Inhaltsverzeichnis
Die sowjetische Nationalitätenpolitik unter Stalin 1
Einleitung 3
I. Nation als soziale Konstruktion 4
II. Frühe sowjetische Nationalitätenpolitik (1917-1929) 6
1. Vom Selbstbestimmungsrecht der Völker zur korenizacija 6
1.1 Selbstbestimmungsrecht - Zwischen Revolution und Bürgerkrieg 6
1.2 korenizacija 8
III. Sowjetpatriotismus als neue Integrationsideologie (1934) 15
1. Rückzugsbewegungen bei der Nations-Bildung 15
2. Die Ursachen des Umschwungs 16
2.1 Kollektivierung 16
2.2. Industrialisierung 17
Fazit 17
Literatur 18
2
Einleitung
Die Nationalitätenpolitik wurde in den 20er Jahren zu einem der ausschlaggebenden Handlungsfelder sowjetischer Innenpolitik. Sie stellt kein Randgebiet, sondern einen zentralen Bereich der inneren Entwicklung der Sowjetunion dar, weil das Eingreifen in die Verhältnisse „nationaler Minderheiten“ an der Peripherie die Hälfte der Gesamtbevölkerung betraf. 1 Bei der Periodisierung des Themenkomplexes herrscht in der Forschung Uneinigkeit. 2 Ich möchte im Folgenden an Gerhard Simon anknüpfen. Dieser orientiert sich an der zeitlichen und thematischen Einteilung von M. Fainsod 3 , der mit Beginn der 30er Jahre eine Zäsur in der sowjetischen Nationalitätenpolitik ausmacht und diesen Zeitpunkt für den eigentlichen Anfang des Stalinismus in der Innenpolitik hält. Spätestens in den 30er Jahren endete die von Lenin eingeleitete nationsfördernde Politik. Der allmählich eintretende Umschwung mündete unter Stalin in die durch massive Gewaltanwendung hervorgerufenen sozialen Umwälzungen der „Revolution von oben“.
Daraus ergeben sich für diese Arbeit zwei wesentliche Komplexe: Erstens die Zeitspanne bis etwa 1929 mit einem allmählichen Übergang bis 1934 und zweitens der Zeitraum ab 1934. Schwerpunkt dieser Untersuchung ist die erste Periode. Dargelegt werden sollen wesentliche Grundzüge der Nationalitätenpolitik. Für regionale Einzeluntersuchungen und detaillierte Vergleiche des staatlichen Vorgehens in den unterschiedlichen Regionen bietet der Rahmen dieser Arbeit nicht genügend Raum.
Die Erörterung soll durch folgende Fragestellungen geleitet werden: Worin bestehen die Charakteristika der sowjetischen Variante der Nationsbildung? Woran lässt sich der allmähliche Kurswechsel erkennen? Welche Ursachen sowie sozialgeschichtlichen Begleitumstände bedingten den Umschwung, und welche Folgen brachte er mit sich? Die einleitende Erläuterung des Begriffs der „Nation als sozialer Konstruktion“ dient als Hintergrund, vor dem die sowjetische Nationalitätenpolitik erklärt werden soll. Der Begriff verdeutlicht die Komplexität von Nationsbildungsprozessen, verweist auf die Künstlichkeit und damit auch auf die Fragilität von Nationen.
1 Gerhard Simon, Nationalismus und Nationalitätenpolitik in der Sowjetunion. Von der totalitären Diktatur zur
nachstalinschen Gesellschaft, Baden-Baden, 1986, S. 24.
2 siehe Darstellung bei Gerhard Simon, „Nationalismus und Nationalitätenpolitik in der Sowjetunion seit Stalin“,
in: Georg Brunner/ Boris Meissner (Hrsg.), Nationalitäten-Probleme in der Sowjetunion, Köln 1982, S. 47.
3 M. Fainsod, Wie Russland regiert wird, Köln/ Berlin 1965.
3
I. Nation als soziale Konstruktion
In der Fachdebatte über Nation, Nationalstaat und Nationalismus stimmt man weitgehend darin überein, dass diese Begriffe und das, was sie bezeichnen sollen, Erscheinungen der Moderne sind. 4 Bei der Nation handelt es sich um ein ideengeschichtlich junges Konzept, das im Kontext der Ausbildung von bürgerlicher Gesellschaft und der Ausbreitung der industriellen Revolution als Forderung nach der Einheit von politischen und kulturellen Grenzen zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Europa seine Verbreitung fand. Der Ansatz, dass Nationalismus historisch bedingt und die Nation ein Konstrukt ist 5 , lässt sich anhand der hier erörterten Problematik zur Nationalitätenpolitik unter Stalin nicht nur schlüssig nachvollziehen, sondern ist für das Verständnis des Themas von zentraler Bedeutung. Der Ansatz besagt, dass die Nation keine überhistorische Wesenheit ist, die auf eindeutig zu bestimmenden, klar nach außen abgrenzbaren und überzeitlichen Eigenschaften beruht, die durch Nationalismus lediglich erweckt werden. Nationalismus kann als ein Zusammenwirken von sozialen Mechanismen verstanden werden, in Folge dessen die Nation zuallererst erschaffen wird.
Die Betonung des imaginierten Charakters der Nation läuft jedoch in Gefahr, einseitig dahingehend interpretiert zu werden, dass Nationen reine Fiktionen und aus purem Willen heraus beliebig konstruierbar sind. Dann gäbe es kein Kriterium, mit dessen Hilfe sich erklären ließe, warum gerade diese und jene, aber nicht andere Nationen entstanden sind. Es soll weder die Existenz von Nationen in Frage gestellt, noch sollen die Unterschiede zwischen Individuen, die solche Großgruppen formen, ignoriert werden. Denn „sobald sich der Glaube, dass es die Nation gebe, verbreitet hat, sobald soziale Fremd- und Selbstidentifikationen national vorgehen, gibt es die Nation tatsächlich.“ 6
Die Frage ist nicht, ob „wirkliche“ Unterschiede oder Gemeinsamkeiten existieren, die die Entstehung einer Nation begründen. Es gilt zu klären, wann und warum bestimmte Gemeinsamkeiten gegenüber anderen Gemeinsamkeiten als politisch wertvoller eingestuft werden, wann bestimmte Gemeinsamkeiten zum Kristallisationspunkt für die Ausbildung ethnischen Bewusstseins oder sogar relevant für Nations-Bildungs-Prozesse werden. Gemeinschaft oder Abgrenzung bewirkende Faktoren, mit deren Hilfe Ethnien kategorisiert
4 Dieter Nohlen (Hrsg.), Wörterbuch Staat und Politik, Bonn 1995, S. 453.
5 siehe E. Gellner, Nationalismus und Moderne, Berlin 1991; Benedict Anderson, Die Erfindung der Nation. Zur
Karriere eines folgenreichen Konzepts, Frankfurt/Main, New York 1988.
6 Erhard Stölting, Eine Weltmacht zerbricht. Nationalitäten und Religionen in der UdSSR, Frankfurt/Main 1990,
S. 14.
4
werden, sind z.B. eine eigene Sprache oder zumindest ein separierbarer Dialekt, gegebenenfalls eine eigene Religion, eine zumindest partiell und vorübergehend eigenständige kulturelle Prägung, eine zumindest zeitweilige eigenständige Geschichte und eventuell eine frühere eigene Staatlichkeit. 7 Problematisch für die Einschätzung der Relevanz von einzelnen Faktoren ist deren Verschränkung mit Mythen und Manipulationen. Anhand dieser Faktoren lassen sich die in der SU lebenden Nationalitäten kategorisieren, lässt sich der jeweilige gesellschaftliche Modernisierungsgrad bestimmen, und es ist zu erkennen, dass sich ihre Eigenwahrnehmungen in Bezug auf andere Nationalitäten und hinsichtlich der Staatsmacht sehr unterscheiden. Diese Vielfalt kann hier nur angedeutet, jedoch nicht weiter ausgeführt werden.
Die offiziellen Angaben für die Gesamtzahl der kleineren, nicht zu den Titularethnien gehörenden, Völker schwanken zwischen 91 und 140 Nationalitäten. Dazu zählen die etwa 40 Völker Sibiriens und des Fernen Ostens, die über 40 Völker des nördlichen Kaukasus und die meisten der mehr als 25 verschiedenen Völker des Wolgagebietes und des Urals. Die verschiedenen Sprachen, Religionen, Sozialstrukturen und Wirtschaftsformen sind vor allem durch traditionell gewachsene Abhängigkeitsverhältnisse und gegenseitige Bündnispolitik über Jahrhunderte bewahrt worden. Nicht einfach nur die Sprache oder ein gemeinsames Territorium, sondern viel komplexere Zusammenhänge verbanden oder trennten einzelne Völker. So konnte eine gemeinsame Erfahrung von Feindschaft gegen ein anderes Volk mehr Gewicht haben als der Umstand, dass man verschiedene Sprachen benutzte. Voraussetzung für die Verschmelzung der obengenannten Faktoren zu einem Nationalbewusstsein sind nach Hildermeyer „Aktivitäten und eine subjektive Handlungsmotivation [...], die durch die Ausbreitung von Bildung und die Verdichtung von Kommunikation im Kontext wachsender gesellschaftlicher Partizipationschancen und Konkurrenzzwänge stark befördert wurden.“ 8 Diese Aspekte beschreiben den Prozess gesellschaftlicher Modernisierung. Nations-Bildung und Modernisierung stehen in engem Zusammenhang. Sie gehen einher mit sozialer Mobilisierung und der Neuordnung von Herrschaft sowie der Neuverteilung von Partizipationschancen. Eines der Hauptziele der Bol’ševiki nach der Revolution von 1917 war die „Schaffung einer modernen, die partikularen Gemeinschaften assimilierenden sowjetischen Gesellschaft.“ 9 Sozialismus wurde
7 Manfred Hildermeyer, „Verhinderte Nationen: zu einigen Merkmalen und Besonderheiten nationaler
Bewegungen in Russland und der Sowjetunion“, in: Archiv für Sozialgeschichte 34, 1994, S. 8.
8 Hildermeyer, a.a.O., S. 9.
9 Gunnar Wälzholz, „Nationalismus in der Sowjetunion. Entstehungsbedingungen und Bedeutung nationaler
Eliten“, in: Arbeitspapiere des Bereichs Politik und Gesellschaft, Osteuropa-Institut der Freien Universität
Berlin, Heft 8/1997, S. 6.
5
Arbeit zitieren:
Magistra Artium (M.A.) Kerstin Brummack, 2001, Die sowjetische Nationalitätenpolitik unter Stalin, München, GRIN Verlag GmbH
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