis, als ob es an den externen Gedanken teilhabe und welches in seinem Handeln Ziele erreichen möchte, die seine eigenen übersteigen. Von einfachen Erklärungen weit entfernt habe unser Inneres - bildlich gesprochen - zwei Zentren der Schwerkraft. Das eine sei unsere Individualität und der Körper, in welchem sie verankert ist. Das andere Zentrum sei alles in uns, was etwas ausdrückt, das über uns selbst hinausgeht. Bewusstseinszustände dieses zweiten Zentrums müssten aus der Gesellschaft kommen, insofern die Gesellschaft die einzige Entität sei, welche das Individuum in ihrer Komplexität und moralischer Überlegenheit ausreichend übersteige, um psychische Phänomene dieser Art zu erzeugen (Wallwork 1972: 61) 20 . Deshalb sei es die Gesellschaft, die das Individuum dazu bewegt, sein körperliches Selbst zu transzendieren und in den höheren Formen des moralischen Lebens teilzunehmen. Dieser zweite Bestandteil der Dualität sind also die internalisierten gesellschaftlichen Werte.
Die Dualität internalisierter Werte (vgl. Abbildung 1) ist von besonderer Bedeutung. Die psychologische und die gesellschaftliche Dimension sind als Extrempunkte in einem Kontinuum zunehmender Sozialität zu verstehen. 21 Durkheim betont, dass nur eine Kombination der psychologischen und der sozialen Wertedimension das Wesen von Moral hinreichend beschreibe. Durkheim benennt einzelne Werte und bemerkt, dass diese nicht nur verpflichtende Regeln der Handlungsanleitung seien, sondern auch Gefühle der Sympathie und Liebe, altruistischer Loyalität und uneigennütziger Treue, emotionale Reak- 19 “Durkheim among three major types of purely psychological (noncollective) representations: ideas that represent the external world, ideas that represent states of the biological organism and the self, and ideas that represent others. In as much as ‘moral’ sentiments ordinarily concern persons rather than things, it follows that ideas representing the self and those representing others are of primary concern to the scientific moralist.” (Wallwork 1972: 31)
20 “There is in each individual both a bodily self, derived from sensory feelings, and a spiritual self, derived from representations that express something other than our bodily organisms. These two aspects of our psychic life are, therefore, opposed to each other as are the personal and the impersonal. There is in us a being that represents everything in relation to itself and from its own point of view; in everything that it does, this being has no other object but itself. There is another being in us, however, which knows things sub specie aeternitis, as if it were participating in some thought other than its own, and which , in its acts, tends to accomplish ends that surpass its own. The old formula homo duplex is therefore verified by the facts, Far of being simple, our inner life has something that is like a double centre of gravity. On the one hand is our individuality - and, more particularly, our body in which it is based; on the other is everything in us that expresses something other than ourselves. States of consciousness of the latter type, Durkheim asserts, must derive from society, inasmuch as a society is the only entity in nature that sufficiently surpasses the individual in terms of complexity and moral superiority to engender psychic phenomena of this sort. (Wallwork 1972: 61)
21 Zwischen den individuellen und den gesellschaftlichen Werten liegt beispielsweise nach Durkheim eine sozialstrukturelle Ebene der Gruppenloyalitäten, welche durch soziale Gruppen oder durch Repräsentationen, die durch Gruppen produziert wurden, wachgerufen würden (Wallwork 1972: 46).
9
tionen der Reue und des Bedauerns und das bewusste Streben nach Ordnung, Harmonie, Solidarität und Wohlbefinden (Wallwork 1972: 27). 22
2.1.1.b Gesellschaftliche Werte und Normen
Die soziale Dimension der gesellschaftlichen Werte und der Normen (vgl. Abbildung 1) beruht auf Leitbildern, die besagen, welche Handlungsoptionen sozial gewünscht oder „gut“ und welche „schlecht“ sind. Werte differenzieren Handlungen und Handlungsziele als „besser“ oder „schlechter“, als hinnehmbar oder inakzeptabel (Haller 2002: 143) 23 . Werte „organisieren“ auf diese Weise ein Handlungssystem, insofern sie Handlungsgegenstände, Verhaltensweisen und Handlungsziele einem Kontinuum von Zustimmung und Ablehnung zuordnen (Regenbogen 1998: 30). Das Wünschbare ist Norm beziehungsweise gesellschaftlicher Wert, wenn es allgemeine Gültigkeit hat.
Auch bei Parsons findet sich die in Abbildung 1 aufgezeigte Struktur. Parsons beschreibt das Normative als Aspekt eines Handlungssystems, das ein Gefühl induziert, dass etwas in sich selbst ein Ziel - einen wünschenswerten zukünftigen Zustand darstellt, den es gegen Widerstände zu erreichen gilt. Eine Norm sei die verbale Beschreibung der wünschenswerten Handlungsschritte in Verbindung mit dem Befehl, zukünftige Handlungen an diesem Ziel zu orientieren (Parsons 1968: 75) 24 . Parsons nennt für den Begriff Wert die Umschreibungen Norm und Ziel (Parsons 1968: 448), wobei Normen als gesellschaftliche Vorgaben und Ziele als individuelle Werte verstanden werden.
Zur relativen Langlebigkeit von Normen als gesellschaftlichen Vorgaben trägt bei, dass diese in besonders feste gesellschaftliche Formen gegossen sind. Sie sind in Codices und Standards institutionalisiert, an denen über einen längeren Zeitraum lang festgehalten wird (Regenbogen 1998: 30). Diese Definition betont den zwingenden Charakter der Norm. Normen sind laut dieser Definition konkrete Handlungsvorschriften.
Der soziale Aspekt von Werten (vgl. Abbildung 1) - mit Durkheim gesprochen die moralischen Verpflichtungen des Kollektivbewusstseins oder die représentations collectives - wirke mit außergewöhnlicher Kraft auf das Individuum ein. Es seien ihre Beständigkeit und die ihnen innewohnende Intensität, die uns dominierten, sodass sie ungleich stärker als die Persönlichkeitswerte auf uns einwirkten. Es sei, als besit- 22 “Durkheim that ‘the facts of the moral life’ include not only obligatory rules of conduct, but sentiments of sympathy and love, feelings of altruistic loyalty and disinterested devotion, emotional reactions of remorse and regret, and the conscious pursuit of order, harmony, solidarity, and well-being.” (Wallwork 1972: 27) 23 “Values can be defined as guiding images of social action which denote some of these as socially desirable and ‘good’, other as ‘bad’. Thus, values include an element of desirability and an ethical-moral component, differentiating different forms of human conduct and of objects to which humans strive, as ‘better’ or ‘worse’, as acceptable or unacceptable” (Haller 2005: 143).
24 „The term normative will be used as applicable to an aspect, part or element of a system of action if, and only so far as, it may be held to manifest or otherwise involve a sentiment attributable to one or more actors that something is an end in itself, regardless of its status as a means to any other end for the members of a collectivity, for some portion of the members of a collectivity or for the collectivity as a unit. An end, for these purposes, is a future state of affairs to which action is oriented by virtue of the fact that it is deemed desirable by the actor(s) but which differs in important respects from the state which they would expect to supervene by merely allowing the predictable trends of the situation to take their course without active intervention. A norm is a verbal description of the concrete course of action thus regarded as desirable, combined with a injunction to make certain future actions conform to this course.“ (Parsons 1968: 75)
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zen sie etwas Übermenschliches, als bänden sie uns unbewusst oder bewusst an Objekte, die sich außerhalb unseres in Raum und Zeit verankerten Lebens befänden (Wallwork 1972: 39) 25 .
Eine moralische Regel sei erst eine, wenn sie als verpflichtend akzeptiert wird, wenn sie über das rein Zweckmäßige hinausgeht. Aber dies allein sei nicht hinreichend. Notwendigerweise müsse Moral auch einen Aspekt enthalten, der das Glück und die Selbstverwirklichung des Individuums als Ziel beinhalte, und zwar nicht als Mittel zur Erreichung von etwas, sondern als selbsttragendes Ziel. „Only the combination of the two elements [Zwang und Verlangen] gives a complete account of the nature of morality“ (Parsons über Durkheim 1968: 387, 391) 26 .
2.1.2 Werte und Integration - Perfekte Integration und Formen der Desintegration
Werte haben durch den zwingenden Charakter ihrer Wirkung als gesellschaftliche Norm für jede Gesellschaft eine integrative Funktion. Ein Blick auf utopische Extremzustände der perfekten Integration sowie drei Varianten der Desintegration machen dies deutlich.
In der Utopie einer Gesellschaft perfekt integrierter Werte werden die Überzeugungen und Praktiken von allen geteilt. Die Individuen teilen eine Kultur - ein System von Normen, Überzeugungen, Sitten und Bräuchen (Berk 2006: 62-64).
Diese Integration entspricht der von Durkheim beschriebenen mechanischen Solidarität. Der Zusammenhalt der Gesellschaft resultiert aus der gemeinsamen Kultur. Perfekte Integration impliziert ein konsistentes System von Werten. Außerdem ist die gesellschaftliche Kontrolle über das Individuum bei perfekter Integration effektiv und so wirksam, dass sich die Gesellschaft quasi selbst gehorcht (Parsons 1968: 377). Es gibt folglich keinen Bedarf einer aktiven Repression, die das erwachsene Individuum von außen reglementieren. Die internalisierten Werte allein regeln das Zusammenleben in selbsttätiger Ordnung. Perfekte Integration beinhaltet auch die eindeutige Formulierung der höchsten Werte (Parsons 1968: 254) 27 - das heißt die Formulierung von Werten, die für alle dieselbe Bedeutung haben, und die übereinstimmende Interpretation dieser Werte.
Perfekte Integration ist ein theoretisches Konstrukt, das real nicht erreicht werden kann, weil Integration immer ein Kompromiss zwischen spannungsgeladenen Komponenten ist: der persönlichen, der
25 “By virtue of their collective origin, their universality, their permanence in time, and their intrinsic intensity, these sentiments have exceptional power. They are thus radically separated from the rest of our conscience, which consists of much weaker mental states. They dominate us. They possess, as it were, something superhuman, and, at the same time, they bind us to objects that are outside our temporal life. They are experienced as an echo in ourselves of a force which is foreign to us, and which is superior to what we are. We are thus forced to project them outside ourselves, to attribute what concerns them to some external object.” (Wallwork 1972: 39) 26 „Duty or constraint is not the only leading characteristics of morality. […] There is, [Durkheim] says, also the element of the good, of desirability. A moral rule is not moral unless it is accepted as obligatory, unless the attitude toward it is quite different from that of expediency [=Zweckmäßigkeit, Vorteil]. But at the same time it is also not truly moral unless obedience to it is held to be desirable, unless the individual’s happiness and self-fulfilment are bound up with it.” (Parsons 1968: 387)
27 “In a ‘completely rationally integrated society’ […] there would be complete integration of the ends of individuals with the common system, and precision in the formulation of the ends themselves.” (Parsons 1968: 254)
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sozialen und der gesellschaftlichen bezwiehungsweise im Gesellschaftsvergleich der kulturellen Komponente. Keine der drei kann praktisch der perfekten Integration nahe kommen (Parsons 1964: 16-17, 42). Auch wenn das Extrem der perfekt integrierten Gesellschaft praktisch nie erreicht wird, sei ein Mindestmaß an moralischer Integration konstituierend für das Bestehen einer Gesellschaft.
Die moralische Verpflichtung hält das Individuum an, die gesellschaftliche Ordnung aufrecht zu halten. Fehlt diese Verpflichtung; fehlt der Respekt vor den Normen gänzlich, gibt es nur Unordnung und auf einer tieferen Ebene Anomie (Parsons 1968: 386).
Das Extrem der einer disintegrierten Gesellschaft kann man sich auf drei Arten ausmalen. Das gänzliche Fehlen gesellschaftlicher Werte und damit das Fehlen von Gesellschaft ist der Grund für das Chaos des Naturzustandes, wie ihn Thomas Hobbes beschreibt. Die beiden anderen Extreme beziehen sich zum einen auf die nachlassende Bedeutung gesellschaftlicher Werte in der Postmoderne (Emotivismus), zum anderen auf eine fehlende Internalisierung von Normen (Anomie).
Das klassische Gegenbeispiel zur moralischen Gesellschaft ist Thomas Hobbes’ Naturzustand (Hobbes 1986). Er beschreibt eine utilitaristische Welt ohne gesellschaftliche Werte; eine Welt des egoistischen Erreichens individueller Ziele. Der Mensch des Naturzustands sei frei von jeder Moral im gesellschaftlichen Sinn. Es ist nahezu ein purer Utilitarismus, wobei die Handlungsbasis in den Leidenschaften des einzelnen liegt. Die Handlungsziele sind diskret, zufällig verteilt und variieren zufällig. Es gibt keine gemeinsamen Vorstellungen von „Gut“ und „Böse“. Die Individuen handeln rational, wählen in Abhängigkeit zur Situation die effizientesten Mittel (Parsons 1968: 90-91) 28 . Hobbes erkannte zu Recht, dass eine Welt ohne Werte zu Chaos führe. Sicherlich existiert in Gesellschaften eine basale Ordnung, die als approximative Plane die Bedingungen für die Annahmen der utilitaristischen Theorien schafft. Sie ist jedoch nicht in metaphysischer Weise naturgegeben, sondern gesellschaftlich gegeben (vgl. Parsons 1968: 95-100). Die Integration des Individuums in ein System moralischer Werte wird seit Hobbes als die Lösung des ungezügelten Machtkampfes aller gegen alle angesehen (vgl. Parsons 1968: 768) 29 . Bei Machiavelli überlebt der Hobbes’sche Naturzustand im politischen rationalen Kalkül des italienischen Fürsten. 30 Er idealisiert den absoluten Herrscher als frei von jeder Moral (Machiavelli 2001).
28 „Hobbes’ system of social theory is almost a pure case of utilitarianism […]. The basis of human action lies in the ‚passions’. Theses are discrete, randomly variant ends of action, ‚There is no common rule of good and evil to be taken from the nature of the objects themselves.’ In the pursuit of these ends men act rationally, choosing, within the limitations of the situation, the most efficient means. But this rationality is strictly limited, reason is the ‚servant of the passions’, it is concerned only with questions of ways and means.“ (Parsons 1968: 90-91). 29 “In order that there may be a stable system of action involving a plurality of individuals there must be normative regulation of the power aspect of the relations of individuals within the system. […] The solution of the power question […] involves a common reference to the fact of integration of individuals with reference to a common value system, manifested in the legitimacy of institutional norms, in the common ultimate ends of action, in ritual and in various modes of expression.” (Parsons 1968: 768)
30 Gemeint ist in diesem Zusammenhang nur das extreme Bild des Fürsten, nicht die in den Discorsi (Macchiavelli 2000) beschriebene Republik.
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Auch der Emotivismus stellt eine Extremposition der gesellschaftlichen Disintegration dar. Er steht für eine rein individuelle Auffassung von Moral, für einen moderne Gesellschaften befallenden Bedeutungsverlust gesellschaftlicher Ethik. Nach der Theorie des Emotivismus werden moralische Urteile rein gefühlsbetont und aus individuellen Vorlieben heraus gefällt. Der Emotivismus schließt auch eine rationale Urteilsfindung aus. Deshalb könnte auch nicht gesagt werden, was - objektiv betrachtet - ein moralisches Urteil sei und was nicht (Davydova 2003: 267-268).
Eine disintegrierte Gesellschaft ist mit Durkheim gesprochen eine anomische Gesellschaft (Durkheim 1977). Anomie ist der Zustand der Desorganisation, wobei Normen ihren Einfluss auf die Handlungen der Individuen verloren haben beziehungsweise dann nicht mehr existent sind, da sie nicht mehr gelebt werden. Das Extrem ist der pure Individualismus, der Hobbes’sche Krieg aller gegen alle (Parsons 1968: 377) 31 .
Schlussfolgerung
Werte besitzen eine integrative Funktion. Um nicht in einen chaotischen Zustand zu verfallen, müssen die Mitglieder einer Gesellschaft unweigerlich ein Minimum gemeinsamer Werte teilen (Parsons 1968: 391) 32 .
2.1.3 Werte im historischen Wandel
Werte entwickeln sich aus historischen Prozessen heraus (Byrne 1998:15). In welcher Relation stehen perfekte Integration und völlige Disintegration gesellschaftlicher Werte zur historisch gewachsenen Realität gesellschaftlicher Werte? - Obwohl diese Extreme nie erreicht wurden, kam es in der Geschichte zu einer Bewegung weg von der Integration und hin zur Disintegration gesellschaftlicher Werte oder anders interpretiert zu einer Verlagerung der Problemstellung, auf welche die Gesellschaft mit neuen Werten zur Lösung dieses Problems reagiert.
Als einen Grund für die historische Entwicklung hin zur Disintegration nennt Wallwork die stetig zunehmende Größe von Gesellschaften. Die Gesellschaften nahmen im Laufe des 20. Jahrhunderts in ihrem geographischem Umfang und ihrer Bevölkerungsdichte mehr und mehr zu. Unter diesen Bedingun- 31 „Anomie precisely this state of disorganization where the hold of norms over individual conduct has broken down. Its extreme limit is the state of ‚pure individualism’ which for Durkheim as it was for Hobbes the war of all against all. Coordinate with and opposite to the state of anomie is that of ‚perfect integration’ which implies two things - that the body of normative elements governing conduct in a community forms a consistent system and that its control over the individual is actually effective - that it gets itself obeyed.“ (Parsons 1968: 377) 32 “At least to the extent necessary to guarantee the minimum of order there must be a sharing of systems of values; there must be a system of common values. This must be a vital feature of any community though its importance may vary from the gurarantee of a bare minimum of order to the state of perfect integration where all action is to be understood as the complete realization of such a system of values.” (Parsons 1968: 391) und: “Without a welldefined system of values [ideals and norms] shared to some degree with other members of the community the concrete individual is not thinkable.” (Parsons 1968: 399)
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gen sieht Wallwork (1972: 80) die alten spezifischen und detaillierten moralischen Regeln verschwinden. Durch den zunehmenden Umfang der modernen Gesellschaften und der sich daraus in dieser zuvor nicht gekannten Dimension neu formulierten Problemstellung der Integration ergäben sich neue gesellschaftliche Werte, die dieses Problem besser bewältigen können.
Durkheim (1977) beschreibt diesen historischen Wandel von der stark integrierten Stammesgesellschaft hin zum heutigen moralischen Individualismus. Während die moralische Disziplin in früheren Gesellschaften - bestimmt durch die Klarheit und den Zwang der moralischen Regeln - überwog, käme es heute - bedingt durch die immer komplexer werdende Gesellschaft - zum Verschwinden des einenden kollektiven Bewusstseins und zu einer größeren Autonomie des Handlungsspielraums einzelner Subgruppen (Wallwork 1972: 76, 84). Moralische Regeln würden in differenzierten Gesellschaften nicht mehr unreflektiert beibehalten, seien nun nicht mehr passive Resignation, sondern aufgeklärte Treue (Giddens 1978: 70-71). „Je größer und komplexer die Gesellschaften werden, desto größer wird auch ihr Bedürfnis nach Reflexion zur Selbststeuerung. […] Je komplexer das soziale Milieu wird, desto größer wird auch seine Beweglichkeit.“ (Durkheim 1991: 129) In modernen Gesellschaften fehle der Fixpunkt des Traditionalismus mehr und mehr. Die Traditionen hätten ihre Macht eingebüßt, und die freie Kritik führe zur Verwirrung und Auflösung gesellschaftlicher Werte in individuellen Unterschieden. Die gesellschaftlichen Werte und die Normen - und damit die gesamte Gesellschaft - habe dadurch keinen festen Boden mehr unter den Füßen. 33
Parsons bekräftigt die These der abnehmenden Kraft der Traditionen bei gleichzeitig zunehmender Unabhängigkeit des Handelns. Diese historische Entwicklung entdeckte Parsons bei Marshall wieder. Marshall weist aber auf eine der Disintegration gegenläufige Entwicklung hin, denn auch die zuerst neu im entstehen begriffenen individualistischen und rationalen Handlungsarten könnten im Laufe der Zeit zur Gewohnheit und damit tradiert werden, jedoch sah Marshall trotz dieses stabilisierenden Effekts in jüngster Zeit ein Überwiegen der Substitution traditioneller Werte durch beispielsweise ökonomisch rationales Handeln (Parsons 1968: 155-156).
Auch Durkheim mildert die Tragweite dieser Veränderung ab. Die ständigen Veränderungen seien kurzatmig, es könne daraus kein grundlegender Wandel entstehen (Durkheim 1991: 134, 135, 142) 34 .
33 „Wie wir gesehen haben, führt das Fehlen oder die nur rudimentäre Ausbildung eines schwachen Staates in den einfachen Gesellschaften zu einem rigorosen Traditionalismus. Das liegt daran, dass die Gesellschaften über kraftvolle Traditionen verfügt, die sich dem individuellen Bewusstsein tief eingeprägt haben: und diese Traditionen haben eben deshalb solche Macht, weil dieses Gesellschaften einfach sind. Das gilt jedoch nicht mehr für die großen Gesellschaften unserer Zeit; dort haben die Traditionen ihre Macht eingebüßt, und da sie unvereinbar sind mit dem Geist des Prüfens und der freien Kritik, dessen Erfordernis wir heute immer stärker verspüren, können und dürfen sie ihre frühere Autorität nicht behalten.[…] Die Gesellschaft hat keinen festen Boden mehr unter den Füßen. Es fehlt jeglicher Fixpunkt. Und da der kritische Geist hoch entwickelt ist, da jeder seine eigene Art zu denken hat, vergrößern all diese individuellen Unterschiede nur noch die Verwirrung. Daher das chaotische Bild, das manche Demokratien bieten; daher der beständige Wandel und die Instabilität. Als schlüge beständig der Wind um - eine zusammenhanglose Existenz, kurzatmig und erschöpfend. Wenn solch ein Zustand sich wenigstens für tief greifende Veränderungen eignete!“ (Durkheim 1991: 134)
34 „Doch die Veränderungen, die solcherart zustande kommen, sind oft nur oberflächlicher Natur. Denn große Veränderungen brauchen Zeit, sie bedürfen der Überlegung und der Beharrlichkeit in den Bemühungen. Allzu oft geschieht es, dass diese ganzen tagtäglich vorgenommenen Veränderungen sich gegenseitig aufheben und dass der Staat letztlich in einem stationären Zustand verharrt. […] Die stark verwurzelten Gewohnheiten und Routinen, die von diesen Veränderungen unberührt bleiben, gewinnen unter solchen Umständen erst recht an Bedeutung,
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Die Veränderungen, die die moderne Gesellschaft bringt, bedeutet also nicht das Verschwinden von Moral. Wallwork interpretiert den Bedeutungsverlust gesellschaftlicher Werte nicht als Verlust, sondern als eine Verlagerung. Die großen, modernen Gesellschaften brachten neue Problemstellungen. An den Platz der alten Regeln seien relativ generelle und abstrakte Prinzipien getreten. Eine große und verstreute Gruppe von Menschen habe weniger geteilte Erfahrungen, weniger Gemeinsamkeiten. Deshalb sei das Bild der Moral gegenwärtig weniger präzise und nicht so konkret wie es einmal war. Die neuen Werte seien noch vergeistigter, eher rational und weniger bindend, da abstrakte Regeln umso mehr den Zwischenschritt der individuellen Reflexion abverlangten, um diese Regeln praktisch anzuwenden. Wallwork sieht im Kollektivbewusstsein moderner Gesellschaften einen Bedeutungszuwachs der Rechte und Privilegien des Individuums (Wallwork 1981).
Schlussfolgerung
Sind gesellschaftliche Werte in der heutigen Zeit noch in den Individuen verwurzelt, so dass man Gesellschaften aufgrund ihrer gesellschaftlichen Werte voneinander unterscheiden kann, oder ist es vielmehr so, dass sich die gesellschaftlichen Werte so sehr an Bedeutung einbüßt haben, dass sie nicht mehr erkennbar sind; sich verlagert haben zugunsten individueller Unterschiede? Sind individuelle Werte an ihre Stelle getreten?
2.2 Universalität von Werten
Parsons sieht das kulturelle System der Werte losgelöst von Raum-Zeit-Kontinuum, sieht Werte als ewige Objekte, jedoch nicht von unbegrenzter Dauer. Diese ewigen Objekte existierten, verkörpert durch Symbole, nur in den Gedanken der Individuen (Parsons 1968: 762) 35 . Diese Beschreibung macht Parsons nicht zum Universalisten. Parsons beschreibt Werte als zeitlich begrenzt und als rein kognitives Konstrukt. Im Gegensatz dazu gehen Haller und Schwartz einen Schritt weiter. Sie charakterisieren Werte als universell. Was für Werte sind das und in welcher Relation stehen sie zur soziologischen Definition (vgl. Abbildung 1)?
Haller (2002:143) stellt die Frage nach konkreten Werten und ihrer Anzahl, lenkt aber gleich darauf ein, dass Werte kein vollständiges, kohärentes und integriertes System bildeten. Werte sollten eher als Handwerkszeug, als eine Ansammlung heterogenen Inhalts und heterogener Funktion konzeptualisiert werden.
denn sie allein erweisen sich als wirkungsvoll. Ihre Kraft verdanken sie der übermäßigen Unbeständigkeit alles übrigen.“ (Durkheim 1991: 135, 142)
35 “The culture systems are distinguished from both the others [nature & action] in that they are both non-spatial and atemporal. They consist, as Professor Whitehead says, of eternal objects, in the strict sense of the term eternal, of objects not of indefinite duration but to which the category of time is not applicable. […] As objects they exist only ‘in the minds’ of individuals. Or ‘embodied’ in systems of symbols the ‘understanding’ of which implies a mind.“ (Parsons 1968: 762)
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Dennoch kennt Haller universell geltende Werte (2002: 143). Er unterscheidet universelle Werte, gesellschaftliche Werte und situationale Werte. Universelle Werte seien dabei jene basalen Werte, die auch in den Menschenrechten beschrieben stehen und wie sie jede gebildete „Zivilisation“ kenne. Diese Werte seien von den großen Denkern der Menschheitsgeschichte und den Gründern der großen Weltreligionen vorgeschlagen worden. Es seien die so genannten Human values. Als Beispiele nennt Haller Gleichheit, Freiheit, Gerechtigkeit und Respekt. Diese Ideen existierten und überdauerten in einem objektiven Sinn, sie überdauerten sogar - niedergeschrieben in Büchern - die Menschen selbst (Haller 2002: 143). 36
Auch gesellschaftliche Werte und Normen enthielten dieses universelle Element, sie seien jedoch nicht in allen gebildeten Gesellschaften und nicht immer vorhanden, da sie eine Referenz zu konkreten sozialen Problemen hätten. Situationale Wertorientierungen schließlich könnten auch normative Elemente der höheren Ebenen beinhalten, seien aber eher idiosynkratisch individuelle Vorlieben und Wünsche, wobei diese teilweise den Einstellungen entsprächen, die in Meinungsumfragen erfasst werden (Haller 2002: 143).
2.2.1 Das 10-dimensionale Wertemodell nach Shalom H. Schwartz
Auch Shalom H. Schwartz 37 spricht sich theoretisch wie empirisch 38 für die Existenz eines universellen Systems von Werten aus (Schwartz 1992). Er vermutet Universalien in Inhalt und Struktur von Werten.
Schwartz’ Suche nach universellen Werten ist von folgenden Prämissen geleitet: Schwartz sucht nach Werten, die eine hohe Wahrscheinlichkeit haben, inhaltlich in allen Kulturen erkannt und verwendet zu werden, um Einstellungs- und Handlungsprioritäten zu generieren. Außerdem sollten alle Werte von angemessener Wichtigkeit im Set enthalten sein - das Set von Werten sollte vollständig sein, da ansonsten ausgeschlossene, aber einflussreiche Werte die Ergebnisse beeinflussen. Drittens sollten die Werte in verschiedenen Kulturen gleiche oder ähnliche Bedeutung haben - minimale Bedeutungsgleichheit ist die Voraussetzung des interkulturellen Vergleichs. Viertens sollten die Werte in Beziehung zueinander eine konsistente Struktur von miteinander vereinbaren und zueinander in Konflikt stehenden Werten formen.
Ausgehend von diesen Anforderungen und von postulierten Grundbedürfnissen - zum einen das Bedürfnisse des Individuums als biologischer Organismus, zum anderen Requisiten koordinierter sozialer Interaktion und außerdem Bedürfnisse des Überleben und der Wohlfahrt von Gruppen (Schwartz 1992: 4) - entwickelten Schwartz und Bilsky zehn polar geordnete motivationale Wertedimensionen (Abbildung 2). Aneinander grenzende Wertetypen seien sich ähnlich, die Zunahme der Distanz (verdeutlicht
36 Diese Arbeit begegnet dem Anspruch von Universalität und Ewigkeit mit einiger Vorsicht. Im Abschnitt 3.11 „Die Abspaltung der Ganzheit“ wird am Beispiel der Menschenrechte ausführlicher auf diese Problematik eingegangen.
37 Schwartz gehört zu der Reihe von Vertretern einer Wertetheorie, die auf Prioritätensetzung und Unvereinbarkeit von Widersprüchlichem beruht, so wie auch Parsons, Rockeach und Inglehart (Roßteutscher 2004: 409). 38 „The data give no support to the idea that there are additional universal motivational types of values still missing from the theory.“ (Schwartz 1992: 37)
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durch die Kreisbahn) bedeute eine Abnahme der Ähnlichkeit und zunehmende Divergenz. Gegenüberliegende Wertetypen stünden in größtem Kontrast zueinander (Schwartz: 14). Schwartz spannt hiermit einen mehrdimensionalen Werteraum auf, dessen Pole sich widersprechen. 39
Schwartz fasst die zehn Wertedimensionen in individuellen oder kollektiven Interessen dienende Werte zusammen. Erstere ist in Abbildung 2 blau, die andere rot markiert. Die beiden Wertedimensionen universalism und power dienten sowohl individuellen als auch kollektiven Interessen (Schwartz 1992: 13).
Abbildung 2: Die 10 Wertedimensionen nach Schwartz, theoretisches Modell
Die Persönlichkeitswerte sind nach Schwartz (1992) in einer bipolaren Struktur geordnet. Sie zerfallen in den individuellen und gesellschaftlichen Aspekt. Auf dem Kreisrund nebeneinander liegende Werte sind miteinander vereinbar, gegenüberliegende Werte stehen in Konflikt zueinander.
Guttmans Facettenansatz (Guttman 1982) folgend entwickelte Schwartz ein Set dynamischer Beziehungen, in welchen die Werte zueinander stehen. Werte sind danach nach Ähnlichkeiten (similarities) und Unähnlichkeiten (dissimilarities) der Beweggründe angeordnet. Die Verfolgung eines jeden Werts habe psychologische und soziale Konsequenzen, die mit der Verfolgung anderer Zielwerte in Konflikt stehen oder in Einklang stehen können. So steht beispielsweise das Streben nach Leistung (achievement) in Konflikt mit dem Streben nach Beistand (benevolence) - der selbstbezogene Wille zum Erfolg kann Handlungen entgegenstehen, die das Wohlergehen anderer, die unsere Hilfe benötigen, im Sinn haben. Andererseits ist das Streben nach Leistung vereinbar mit dem Streben nach Macht (power) - die Suche nach persönlichem Erfolg stärkt oder wird gestärkt durch Handlungen, die die eigene soziale Position und Autorität über andere verbessern. Noch ein Beispiel: Das riskante Streben nach Spontaneität und Abenteuer (stimulation) unterläuft die Erhaltung tradierter Bräuche (tradition). Im Gegensatz dazu ist die Verfolgung
39 Arnold Gehlen äußerte die These, dass eine Moralphilosophie nicht aus einem Stück auftreten könne; dass sie pluralistischer Gestalt sei; dass sich ihre Teile gegenseitig widersprechen könnten (Gehlen 2004). In Schwartz’ Theorie findet sich dieses Argument wieder.
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traditionaler Werte vereinbar mit dem Streben nach Anstand (conformity); beide motivieren Handlungen der Anpassung an externe Erwartungen (Schwartz 1992).
Die Konflikte und Vereinbarkeiten unter den zehn Werten erzeugen eine integrierte Konfiguration, sie ordnen die Relationen der Werte zueinander. Diese Struktur kann in orthogonalen Dimensionen zusammengefasst werden.
Zwei Achsen prägen den Werteraum nach Schwartz besonders.
•
Prestige (self-enhancement) vs. Altruismus (self-transcendence): auf dieser Achse stehen Macht (po-
gänzende Theorien stützen sich gegenseitig. So beweisst jede Theorie die Konstruktvalidität der anderen. Abbildung 1 im Abbildungsanhang zeigt die Vereinbarkeit Schwartz’ Theorie mit den Theorien Ingleharts (1989), Parsons (1964) und Helleviks (2002) auf.
Zusammenfassung
Schwartz suchte auf theoretischem und empirischem Weg nach disjunkten Werten für den interkulturellen Vergleich. Die gesuchten Werte sollten möglichst vollständig sein und in allen Kulturen mit derselben Bedeutung erkannt werden. Schwartz schloss aus theoretischen und empirischen Überlegungen heraus auf einen universellen, in allen Gesellschaften vorhandenen Werteraum.
2.2.2 Argumente gegen universelle Werte
Gesellschaftlichen Werten sei ein gewisser generalisierender Charakter zugesprochen. In Interaktionen mit anderen handeln wir sie aus; sie kontrollieren uns. Wir stellen uns vor, was unser Verhalten für andere bedeutet; wie wir von anderen gesehen werden; generalisieren eine moralische Erfahrung auf ähnliche Situationen. Auf diese Weise entwickeln wir teilweise unbewusst und teilweise reflektiert und in
40 “People may differ considerably in the importance they attribute to each of the ten basic values, but their values are apparently organized by the same structure of motivational oppositions and compatibilities. This integrated motivational structure of relations among values makes it possible to study how whole systems of values, rather than single values, relate to other variables.” (http://essedunet.nsd.uib.no, 04.06.2006)
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Praxis eingeübt eine Sammlung ethischer Dispositionen (Sayer 2005: 952), die mit den nach Ähnlichkeiten und Unähnlichkeiten angeordneten Persönlichkeitswerten Shalom S. Schwartz’ verglichen werden können. Trotzdem wendet sich diese Arbeit gegen die These der Universalität von Werten, denn diese Universalität ist nur eine scheinbare.
Empirische Studien zeigen, dass die Universalien Inkonsistenzen aufweisen (Schwartz 1995, Bilsky 2002). Aber auch theoretische Gründe sprechen gegen universelle Werte.
Eine Theorie der Komplexität richtet sich vehement gegen jeden Universalismus. Emergence, history und context sind drei zentrale Begriffe der Komplexitätstheorie. Sie stehen für die Auffassung, dass alle transhistorischen, universalistischen Statements dazu tendieren, entweder trivial oder falsch zu sein (Mouzelis in Byrne 1998: 48). Aus soziologischer Hinsicht ist Gesellschaft immer historisch und lokal verortet zu betrachten. Die These eines universellen Werteraums ist aus soziologischer Sicht deshalb nicht haltbar. Es sind weitere Werte denkbar, die Schwartz nicht berücksichtigte, zum Beispiel Verantwortungsbewusstsein, Selbstbewusstsein oder Kritikfähigkeit.
Durkheim begreift Moral als einen Prozess der induktiven Entdeckung. Die Vielzahl moralischer Gesetze sei variabel, weil sie funktional durch soziale Gegebenheiten determiniert ist, und somit gesellschaftsabhängig ist.
Der Werteraum gesellschaftlicher Normen und Werte räumlich und zeitlich begrenzt, ein relatives Konzept (Parsons 1968: 767) 41 . Es kann nicht von ohne eine Prüfung der Verhältnisse als gesichert gelten, dass die Werte über Subgruppen hinweg die gleiche oder ähnliche Bedeutung haben.
Die aus dieser theoretischen Positionierung gewonnenen Einsichten fliessen als Grundlagen in die im nächsten Kapitel aufgespannte Theorie ein.
41 „The idea of a ‚general level of values’ is nonsensical because value is a relative concept.” (Parsons 1968: 767)
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3 Emergente Phänomene
Emergent systems are complex dynamical systems that display global behaviour that cannot be predicted from a full and complete description of the component units of the system. Sawyer 2002: 228
Die Komplexitätstheorie ist das interdisziplinäre Verstehen der Realität als zusammengesetzt aus
komplexen, offenen Systemen
mit emergenten Eigenschaften und dem Potential zur Transformation. Eine entscheidende Konsequenz der Komplexitätstheorie ist jene, dass Wissen inhärent lokal, kontextbezogen und nicht universell ist. Die Wissenschaft der Komplexität ist inhärent dynamisch. (Byrne 2005:97)
„What we have to deal with are complex systems - non-linear, far from equilibric and evolutionary com-
Diedigen Werden begriffenes System. Sie betont die Historizität und den Prozesscharakter der Gegenwart, denn die Welt ist schon da während wir handeln und unsere Handlungen sie verändern (Byrne 2005: 103). Auf diese Weise steht die Komplexitätstheorie Giddens Theorie der Strukturierung nahe (Giddens 1988), nach welcher kulturelle Werte sowohl historisch gegeben sind als auch durch unser Handeln konstituiert und verändert werden. Der komplexitätstheoretische Ansatz hilft das Nebeneinander von Ordnung und Unordnung zu begreifen. Er beschreibt, dass die Welt komplex ist, unvorhersehbar und unwiederbringlich, unordentlich aber nicht anarchisch (Urry 2005: 12) 42 . Gerade komplexe Systeme entwickeln eine Art „Behäbigkeit“, so dass über die Zeit hinweg das meiste bleibt und sich Veränderungen nur in geringem Maß durchsetzen. 43 Nach der Komplexitätstheorie sind deswegen auch kleine Veränderungen bedeutend, da sich Veränderungen in großen Systemen nur langsam einstellen. Die Idee der Emergenz ist für den Komplexitätsansatz zentral (Urry 2005: 5). 44
42 „Thus, for the social and the cultural sciences, complexity analyses bring out how there is order and disorder within these various systems. In particular, we can see how the global order is a complex world, unpredictable and irreversible, disorderly but not anarchic.” (Urry 2005: 12)
43 “The trajectories of complex systems have histories that are a mixture of ‘much the same’ and change.” (Bryne 2005: 105)
44 “Central, then, to complexity is the idea of emergence. It is not that the sum is greater than the size of their parts
- but that there are system effects that are different from their parts. Complexity examines how components of a system through their interaction ‘spontaneaously’ develop collective properties or patterns. […] These are nonlinear consequences that are non-reducible to the very many individual components that comprise such activities. Such emergent characteristics emerge from, but are not reducible to, the micro-dynamics of the phenomenon in question.” (Urry 2005: 5)
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Dipl.-Soz. Christian Vollmer, 2006, Konfiguration und Präferenz kultureller Werte in Europa, München, GRIN Verlag GmbH
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