Inhaltsverzeichnis
Einf ührung. 3
I. Definition „Stalinismus“ - Die westliche Forschung. 3
II. Formen der Aufarbeitung - Literarische Auseinandersetzungen 5
III. Rußland 7
1. Der traditionelle Literaturbegriff in Rußland 7
1.1 Mythos Literatur. 7
1.2 Umfunktionierung der Literatur 8
1.3 Mythos Schriftsteller 8
2. Entstalinisierungsbestrebungen vor der Perestrojka. 9
2.1 1953-1964 Die Tauwetterperiode. 9
2.2. 1964-1982 Breshnev-Ära 10
3. Perestrojka. 10
3.1 Definition „Stalinismus“ in der S.U 10
3.2 Verlust der Vorrangsstellung des Diskurssystems Literatur 11
IV. Polen. 12
1. Stalinismus in Polen. 12
2. Die polnischen Intellektuellen. 12
3. Phasen 14
3.1 1956-1968 14
3.2 1976-1984 16
3.3 1985-1989 Perestrojka 19
3.4 1990-1992 Totalitarismustheorien und juristische Aufarbeitung. 20
4. Das Ende der geistigen Führerschaft’ der Intellektuellen 21
Schlu ßbemerkung. 23
Literatur. 24
2
Einführung
Um eine Basis für den Vergleich Rußlands und Polens hinsichtlich der Aufarbeitung des Stalinismus im literarischen Diskurs zu finden ist es notwendig, 1.) zu definieren, wer wann was unter „Stalinismus“ verstanden hat und 2.) Unterschiede bezüglich der zeitlichen Dauer, des Ausmaßes der Wirkung des Stalinismus auf die gesellschaftlichen Strukturen und der Beeinflussung der Wahrnehmung der Menschen zu benennen.
Ich werde zuerst auf die Entwicklung der westlichen Stalinismus-/ Totalitarismusforschung eingehen, um zu zeigen, daß sie verglichen mit der (internen) Aufarbeitung dieser Epoche in der SU und in Polen einen Prozeß der Entideologisierung durchlaufen hat. Man kann sogar sagen, daß sie ähnliche Phasen durchlief: von der polemisch überzogenen Aburteilung bis zur Reflexion der eigenen Position innerhalb dieser Debatte.
Danach nenne ich die in Abhängigkeit vom gesellschaftlichen Diskursbereich zu unterscheidenden Formen der Aufarbeitung und stelle drei Kategorien von literarischen Texten vor, die den verschiedenen Phasen der Auseinandersetzung zuzuordnen sind. Dann gehe ich zur Betrachtung der gesellschaftlichen Stellung der Schriftsteller und der Literatur über. Dies soll mir als Basis dienen, das Agieren der Schriftsteller im politischen und literarischen System der SU und Polens zu erklären.
I. Definition „Stalinismus“ - Die westliche Forschung
Die traditionelle Sichtweise der (westlichen) Sowjetunionforschung ging bis in die 60er Jahre von einem Primat der Ideologie aus. Sie unterstellte eine Dichotomie von Staat und Gesellschaft, in der der Staat die Gesellschaft einseitig dominiert. Das persönliche Regiment Stalins habe das System beherrscht. Terror sei das wichtigste Instrument gewesen, mit dem der Staat seine Ziele gegen die Gesellschaft durchgesetzt habe. Gesellschaft wurde demnach lediglich als Subjekt der ideologisch dominierten Politik gesehen. 1
Nach Schröder steht diese Idee von einem Dualismus zwischen Staat und Gesellschaft in der Tradition der Auffassung der Intelligenzija des 19. Jahrhunderts, „die sich als Sprecher der Gesellschaft verstand und sich dabei kritisch von der zarischen Autokratie abgrenzte.“ 2 Nach der Revolution habe diese Setzung Eingang gefunden in das Denken der oppositionellen sowjetischen
1 Hans-Henning Schröder, „Stalinismus ‘von unten’? Zur Diskussion um die gesellschaftlichen Voraussetzungen
politischer Herrschaft in der Phase der Vorkriegsfünfjahrpläne“, in: Dietrich Geyer (Hrsg.), Die Umwertung der
sowjetischen Geschichte, Göttingen 1991, S. 135.
2 ebenda S. 136.
3
Intelligenz und in die Vorstellungswelt westlicher ‘Sowjetologen’. „Die Annahme, das System sei ideologisch determiniert, die Vorstellung von einer überdimensionalen Bedeutung der Person Stalins und die These von einer wirksamen Erfassung der Gesellschaft durch den Herrschaftsapparat speist sich wiederum aus der Selbstdarstellung des „Stalinismus“, die in westlichen Arbeiten unbefragt übernommen, jedoch negativ umgewertet wurde.“ 3 In den 70er Jahren fanden sozialgeschichtliche Methoden Zugang in die Forschung. Als vordringliche Aufgabe wurde nun gesehen, die gesellschaftlichen Strukturen zu analysieren. „Identifikation und analytische Zerlegung sozialer Gruppierungen - Bürokratie, Arbeiterschaft, Landbevölkerung - sollten Aufschluß über die hierarchische Gliederung von Gesellschaft im „Stalinismus“ geben.“ Ziel war es, eine Vorstellung von der Komplexität stalinistischer Sozialstrukturen zu geben und „dabei jene Setzungen aufzubrechen, die die westliche Forschung stillschweigend von der Selbstdarstellung der sowjetischen offiziellen Politik übernommen hat.“ 4 In den Jahren des Kalten Krieges wurde der Begriff sowohl vom Westen als auch vom Osten politisch instrumentalisiert. Man verglich das kommunistische System im Zuge der Totalitarismusforschung mit dem Faschismus und setzte beide mitunter gleich. Die politischen Beweggründe dieser Vergleiche und Gleichsetzungen sind unverkennbar. Dennoch reicht es nicht aus, die Totalitarismustheorien einfach ideologiekritisch zu entlarven und als unbrauchbar zu verwerfen.
Kennzeichnend für den Forschungsstand Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre ist folgende Definition von Gerd Meyer: Stalinismus kann „als Theorie und Praxis des sowjetischen Herrschaftssystems unter der Führung J.W. Stalins seit etwa Mitte der 20er Jahre mindestens bis zu Stalins Tod [1953] sowohl als spezifische Entwicklungsphase und -strategie eines zunächst rückständigen Landes im Zuge des Aufbaus des Sozialismus wie auch als Strukturtypus eines nichtkapitalistischen, totalitär geführten Gesellschaftssystems gesehen werden.“ 5 Der Begriff dient demnach, so Meyer weiter, zur „Kennzeichnung eines konservativen, bürokratisch-autoritären und repressiven Herrschaftssystems bzw. einzelner seiner Praktiken (z.B. „Neostalinismus“ in der UdSSR in der Ära Breshnew).“ 6 Er bezieht sich also hauptsächlich auf eine abgegrenzte historische Epoche und auf Strukturmerkmale eines politischen Systems. Zu den wesentlichen Strukturmerkmalen gehören die gewaltsame Kollektivierung und der beschleunigte Industrieausbau. Diese Maßnahmen bewirkten erhebliche soziale Umbrüche. Sie wurden zentral geplant und gesteuert, sind vielfach mit sozialem Druck oder Zwang bei oft hohen materiellen Kosten und Verlusten an Menschenleben durchgesetzt worden. Dieses Merkmal des
3 Schröder, a.a.O., S. 136.
4 ebenda S. 139.
5 Gerd Meyer, „Stalinismus“, in: Dieter Nohlen (Hrsg.), Wörterbuch für Staat und Politik, Bonn 1995, S. 743f.
4
Stalinismus - die soziale und geographische Mobilität (der 30er Jahre), die eng mit Repressionen verknüpft war - ist vom traditionellen westlichen Verständnis lange außer acht gelassen worden. Es wurde erst 1986 von Sheila Fitzpatrick - in Weiterführung des sozialhistorischen Ansatzes von Moshe Lewin - als eines von drei Untersuchungsfeldern benannt, mittels derer die Sozialgeschichte einen Beitrag zur Analyse des Stalinismus leisten kann. 7 Ein weiteres Strukturmerkmal des stalinistischen Systems ist die rigorose Ausschaltung jeglicher Opposition, die Einparteienherrschaft und die Stärkung der Geheimpolizei. Ihre Rechtfertigung erfuhren diese Maßnahmen durch die staatliche Ideologie vom ‘Aufbau des Sozialismus in einem Land’. Diese bot Stalin die Gelegenheit zu verkünden, daß sich in dieser Aufbauphase innersowjetische Klassengegensätze verschärfen würden und die Partei daher zu besonderer Wachsamkeit gegenüber allen Klassenfeinden gezwungen sei. Der katechetisch vereinfachte und dogmatisierte Marxismus-Leninismus diente der Mobilisierung der Massen für den Kampf um die Errichtung der „ersten wirklichen Demokratie der Menschheitsgeschichte.“ 8 Er wurde ergänzt durch die kulthafte Verehrung Lenins und immer mehr auch Stalins sowie dem russischnationalistischen Sowjetpatriotismus im „Großen Vaterländischen Krieg“.
II. Formen der Aufarbeitung - Literarische Auseinandersetzungen
Der Begriff „Stalinismus“ wird im Zuge der Vergangenheitsbewältigung unterschiedlich angewandt. Hinsichtlich des Ortes der Auseinandersetzung müssen verschiedene Formen der Aufarbeitung unterschieden werden: die juristische, die politische, die wissenschaftliche (v.a. die geschichtswissenschaftliche) und die literarische Aufarbeitung. Diese Sphären der Gesellschaft sind eng miteinander verknüpft und doch ist davon auszugehen, daß es bezüglich der Art und der Intensität des Vorgehens erhebliche Differenzen gibt. Das hängt unter anderem mit den verschiedenen Interessen und Zielsetzungen von Einzelpersonen, Gruppierungen oder Parteien zusammen.
Die Hauptakteure, jene, die den Prozeß der Aufklärung und damit der Bewußtwerdung über die Vergangenheit vorangetrieben haben, gehörten in Rußland vor allem der schriftstellerischen Intelligenz an. Das bedeutet: Austragungsfeld der Debatte um die Vergangenheit war in Rußland zunächst die Literatur. In Polen wurde der Prozeß nicht allein von der schriftstellerischen Intelligenz vorangetrieben. Zwar hatte auch hier die Literatur im gesellschaftlichen Bewußtsein
6 ebenda.
7 Hans-Henning Schröder, „Stalinismus ‘von unten’?, S. 138.
8 zitiert nach: Gerd Meyer, a.a.O., S. 744.
5
einen hohen Status inne. Es existierten aber noch andere identitätsbildende Faktoren, die parallel zu ihr wirkten.
Abhängig von der inhaltlichen Schwerpunktsetzung und von den gewählten ästhetischen Mitteln lassen sich die Texte in verschiedene Kategorien einteilen: Es gibt 1.) vorrangig thematische Auseinandersetzungen, die aufklären wollen und rein darauf abzielen Wissen zu erweitern; 2.)Texte, die anklagen und verurteilen, in denen die Täter im Vordergrund stehen - hier sind gerade solche zu finden, die alte Muster einfach nur umkehren - und Texte, die Trauerarbeit leisten, in denen um die Opfer geweint und versucht wird sie dem Vergessen zu entreißen. Dem gegenüber stehen 3.) Problemorientierte Texte, die nicht einfach nur inhaltlich mit der Vergangenheit brechen, nicht nur aburteilen und vergraben, sondern eine neue Form und eine andere Ebene der Auseinandersetzung suchen. Diese Art, ein Thema ästhetisch zu behandeln ist in der Lage sowohl aufzuklären, als auch anzuklagen und zu trauern, ohne die Welt plakativ in Gut und Böse zu teilen.
Zur ästhetischen Form der Aufarbeitung, die in der Lage ist, diese drei Kategorien zu einen, mußte im Prozeß der Aufarbeitung erst gefunden und sie mußte erst als adäquat erkannt werden. Sie bedarf der Distanz und Selbstreflexion. Genau das war und ist das Problem vieler Schriftsteller: Sie sind selbst in das System verstrickt gewesen, über das sie nun aus „objektiver“ Perspektive, d.h. von der Seite des über das Böse Aufklärenden gesehen, schreiben wollen. Es konnte jetzt nicht mehr darum gehen, einseitig Täter-und Opferschaft gegeneinander zustellen und zu glauben als vermittelnde Instanz, wie eine Art Sprachrohr der Gesellschaft gegenüberzustehen. Wollte man begreifen, wie das System funktioniert hat, mußte man zuallererst die eigene Position als Schriftsteller in der Gesellschaft und damit auch das Verhältnis von Literatur und Gesellschaft überdenken.
Die Frage nach der Aufarbeitung des Stalinismus im literarischen Diskurs Rußlands und Polens berührt demnach sowohl die gesellschaftliche Stellung der Schriftsteller als auch die gesellschaftliche Bedeutung und das Wirken von Literatur.
6
III. Rußland
1. Der traditionelle Literaturbegriff in Rußland
1997 schrieb Christine Engel, daß die Diskussion über die Rolle der Literatur und der Schriftsteller in Rußland weitgehend verstummt sei. 9 Während zu Beginn der 90er Jahre noch heftig über die Gründe des Niedergangs oder gar des Todes der Literatur gestritten wurde, hat man sich scheinbar daran gewöhnt, daß sich das Literatursystem als solches und vor allem seine Stellung als gesellschaftliches Diskursystem geändert hat. Eine der Ursachen für die tiefe Verunsicherung unter den Teilnehmern am literarischen Diskurs ist der seit dem 19. Jahrhundert vertretene und bis in die 90er Jahre unangefochtene Literaturbegriff.
1.1 Mythos Literatur
Die russische Literatur hatte sich im 19. Jahrhundert als dominantes Medium für die gesellschaftliche Bewußtseinsbildung herausgebildet. Engel schreibt, dem russischen Roman des 19. Jahrhunderts sei die Funktion eines Meisterdiskurses zugekommen. In seinem Terrain wurden Probleme der Religion, Philosophie und Gesellschaftspolitik ausgefochten. 11 Das prägte ein Verständnis von Literatur, in dem sie nicht nur ein Teil dieser anderen Wertsysteme war, sondern eine integrierende Vorrangstellung einnahm.
Sie folgte einem Literaturbegriff, demzufolge Literatur in erster Linie als moralische und ethische Instanz gesehen wurde. Sie wurde als „ein Modell der Weltschöpfung“ betrachtet, das „eine Antwort auf alle ‘letzten Fragen’ geben könne.“ 12 Nicht die ästhetischen, sondern die pragmatischen Funktionen standen im Vordergrund. Diese Vorstellung von Literatur sei, so Engel weiter, durch Mythenbildung abgestützt und aufrechterhalten worden und einer der verbreitetsten Mythen sei gewesen, daß die „große Literatur“ Heilswirkung und Erhabenheit beinhalte, woraus auch die Ehrerbietung abgeleitet worden sei, die der Literatur und den Literaten entgegengebracht werden sollte. Diese Sentimentalisierung und Moralisierung hätten es vor allem in der Sowjetzeit
9 Christine Engel, „Funktionalisierung des sowjetischen Literaturbetriebs“, in: Osteuropa 9/1997, S. 853.
10 zitiert nach: Christine Engel, „Abschied von einem Mythos. Funktionswandel des gegenwärtigen sowjetischen
Literatursystems“, in: Osteuropa 9/1991, S. 834.
11 ebenda S. 832.
12 ebenda S. 833.
7
Arbeit zitieren:
Magistra Artium (M.A.) Kerstin Brummack, 1999, Die Aufarbeitung des Stalinismus im literarischen Diskurs Russlands und Polens, München, GRIN Verlag GmbH
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